Vorschau

Ausgabe 167 / Januar 2018

Knappes Ergebnis

Klicken zum vergrößernKlicken zum vergrößernKlicken zum vergrößern

Marcel Kittel mag die Saison 2017 mit der Krone des Sprinterkönigs abgeschlossen haben, doch von der Statistik her hat sich in diesem Jahr ein großer Pool von Sprintern die Siege geteilt, was die Saison zu einer der bisher knappsten gemacht hat. Procycling analysiert, wie die Fahrer abgeschnitten haben.

Auf ein Sprintfinale bei der Tour de France zu warten, ist wie im Auge eines Hurrikans zu sein. Die Aufmerksamkeit richtet sich abwechselnd auf die Fernsehbilder und auf die leere Straße, auf der die Fahrer bald auftauchen werden. Die Menschen trommeln auf die Werbetafeln an der Straßenseite, der Kommentar schallt in immer schnellerem Französisch aus den Lautsprechern. Gleichzeitig ist es eine Atmosphäre der Stille und Ruhe, die Erwartung, dass bald etwas Wichtiges passieren wird. Diese Ruhe legte sich in diesem Sommer am zweiten Tag der Tour über Lüttich, wenn auch nur für ein paar Minuten. Die belgische Stadt in den Ardennen mag dafür bekannt sein, den Kletterern entgegenzukommen, aber an diesem Sonntag Anfang Juli war sie Schauplatz des ersten Sprint-Showdowns der Tour 2017. Das Peloton näherte sich dem Ende einer 202 Kilometer langen Etappe, die in Düsseldorf gestartet worden war und in fast gerader südwestlicher Linie nach Belgien führte. Die Wolkendecke war zu Beginn des Tages dicker gewesen und der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet und sich über die Fahrer ergossen. Das Terrain mag nicht das eines Frühjahrsklassikers gewesen sein, das Wetter war es sicher. Doch als sich die Tour dem Finale in Lüttich näherte, brach die Sonne wieder durch. Das Knattern des Hubschraubers wurde allmählich lauter, als das Feld in Richtung Finale flog. Nichts, bestimmt keine zweiköpfige Ausreißergruppe, die ums Überleben kämpfte, würde einen der Sprinter davon abhalten, sich den Sieg zu holen. Es ist acht Jahre her, dass ein Massen-sprint auf einer Flachetappe der Tour vereitelt wurde.
 
Die Tour ist wie eine exklusive Hollywood-Party: Alles, was Rang und Namen hat, ist da. Die besten Sprinter planen ihre Saison so, dass sie punktgenau in Form kommen, und die Konkurrenz ist die härteste des Jahres. Wer hier die erste Sprintetappe gewinnt, dominiert der jüngeren Geschichte zufolge die Flachetappen des gesamten Rennens: Mark Cavendish 2016, André Greipel 2015, Marcel Kittel 2014 und 2013 … Als die Ausreißer schließlich zwei Kilometer vor der Linie von den Sprintzügen geschluckt wurden, wollte jedes Team seinen Kapitän in Position bringen. Die beiden Lotto-Teams, die für Dylan Groenewegen beziehungsweise Greipel arbeiteten, säumten die beiden Ränder der Straße, aber es waren Bora–hansgrohe und Cofidis, die eine Pfeilspitze in der Mitte des Feldes bildeten. Peter Sagan war der Erste, der mit Nacer Bouhanni am Hinterrad seinen Sprint eröffnete, während der Rest der Meute dahinter ausschwärmte. Sonny Colbrelli beschleunigte und zog an Arnaud Démare, Ben Swift und Greipel vorbei, dann auf die Höhe des Weltmeisters (der bald erkannte, dass er zu früh gegangen war und schnell wieder in der Meute verschwand) und an ihm vorbei. Kittel und Cavendish – Letzterer mit der Nase fast auf dem Lenker – schossen aus Colbrellis Windschatten heraus und zogen rechts rüber, um freie Bahn zu haben. Friert man das Bild 100 Meter vor der Linie ein, sind acht Sprinter fast perfekt auf der Straße ausgebreitet, aber es war Kittel, sich an die gestrichelte weiße Linie in der Mitte haltend, der der Schnellste war. Nur 65 Sekunden, nachdem sie die Flamme Rouge passiert hatten, überquerte der Deutsche die Ziellinie eine halbe Radlänge vor dem Rest und sicherte sich den Sieg. Es sollte der erste von fünf Siegen sein, die er bei der diesjährigen Tour holte – Siege, die seinen Status als bester Sprinter 2017 bestätigten. Sollte es daran noch irgendwelche Zweifel geben, schauen Sie sich an, wen er beim Gipfeltreffen der Sprinter schlug: Die Top Ten hatten 2017 zusammen 41 Siege verbucht, bevor die Tour überhaupt begonnen hatte.
 
