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Ausgabe 199 / September 2020

Vision 2020

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Die Tour 2020 ist bereits eine Anomalie, findet sie doch im September statt und nicht zur üblichen Zeit im Juli. Aber es ist aus noch mehr Gründen ein revolutionäres Ereignis. Procycling blickt voraus auf ein Rennen voller Gefahren.
Das Alleinstellungsmerkmal der Route der Tour de France 2020 ist, dass sie kein Alleinstellungsmerkmal hat. In den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren hatte die Aufnahme von Alpe d’Huez und sein oft entschei­dender Einfluss auf das Rennen den Berg zu einem so natürlichen Höhepunkt gemacht, dass der Radsportjournalist Jean-Paul Vespini darüber ein Buch namens Le Grand Roman de l’Alpe d’Huez schrieb. Wenn Vespini einen Anschlussroman aufgrund der Route von 2020 schreiben würde, hätte er keinen Titel parat, denn statt ein oder zwei Hauptschauplätzen ist das Rennen in viele kleine Gefechte unterteilt. Es ist eine Tour für die moderne Aufmerksamkeitsspanne. Die Fahrer sagen manchmal, dass sie das Rennen Tag für Tag in Angriff nehmen; dies ist eine Tour, die Minute für Minute in Angriff genommen werden muss. 
 
Natürlich existiert die Tour für die Fans vor Ort immer nur in der Gegenwart. Der Moment, die Atmosphäre und die Reizüberflutung sind das Ding. Der Zuschauer am Straßenrand hat für einen flüchtigen Moment eine größere Nähe zum Geschehen, als jeder Fußballfan sie je hat; gleichzeitig kann kein Zuschauer am Straßenrand je den größeren Zusammenhang sehen und verstehen. 
Die Tour de France, eine Erfindung der Printmedien, erzählt zuallererst eine Geschichte. Ihr bestes Marketing war immer ihr Narrativ, und 
da es unmöglich ist, dieses Narrativ als Live-Zuschauer zu erfassen, ist die Präsentation dieses Narrativs immer das größte Verkaufsargument der Veranstaltung. Die Tour dauert drei Wochen und hat, wie alle guten Geschichten, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.
Am Anfang waren Zeitungen das wichtigste Mittel der Berichterstattung. Die epischen Ausdauerheldentaten der frühen Frankreich-Rundfahrten passten perfekt zur Fähigkeit der Journalisten, wortreiche und epische Geschichten zu kreieren, um das Rennen zu beschreiben. Aber obwohl die Tour immer noch mit den besten Journalismus im Sport hervorbringt, hat sie sich im Laufe der Jahre an jedes neue Medienökosystem angepasst, um sich besser zu verkaufen. 
Als das Radio den Event in den 1950ern und 1960ern populär machte, wurden die Spannung und die Ergebnisse spezieller Kämpfe wichtiger als die Prüfung der Ausdauer. Bei den Duellen zwischen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor klebte das französische Publikum am Radio. Das Fernsehen machte die Tour von den 1970ern an, besonders aber in den 1980ern zu einer visuellen Erfahrung. Die Trikots wurden farbenfroh und die Etappen kürzer, um sich besser auf Highlight-­Pakete reduzieren zu lassen und mehr Action hervorzurufen statt einer allmählichen Zermürbung der Fahrer. Hochauflösendes Fernsehen hat die Landschaft zum Star gemacht, und da die Einführung dieser Technologie mit der ausführlichen Übertragung jeder Etappe zusammenfiel, gab sie uns auch dann etwas anzuschauen, wenn beim Rennen nicht viel passierte.
 
Das Internet hat die Dinge schließlich noch einmal verändert. Erst spiegelte das Internet nur die schon veröffentlichte schriftliche Berichterstattung wider, nur sehr viel schneller, als jede gedruckte Zeitung es je könnte. Es machte die Dinge auch umfassender – es gab wieder komplette Ergebnislisten, nachdem sie jahrelang aus Platzgründen auf die Top Ten gekürzt worden waren. 
Aber die Tour 2020 verdankt dem Web viel mehr als dem Fernsehen. Sie baut sich nicht auf wie eine Symphonie. Man kann sich fast vorstellen, wie die Organisatoren ihre Route runterscrollen, hin und wieder einen Berg oder einen Seitenwindabschnitt anklicken, um einen spannenden, aber kurzlebigen visuellen Hit zu zeigen, bevor das Scrollen zur nächsten Sache weitergeht. Es springt von Etappe zu Etappe – zwei Anstiege der 1. Kategorie auf der 2. Etappe, die erste große Bergankunft auf der 
4. Etappe und eine weitere Bergankunft auf der 6. Etappe. Bei der Streckenpräsentation im Oktober erwähnte Tour-Chef Christian Prudhomme selbst ein Thema, über das er seit einiger Zeit spricht, wenn er die „Zivilisation des Zappens“ erwähnt, die die Struktur des Rennens so offensichtlich beeinflusst hat. Postmoderne Philosophen haben eine Tendenz zur zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft ausgemacht – vielleicht ist 2020 die erste postmoderne Tour.

