Kolumne

Ausgabe 189 / November 2019

Regelkunde oder Erbsenzählerei?

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Verbände haben im Sport allgemein nicht den besten Ruf. Egal, ob es die FIFA im Fußball ist, die FIA im Motorsport oder eben die UCI im Radsport – als zu politisch werden ihre Strukturen von vielen Fans oftmals angesehen, als zu träge, zu wenig innovationsfreudig und häufig auch als zu publikumsfern.

Die diesjährige Straßenweltmeisterschaft in Yorkshire hat die meisten dieser Klischees bestätigt – und das mehr als nur einmal. Insbesondere mit seiner Regelauslegung verhielt sich der Radsportweltverband alles andere als glücklich. Die „Farce“ oder der „Irrsinn“, wie es an mancher Stelle zu lesen war, begann bereits beim ersten Wettbewerb – dem erstmals ausgetragenen Mixed-Zeitfahren. Vor dem Start überprüften die Stewards nämlich die Maße der Socken aller Athleten. Richtig gelesen: Seit vergangenem Winter ist die Sockenlänge im Radsport genau festgelegt. Unter Paragraf 1.3.033 steht so geschrieben: „Socken und Überschuhe, die im Wettkampf verwendet werden, dürfen nicht über die halbe Distanz zwischen Außenknöchel und Mitte des Wadenbeinköpfchens hinausgehen.“ Die niederländische Equipe wurde prompt Opfer dieser Regel: Amy Pieters durfte so erst zum Start rollen, nachdem sie ihre Socken ein Stück abgesenkt hatte. Selbiges Bild beim Zeitfahren der Männer: Auch Remco Evenepoel musste vor dem Zeitfahren der Männer seine Socken um einen Zentimeter herunterziehen. Der junge Belgier schien allerdings wenig von dieser Entscheidung zu halten. Bereits kurz nach dem Start zog er die Aerosocken einfach wieder nach oben – und holte sich die Silbermedaille.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Auftreten der UCI noch keine Auswirkungen auf das sportliche Geschehen. In den Straßenrennen verhielt sich der Weltverband allerdings so unglücklich, dass auch der Sport zeitweise komplett in den Hintergrund rückte: Das eindrucksvollste Bild des Juniorenrennens war so nicht der Sieg des US-Amerikaners Quinn Simmons, sondern der am Straßenrand in Tränen ausbrechende Kolumbianer German Dario Gomez Becerra, der seine Medaillenträume deshalb begraben musste, weil ihm kein neutrales Materialfahrzeug half. Und im Straßenrennen der U23 hatte der Niederländer Nils Eekhoff zwar als Erster den Zielstrich überfahren, doch er wurde nach der Siegerehrung disqualifiziert, weil er 120 Kilometer vor Rennende nach einem Sturz zu lange im Windschatten der Teamfahrzeuge gefahren war – eine Entscheidung, die man im digitalen Zeitalter sicherlich früher hätte treffen können. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Regeln sind im Sport wichtig und ihre Auslegung ist die Garantie für saubere und faire Wettkämpfe. Doch sie sollten auch im Sinne der Sportler und der Zuschauer sein. In einem Sinne, in dem der Sport im Vordergrund steht – und eben nicht die Kommissäre.

In diesem Sinne: Viel Freude beim Lesen der neuen Procycling!

Werner Müller-Schell
Redaktion

Procycling - Ausgabe 189 / November 2019



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