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Ausgabe 161 / Juli 2017

Terrain für Überraschungsangriffe

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Die Route der Tour 2017 verspricht mehr Spannung als in den letzten Jahren, weist sie doch mehr hügelige Etappen auf – und frühe Kletterpartien und Talankünfte, die zu Angriffen einladen. Procycling überlegt, was das diesjährige Rennen in petto haben könnte.

Viel ist passiert in den 30 Jahren, seit die Tour de France zuletzt in Deutschland begann. Die Wiedervereinigung zum einen, das Kommen und Gehen der Ära Indurain und der Ära Armstrong zum anderen; ein Toursieg für Deutschland und keiner für Frankreich. Und eine Liebesaffäre zwischen dem deutschen Publikum und dem Radsport, die 1997 im Gelben Trikot für Jan Ullrich vollendet wurde, aber neun Jahre später in einer unschönen Trennung kulminierte, als Ullrich gleich hinter der französischen Grenze in Straßburg durch die Operación Puerto und den Blutdopingskandal in Ungnade fiel. Jetzt ist es 2017, und die Tour und Deutschland sind wieder füreinander bereit. Etwas Nennenswertes scheint alle zehn Jahre zwischen Deutschland und der Tour zu passieren: 1977 schaffte Dietrich Thurau seinen Durchbruch, sein fünfter Platz im Gesamtklassement war der höchste eines Deutschen seit 1961. (Es sollte der höchste bleiben, bis Ullrich 19 Jahre später Zweiter wurde – Thuraus Konzentrationsfähigkeit entsprach nicht seinem Talent und er erreichte nie wieder dieselben Höhen.) 1987 war der Grand Départ in Berlin (obwohl er damals nicht „Grand Départ“ genannt wurde), 1997 kam Ullrichs Sieg und 2007 die erste Post-Puerto-Tour, ein Rennen, dessen Atmosphäre erst angespannt und dann vergiftet war, als das Gelbe Trikot Michael Rasmussen von seinem Team aus dem Rennen genommen wurde, nachdem es Diskrepanzen in seinen „Whereabouts“-Angaben gegeben hatte. Linus Gerdemanns Etappensieg in den Alpen in jenem Jahr hätte ein neues Zeitalter für den deutschen Radsport und einen sauberen Radsport allgemein einläuten sollen, doch daraus wurde nichts. Ein einziger deutschen Top-Ten-Platz in der Tour seitdem – Andreas Klödens fünfter Platz 2009 – und gelegentliche Doping-Sagas manifestierten sich darin, dass das deutsche Fernsehen einen Bogen um das Rennen machte und die Fans verschwanden. Dass Klöden auf Fragen zu Doping im Radsport schmallippig reagierte, war vielsagend.

Es brauchte eine andere Generation von Rennfahrern, um Deutschland mit der Tour zu versöhnen. André Greipel, Tony Martin und Marcel Kittel haben zusammen 25 Tour-Etappensiege auf dem Konto und zwischenzeitlich die drei wichtigsten Trikots des Rennens getragen. Ihr Erfolg mag bescheidener sein als der von Ullrich und das deutsche Publikum hat sich davon nicht so mitreißen lassen, aber das ist am Ende vielleicht gut so. Jetzt hat Düsseldorf seinen Grand Départ. Einige Städte oder Regionen wollen der Tour Größe verleihen, indem sie ihre Eröffnungs-Etappen ausrichten. Man hatte das Gefühl, dass Yorkshire 2014, London 2007, Korsika 2013 und sogar Mont-Saint-Michel im letzten Jahr die Tour unter der Voraussetzung begrüßten, dass der Glanz der Kulisse, die sie zur Verfügung stellten, auf das Rennen ausstrahlen würde. Andere, wie Rotterdam 2010 und Utrecht 2015, verstanden, dass sie vielleicht mehr zu gewinnen als zu geben hatten oder zumindest die Tour als Vorwand nutzen konnten, um Besucher anzulocken und für ihre Stadt Werbung zu machen. Düsseldorf fällt in letztere Kategorie: eine Stadt mit blühender Kunstszene und viel Geschichte, wichtigem musikalischem Erbe, einer starken Modebranche – und Altbier. Es rangiert regelmäßig in den Top Ten des „Mercer Quality of Living Survey” über die lebenswertesten Städte der Welt. Es ist die Heimatstadt von Kraftwerk, deren „Tour de France Soundtracks“ immer noch die einzige erfolgreiche und glaubwürdige Schnittmenge zwischen Popmusik und Radsport ist. Es ist eine coole Stadt, aber das haben noch nicht genug Leute von außerhalb erkannt. Im Juli ist es Zeit, dass die Welt erkennt, was sie in Düsseldorf versäumt hat, und dass Deutschland erkennt, was es versäumt hat, als die Tour nicht da war.
 
