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Ausgabe 177 / November 2018

Mas-Hysterie

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Von Alberto Contador als der Fahrer angepriesen, der eine gesamte Ära im spanischen Radsport prägen könnte, ist Enric Mas den Vorschusslorbeeren gerecht geworden und hat bei der Vuelta a España seinen Durchbruch gefeiert. Procycling beobachtet den schnellen Aufstieg eines jungen Stars.

Alberto Contador wurde bei der letztjährigen Vuelta a España gefragt, welcher junge spanische Fahrer die Fackel für sein Land hochhalten würde, wenn er seine Karriere beendet habe. „Ich will niemanden unter Druck setzen, aber wenn ich einen Namen nennen müsste, würde ich Enric Mas sagen. Er könnte eine ganze Ära des spanischen Radsports prägen“, antwortete Contador. „Er ist der perfekte Typ für dreiwöchige Rundfahrten – jung, ein federleichter Körperbau und ein starker Zeitfahrer. Er hat eine gute Radbeherrschung und regeneriert gut.“ Lange bevor Contador Mas als seinen potenziellen Nachfolger identifizierte, waren die Verbindungen zwischen dem 23 Jahre alten Mallorquiner und dem 14 Jahre älteren Contador bekannt, nicht zuletzt, weil Mas drei Jahre lang sehr erfolgreich im Team Fundación Contador gefahren war. 2015, als er gerade 20 geworden war, war Mas der einzige Fundación-Fahrer, der zum Trainingslager von Contadors Tinkoff-Saxo-Team eingeladen wurde, und obwohl er auf geliehenem Material fuhr, weil die Fluglinie es geschafft hatte, seinen Koffer und sein Rennrad zu verlieren, gelang es Mas trotzdem, einen hervorragenden Eindruck zu machen. Von da an war es fast unvermeidlich, dass die Medien sich auf die Alberto-Enric-Verbindung einschießen würden, angefangen mit offensichtlichen Parallelen wie dass sie beide begnadete Kletterer sind über ihre gemeinsame Vorliebe für eine aggressive Fahrweise bis hin zu bizarreren Ähnlichkeiten wie dass beide gleich groß sind. Es gab weitere zufällige Verbindungen, etwa als Mas einer der letzten Fahrer war, der Contador am Angliru begleitete, bevor er in Nebel und Regen verschwand und den letzten Sieg seiner Karriere feierte. Hier, erklärte ein TV-Reporter feierlich, waren die Zukunft und die baldige Vergangenheit des spanischen Radsports am schwersten Berg des Landes.

Als würde das den altgedienten Veteran und den unverbrauchten Youngster in den Augen der Öffentlichkeit noch nicht genug verbinden, stand im September ein mittlerweile zurückgetretener Contador vor dem Podest der Vuelta, um dem Quick-Step-Floors-Fahrer zu gratulieren. Natürlich hatte Mas’ zweiter Schlussrang den Medien Gelegenheit gegeben, noch einmal an Contadors Vorhersagen seiner künftigen Erfolge zu erinnern. Nicht nur in Spanien hat Mas’ zweiter Platz bei der Vuelta, seiner zweiten großen Rundfahrt, viel Eindruck gemacht. Als sein Teamkollege Elia Viviani nach seinem letzten Etappensieg gefragt wurde, was er von Mas halten würde, feuerte der Italiener eine fünfminütige Salve ungetrübter Bewunderung ab. „Er hat die Klasse, um eine große Rundfahrt zu gewinnen“, schwärmte Viviani. „Ich war [bei Sky] Teamkollege von G [Thomas] und Froomey, und ich habe gesehen, wie hart sie arbeiten, und ich weiß, wie hart auch Enric arbeitet. Die Leute sagen, er sei der nächste Alberto Contador, aber das glaube ich nicht. Er ist Enric Mas. Aber er hat einen wirklich guten Start hingelegt und könnte Albertos Karriere folgen. Dieser Typ hat in Andorra angegriffen, als wäre es der erste Tag im Gebirge.“ In Spanien hätte Mas’ Rolle als Vorbote einer neuen Generation von Rundfahrtspezialisten zu keiner besseren Zeit kommen können, da Contadors Karriereende ein so enormes Vakuum erzeugt hat, dass Presse und Fans angestrengt nach einem möglichen Ersatz Ausschau halten. Mikel Landas schwere Saison 2018 hat diese Suche nur noch dringender gemacht.