Während die Tour alle besten Sprinter anlockt, sieht der Rest des Jahres anders aus. Es gibt viele Sprinter, und sie können sich ihre Saison so einteilen, dass man selten mehr als zwei oder drei von ihnen beim selben Rennen sieht: Bei der Abu Dhabi Tour im Februar traten Cavendish, Kittel, Greipel und Elia Viviani an; dann, als Kittel, Greipel und Démare bei Paris–Nizza waren, nahmen Cavendish, Fernando Gaviria und Sagan an Tirreno–Adriatico teil. Und so ging es weiter: Kittel und Sagan bestritten die Kalifornien-Rundfahrt, während Gaviria, Caleb Ewan und Greipel den Giro d’Italia fuhren. Schaut man sich die verschiedenen Programme an, könnte man sogar denken, die Sprinter seien sich, bewusst oder unbewusst, außerhalb der Tour sogar aus dem Wege gegangen. Die Tour ist mit Erwartungen verbunden, und in diesem Jahr wurde sie diesen nicht ganz gerecht. Jene erste Sprintetappe sollte sich als die einzige dieses Jahres herausstellen, wo sich eine große Gruppe von Topsprintern ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte, denn auf dem Weg durch Frankreich fiel ein Protagonist nach dem anderen aus. Cavendish brach sich bei einem Sturz durch eine Kollision mit Sagan das Schlüsselbein, woraufhin der Slowake disqualifiziert wurde. Démare schied nach der 9. Etappe erkrankt aus, André Greipel und Alexander Kristoff waren von Anfang an nicht in Form und sogar Kittel stieg auf der 17. Etappe aus, weil er unter einer Erkrankung und den Folgen eines Sturzes litt. Was eine Reihe von königlichen Schlachten hätte werden sollen, wurde zum Überlebenskampf.
 
Die Tour ist bei Weitem nicht das einzige Rennen, das für Sprinter zählt, doch sie ist das wichtigste. Auch die Anwesenheit irgendeines anderen Fahrers hätte Kittel wohl nicht davon abhalten können, so dominant zu sein, hält man sich seine Stärke und die seines Teams vor Augen. Doch es ist klar, dass es 2017 an großen Sprint-Showdowns mangelte. Fernando Gaviria war der einzige bedeutende Sprinter, der den Giro d’Italia zu Ende fuhr, während bei der gebirgigen Vuelta a España noch weniger endschnelle Fahrer vertreten waren, sodass Matteo Trentin – der beileibe kein reiner Sprinter ist – auf den wenigen flachen Etappen drei seiner vier Siege holen konnte. „Es war schade, dass Cavendish und Sagan aus der Tour ausschieden, denn es wäre bestimmt nicht so einfach [für Kittel] gewesen“, sagt Tom Steels, früherer Sprinter und heute Sportlicher Leiter bei Quick-Step Floors, im Gespräch mit Procycling. „Wir alle freuen uns auf Sprints mit drei oder vier Sprintern auf einem ähnlichen Niveau, weil dann die Abstände viel knapper sind; wenn du einen Fehler machst, kannst du das Rennen verlieren.“
 
Wie bewerten wir – angesichts so weniger Sprinter-Gipfeltreffen in diesem Jahr –, wer am besten abgeschnitten hat? In den letzten 25 Jahren hat sich unter den Sprintern eine mehrstufige Hierarchie herausgebildet. Ganz oben sind die Topfahrer, was in den letzten Jahren Kittel, Cavendish, Greipel und Sagan waren. (Obwohl Sagan kein reiner Sprinter ist, gewinnt er hin und wieder flache Massensprints.) Fahrer wie Viviani, Sam Bennett, Démare, Colbrelli und Bouhanni – die viel gewinnen, aber nicht unbedingt Rennen desselben Kalibers –, sind auf der zweiten Stufe, während die jungen, aufstrebenden Fahrer wie Gaviria, Ewan und Groenewegen sich zwischen beiden Ebenen bewegen. Diese oberste Schicht dominiert traditionell. 2012 waren Kittel, Cavendish, Greipel und Sagan die einzigen Fahrer, die in der Saison acht oder mehr Sprintsiege erzielen konnten. Rechnet man die Siege von 2017 zusammen, so ist die Zahl der Fahrer, denen das gelungen ist, doppelt so hoch. Überraschender ist vielleicht, dass Kittel der einzige dieser „fabelhaften Vier“ von 2012 ist, der in diesem Jahr acht oder mehr Sprintsiege holte, und das, obwohl er nach der Tour kaum Rennen fuhr. Cavendish, bei dem im April Drüsenfieber festgestellt wurde, konnte monatelang keine Rennen fahren, bevor er bei der Tour sein Comeback gab, stürzte und ausschied. Er beendete seine Saison mit nur einem Sieg von der Abu Dhabi Tour im Februar, womit dies seine schlechteste Saison seit seiner Zeit als Stagiaire bei T-Mobile 2006 war. Greipel tat sich die ganze Saison lang schwer, und obwohl er eine Etappe des Giro gewann, war seine Gesamtausbeute von fünf Siegen die schwächste seit 2007. Sagan gewann 2017 insgesamt zwölf Rennen, aber nur sechs davon waren streng genommen Siege bei reinen Massensprints. In ihrer Abwesenheit taten sich andere hervor.
 
