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Ausgabe 182 / April 2019

Auf jedem Terrain

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Früher fuhren Berufsrennfahrer das ganze Jahr hindurch, und die besten Eintages-Spezialisten waren bei jedem Klassiker vorn – egal, ob gepflastert, hügelig oder flach. Der moderne Radsport hat sich in Richtung einer zunehmenden Spezialisierung entwickelt; die Fahrer richten sich auf eine bestimmte Art von Rennen aus. Die Spezialisten für die Kopfsteinpflaster-Klassiker konzentrieren sich auf ihre Rennen, die Fahrer für die hügeligen Klassiker auf ihre, und nie treffen sie aufeinander. Doch in jüngerer Zeit hat es eine Renaissance der Klassiker-Allrounder gegeben, die ebenso auf dem Kopfsteinpflaster wie den Côtes zu Hause sind. Wir sprechen mit Fahrern, die diesen Trend anführen, und schauen uns ihre Erfolgschancen an.

Peter Sagan
Bora–Hansgrohe

Der Radsport ist jetzt so von der Periodisierung bestimmt, dass sich Fahrer auf immer kleinere Zeitfenster der Saison konzentrieren. Aber Peter Sagan scheint die Fähigkeit und das Verlangen zu haben, die Sportwissenschaft zu entzaubern, und peilt in diesem Frühjahr Mailand–San Remo, das Kopfsteinpflaster von Flandern und Nordfrankreich plus vielleicht sogar die Ardennen-Côtes bei Lüttich–Bastogne–Lüttich an. Ein Sieg bei Lüttich bei seinem Debüt wird schwer, aber die Abfahrt ins neue Ziel im Zentrum von Lüttich wird ihm helfen. Schon allein die Entscheidung, bis Ende April weiterzufahren, betont Sagans eklektische Bandbreite an Talent und Ambitionen. „Die Klassiker sind physisch und mental schwer als Block zu absolvieren, und es wird sehr schwer, von Mailand–San Remo bis Lüttich durchzufahren, aber warum sollte ich es nicht probieren?“, fragte Sagan fast unschuldig, als er während der Vuelta a San Juan über seine Pläne sprach. Neue Herausforderungen und ihre Risiken sind ein Test der Größe. Sagan ist 29 und hat über 100 Rennen gewonnen, drei Weltmeistertitel, sechs Grüne Trikots der Tour, Flandern und Roubaix. Doch nicht einmal Peter Sagan kann seine Form und Fähigkeiten beliebig ausdehnen, daher hat er eine Auswahl getroffen, die es ihm erlaubt, von San Remo bis Lüttich in Bestform zu sein. 2018 opferte er einen Start beim Omloop Het Nieuwsblad, damit er Amstel Gold fahren konnte. Sagan wurde Vierter, nachdem er sich weigerte, die Verfolgung von Michael Valgren, Roman Kreuziger und Enrico Gasparotto anzuführen. Es bestätigte, dass er in den Ardennen konkurrenzfähig war. Sagan verpasste in dieser Saison sowohl das Eröffnungswochenende in Belgien als auch Strade Bianche und blieb dafür länger im Höhentraining in der spanischen Sierra Nevada, wobei Tirreno sein letzter Trainingsblock vor seinen Frühjahrsrennen sein sollte. Sagan wird seinen Start bei Lüttich erst nach Roubaix bestätigen. Aber sein Trainer Patxi Vila weißt, dass Sagan immer in der Lage ist, über sich hinauszuwachsen, und hat seinen Kalender sorgfältig gestaltet. „Wir kennen das schon von ihm. Es scheint unnatürlich, aber er macht es“, erklärte Vila gegenüber Tuttobiciweb im Winter. „Wenn du ein ‚unkontrollierbares‘ Talent bist, ist es schwer, sich weiter zu steigern, weil niemand diesen Weg vorher gegangen ist, aber das ist der Weg, den wir nehmen wollen.“ Sagan spielt die Erwartungen herunter und konzentriert sich stattdessen auf den Radsport. „Ich arbeite hart, um sicherzustellen, dass es mir immer noch Spaß macht“, sagt er. „Das habe ich mir so ausgesucht. Schließlich ist es das Einzige, was ich habe. Das mache ich, seit ich neun Jahre alt war.“ SF


