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Ausgabe 204 / Februar 2021

Caleb Ewan - Geschwungene Linien

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Der Australier Caleb Ewan ist einer der besten Sprinter der Welt mit 46 Siegen, darunter fünf Tour-Etappen, und einer erstaunlichen Fähigkeit, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und aus scheinbar aussichtslosen Positionen zu gewinnen. Procycling zeichnet seinen Weg an die Spitze nach.


Über den Lenker geduckt im Massensprint, das Gewicht nach vorn verlagert, niedrig – so mag Caleb Ewan der beste Sprinter der Welt sein. Es ist schwer zu vergleichen, und da keine zwei Sprints gleich sind und uns nicht unbedingt mehr sagen, als wer an dem Tag den besten Lauf hatte, gibt es keinen objektiven Maßstab. Die meisten sind sich einig, dass Ewan und Sam Bennett derzeit ein bisschen besser als die anderen sind, vielleicht auch Arnaud Démare, und von seiner Generation hat Ewan die meisten Tour-Etappen gewonnen – fünf –, obwohl Bennett ihn 2020 drei zu zwei schlug. Andererseits hat Bennett nicht erreicht, was Ewan erreicht hat. Wie das Wunder von Sisteron.

 

300 Meter vor der Linie der 3. Etappe der Tour 2020 war Ewan an 13. oder 14. Position. 150 Meter vor der Linie war er noch ein paar Längen hinter Bennett, zwischen anderen; oder genauer gesagt zwischen einer Wand von Fahrern, die sich auf der Straße aufgefächert hatte. Die schlechte Nachricht für Ewan war, dass es kein Durchkommen gab; die gute Nachricht war, dass ein steifer Gegenwind wehte – während die Führenden ihren eigenen privaten Verlustkampf mit Newtons erstem Gesetz austrugen, konnte der Australier wenigstens Energie sparen, während er seine Linie ausklügelte. 

Ewan schlängelte sich nach rechts und quetschte sich in eine Lücke zwischen Peter Sagan und der Absperrung, die exakt so lange existierte, wie er brauchte, um sein Vorderrad sanft in sie hinein- und vorne wieder herauszuschieben. Auf den letzten 50 Metern schloss er die Lücke zu Bennett, dann zog er an ihm vorbei. Der Gegenwind ließ dieses letzte Bisschen leicht aussehen, doch in jenem Moment war Ewan wirklich der beste Sprinter der Welt.

Die Form von Ewans Flugbahn im letzten Teil der Etappe ähnelte einem verlängerten „S“, und er fuhr in dieser letzten Phase des Sprints wahrscheinlich ein bisschen mehr als 300 Meter. Euclids erstem Axiom zufolge ist die kürzeste Dis­tanz zwischen zwei Punkten eine gerade Linie, aber Euclid musste auf einer Zielgeraden auch nie an 13 Fahrern vorbeikommen.

Der Eindruck, den Caleb Ewan seit seinen Teenagerjahren macht, ist, dass er zu Großem bestimmt ist. Als 17-Jähriger schlug er 2012 die etablierten Stars des australischen Radsports – Robbie McEwen, Allan Davis – bei der Bay-Crit-Serie im Vorfeld der Tour Down Under, düpierte die älteren Fahrer und machte das nagelneue GreenEdge-Team bei seinem ersten Rennen auf heimischem Boden lächerlich.

„Es war ihr erstes Rennen, und da war ein 17 Jahre altes Kind, das sie schlug“, sagt er. „Ich glaube, sie waren ein bisschen verbittert, und ein paar Mal waren sie wirklich unverschämt zu mir während der Rennen. Ich verstehe, dass sie wahrscheinlich frustriert waren – sie waren dieses neue australische Team und konnten nicht mal die Bay Crits gewinnen.“

Man könnte denken, dass es von dem Punkt an eine gerade Linie war, die über erste Siege bei der Vuelta 2015 und den Giro 2017 bis hin zu seinem ersten Tour-Etappensieg 2019 nebst den vier weiteren führte, die folgten. 

Doch das Leben verläuft – wie ein Sprint – selten in einer geraden Linie. Obwohl er bei Rennen zu Beginn der Saison Sprinter auf WorldTour-Niveau schlug, brauchte Ewan lange dafür, die nötige Widerstandskraft und Erfahrung aufzubauen, um dasselbe bei großen Rundfahrten zu machen. 

