Vorschau

Ausgabe 201 / November 2020

EIN SEHR SLOWENISCHER COUP

Klicken zum vergrößernKlicken zum vergrößernKlicken zum vergrößern

Lange Zeit wurde die Tour 2020 von einem Team und einem Fahrer dominiert – Jumbo–Visma mit Primož Roglič. Bis der 21 Jahre alte Tadej Pogačar das Rennen auf den Kopf stellte und an einem einzigen Anstieg Sportgeschichte schrieb.

Der warme Glanz eines Septemberabends in Paris beleuchtete die letzten Aktionen der Tour de France 2020. Im Juli geht die Sonne hinter dem Arc du Triomphe unter, ihre letzten Strahlen fallen direkt hindurch und süd.stlich die Champs-Élysées hinunter, aber so spät im Jahr geht die Sonne im Westen unter. Sie warf ein ungewöhnliches Licht auf eine ungewöhnliche Tour, und das Podium wurde aus einem anderen Winkel angestrahlt. Alles war ein bisschen anders bei der diesjährigen Tour – die Fahrer waren in Nizza gestartet, hatten 21 Etappen absolviert und Paris wie geplant erreicht, aber der Schatten der Corona-Pandemie, der das Rennen verdüsterte und zum Stillstand zu bringen drohte, fand seinen Ausdruck im scharfen Licht und langen Halbdunkel der Herbstnachmittage, durch die das Peloton fuhr. Es war vertraut, aber anders.

Die Eule von Minerva, schrieb Hegel, spreizt ihre Flügel erst, wenn der Abend dämmert. Das heißt, dass Geschichte erst am Ende des Tages geschrieben werden kann. Erst wenn wir zurückschauen, wenn alles gesagt und getan ist, können wir die Bedeutung dessen verstehen, was wir gesehen haben. Alles, was die Tour im Pariser Abendlicht reflektieren konnte, war, dass ihr bloßes Dasein so etwas wie ein Wunder war, aber man konnte auch über eine Tour reflektieren, die auf dramatischste Art am letzten Gesamtwertungstag entschieden wurde, seit Greg LeMond die Tour 1989 um acht Sekunden gewann. Wir dachten, dass wir die Geschichte der 107. Auflage der Tour schon kannten. Die Gestalt des Rennens schien aus einer Form gegossen zu sein, die mehrere Versionen des Teams Ineos seit 2012 erschaffen hatten. Jumbo–Visma war das neue Ineos – sogar besser als das Original, wie es schien. Die Truppe konnte die Dauphiné vor der Tour zwar nicht gewinnen, erwies sich dort aber als stärkstes Team mit dem stärksten Fahrer: Primož Roglič. 

Als die Tour losging, schien Roglič der designierte Champion zu sein. Jedes Mal, wenn die Straße steiler wurde, erstickte eine Reihe von Fahrern in Gelb und Schwarz das Rennen, und während andere Teams in der letzten Selektion auf einen oder höchstens zwei Fahrer reduziert wurden, zählte Jumbo regelmäßig mindestens vier Mann. Roglič machte keinen Fehler: ein Etappensieg in Orcières-Merlette am vierten Tag, ins Gelbe Trikot auf der 9. Etappe, souverän durchs Zentralmassiv, das Jura und die Alpen. Dann ging er mit einem 57-Sekunden-Polster auf seinen Landsmann Tadej Pogačar ins Zeitfahren zur Planche des Belles Filles. So wurde, wussten wir, die Tour gewonnen. Endlich war Rogličs Zeit gekommen. Jumbo–Visma hatte über die Jahre aufgebaut, aufgebaut und aufgebaut, sich 2018 und 2019 gegen Sky und Ineos getestet, immer ein kleines Defizit gehabt, daraus gelernt, die Grundlagen konsolidiert und den Kader verstärkt, bis das Team 2020 schließlich bereit war. Die Gelb-Schwarzen hatten den richtigen Kapitän, das richtige Team, den richtigen Plan und zu 95 Prozent der Tour die richtige Route. Das Einzige, was sie nicht hatten – wie der Rest von uns –, war die Vorstellungskraft, zu sehen, wozu Pogačar fähig war.

