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Ausgabe 201 / November 2020

DER SAGAN DER 50ER

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Jean Forestier war 1957 das Grüne Trikot der Tour, als er bereits Paris–Roubaix und die Flandern-Rundfahrt gewonnen hatte. Procycling blickt zurück auf die Karriere eines Klassiker-Spezialisten, der auch bei der Tour glänzte.

Als die Tour 2020 nach Lyon kam, stellten Historiker des Rennens fest, dass der Besuch – ein seltener heutzutage – eine Reverenz an die erste Auflage der Tour war. Die erste Etappe der ersten Frankreich-Rundfahrt endete in der Stadt, und Søren Kragh Andersens 15-Sekunden-Differenz bei der Austragung von 2020 war nicht weit weg von Maurice Garins 55-Sekunden-Vorsprung auf Émile Pagie 117 Jahre zuvor. (Aber da nur ein weiterer Fahrer maximal eine Stunde Rückstand auf Garin hatte, war 1903 alles ein bisschen breiter aufgefächert.)

Die Tour trägt ihre Geschichte selbstbewusst. Jede Ausgabe wird als neues Kapitel in der Geschichte des Rennens präsentiert, aber gleichzeitig sind sich die Organisatoren der historischen Resonanz ihrer Leute und ihrer Orte bewusst. Bis zu seinem Tod in diesem Jahr war der Star der Frankreich-Rundfahrten der 1960er, Raymond Poulidor, bei der Tour zugegen, und wenn die Tour die Regionen besucht, werden ihre Lokalmatadore der Vergangenheit der Menge präsentiert – die neuen Stars kommen in Kontakt mit ihren Vorgängern.

Lyon hat die Tour in der modernen Zeit auf Distanz gehalten und ist keine Hochburg des Radsports – das französische Wikipedia listet eine kleine Handvoll Profis aus der Stadt auf. Der Grand Départ fand 1991 in Lyon statt, aber das war 26 Jahre nach dem letzten Besuch, und seitdem war die Tour zweimal da, 2003 und 2013. Aber sie hat immer noch eine enge Verbindung zu der Stadt in Form von Jean Forestier, einem spritzigen französischen Fahrer, der das Grüne Trikot 1957 gewann und Siege bei Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt zu Buche stehen hatte. Seinen ersten von insgesamt vier Tour-Etappensiegen holte er 1954 in Lyon, einen weiteren – ebenfalls eine Parallele zum Rennen von 2020 – in Poitiers, wo die Tour in diesem Jahr einmal mehr Station machte. 

Forestier wurde 1930 in Lyon geboren. Sein Vater arbeitete im Schlachthaus, seine Mutter als Bardame. Laut Benoît Prieur, dem Autor von Jean Forestier: la Conquête de Paris–Roubaix, wurde der kleine Jean von seinen Eltern weitgehend ignoriert, und Forestiers Haupterinnerung an seine Kindheit war, dass er sich langweilte, wenig Beschäftigung hatte und kaum unterstützt wurde von seinen Eltern, die sich später scheiden ließen und ihn noch weniger beachteten. Aber sein Onkel Marius kümmerte sich um ihn und brachte ihm Lesen und Schreiben bei. Im Zweiten Weltkrieg wurde er nach Blany evakuiert, auf dem Lande bei Mâcon, und dort entdeckte er das Radfahren. Es war ein Mittel der Flucht – Forestier stellte fest, dass er durch die Verschickung nach Blany die Langeweile der Stadt gegen die Langeweile des Landes eingetauscht hatte. Aber er wollte schneller sein, selbst wenn es wenig Sport gab, um ihn zu inspirieren. Da war ein Anstieg in der Nähe des Orts, den er immer wieder hochfuhr, bis er stark genug war, bis zum Gipfel zu fahren, ohne die Hände auf den Lenker zu legen. Sein Traum war, Lkw-Fahrer zu werden, doch er ging in einen Verein in Mâcon und dann einen anderen in Lyon, als er 1947 in die Stadt zurückkehrte, und langsam, aber sicher wurde er stärker. Er lebte bei seinem Vater in Lyon, und wenn der morgens um vier zur Arbeit ging, ging der junge Jean bis sieben Uhr trainieren und arbeitete dann in einer Werkstatt, wo er eine Ausbildung zum Mechaniker und seinen Lkw-Führerschein machte. Erst nach seinem Militärdienst holte er die ersten Ergebnisse. Sein Sieg beim GP de Reyrieux 1951, an dem die besten Fahrer aus den Regionen Rhône, Loire and Lyon teilnahmen, ermöglichte es ihm, 1952 als Unabhängiger zu fahren, und dann wurde er 1953 Profi für das Team Follis.

