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Ausgabe 203 / Januar 2021

ALLEIN AN DER SPITZE

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Der belgische Star Wout Van Aert fing bei Wiederaufnahme der Saison im August an zu gewinnen und hörte kaum mehr damit auf – außer, um bei der Tour der effektivste Superdomestik von Jumbo–Visma zu sein. Procycling trifft den besten Rennfahrer der Welt.
 

Als Wout Van Aert bei Mailand–San Remo 2020 rund 1,5 Kilometer vor dem Ziel den Ellbogen in Richtung Julian Alaphilippe ausfuhr und der Franzose sich weigerte, in Führung zu gehen, sagte uns das zwei Dinge. Auf unmittelbarer Ebene machte es eine knappe Situation zu einer kritischen: Eine Verfolgergruppe war zu diesem Zeitpunkt acht Sekunden hinter ihnen, und Alaphilippe hatte gerade dann die Zusammenarbeit eingestellt, als Van Aert sie wirklich gut hätte gebrauchen können. 

 


Aber in einem abstrakteren Sinne war es ein Machtwechsel. Der beste Rennfahrer der Welt von 2019 erkannte durch sein Verhalten den besten Rennfahrer der Welt 2020 an. Dass Alaphilippe keine Ablösung fuhr, war auch clever. Er hatte das Rennen schon einmal gewonnen, und Van Aert hatte allen seine Form gezeigt, als er in der Woche zuvor Strade Bianche gewann. Es gab keinen Grund zu arbeiten – täte er das, würde Van Aert sehr wahrscheinlich gewinnen, denn in einem flachen Sprint ist der Belgier normalerweise ein schnellerer Finisseur als Alaphilippe. Wenn nicht, würde Van Aert vielleicht auch gewinnen, vielleicht würde Alaphilippe gewinnen,oder vielleicht würde der stärkste Sprinter in der jetzt sieben Sekunden zurückliegenden Verfolgergruppe gewinnen. So lautet die Theorie – indem er die Führungsarbeit nicht übernahm, erhöhte Alaphilippe seine Siegchancen, obwohl er gleichzeitig die Aussichten des Duos reduziert hatte, sich ins Ziel zu retten. Er dachte sich wahrscheinlich, dass Van Aert sein erstes Mailand–San Remo dringender gewinnen musste als Alaphilippe sein zweites. Alaphilippe, der bereits an Van Aerts Hinterrad war, hat vielleicht auch versucht, in seinen Kopf zu blicken. Es macht keinen Spaß, einen Fahrer zum Sprint in Schlepptau zu nehmen, und Alaphilippe hat vielleicht gehofft, dass Van Aert, statt sich zu 100 Prozent auf einen harten Sprint zu konzentrieren, sich zu 95 Prozent auf einen harten Sprint und zu fünf Prozent auf sein Sauersein auf die Taktik seines Rivalen konzentriert. Auch das ist eine Taktik, und Alaphilippe – unter allen Umständen ein störender Einfluss auf seine unmittelbare Umgebung – nutzte sie gut. Aber Van Aert hatte auf den letzten Kilometern auch Informationen über Alaphilippe gesammelt. Er konnte das Hinterrad des Franzosen am Poggio, der ohnehin Alaphilippe-Territorium war, nicht halten, aber er konnte die Lücke in der Abfahrt schließen, die auch Alaphilippe-Territorium hätte sein sollen – außer, wenn er es mit dem Angriff übertrieben und seine Abfahrkünste beeinträchtigt hatte.

Procycling - Ausgabe 203 / Januar 2021


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