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Ausgabe 205 / März 2021

Über den Tellerrand schauen

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Tao Geoghegan Hart ist der Giro-d’Italia-Sieger, mit dem im vergangenen Herbst niemand gerechnet hatte. Er will seine stetig wachsende Plattform nutzen, um die britische Radsportszene zu revolutionieren. Procycling hat mit dem stolzen Londoner gesprochen.

 
Wenn ein Fahrer seine erste große Rundfahrt gewinnt, genießt er normalerweise in den ersten Wochen und Monaten nach dem Sieg die mit seinem neuen Ruhm verbundenen Feierlichkeiten und nutzt die Pressetermine, das Medieninteresse und die Möglichkeiten. Es ist verständlich: Eine dreiwöchige Rundfahrt zu gewinnen, ist wohl die schwerste Errungenschaft im Radsport – nur zwölf Fahrer im heutigen Peloton haben das geschafft. Und gleichzeitig wird am Rennprogramm für das nächste Jahr gearbeitet. 

 

Aber Tao Geoghegan Hart hat in den vier Monaten seit seinem Giro-Sieg im Oktober weniger darüber nachgedacht, was er als Nächstes auf der Straße machen wird, sondern mehr über etwas anderes: wie er die Radsportszene in Großbritannien revolutionieren kann, um mehr junge Leute zu animieren, mit dem Sport anzufangen. 

„Ich glaube, der Radsport – und auch der Radsport in Großbritannien – hat ein großes Problem“, sagt er zu Procycling. Wir sprechen über den Giro-Sieg, wie er das Rosa Trikot gewonnen und wie sich seine Sichtweise seitdem geändert – oder vielmehr nicht geändert – hat. (Als ich ihn frage, ob er es schon begriffen hat, dass er den Giro gewonnen hat, sagt er: „Das ist so eine Sache, wirklich.“)

Aber es ist ein anderes Thema, das ihm am wichtigsten ist, und er spricht ausführlich darüber. „Der Sport ist schwer zugänglich. Er steht nicht jedem zur Verfügung, und darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht; und ich überlege, wie ich ein Akteur sein und versuchen kann, die Barrieren für den Zugang abzubauen, um es wirklich ökonomisch und unromantisch auszudrücken“, sagt er.

„Für mich ist es wichtig, mich auf den britischen Radsport zu konzentrieren, und ich glaube, der Verband kann Veränderungen vornehmen, die den Sport für alle in Großbritannien komplett ändern können, um mehr Leute dafür zu gewinnen, vor allem im jungen Alter. Sie werden Radfahrer und Radsportfans und Rennfahrer und Teilnehmer für den Rest ihres Lebens sein. 

Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, würde ich es gerne sehen, wenn ein großes Event in London stattfinden würde. Ein wirkliches Event, das beim Publikum und besonders bei jungen Leuten ankommt. Daran arbeite ich im Moment.“ 

Es ist erfrischend, einen Fahrer, der am Anfang seiner Karriere steht, so leidenschaftlich über ein Anliegen reden zu hören, das nichts mit seiner eigenen Leistung zu tun hat. In einer von Zitaten, Clickködern und Tweets beherrschten Welt werden die Fahrer heute darin geschult, möglichst nicht anzuecken. Wer seine Meinung sagt oder den Mund aufmacht, macht sich anfällig für Kritik, und die meisten finden es nicht der Mühe wert. Normalerweise entwickeln Athleten diese Art von Selbstbewusstsein mit dem Erfolg: das Selbstbewusstsein, mehr den Mund aufzumachen, oder das Selbstbewusstsein, sich nicht um die Konsequenzen zu kümmern. Aber im Fall von Geoghegan Hart scheint sein Erfolg beim Giro nicht der Auslöser gewesen zu sein. Die Fähigkeit, sich durchzusetzen, hat ihn schon immer ausgezeichnet.

Ich erinnere mich, ihn vor vier Jahren interviewt zu haben, fast auf den Tag genau, bei einem Trainingslager vor der Saison. Damals waren wir auf Mallorca, und er war Neuprofi, war gerade zu Sky gekommen, und wir saßen im Restaurant des Hotels, wo das Team wohnte, statt wie jetzt zu telefonieren. Aber ich war genauso beeindruckt von der Courage seiner Überzeugungen: Dies war der Fahrer, der 2016 ein Angebot von Sky abgelehnt und das Team gebeten hatte, ein Jahr zu warten, damit er eine weitere Saison auf U23-Niveau fahren konnte. 

Man braucht nur Geoghegan Harts Twitterfeed über die Jahre zu verfolgen, um das zu erkennen. Es ist mit Tweets über seinen geliebten FC Arse­nal gefüllt, aber er hinterfragt auch die Ungleichheit von Männern und Frauen im Sport und unterstützt soziale und ökologische Belange.

Er schreibt es seiner Jugend und der Diversi­tät von East London zu, dass er dieses Selbstbewusstsein und diese Weltanschauung entwickelt hat. Die Leute, mit denen er aufwuchs, sind bis heute seine Freunde, sagt er, und sie haben ihm eine Vielzahl von Sichtweisen eröffnet. „Es ist ein unglaublicher Ort, und ich liebe ihn mehr denn je, und ich bin so gerne da, wenn ich Zeit habe. Ich fühle mich wohl, und am meisten liebe ich es, durch Hackney und East London oder ganz London zu laufen, es zu genießen, wie es ist“, sagt er. „Es gibt hinter jeder Ecke etwas Neues zu entdecken. Es gibt so viel zu sagen über diese Seite des Lebens in der Stadt und die Diversität, ich liebe das.“ 

Auch die Erinnerungen an die Stadt als Teenager sind unauslöschlich; nach der Schule aufs Rad zu steigen, vom nordöstlichen Redbridge über die Themse-Brücken zum Herne Hill Velodrome oder Crystal Palace im Süden der Stadt zu Rennen zu fahren und später im Sonnenuntergang nach Hause zu radeln. „Wunderbare Erinnerungen“, sagt er.


Procycling - Ausgabe 205 / März 2021


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in Procycling Ausgabe 205 / März 2021.