Bob Jungels
Deceuninck–Quick-Step

Als Bob Jungels 2013 bei Radio-Shack Profi wurde, stand er an einem Scheideweg: Er hatte im Jahr zuvor die U23-Version von Paris–Roubaix gewonnen, hatte also ganz klar ein Faible für das Kopfsteinpflaster. Er konnte gut zeitfahren und klettern. Aber diese Vielseitigkeit hieß auch, dass Jungels den Luxus hatte, sich aussuchen zu können, in welchem Bereich er sich spezialisieren wollte. Anfangs folgte er seinen Landsleuten Andy und Fränk Schleck und konzentrierte sich auf die Ardennen. Die Entscheidung war keine schlechte, Jungels fuhr zweimal in die Top Ten des Giro und gewann im letzten Jahr Lüttich. Aber eine Frage drängte sich auf: Was könnte er bei den Kopfsteinpflaster-Klassikern ausrichten, wenn er die Chance hätte? Nachdem er Lüttich gewonnen hatte, beschloss Jungels, 2019 eine neue Herausforderung anzunehmen und die flämischen Klassiker zu fahren. „Ich glaube, ich habe viel Erfahrung auf dem Kopfsteinpflaster aus meiner Zeit als Junior und U23-Fahrer, und im letzten Jahr bei der Tour bin ich auf dem Pavé gut gefahren, deswegen hatte ich die Flandern-Rundfahrt immer im Kopf“, sagt Jungels zu Procycling. „Am Jahresende haben wir zusammen mit dem Team beschlossen, dass ich es ausprobiere.“ Beginnend mit dem Omloop Het Nieuwsblad fährt Jungels ein volles Kopfsteinpflaster-Programm bis zur Flandern-Rundfahrt. Er verzichtet auf Roubaix sowie Amstel Gold und Flèche, und je nach Form verteidigt er seinen Titel bei Lüttich Ende April. Dann schaltet er im Mai auf die Gesamtwertung beim Giro um. Während Jungels Paris–Roubaix 2013 fuhr und das Roubaix-Pavé von der Tour kennt, ist seine Flandern-Erfahrung weit begrenzter. Er startete in seinem ersten Jahr beim Dwars door Vlaanderen und bestritt schon die Eneco Tour, die über dieselben Straßen führt wie Het Nieuwsblad, aber sonst kaum etwas. Trotz des veränderten Fokus’ hat Jungels sein Training oder sein Gewicht nicht verändert. „Mein Training hat sich nicht sehr geändert; vielleicht habe ich neben dem Radfahren mehr Krafttraining gemacht, nur Fitness, aber ich habe dasselbe Gewicht wie letztes Jahr um diese Zeit. Wir hatten Colombia [das Colombia 2.1-Rennen], ich hatte drei Wochen Höhentraining, ich konnte immer noch klettern, daher scheint es immer noch dasselbe zu sein.“ Jungels glaubt, der größte Unterschied zwischen den Kopfsteinpflaster- und den Ardennen-Rennen laufe nicht auf körperliche Attribute hinaus, sondern vielmehr auf eine andere mentale Einstellung. „Die Kopfsteinpflaster-Klassiker sind nervöser; die Positionierung ist noch wichtiger, weil während des Rennens so viel passieren kann“, sagt er. „Wenn du Lüttich nimmst – da ist nach 200 Kilometern eine natürliche Selektion, aber vorher ist es nicht so gefährlich, was die Nervosität im Feld angeht. Dagegen ist es bei den Kopfsteinpflaster-Klassikern – das war meine Erfahrung, als ich Roubaix gefahren bin – von Anfang an voller Stress, und ich glaube, das kostet dich viel mehr mentale Energie.“ Er fügt hinzu: „Es ist eine Technik auf dem Kopfsteinpflaster, und die ist ziemlich schwer zu beschreiben. Einige Fahrer fühlen sich auf dem Pflaster einfach nicht wohl, aber andere schon, und ich hatte eigentlich nie ein Problem damit.“ Jungels hat sich auf jeden Fall schnell an die Umstellung gewöhnt. Obwohl er nach eigenen Angaben nur Erfahrung sammeln wollte, gewann er am Eröffnungswochenende Kuurne–Brüssel–Kuurne. SH