Britische Dominanz
Jede Tour hat ihre große Erzählung. Manchmal erstreckt sich diese Handlung auf mehr als eine Tour, und sich das Rennen 2017 anzuschauen heißt, sich bewusst zu sein, dass wir definitiv in der Ära von Chris Froome sind. Wir könnten auch in der Ära des Teams Sky sein. Wenn die Erbfolge gut geregelt wird und sie einen dritten Toursieger hervorbringen, der Bradley Wiggins und Froome in zwei oder drei Jahren nachfolgt, werden sie zu Recht als eines der erfolgreichsten Teams der Radsportgeschichte gelten, ob man ihre Taktik und Methoden mag oder nicht – genauso gut oder sogar besser als Renault Ende der 1970er und Anfang der 1980er oder Reynolds/Banesto von 1988 bis 1995. Froomes Dominanz bei der Tour, seit er sie 2013 erstmals gewann, macht ihn bereits zu einem der erfolgreichsten Fahrer in der Geschichte des Rennens. Er ist einer von acht Fahrern mit drei oder mehr Siegen, und ein weiteres Gelbes Trikot in diesem Jahr würde ihn in die Top Five befördern. Er hat drei der letzten vier Frankreich-Rundfahrten gewonnen, ohne je allzu angreifbar gewirkt zu haben, und er ist so selbstbewusst, dass er im letzten Jahr spektakulär in den Abfahrten und bei Seitenwind angriff, nervenstark mit einem Sturz und Rahmenbruch auf dem Ventoux umging (und uns das prägende Bild seiner Rennfahrerkarriere lieferte) und seine Rivalen dann im Zeitfahren zerstörte. Er genießt denselben Favoritenstatus, den Eddy Merckx, Bernard Hinault oder Miguel Indurain in der Mitte ihrer Karriere hatten, und wie sie ist er nicht nur physisch, sondern auch psychisch dominant. War es nur, weil es die 100. Auflage des Giro d’Italia in diesem Jahr war, dass so viele prominente Rundfahrer sich auf das Rennen konzentrierten? Die offizielle Movistar-Version ist, dass Quintana sich auf den Giro und die Tour fokussiert, und Thibaut Pinot wird nach seinem vierten Platz in Italien auch in Frankreich sein, aber die Tatsache, dass seit fast 20 Jahren kein Toursieger zuvor den Giro gefahren ist, geschweige denn ihn gewonnen hat, legt nahe, dass ihre Form in Frankreich bestenfalls unvorhersehbar ist. Und außerdem: Wenn es so eine gute Idee wäre, vor der Tour den Giro zu fahren, würde Sky es machen. Es legt alles den Schluss nahe, dass einige von Froomes Rivalen das Gefühl haben, gegen den Briten nichts unversucht gelassen zu haben, und genauso gut darauf warten können, dass das Alter seine Dominanz erodiert.

Jede Tour hat ihr geografisches Highlight. In einigen Jahren reicht es, Alpe d’Huez auf die Route zu setzen. Im letzten Jahr war es das Trio von Alpenetappen, die sich um den Mont Blanc drehten. Westeuropas höchste Berge waren die malerische Kulisse eines Theaters, in dem Ilnur Zakarin, Chris Froome und Romain Bardet die Hauptrollen spielten. (Auf sportlicher Ebene stellte sich das Zeitfahren in der Ardèche als Krux des Rennens heraus.) In diesem Jahr haben die Tour-Organisatoren den Col d’Izoard zur Hauptattraktion gemacht. Nach den Bergankünften am Col du Tourmalet 2010 und Col du Galibier 2011 wird ein weiterer legendärer Berg des Rennens nicht nur Teil des Weges, sondern Bestimmungsort sein. Der Izoard ist mit 2.360 Metern nicht so hoch wie der Galibier und nicht so hart wie der Tourmalet, aber er ist schöner als beide. Die eigentümliche Erhabenheit der Casse Déserte nur zwei Kilometer vor dem Gipfel war der fotogene Hintergrund zahlloser epischer Kämpfe in der Geschichte der Tour. Es ist eine Ödnis aus Geröll, in der große Felsnadeln Wache über die Landschaft halten. Sie gab 1922 ihr Debüt und wurde zur Legende, als der dreifache Toursieger Louison Bobet solo an diesen Hängen attackierte. Bernard Thévenet machte 1975 dasselbe. Greg LeMond distanzierte hier bei der Tour 1989 Laurent Fignon und nahm dem Franzosen 13 Sekunden ab, was fünf mehr waren, als er brauchen sollte, um das Gelbe Trikot zu gewinnen. Die Schwierigkeit war, dass die logistische Infrastruktur der Tour nicht auf das bisschen flache Oberfläche auf den Gipfeln von Tourmalet, Galibier oder Izoard passte, aber man hat  im Laufe der Zeit viel Erfahrung mit dem Ventoux gesammelt, wo die Tour auf dem Gipfel mit einer Mini-Infrastruktur auskommt und eine kleine Ü-Wagen-Flotte ein paar Kilometer den Berg runter am Chalet Reynard stehen hat und einen Presseraum viele Kilometer weg. Der Col d’Izoard ist der letzte Berg der Tour 2017 und wirft seine Schatten voraus als schwerste Bergankunft und eine der schwersten Kletterpartien der gesamten Rundfahrt. Es ist immer riskant, mit dem entscheidenden Angriff so lange zu warten, wie Quintana 2015 feststellen musste, aber die Tour-Organisatoren haben ihre Herausforderung definiert: Wenn du das Rennen gewinnen willst, musst du dir überlegen, ob du das Trikot früh holen und es auf den entscheidenden Anstiegen des Rennens verteidigen willst oder ob du das Risiko eingehst, die ersten zweieinhalb Wochen konservativ zu fahren und dann am Izoard überfordert zu sein.
 
