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Ausgabe 202 / Dezember 2020

Tod am Nachmittag

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„Radrennen sind gefährlich“, warnen sie dich, wenn du dir das erste Mal eine Nummer anheftest. Stürze gehören dazu, wie jeder weiß, der je ein Rennen gefahren ist, doch so mancher Fahrer hat den höchsten Preis bezahlt, auf und abseits der Straße. Procycling versucht, die komplizierte Beziehung des Radsports zur Sterblichkeit zu enträtseln.
 

Der Schlussspurt des Scheldeprijs 2020 war nicht untypisch: ein hektisches Finale, ein prominenter Sieger mit Caleb Ewan und, wie es bei diesem Rennen schon öf­-ter vorgekommen ist, ein Sturz. Was untypisch war, war die Reaktion von Rüdiger Selig auf den Zwischenfall. Selig, geschockt, August Jensen vom konkurrierenden Team Riwal Securitas im Sprint stürzen zu sehen, bremste scharf, ließ sein Rad liegen und lief durch das näher kommende Feld zurück, um sich um ihn zu kümmern. Es war eines der eindrucksvollsten Bilder der verkürzten Saison 2020, in einem von Befürchtungen und immer schlechteren Nachrichten überschatteten Jahr. Mitten im Rennen anzuhalten, um zu helfen, ist selten unter Fahrern – die meisten sind nach jahrelangem Wettkampfsport so konditioniert, dass sie weiterfahren, selbst wenn ihre Kollegen blutend am Boden liegen. Man kann es ihnen nicht wirklich verübeln, denn es gehört zu ihrer Kultur – das Rennen stoppt für niemanden und man fährt weiter, trotz allem. Aber Selig ist dafür bekannt, so etwas zu tun – seine Menschlichkeit zu zeigen –, während alle um ihn herum den Tunnelblick bewahren, ein verwischter Fleck aus Beinen und Speichen. 

 

Etwas Ähnliches tat er 2015, bei Dwars door Vlaanderen, als er aus einem Graben auftauchte, mit dickem Matsch bedeckt, nachdem er selbst gestürzt war, um sich um Marcel Aregger zu kümmern, der regungslos bäuchlings auf der Straße lag. Vor ihnen setzte – wie üblich – das Peloton das Rennen fort. Der Exprofi Eddy Seigneur saß hinter dem Steuer von Areggers IAM-Cycling-Mannschaftswagen.  „Bilder von Fabio Casartelli schossen mir durch den Kopf“, sagte der Franzose später. „Marcel lag mit dem Gesicht nach unten, ohne jedes Lebenszeichen. Rettungskräfte kümmerten sich um ihn. Sein Gesicht war voller Blut wegen der Verletzung an der Augenbraue, aber dann gab er ermutigende Zeichen von sich. Er konnte alle Gliedmaßen bewegen.“ 

Es gibt zwei Referenzpunkte, beide italienisch, in der Liste der Radsporttragödien, die uns viel über die Beziehung des Sports zum Tod sagen. Der erste ist Casartelli, ums Leben gekommen bei der Tour de France 1995, der andere Marco Pantani, dessen einsamer Tod in einem Hotelzimmer in Rimini am Valentinstag 2004 in die Mythologie des Sports eingegangen ist. Der Unterschied ist, dass der eine im Wettkampf war und der andere weit entfernt von seiner Vergangenheit als Sportler, versunken in Sucht und Depressionen.  Es gibt viel Glanz in der langen Geschichte des Radsports, aber auch viele dunkle und tragische Geschichten wie die von Pantani. Auf welche Weise die Radsportgemeinde diese fatalen Tragödien verarbeitet, ist aufschlussreich.

 
Procycling - Ausgabe 202 / Dezember 2020


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