„Es ist jetzt einfach viel mehr Tiefe da“, erklärt Orica-Scott-Manager Matt White. „Es ist mehr Tiefe im Sprinten denn je. Überlegen Sie mal, welches WorldTour-Team keinen Weltklassesprinter hat – es gibt nicht viele, und die, die keinen haben, wollen keinen, weil sie Klassementfahrer-Teams sind.“ Was Siege angeht, haben Kittel und sein Quick-Step-Floors-Teamkollege Gaviria mit je 14 die meisten geholt, womit sie die produktivsten Fahrer des Pelotons waren. Aber leider sind beide im selben Team und nicht gegeneinander angetreten. Mit fünf Siegen bei der Tour war der Deutsche dem Kolumbianer überlegen, und zu seinen neun weiteren Siegen zählten Etappen bei der Dubai Tour, der Kalifornien-Rundfahrt und Scheldeprijs, womit 2017 Kittels erfolgreichste Saison seit 2013 war. Gaviria sah mitunter ebenso beeindruckend aus und feierte vier Tagessiege beim Giro, seiner ersten großen Rundfahrt, sowie Siege bei Tirreno–Adriatico, der Tour of Britain und weitere vier bei der Erstauflage der Tour of Guangxi im Oktober. Da Kittel 2018 für Katusha-Alpecin fährt, darf man sich darauf freuen, dass die beiden in der nächsten Saison endlich gegeneinander antreten werden. Ewan und Bennett gewannen je zehn Rennen, Viviani, Démare und Kristoff neun (wenn man den Sieg des Franzosen auf einer hügeligen Etappe von Paris–Nizza abzieht, der in einer Zweierfluchtgruppe mit Julian Alaphilippe geholt wurde), was es für Ewan, Viviani und Bennett zu ihrer erfolgreichsten Saison machte. Zu Ewans Siegen zählte eine Giro-Etappe, während Bennett seine Ausbeute von drei in der Saison 2016 auf zehn hochschraubte – darunter sein erster Sieg in der WorldTour bei Paris–Nizza und vier Etappen der Türkei-Rundfahrt. Auch Viviani hatte seine bisher beste Saison – während er vor einem Jahr zwei Siege holte, waren es dieses Jahr neun. Groenewegen gewann acht Sprints, und wie bei Démare war ein erster Tour-Etappensieg der Höhepunkt seines Jahres. Etappenrennen wie die Abu Dhabi Tour, die Dubai Tour und die Tour of Guangxi, bei denen die Sprinter auf ihre Kosten kommen, aber die vor fünf Jahren noch nicht existierten, haben ihnen zweifellos mehr Möglichkeiten gegeben, Siege zu sammeln, während andere wie die Vuelta San Juan und die Tschechien-Rundfahrt wichtiger geworden sind und größere Teams und Fahrer angelockt haben.

Alle Topsprinter hatten wenigstens einmal im Jahr eine Siegesserie. Aber außer bei Kittels und Gavirias Siegen bei Tour und Giro galt bei den meisten, dass nicht viele andere Topsprinter anwesend waren. Gaviria hatte am Ende der Saison einen Lauf und gewann bei der Erstauflage der Tour of Guangxi im Oktober vier Etappen, und obwohl Groenewegen und Ewan dort mit von der Partie waren, hatten die meisten ihre Saison schon ausklingen lassen. Ewan gewann vier Etappen der Tour Down Under im Januar, aber Sagan war sein einziger wirklicher Rivale, während Bennett vier Tagesabschnitte der Türkei-Rundfahrt gewann, wo sein Team Bora–hansgrohe eine von nur vier WorldTour-Formationen im Rennen war. Viviani hatte Ende August eine Glückssträhne und gewann vier Rennen in nur sieben Tagen, während andere sich noch von der Tour ausruhten oder regenerierten. Aber gehen sich die Sprinter aus dem Wege? Sprinter stehen unter größerem Druck als alle anderen Fahrer, und ihre Teams brauchen sie, damit sie möglichst regelmäßig für Siege sorgen. Kittel und Gaviria steuerten mit ihren 28 Erfolgen genau die Hälfte der Gesamtausbeute von Quick-Step 2017 bei, während Ewan und Bennett mit je zehn Siegen für 30 Prozent der Bilanz von Orica beziehungswiese Bora sorgten. Hat dies zu einem Punkt geführt, wo die Fahrer sich den Kalender so einteilen und an Orten fahren, wo sie wissen, dass sie wahrscheinlich gewinnen werden?
 
