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Ausgabe 205 / März 2021

Untergang eines Imperiums

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Die letzte Woche des Giro d’Italia 2020 war dramatisch und spannend, aber sie unterstrich die schmerzhafte Wahrheit über den italienischen Radsport im Allgemeinen.
Während Vincenzo Nibali seinem Karriereende entgegengeht, fragen wir im zweiten unserer vier Specials über Radsportnationen, was – oder wer – als Nächstes kommt für das Bel Paese.

 
Der Giro d’Italia hat immer italienische Sieger gebraucht, und die Auflage von 1977 war ein einschlägiger Fall. Sie galt als Showdown zwischen einem einheimischen David des Sports und einem marodierenden Goliath aus dem Ausland. Im September des Vorjahres war die Straßen-Weltmeisterschaft in Puglia zwischen zwei Fahrern entschieden worden. Der volkstümliche und beliebte Francesco Moser hatte die Ehre der Italiener verteidigt, während der flämische Kraftmeier Freddy Maertens eine natürliche Besetzung für die Goliath-Rolle war. Sie hatten den Rest distanziert, aber Maertens brach das Herz der Einheimischen, als er den Sprint gewann. Jetzt sollte Moser über drei aufreibende Wochen seine Vergeltung bekommen. Es war genau die Formel, die die Italiener seit Jahrzehnten jedes Jahr im Mai faszinierte. 

Maertens stürzte früh, und Flandria, sein Team, drängte seinen besten Leutnant, die Ka­pitänsrolle zu übernehmen. „Warum nicht?“, dachte sich Michel Pollentier und erklärte sich bereit, es auszuprobieren. Auch wenn Maertens’ Fehlen unglücklich war, geiferte die örtliche Presse bereits. Moser war der ausgemachte Sieger, die verbleibenden zwei Wochen eine Feier seines Talents. Oder nicht?

Nicht ganz. Es stellte sich heraus, dass das hässliche Entlein Pollentier am Ende ein sehr anständiger Rennfahrer war. Er hatte sich im langen Schatten seiner prominenteren Teamkollegen langsam, aber sicher entwickelt, und jetzt platzte der Knoten. Er bot Moser beim Zeitfahren in der Toskana Paroli und verringerte sein Defizit in den Alpen. Dann, in den Dolomiten, fuhr er Francesco Moser und die Hybris des italienischen Radsports in Grund und Boden.

Der Rest, wie es so schön heißt, ist Geschichte, und die Radsportgeschichte wiederholt sich immer. Im letzten Jahr sprang Ineos-Helfer Tao Geoghegan Hart nach Geraint Thomas’ jüngstem Giro-Missgeschick in die Bresche. Genau wie Pollentier den Italienern in die Parade gefahren war, lieferte der Londoner in der dritten Woche eine atemberaubende Leistung ab. Erst zog er Vincenzo Nibali den Zahn, dann knackte er alle anderen, und als er Mailand erreichte, hatte er Pollentiers Raubzug von 1977 wiederholt. Dieser außergewöhnliche Giro hatte den Sieger, den er verdiente, wenn auch nicht unbedingt den, den er wollte. Geoghegan Hart war brillant gewesen, aber es hätte Nibali sein sollen, der große Bannerträger, heldenhaft gegen Thomas und Co. 

In einer wichtigen Hinsicht jedoch waren 1977 und 2020 so verschieden wie Tag und Nacht. Damals war der Planet Radsport ein kleiner. Er wurde bewohnt von Italienern, Franzosen, Spaniern und Belgiern, und der Giro spiegelte das wider. Während die Gastgeber bei dieser Gelegenheit also leer ausgingen, hatten sie immer noch Welt­klasse­talente wie Moser, Gianbattista Baronchelli und Giovanni Battaglin, und Großes wurde erwartet vom jungen pfeilschnellen Giuseppe Saronni. Der Radsport war immer noch sehr populär, und mit über tausend Vereinen im italienischen Verband gab es keinen Grund zur Sorge. Im Spätsommer holte Moser das Regenbogentrikot in einem Wolkenbruch in Venezuela; während diese lästigen Ausländer also die Schlacht beim Giro gewonnen hatten, hatten sie verdammt noch mal nicht den Krieg gewonnen. 

Von allen großen Sportarten bleibt der Radsport mit Abstand der europäischste, auch heute noch. Das ist eine historische, geografische und grundlegende Gegebenheit, aber es ist auch unbestreitbar, dass er jetzt allen gehört. Kaum jemand

würde abstreiten, dass es zum Besseren ist, aber im Vergleich ging der Übergang ziemlich schnell. 80 Jahre lang waren praktisch alle Radprofis Westeuropäer. Als Pollentier den Giro eroberte, kamen bis auf ein Dutzend alle 140 Starter aus Italien, Belgien oder Spanien. Noch vor 20 Jahren war der Giro im Wesentlichen ein italienisches Rennen für italienische Leute.

Der moderne Giro findet in Italien statt, aber seine Fahrer kommen wie seine Fans von nah und fern. Die Italiener machten kaum mehr ein Viertel der Starterliste 2020 aus, und es gab dreimal so viele Australier – 18 – wie Belgier. Nur zwei Italie­ner gewannen Etappen, und die wichtigsten Trikots wurden nach England, Frankreich und Portugal exportiert. Nibali begann man sein Alter anzumerken, und gegen Ende des Rennens waren die Gastgeber komplett abwesend; nur drei von ihnen fuhren überhaupt auf Gesamtwertung. Nibali und Domenico Pozzovivo sind näher an der 40 als an der 30, Fausto Masnada ist kein Fausto Coppi, und ansonsten ist es mit Anwärtern auf die Maglia Rosa nicht weit her. 

Fabio Aru ist jetzt 30 und scheint verbraucht zu sein. Er könnte uns noch überraschen, aber sein letzter Sieg ist drei Jahre her, und er scheint von physischen und psychologischen Dämonen verfolgt zu sein. Seine Leistung bei der Tour im letzten Jahr brachte Saronni, den früheren Manager von UAE, auf die Palme. 

Vor fünf Jahren behauptete Jonathan Vaughters, Davide Formolo sei ein kommender Giro-Sieger, aber die Realität kam dazwischen. Formolo ist mit mittlerweile 28 ein anständiger Kletterer, aber der Durchbruch bei einer großen Rundfahrt steht noch aus. Matteo Trentin, Alberto Bettiol, Giulio Ciccone und Diego Ulissi werden immer wieder glänzen, und man verspricht sich einiges vom jungen Andrea Bagioli. Andererseits wurde Fabio Felline einst als „neuer Moser“ gehandelt, und uns wurde versichert, dass Davide Villella der Auserwählte sei. Beim besten Willen der Welt – es wird nicht passieren, und daher hat Italien mit dem alternden Nibali genau einen Weltklasse­fahrer. Filippo Ganna hat ein großes Herz und einen kolossalen Motor, und ohne ihn wäre dieser Giro beispiellos, ungemildert und offen gesagt undenkbar gewesen.

 
Procycling - Ausgabe 205 / März 2021


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