„Ich habe früh gegen Profis gewonnen. Ich war wahrscheinlich nicht viel besser als ein normaler Junior, aber ich hatte mehr Aufmerksamkeit“, sagt Ewan. „Man hat mich von jungen Jahren an beobachtet, was man bei einem normalen Junior nicht macht. Als ich meinen ersten Vertrag unterzeichnete, hieß es immer: ‚Wenn er mit 17 Profis schlagen kann, was macht er jetzt?‘“

In seinem ersten Profijahr – 2015 – gewann Ewan elf Rennen, immer noch seine höchste jährliche Ausbeute. Er betont, dass die meisten außerhalb der WorldTour waren, außer einer Etappe der Vuelta, und gibt zu, dass seine größte Herausforderung nicht das Sprinten war, sondern in der Form ins Ziel zu kommen, um sprinten zu können.

„Als junger Sprinter bist du mit einem Sprint gesegnet, und das ist alles“, sagt er. „Du bekommst keine Kletterbeine oder sonst etwas. Du hast schnell kontrahierende Muskeln; woran du also am meisten arbeiten musst und was nicht von allein kommt, ist die Ausdauer.

Einige Fahrer haben beides. Natürlich habe ich ein bisschen was von beidem, aber ich muss daran arbeiten. Bei der Vuelta hatte ich zu kämpfen. Der einzige Tag, an dem ich mit dem Feld ins Ziel kam, war der, an dem ich gewann. An den anderen Tagen wurde ich abgehängt.“ 

Ewan fuhr den Giro 2016 und ging leer aus. Im folgenden Jahr holte er eine Giro-Etappe. Er war bereit für die Tour 2018, aber Mitchelton strich ihn aus dem Aufgebot. 

„Ich habe ein bisschen gebraucht, um Fuß zu fassen“, fährt er fort. „In meinem letzten Jahr bei Mitchelton wurde ich als Fahrer besser und meine Ausdauer war viel besser. Es war am Ende ein ziemlich schlechtes Jahr, weil ich keine große Rundfahrt gefahren bin. Aber im Jahr darauf bei Lotto habe ich zwei Etappen des Giro und drei der Tour gewonnen. Die letzten Jahre bei Mitchelton waren eine schwere Zeit.“


Über den Lenker geduckt im Massensprint, das Gewicht nach vorn verlagert, niedrig – so mag Caleb Ewan der beste Sprinter der Welt sein. Es ist schwer zu vergleichen, und da keine zwei Sprints gleich sind und uns nicht unbedingt mehr sagen, als wer an dem Tag den besten Lauf hatte, gibt es keinen objektiven Maßstab. Die meisten sind sich einig, dass Ewan und Sam Bennett derzeit ein bisschen besser als die anderen sind, vielleicht auch Arnaud Démare, und von seiner Generation hat Ewan die meisten Tour-Etappen gewonnen – fünf –, obwohl Bennett ihn 2020 drei zu zwei schlug. Andererseits hat Bennett nicht erreicht, was Ewan erreicht hat. Wie das Wunder von Sisteron.

 

300 Meter vor der Linie der 3. Etappe der Tour 2020 war Ewan an 13. oder 14. Position. 150 Meter vor der Linie war er noch ein paar Längen hinter Bennett, zwischen anderen; oder genauer gesagt zwischen einer Wand von Fahrern, die sich auf der Straße aufgefächert hatte. Die schlechte Nachricht für Ewan war, dass es kein Durchkommen gab; die gute Nachricht war, dass ein steifer Gegenwind wehte – während die Führenden ihren eigenen privaten Verlustkampf mit Newtons erstem Gesetz austrugen, konnte der Australier wenigstens Energie sparen, während er seine Linie ausklügelte. 

Ewan schlängelte sich nach rechts und quetschte sich in eine Lücke zwischen Peter Sagan und der Absperrung, die exakt so lange existierte, wie er brauchte, um sein Vorderrad sanft in sie hinein- und vorne wieder herauszuschieben. Auf den letzten 50 Metern schloss er die Lücke zu Bennett, dann zog er an ihm vorbei. Der Gegenwind ließ dieses letzte Bisschen leicht aussehen, doch in jenem Moment war Ewan wirklich der beste Sprinter der Welt.

