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Ausgabe 202 / Dezember 2020

Anna van der Breggen - Das Double

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Anna van der Breggen hatte im Radsport fast alles gewonnen, bevor sie mit Gold im Zeitfahren und im Straßenrennen bei der WM in Imola Geschichte schrieb. Procycling spricht mit der Holländerin über ihre beste Saison.

 

Rund um den Cauberg im Süden von Limburg is es ein ruhiger, grauer Donnerstagnachmittag, und das fühlt sich ein bisschen seltsam an. Es hätte viel los sein sollen am berühmtesten Radsportberg der Niederlande. Im überarbeiteten Rennkalender hätte das Amstel Gold Race in zwei Tagen starten sollen, am 10. Oktober. Aber der einzige holländische Klassiker wurde eine Woche zuvor wegen steigender Corona-Neuinfektionen abgesagt. Deswegen gibt es keine Bauarbeiten auf der Kuppe des Caubergs und im angrenzenden Lan­dal-Ferienpark keine Organisatoren, Teams oder Fahrer und Fahrerinnen. Außer einer: Anna van der Breggen. Die Absage war ihr natürlich nicht entgangen, aber ihre Anwesenheit in Valkenburg hat einen ganz anderen Grund. Seit dem Neustart der Saison dient der Ferienpark der Holländerin als vorübergehendes Zuhause. Während ihr neues Haus fertiggestellt wird, haben van der Breggen und ihr Freund Sierk-Jan de Haan, Sportdirektor bei Jumbo–Visma, beschlossen, in den Süden des Landes zu gehen und sich vorübergehend in einer Ferienwohnung einzuquartieren. 

 

„Wir haben einfach gedacht: Die Saison hat wieder angefangen, wir werden kaum da sein, wir verkaufen unser Haus und suchen in der Zwischenzeit nach einem schönen Trainingsgelände“, sagt sie zu Procycling. „Ich habe öfter in Süd-­Limburg trainiert, weil du da richtig klettern kannst. Deswegen sind wir hier. Etwas anderes zur Abwechslung.“ 

Aber der Ferienpark fühlt sich noch nicht wie zu Hause an. Was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass die Fahrerin von Boels Dolmans in den letzten zwei Monaten kaum in den Niederlanden war. Es ist erst die zweite Woche, in der keine Rennen auf ihrem Programm stehen, seit die Saison Anfang August wieder gestartet wurde. Das gibt van der Breggen die Möglich­-keit, aus der Achterbahn auszusteigen, in der sie saß: In gerade einmal fünf Wochen hat sie sechs große Rennen gewonnen. Es begann mit der niederländischen Meisterschaft im Straßenrennen in Wijster und endete mit zwei Regenbogentrikots in Imola. 

„Meine Karriere war schon vor dem Start die­-ser Saison ein Erfolg. Deswegen konnte ich so entspannt fahren. Ich habe noch nie so viele Rennen innerhalb eines Monats gewonnen. Es wäre in einer normalen Saison unmöglich gewesen. Diese großen Rennen wären nicht alle gleich­zeitig ausgetragen worden. Aber es war möglich aufgrund der Coronakrise und des neuen Rennkalenders. Ich habe versucht, zur richtigen Zeit in Form zu sein, und es hat funktioniert – es hat sich als einer der besten Monate meiner Karriere erwiesen“, sagt sie. 

Neben dem Eingang zum Ferienpark ist ein Res­taurant und auf der anderen Seite der Hauptstraße eine gemütliche Kneipe, die ganz dem Radsport gewidmet ist. An den Wänden hängen Dutzende von Trikots, darunter welche von Rabobank, van der Breggens Team Boels Dolmans und ein rotes BMC-Leibchen, das dem vierfachen Amstel-Gold-Sieger Philippe Gilbert gehört. Die denkwürdigsten Trikots wurden gerahmt, darunter signierte Regenbogentrikots und Tom Dumoulins Maglia Rosa vom Giro d’Italia. Zwischen diesen Erinnerungsstücken posiert die frisch­­­ge­backene Weltmeisterin van der Breggen für den Fotografen – nicht mit einem, sondern mit zwei der begehrten Regenbogentrikots. Vor zwei Wochen hat sie Geschichte geschrieben, indem sie sowohl das Zeitfahren als auch das Straßenrennen in der italienischen Stadt Imola gewann. Ihr Erfolg im Zeitfahren war besonders schön, zumal sie bei den letzten fünf Weltmeisterschaften viermal Zweite geworden war. Ihr Gold-Rennen war eine Kombination aus Fleiß und vielen Stunden Zeitfahrtraining im letzten Jahr – nicht nur, um die Disziplin zu lernen, sondern auch, um Spaß daran zu finden. 

„Ich hatte immer eine Hassliebe zu Zeitfahren. Ich mochte sie nie“, erklärt van der Breggen mit einem Cappuccino vor sich auf einem der kleinen Holztische in der Kneipe. „Anfang des Jahres dachte ich: Ich war immer gut im Zeitfahren, aber trotzdem habe ich – abgesehen von einem niederländischen Titel – keine Meisterschaft gewonnen. Weil ich oft mit einem kleinen Defizit von weniger als 30 Sekunden verloren habe, beschloss ich, der Disziplin mehr Zeit zu widmen, um mehr Spaß am Zeitfahren zu haben.“ 

Die Gelegenheit ergab sich im Frühjahr, als die Coronavirus-Pandemie die Absage oder Verschiebung aller Rennen erzwang. „In der Zeit durfte man in Holland draußen Rad fahren, aber nicht zusammen. Sierk-Jan trainiert viele Jungs des Jumbo–Visma-Nachwuchsteams, und weil sie sich gelegentlich sehen wollten, hatten sie die Idee, Einzelzeitfahren zu trainieren. So konnten sie genügend Abstand voneinander halten. An einem Tag, als sie in unserer Nachbarschaft trainierten, sagte Sierk-Jan: ‚Setz dich aufs Rad und mach mit!‘ Ich war gespannt, wie es funktionierte, und es stellte sich heraus, dass es totalen Spaß machte! Am Ende des Tages hatte ich weitere 130 Kilometer auf meiner Zeitfahrmaschine abgespult. Ein Auto fuhr während des Trainings hinter mir her, um meine Haltung und Position auf dem Rad zu beobachten.

Procycling - Ausgabe 202 / Dezember 2020


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