Frustrierte Fans freuten sich anfangs zu sehen, dass der stets zuverlässige Alejandro Valverde auf dem Weg zu seinem x-ten Vuelta-Podiumsplatz war … oder vielleicht mehr, als der Mann aus Murcia mit nur 25 Sekunden Rückstand auf Spitzenreiter Simon Yates in die Pyrenäen ging. Aber auf der 19. Etappe fiel Valverde zurück, und Alternativen wie Ion Izagirre kamen an ihre Grenzen. Selbst Mas rutschte zugunsten von Steven Kruijswijk vom vorläufigen Podium. Aber Mas sagte Reportern, er „schlafe auf dem vierten Platz besser als auf dem dritten“, womit er sagen wollte, dass er am folgenden Tag beim letzten Showdown in den Bergen weniger zu verlieren hatte. Es war eine Vorahnung, die sich als richtig herausstellte, und auf der 20. Etappe, nach eben der guten Nachtruhe, war Mas anfangs der einzige Fahrer, der Yates’ Attacke 17 Kilometer vor dem Ziel mitgehen konnte, als der Spitzenreiter die Lücke zu Nairo Quintana und Miguel Ángel López schloss. Danach legten Mas und López am letzten Anstieg des Rennens los, dem Coll de la Gallina, und kamen vor den Verfolgern ins Ziel. Das Duo sicherte sich die Podiumsplätze, wobei sich Mas vor López zusätzlich seinen ersten Grand-Tour-Etappensieg holte. „In der letzten Vuelta-Woche habe ich mir jeden Abend das Video angeschaut, wie Valverde 2012 am Gallina gewonnen hat“, sagt Mas zu Procycling. „Ich habe gesehen, dass Alejandro gewonnen hat, indem er als Erster in die letzte Kurve ging, und als ich mit López dieselbe Kurve erreichte, wusste ich absolut, dass ich das tun musste.“

Als es um einen direkten Sparringskampf gegen Valverde ging, wuchs Mas über sich hinaus in eine höhere Gewichtsklasse. Auf der 17. Etappe zum Balcón de Bizkaia hielt Mas nicht nur mit Valverde mit, als „el Bala“ seine stärkste Waffe abfeuerte, seine Last-Minute-Bergaufbeschleunigung, er fing ihn sogar noch knapp ab. Dann war Mas beim Zeitfahren in Torrelavega, wo Valverde auf den 15. Platz kam, 32 Sekunden schneller und wurde Sechster. „Die Leute sagen, ich sei ein Kletterer, der ein ganz gutes Zeitfahren hinlegen kann, und ich glaube, das fasst es zusammen“, sagt Mas. „Aber ich werde in diesem Winter viel mit meiner Zeitfahrmaschine arbeiten. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir.“ Mas hat bisher seinen eigenen Weg zum Erfolg gefunden – auf Mallorca aufgewachsen zu sein, wo sich viele Radsportler aus dem Ausland tummeln, aber die örtliche Amateurszene sehr klein ist, hatte viel damit zu tun. Ebenso wie Mas’ eigene individualistische Natur. „Ich habe angefangen, Rad zu fahren, weil ein Freund eins hatte – ich wollte es ausprobieren und es funktionierte gut. Ich war vielleicht zwölf oder so“, sagt er. „Aber danach habe ich bei niemandem trainiert oder mir die Profis angeschaut, als sie hier Rennen fuhren oder trainierten. Ich habe alles allein gemacht.“ Mas’ einsamer Weg ging weiter bis in seine Teenagerjahre, aber nicht, weil er es selbst so gewollt hätte. „Als Junior, ab meinem 13. Lebensjahr, bin ich fast jedes Wochenende aufs Festland geflogen. Ich bin alleine durchs Land gereist“, sagte Mas gegenüber Cyclingnews im Frühjahr. „Meine Eltern brachten mich zum Flughafen, und manchmal kam ich mit einem Pokal nach Hause, manchmal nicht. Aber es war alles eine gute Erfahrung“, sagt er. „Meine meisten Vereine haben den Flug bezahlt, aber es ging uns nicht schlecht, sodass meine Eltern auch etwas dazugeben konnten, wenn es nicht reichte.“ Aber immer öfter brachte der Teenager, wenn er sich am Flughaften von Palma den Weg durch die Mengen deutscher und britischer Radtouristen bahnte, in seinem Koffer ein neues Schmuckstück für die Wohnzimmervitrine seiner Eltern mit.

