Kolumne

Ausgabe 144 / Februar 2016

Ein verlorenes Heimspiel

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Aus und vorbei. 2016 wird es keine Bayern Rundfahrt mehr geben. Erstmals seit 36 Jahren.

Die kurz vor Weihnachten bekannt gegebene Absage der Traditionsveranstaltung kam überraschend – schließlich träumte man in der vergangenen Saison noch von einem möglichen Aufstieg in die WorldTour. Dieser Traum ist nun allerdings geplatzt – und mit ihm auch die Blase, dass der deutsche Radsport die gröbsten Schwierigkeiten hinter sich hat. Die vielen Erfolge – allen voran die 19 deutschen Etappensiege bei den letzten drei Ausgaben der Tour de France – haben der Bayern Rundfahrt nicht geholfen: Für die deutschen Fans wird es 2016 so schwer wie nie zuvor, ihre Helden zu Gesicht zu bekommen. Nur noch sechs schwarz-rot-goldene Eintagesrennen stehen im offiziellen UCI-Kalender. Ein Etappenrennen sucht man vergeblich. Die Bayern Rundfahrt war die letzte ihrer Art. Es ist deshalb höchste Zeit, aufzuwachen. Rennveranstalter, Geldgeber, Teams, Politiker – alle müssen sich an einen Tisch setzen. Denn die Problematik beginnt schon im Amateurrennsport, wo Rennveranstalter aufgrund komplizierter und teurer Genehmigungsverfahren in für Fans und Sponsoren unattraktive Industriegebiete fernab der Stadtzentren ausweichen müssen. Und egal, ob Amateure oder Profis: Das Besondere am Radsport ist doch, dass man die Sportler hautnah erleben kann. Der Fahrtwind des Pelotons, das Surren der Laufräder, die Duelle um Sekunden – Radsport ist Leistungssport zum Anfassen. Es gilt deshalb, an Konzepten zu arbeiten, die den Radrennsport hierzulande wieder erlebbar machen. Die verlorenen Heimspiele müssen wieder zurückgewonnen werden. Noch ist nämlich nichts verloren. Dass der deutsche Radsport längst wieder attraktiv ist, zeigen schließlich nicht nur die Erfolge der Profis: Mit Giant-Alpecin, Bora – Argon 18 und Stölting gibt es in dieser Saison nach langer Zeit wieder drei Teams in den obersten beiden Radsportligen. Und jüngst verkündete die ASO, dass die Tour de France 2017 in Düsseldorf starten wird – erstmals seit 1987 in Deutschland. Es sind Meldungen wie diese, die Hoffnung machen. Für die Rennveranstalter hierzulande könnte vor allem der geplante Grand Départ neue Kräfte freisetzen. Und vielleicht nutzt der mit der Tour verbundene Windschatten auch der Bayern Rundfahrt. 2017 will man einen Neustart versuchen und wieder ein Etappenrennen im Freistaat veranstalten – es wäre enorm wichtig für den deutschen Radsport.

Werner Müller-Schell
Redaktion

Procycling - Ausgabe 144 / Februar 2016



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