Der warme Glanz eines Septemberabends in Paris beleuchtete die letzten Aktionen der Tour de France 2020. Im Juli geht die Sonne hinter dem Arc du Triomphe unter, ihre letzten Strahlen fallen direkt hindurch und süd.stlich die Champs-Élysées hinunter, aber so spät im Jahr geht die Sonne im Westen unter. Sie warf ein ungewöhnliches Licht auf eine ungewöhnliche Tour, und das Podium wurde aus einem anderen Winkel angestrahlt. Alles war ein bisschen anders bei der diesjährigen Tour – die Fahrer waren in Nizza gestartet, hatten 21 Etappen absolviert und Paris wie geplant erreicht, aber der Schatten der Corona-Pandemie, der das Rennen verdüsterte und zum Stillstand zu bringen drohte, fand seinen Ausdruck im scharfen Licht und langen Halbdunkel der Herbstnachmittage, durch die das Peloton fuhr. Es war vertraut, aber anders.

Die Eule von Minerva, schrieb Hegel, spreizt ihre Flügel erst, wenn der Abend dämmert. Das heißt, dass Geschichte erst am Ende des Tages geschrieben werden kann. Erst wenn wir zurückschauen, wenn alles gesagt und getan ist, können wir die Bedeutung dessen verstehen, was wir gesehen haben. Alles, was die Tour im Pariser Abendlicht reflektieren konnte, war, dass ihr bloßes Dasein so etwas wie ein Wunder war, aber man konnte auch über eine Tour reflektieren, die auf dramatischste Art am letzten Gesamtwertungstag entschieden wurde, seit Greg LeMond die Tour 1989 um acht Sekunden gewann. Wir dachten, dass wir die Geschichte der 107. Auflage der Tour schon kannten. Die Gestalt des Rennens schien aus einer Form gegossen zu sein, die mehrere Versionen des Teams Ineos seit 2012 erschaffen hatten. Jumbo–Visma war das neue Ineos – sogar besser als das Original, wie es schien. Die Truppe konnte die Dauphiné vor der Tour zwar nicht gewinnen, erwies sich dort aber als stärkstes Team mit dem stärksten Fahrer: Primož Roglič. 

Als die Tour losging, schien Roglič der designierte Champion zu sein. Jedes Mal, wenn die Straße steiler wurde, erstickte eine Reihe von Fahrern in Gelb und Schwarz das Rennen, und während andere Teams in der letzten Selektion auf einen oder höchstens zwei Fahrer reduziert wurden, zählte Jumbo regelmäßig mindestens vier Mann. Roglič machte keinen Fehler: ein Etappensieg in Orcières-Merlette am vierten Tag, ins Gelbe Trikot auf der 9. Etappe, souverän durchs Zentralmassiv, das Jura und die Alpen. Dann ging er mit einem 57-Sekunden-Polster auf seinen Landsmann Tadej Pogačar ins Zeitfahren zur Planche des Belles Filles. So wurde, wussten wir, die Tour gewonnen. Endlich war Rogličs Zeit gekommen. Jumbo–Visma hatte über die Jahre aufgebaut, aufgebaut und aufgebaut, sich 2018 und 2019 gegen Sky und Ineos getestet, immer ein kleines Defizit gehabt, daraus gelernt, die Grundlagen konsolidiert und den Kader verstärkt, bis das Team 2020 schließlich bereit war. Die Gelb-Schwarzen hatten den richtigen Kapitän, das richtige Team, den richtigen Plan und zu 95 Prozent der Tour die richtige Route. Das Einzige, was sie nicht hatten – wie der Rest von uns –, war die Vorstellungskraft, zu sehen, wozu Pogačar fähig war.

Procycling - Ausgabe 201 / November 2020



Diesen und viele weitere spannende Artikel,
Reportagen und Tests finden Sie
in der Procycling Ausgabe 201 / November 2020.