Direkte Radsportbezüge in der Familie gab es kaum. Sein größter Fan war sein Großvater, ein regelmäßiger Besucher der einst blühenden Bahnszene Mallorcas, der früher auf Fahrer wettete, aber verstarb, bevor Mas ihn gut kennenlernte. Mas’ Cousin Toni Colom ist ein früherer Profi, aber erst später, als sich ihre Wege in einer Radsport-Akademie auf Mallorca kreuzten und Colom sein Trainer wurde, sahen sie sich häufiger. Mas weckte das Interesse von Caja Rural und Euskaltel, als er 2012 spanischer Zeitfahrmeister der Junioren wurde, aber als Fran Contador ihm anbot, 2013 zur Fundación seines Bruders zu kommen, war Mas auf dem Weg nach Madrid. „Es war ein natürlicher Schritt“, sagt Jacinto Vidarte, Contadors Pressesprecher, der früher für die Fundación arbeitete. „Häufig landen Topfahrer aus Andalusien oder den Balearen in der Fundación. Abgesehen von dem, was sie selbst anbietet, was viel ist, gibt ihnen die Fundación einen Stützpunkt, der viel näher an den großen Amateurrennen in Nordspanien ist.“ 2016 zog Mas weiter zu Klein Constantia, dem mittlerweile aufgelösten Farmteam von Quick-Step Floors mit Continental-Lizenz. „Ich hatte keine große Wahl. Um den Radsport in Spanien war es nicht so gut bestellt“, sagt Mas. Der Wechsel ins Ausland zahlte sich aus. Als das Team aufgelöst wurde, waren Mas’ Siege 2016 bei der Volta ao Alentejo und der Tour des Pays de Savoie plus ein zweiter Platz beim Valle d’Aosta handfeste Argumente für Quick-Step, um ihm seinen ersten WorldTour-Vertrag anzubieten.

Movistar wollte ihn unter Vertrag nehmen, aber Mas lehnte ihr Angebot ab, weil es dort schon viele Klassementfahrer gab. Bei Quick-Step Floors war das kaum der Fall. Letztes Jahr mit der Vuelta seine erste Grand Tour für Quick-Step zu Ende zu fahren, war ein Meilenstein. Aber hinter den Kulissen profitierte Mas auch vom Kontakt mit einer Radsportwelt, die sich von der spanischen sehr unterscheidet und ihm ganz andere Bezugspunkte gab. Er saugt Rennwissen begierig auf, wo immer er kann, und er ist entschlossen zu lernen. Nach jeder Etappe der Vuelta in diesem Jahr stieg er in den Mannschaftsbus und schaute sich die Aufnahmen des Rennens an, um zu sehen, wo er etwas richtig oder falsch gemacht hatte. Auch sein Zimmergenosse Michael Mørkøv aus Dänemark, der zehn Jahre älter ist als er, half ihm, wo nötig. „Das war großartig, er hat mich ganz toll beraten und unterstützt. Michael ist mit Alberto gefahren, er weiß, wie es ist, eine große Rundfahrt zu absolvieren“, sagt Mas. „Jeden Abend hat Michael mir gesagt, wie beeindruckt das Team von mir war, und das hat den Druck erheblich verringert, weil die Gesamtwertung der Vuelta komplettes Neuland für mich war.“ Da dies Mas’ erster Anlauf auf die Gesamtwertung war, hatte er nur begrenzte Unterstützung von Quick-Step – das Team konzentrierte sich stattdessen mit Viviani auf die Sprintetappen. Aber das schien nicht viel auszumachen, da der Spanier mit allen Herausforderungen zurechtkam, vor die die Vuelta ihn stellte. „Ich hätte mit einem zusätzlichen Fahrer in den Bergen besser abschneiden können“, sagte Mas, dessen bester Berghelfer Laurens de Plus war, der jedoch auf der 19. Etappe aufgab. „Aber das Team war phänomenal, ich habe nie Druck gespürt.“ Am Ende litt Mas nur auf der 9. Etappe, wo er Fieber hatte und 50 Sekunden verlor. Von da an machte Mas, abgesehen von der kleinen Störung auf der 19. Etappe nach La Rabassa, seine Verluste kontinuierlich wieder gut und krönte sein Rennen schließlich mit dem Sieg am Coll de la Gallina – 24 Stunden vor dem Ende des Rennens in Madrid.

Was kommt als Nächstes? Laut Contador war Mas nicht glücklich darüber, für die Tour in diesem Sommer übergangen worden zu sein, und der junge Spanier machte auf seiner letzten Vuelta-Pressekonferenz deutlich, dass er nächstes Jahr im Juli nach Frankreich reisen möchte. Aber Mas will auch bei Quick-Step bleiben, statt Gefahr zu laufen, bei einem anderen Team mit etablierten Klassementfahrern nicht seinen eigenen Weg gehen zu können. Was die Vergleiche mit Contador angeht, so stören sie ihn nicht. „Ehrlich gesagt, nein“, sagte er der Sportzeitung Marca. „Ich verstehe es. Ich antworte immer dasselbe – dass Alberto Alberto ist und ich Enric bin. Wir sind anders. Obwohl ich froh wäre, wenn ich halb so viel erreichen würde wie er.“ Es bleibt abzuwarten, ob der von Contador nominierte potenzielle Nachfolger, dessen Schritte von einer erwartungsvollen spanischen Fanbasis genau verfolgt werden, die Originalversion schließlich aussticht. Aber nach der Vuelta 2018 haben spanische Fans – und Contador-Fans – allen Grund zur Hoffnung.

Procycling - Ausgabe 177 / November 2018



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