Die Form von Ewans Flugbahn im letzten Teil der Etappe ähnelte einem verlängerten „S“, und er fuhr in dieser letzten Phase des Sprints wahrscheinlich ein bisschen mehr als 300 Meter. Euclids erstem Axiom zufolge ist die kürzeste Dis­tanz zwischen zwei Punkten eine gerade Linie, aber Euclid musste auf einer Zielgeraden auch nie an 13 Fahrern vorbeikommen.

Der Eindruck, den Caleb Ewan seit seinen Teenagerjahren macht, ist, dass er zu Großem bestimmt ist. Als 17-Jähriger schlug er 2012 die etablierten Stars des australischen Radsports – Robbie McEwen, Allan Davis – bei der Bay-Crit-Serie im Vorfeld der Tour Down Under, düpierte die älteren Fahrer und machte das nagelneue GreenEdge-Team bei seinem ersten Rennen auf heimischem Boden lächerlich.

„Es war ihr erstes Rennen, und da war ein 17 Jahre altes Kind, das sie schlug“, sagt er. „Ich glaube, sie waren ein bisschen verbittert, und ein paar Mal waren sie wirklich unverschämt zu mir während der Rennen. Ich verstehe, dass sie wahrscheinlich frustriert waren – sie waren dieses neue australische Team und konnten nicht mal die Bay Crits gewinnen.“

Man könnte denken, dass es von dem Punkt an eine gerade Linie war, die über erste Siege bei der Vuelta 2015 und den Giro 2017 bis hin zu seinem ersten Tour-Etappensieg 2019 nebst den vier weiteren führte, die folgten. 

Doch das Leben verläuft – wie ein Sprint – selten in einer geraden Linie. Obwohl er bei Rennen zu Beginn der Saison Sprinter auf WorldTour-Niveau schlug, brauchte Ewan lange dafür, die nötige Widerstandskraft und Erfahrung aufzubauen, um dasselbe bei großen Rundfahrten zu machen. 

„Ich habe früh gegen Profis gewonnen. Ich war wahrscheinlich nicht viel besser als ein normaler Junior, aber ich hatte mehr Aufmerksamkeit“, sagt Ewan. „Man hat mich von jungen Jahren an beobachtet, was man bei einem normalen Junior nicht macht. Als ich meinen ersten Vertrag unterzeichnete, hieß es immer: ‚Wenn er mit 17 Profis schlagen kann, was macht er jetzt?‘“

In seinem ersten Profijahr – 2015 – gewann Ewan elf Rennen, immer noch seine höchste jährliche Ausbeute. Er betont, dass die meisten außerhalb der WorldTour waren, außer einer Etappe der Vuelta, und gibt zu, dass seine größte Herausforderung nicht das Sprinten war, sondern in der Form ins Ziel zu kommen, um sprinten zu können.

„Als junger Sprinter bist du mit einem Sprint gesegnet, und das ist alles“, sagt er. „Du bekommst keine Kletterbeine oder sonst etwas. Du hast schnell kontrahierende Muskeln; woran du also am meisten arbeiten musst und was nicht von allein kommt, ist die Ausdauer.

Einige Fahrer haben beides. Natürlich habe ich ein bisschen was von beidem, aber ich muss daran arbeiten. Bei der Vuelta hatte ich zu kämpfen. Der einzige Tag, an dem ich mit dem Feld ins Ziel kam, war der, an dem ich gewann. An den anderen Tagen wurde ich abgehängt.“ 

Ewan fuhr den Giro 2016 und ging leer aus. Im folgenden Jahr holte er eine Giro-Etappe. Er war bereit für die Tour 2018, aber Mitchelton strich ihn aus dem Aufgebot. 

„Ich habe ein bisschen gebraucht, um Fuß zu fassen“, fährt er fort. „In meinem letzten Jahr bei Mitchelton wurde ich als Fahrer besser und meine Ausdauer war viel besser. Es war am Ende ein ziemlich schlechtes Jahr, weil ich keine große Rundfahrt gefahren bin. Aber im Jahr darauf bei Lotto habe ich zwei Etappen des Giro und drei der Tour gewonnen. Die letzten Jahre bei Mitchelton waren eine schwere Zeit.“

Procycling - Ausgabe 204 / Februar 2021



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