Mehr Spannung
Bei der Tour 2016 gab es bei den wichtigen Bergankünften des Rennens eine Pattsituation. Das hätte zu einem spannenden und knappen Kampf um die Gesamtwertung beitragen können, aber die Zeitfahren führten zu einem so deutlichen Abstand zwischen Froome auf dem ersten und Bardet auf dem zweiten Platz, dass die Bergankünfte wie eine Prozession wirkten. Wo das eigentliche Rennen stattfand, konnte man daran ablesen, dass Bardets Gesamtrückstand in Paris 4:05 und Quintanas auf dem dritten Platz 4:21 Minuten betrug. Ohne die Zeitfahren hätte die Gesamtwertung so ausgesehen: Froome Erster, Bardet Zweiter mit 34 Sekunden und Quintana Dritter mit 1:07 Minuten Defizit. Das Letzte, was die Tour-Organisatoren wollen, ist ein Rennen ohne Spannung in der Gesamtwertung, obwohl sie das in den letzten fünf Jahren wohl hatten – jedes Jahr seit 2012 hat der Sieger das Gelbe Trikot spätestens auf der 10. Etappe geholt. Um das Rennen spannend zu halten, haben sie für 2017 die Anzahl von Zeitfahrkilometern reduziert und drei echte Bergankünfte eingebaut – eine der 2. Kategorie (Peyragudes kurz nach dem Col du Peyresourde/1. Kategorie), eine der 1. Kategorie (Planche des Belles Filles) und eine Hors Catégorie (Izoard). Es gibt elf Anstiege der 1. Kategorie und sieben HC-Anstiege, verglichen mit zwölf und sieben im letzten Jahr sowie sieben und sieben 2015. Bei dieser Tour wurden Bergankünfte und Zeitfahren zugunsten von hügeligen Etappen beiseitegeschoben. Es gibt auf der ganzen Strecke viele Möglichkeiten, Zeit herauszufahren – die Herausforderung für die Fahrer ist, sie zu erkennen und zu nutzen. Die Klassementfahrer haben also weniger traditionelle Gelegenheiten, sich in Szene zu setzen. Dasselbe gilt seit einigen Jahren für die Sprinter, und die „flache“ Phase zum Auftakt dauert nur vier Etappen, von denen eine kein wirklich flaches Finale hat. Das Auftakt-Zeitfahren liegt den Rouleuren, aber die Sprinter haben nur die 2. Etappe nach Lüttich (die einen kurzen Hügel 20 Kilometer vor dem Ziel aufweist) und die 4. nach Vittel. Die Hügelankunft der 3. Etappe in Longwy ist ein Anstieg der 3. Kategorie, bei dem sich einige Klassementfahrer und Spezialisten für hügelige Klassiker hervortun könnten – so wie in Cherbourg im letzten Jahr. Zwei weitere Flachetappen nach Troyes und Nuits-Saint-Georges liegen zwischen den zwei Mittelgebirgsetappen 5 und 8. La Planche des Belles Filles ist eine kurze und steile Bergankunft, die bei den beiden Frankreich-Rundfahrten, bei denen sie bisher auf dem Programm stand, ein wichtiger Faktor war. 2012 gewann Chris Froome an einem Tag, an dem das Team Sky die Konkurrenz mit der Dampfwalze überrollte, die Etappe und Bradley Wiggins praktisch die Tour. 2014 gewann Vincenzo Nibali allein und holte Gelb. Auch wenn keine allzu großen Abstände entstehen, scheint der Anstieg klar zu zeigen, wer stark ist und wer nicht. Drei Tage später ist die Etappe nach Station des Rousses zwar keine echte Bergankunft, aber die Montée de la Combe de Laisia les Molunes (1. Kategorie) liegt zwölf Kilometer vor dem Ziel und es gibt keine richtige Abfahrt. So weit, so logisch – die Klassementfahrer können ihre Teams anweisen, das Tempo bis zum Schlussanstieg hoch zu halten, und die Sache dann im Anstieg unter sich ausmachen.

Procycling - Ausgabe 161 / Juli 2017


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