„Innerhalb eines Teams teilst du deine Sprinter auf“, erklärt Tom Steels. „Du hast einen internen Wettkampf, den es immer gibt. Für den Sprinter, der nicht gewinnt, ist es ärgerlich, den anderen gewinnen zu sehen. Ich weiß aus meiner Zeit als Rennfahrer, dass du der Beste oder genauso gut wie dein Teamkollege sein willst.“ Er sagt weiter: „Bei anderen Teams ist es ein anderer Wettbewerb. Du stellst dein Programm im Winter auf, sodass du nicht weißt, welche Rennen andere Sprinter fahren oder welches Programm sie haben. Für mich ist es immer besser, wenn ein oder zwei andere Topsprinter in einem Rennen sind, dann bleibst du viel mehr auf Draht. Dann kennst du dein wirkliches Niveau. Du kannst fünf Rennen gewinnen und selbstsicher sein, doch dann musst du gegen einen anderen Topsprinter fahren und wirst zwei- oder dreimal um eine Radlänge geschlagen; dann weißt du, dass es noch nicht reicht. Es ist immer besser, gute Konkurrenz zu haben, damit der Sprinter weiß, wo er steht – und für das Rennen selbst.“ Matt White betont, dass sich die Teams nicht aktiv bemühen, Fahrer gegen schwächere Konkurrenz antreten zu lassen, aber dass Siege wichtig sind – gerade für einen Fahrer wie Ewan, der noch am Anfang seiner Karriere steht. „Es ist gut, wenn Caleb mit 23 Jahren zehn Rennen im Jahr gewinnt. Wenn er bei 60 Prozent der Rennen im Jahr zu kämpfen hat, aber die anderen 40 Prozent gewinnt, ist das gut. Wenn du dir seine Trefferrate anschaust, hatte er, glaube ich, zehn Siege bei 50 Starts“ [59 Renntage – d. Red.], sagt White. „Caleb kommt nicht gut über die Berge, daher ist es nicht einfach für ihn, ein schweres Etappenrennen zu fahren. Aber mit 23 reicht das – solange er gewinnt und tut, was er am besten kann.“
 
Größere Gipfeltreffen aller Sprinter waren rar in diesem Jahr, aber Kittel und Gaviria waren die klaren Sieger. Beide haben sich im direkten Vergleich mit jedem der fünf nächsten- erfolgreichsten Fahrer – Ewan, Viviani, Bennett, Démare und Groenewegen – durchgesetzt. Wir haben uns jedes einzelne Rennen angeschaut, bei dem Kittel und Gaviria einen Sprint gegen jeden dieser anderen Fahrer ausgetragen haben, den Rest des Pelotons dabei außer Acht gelassen und gezählt, wer die meisten Siege hat. Am besten fiel Kittels Bilanz gegen Groenewegen aus: Bei 22 Sprints gewann er zehnmal, Groenewegen zweimal. Kittel sprintete in diesem Jahr 19-mal gegen Kristoff und gewann siebenmal, während der Norweger nur zweimal gewann. Dabei war Bennett der einzige Fahrer, der im Vergleich mit Kittel besser abschneidet: Er gewann zwei und Kittel keinen der vier Sprints, die sie austrugen. Bennett gewann die 3. Etappe von Paris–Nizza, wo Kittel Vierter wurde, und den Sparkassen Münsterland Giro, wo Kittel ebenfalls Vierter wurde. Gaviria behielt in jedem direkten Vergleich mit diesen Fahrern die Oberhand, aber am häufigsten fuhr er gegen Ewan – bei 21 gemeinsamen Sprints landete der Kolumbianer neun Siege, der Australier drei. Von der Statistik her mag sich die Lücke zwischen den Sprintern 2017 geschlossen haben, aber die traditionelle Prominenz dominierte bei den meisten prestigeträchtigen Rennen und direkten Vergleichen. „Wie immer hast du drei oder vier Topsprinter, die im Schnitt sieben von zehn Rennen gewinnen. Und dann hast du die, die zwei von zehn oder drei von zehn gewinnen“, fährt Steels fort. „Wenn Peter Sagan in Form ist, dann können nur Cavendish oder Kittel oder vielleicht Gaviria ihn schlagen. Für den Rest ist es schwer, diese Jungs zu schlagen.“

Procycling - Ausgabe 167 / Januar 2018



Diesen und viele weitere spannende Artikel,
Reportagen und Tests finden Sie
in der Procycling Ausgabe 167 / Januar 2018.