Alejandro Valverde
Movistar

Wenn Sie glauben, dass es schon einmal hieß, dass Alejandro Valverde Flandern und dann Lüttich fahren könnte, liegen Sie richtig. Im Frühjahr 2018 wurde spekuliert, „El Bala“ würde bei der Ronde starten, bevor er die Ardennen in Angriff nimmt. Als er beim Dwars door Vlaanderen trotz des schlechten Wetters (das Valverde nicht liegt) Elfter wurde, verstärkten sich die Gerüchte. Aber nein. Valverde wurde flugs aus Belgien abberufen, um am GP Miguel Indurain in der Navarra in Spanien teilzunehmen. Statt die Flandern-Rundfahrt zu bestreiten, zog es sein Team vor, ihn ein 1.1-Rennen fahren zu lassen – das Valverde, das muss man sagen, gewann. Dass er die Flandern-Rundfahrt verpasste, kümmerte zu Hause niemanden. Die einzige Ausnahme war der Journalist Carlos Arribas, der selten einen Trick in der Movistar-Kremlforschung verpasst und einen langen Artikel für El País schrieb mit dem Titel „Warum Valverde nicht in Flandern ist“. Arribas sagte, Valverde sei „bewegt gewesen von dem sentimentalen und symbolischen Wert, den das Rennen für sein Team hat“. Es ist nicht nur das Rennen: Die Navarra ist natürlich die Heimatregion von Movistar, und im letzten Jahr war das Rennen eine besondere Hommage an Manager José Miguel Echavarri. Sollte Valverde tatsächlich am 7. April 2019 in Antwerpen starten, ist er kein Favorit. Spanien hat nur einen Podiumsplatz in Flandern – dank Juan Antonio Flecha, der 2008 in den Farben eines holländischen Teams Dritter wurde. Es ist nicht nur Flandern, wo die Spanier traditionell schwach sind. „Unsere Rennkultur konzentriert sich auf Etappenrennen. Bei einigen Eintagesrennen könnten wir gut abschneiden, aber wir haben eine magere Bilanz“, sagt Óscar Freire, Spaniens letzter Weltmeister vor Valverde. Freire fuhr sowohl Flandern als auch Lüttich, wurde Zwölfter bei dem Kopfsteinpflaster-Rennen und Elfter bei dem hügeligeren Event. Er fährt fort: „Für die Spanier ist die Flandern-Rundfahrt fast nicht existent. Sie waren dort mehr oder weniger Statisten. Wenn du für ein spanisches Team fährst, hast du viele Nachteile: Der größte war, die Strecke nicht zu kennen, auf der die Belgier, Holländer und so weiter schon fahren, seit sie Junioren waren. Aber jetzt haben die Spanier erkannt, wie wichtig diese Rennen sind.“ Kann Valverde Flandern und Lüttich kombinieren? Freire glaubt es. „Er ist ein sehr vielseitiger Fahrer. Wenn er eine gute Position halten kann, was er meistens kann, sollte er in Flandern seine mangelnde Erfahrung überspielen können. Es ist eine neue Herausforderung, ebenso wie Lüttich mit seiner geänderten Strecke. Aber das könnte der größte Vorteil sein. Als Veteran ist es wichtiger, motiviert zu sein, weil du etwas anderes machst, als in Topform zu sein oder jeden Zentimeter der Straße zu kennen.“ AF

Procycling - Ausgabe 182 / April 2019


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in Procycling Ausgabe 182 / April 2019.