Als die Tour 2020 nach Lyon kam, stellten Historiker des Rennens fest, dass der Besuch – ein seltener heutzutage – eine Reverenz an die erste Auflage der Tour war. Die erste Etappe der ersten Frankreich-Rundfahrt endete in der Stadt, und Søren Kragh Andersens 15-Sekunden-Differenz bei der Austragung von 2020 war nicht weit weg von Maurice Garins 55-Sekunden-Vorsprung auf Émile Pagie 117 Jahre zuvor. (Aber da nur ein weiterer Fahrer maximal eine Stunde Rückstand auf Garin hatte, war 1903 alles ein bisschen breiter aufgefächert.)

Die Tour trägt ihre Geschichte selbstbewusst. Jede Ausgabe wird als neues Kapitel in der Geschichte des Rennens präsentiert, aber gleichzeitig sind sich die Organisatoren der historischen Resonanz ihrer Leute und ihrer Orte bewusst. Bis zu seinem Tod in diesem Jahr war der Star der Frankreich-Rundfahrten der 1960er, Raymond Poulidor, bei der Tour zugegen, und wenn die Tour die Regionen besucht, werden ihre Lokalmatadore der Vergangenheit der Menge präsentiert – die neuen Stars kommen in Kontakt mit ihren Vorgängern.

Lyon hat die Tour in der modernen Zeit auf Distanz gehalten und ist keine Hochburg des Radsports – das französische Wikipedia listet eine kleine Handvoll Profis aus der Stadt auf. Der Grand Départ fand 1991 in Lyon statt, aber das war 26 Jahre nach dem letzten Besuch, und seitdem war die Tour zweimal da, 2003 und 2013. Aber sie hat immer noch eine enge Verbindung zu der Stadt in Form von Jean Forestier, einem spritzigen französischen Fahrer, der das Grüne Trikot 1957 gewann und Siege bei Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt zu Buche stehen hatte. Seinen ersten von insgesamt vier Tour-Etappensiegen holte er 1954 in Lyon, einen weiteren – ebenfalls eine Parallele zum Rennen von 2020 – in Poitiers, wo die Tour in diesem Jahr einmal mehr Station machte. 

Forestier wurde 1930 in Lyon geboren. Sein Vater arbeitete im Schlachthaus, seine Mutter als Bardame. Laut Benoît Prieur, dem Autor von Jean Forestier: la Conquête de Paris–Roubaix, wurde der kleine Jean von seinen Eltern weitgehend ignoriert, und Forestiers Haupterinnerung an seine Kindheit war, dass er sich langweilte, wenig Beschäftigung hatte und kaum unterstützt wurde von seinen Eltern, die sich später scheiden ließen und ihn noch weniger beachteten. Aber sein Onkel Marius kümmerte sich um ihn und brachte ihm Lesen und Schreiben bei. Im Zweiten Weltkrieg wurde er nach Blany evakuiert, auf dem Lande bei Mâcon, und dort entdeckte er das Radfahren. Es war ein Mittel der Flucht – Forestier stellte fest, dass er durch die Verschickung nach Blany die Langeweile der Stadt gegen die Langeweile des Landes eingetauscht hatte. Aber er wollte schneller sein, selbst wenn es wenig Sport gab, um ihn zu inspirieren. Da war ein Anstieg in der Nähe des Orts, den er immer wieder hochfuhr, bis er stark genug war, bis zum Gipfel zu fahren, ohne die Hände auf den Lenker zu legen. Sein Traum war, Lkw-Fahrer zu werden, doch er ging in einen Verein in Mâcon und dann einen anderen in Lyon, als er 1947 in die Stadt zurückkehrte, und langsam, aber sicher wurde er stärker. Er lebte bei seinem Vater in Lyon, und wenn der morgens um vier zur Arbeit ging, ging der junge Jean bis sieben Uhr trainieren und arbeitete dann in einer Werkstatt, wo er eine Ausbildung zum Mechaniker und seinen Lkw-Führerschein machte. Erst nach seinem Militärdienst holte er die ersten Ergebnisse. Sein Sieg beim GP de Reyrieux 1951, an dem die besten Fahrer aus den Regionen Rhône, Loire and Lyon teilnahmen, ermöglichte es ihm, 1952 als Unabhängiger zu fahren, und dann wurde er 1953 Profi für das Team Follis.

Procycling - Ausgabe 201 / November 2020



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