Das Alleinstellungsmerkmal der Route der Tour de France 2020 ist, dass sie kein Alleinstellungsmerkmal hat. In den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren hatte die Aufnahme von Alpe d’Huez und sein oft entschei­dender Einfluss auf das Rennen den Berg zu einem so natürlichen Höhepunkt gemacht, dass der Radsportjournalist Jean-Paul Vespini darüber ein Buch namens Le Grand Roman de l’Alpe d’Huez schrieb. Wenn Vespini einen Anschlussroman aufgrund der Route von 2020 schreiben würde, hätte er keinen Titel parat, denn statt ein oder zwei Hauptschauplätzen ist das Rennen in viele kleine Gefechte unterteilt. Es ist eine Tour für die moderne Aufmerksamkeitsspanne. Die Fahrer sagen manchmal, dass sie das Rennen Tag für Tag in Angriff nehmen; dies ist eine Tour, die Minute für Minute in Angriff genommen werden muss. 
 
Natürlich existiert die Tour für die Fans vor Ort immer nur in der Gegenwart. Der Moment, die Atmosphäre und die Reizüberflutung sind das Ding. Der Zuschauer am Straßenrand hat für einen flüchtigen Moment eine größere Nähe zum Geschehen, als jeder Fußballfan sie je hat; gleichzeitig kann kein Zuschauer am Straßenrand je den größeren Zusammenhang sehen und verstehen. 
Die Tour de France, eine Erfindung der Printmedien, erzählt zuallererst eine Geschichte. Ihr bestes Marketing war immer ihr Narrativ, und 
da es unmöglich ist, dieses Narrativ als Live-Zuschauer zu erfassen, ist die Präsentation dieses Narrativs immer das größte Verkaufsargument der Veranstaltung. Die Tour dauert drei Wochen und hat, wie alle guten Geschichten, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.
Am Anfang waren Zeitungen das wichtigste Mittel der Berichterstattung. Die epischen Ausdauerheldentaten der frühen Frankreich-Rundfahrten passten perfekt zur Fähigkeit der Journalisten, wortreiche und epische Geschichten zu kreieren, um das Rennen zu beschreiben. Aber obwohl die Tour immer noch mit den besten Journalismus im Sport hervorbringt, hat sie sich im Laufe der Jahre an jedes neue Medienökosystem angepasst, um sich besser zu verkaufen. 
Als das Radio den Event in den 1950ern und 1960ern populär machte, wurden die Spannung und die Ergebnisse spezieller Kämpfe wichtiger als die Prüfung der Ausdauer. Bei den Duellen zwischen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor klebte das französische Publikum am Radio. Das Fernsehen machte die Tour von den 1970ern an, besonders aber in den 1980ern zu einer visuellen Erfahrung. Die Trikots wurden farbenfroh und die Etappen kürzer, um sich besser auf Highlight-­Pakete reduzieren zu lassen und mehr Action hervorzurufen statt einer allmählichen Zermürbung der Fahrer. Hochauflösendes Fernsehen hat die Landschaft zum Star gemacht, und da die Einführung dieser Technologie mit der ausführlichen Übertragung jeder Etappe zusammenfiel, gab sie uns auch dann etwas anzuschauen, wenn beim Rennen nicht viel passierte.
 
Das Internet hat die Dinge schließlich noch einmal verändert. Erst spiegelte das Internet nur die schon veröffentlichte schriftliche Berichterstattung wider, nur sehr viel schneller, als jede gedruckte Zeitung es je könnte. Es machte die Dinge auch umfassender – es gab wieder komplette Ergebnislisten, nachdem sie jahrelang aus Platzgründen auf die Top Ten gekürzt worden waren. 
Aber die Tour 2020 verdankt dem Web viel mehr als dem Fernsehen. Sie baut sich nicht auf wie eine Symphonie. Man kann sich fast vorstellen, wie die Organisatoren ihre Route runterscrollen, hin und wieder einen Berg oder einen Seitenwindabschnitt anklicken, um einen spannenden, aber kurzlebigen visuellen Hit zu zeigen, bevor das Scrollen zur nächsten Sache weitergeht. Es springt von Etappe zu Etappe – zwei Anstiege der 1. Kategorie auf der 2. Etappe, die erste große Bergankunft auf der 
4. Etappe und eine weitere Bergankunft auf der 6. Etappe. Bei der Streckenpräsentation im Oktober erwähnte Tour-Chef Christian Prudhomme selbst ein Thema, über das er seit einiger Zeit spricht, wenn er die „Zivilisation des Zappens“ erwähnt, die die Struktur des Rennens so offensichtlich beeinflusst hat. Postmoderne Philosophen haben eine Tendenz zur zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft ausgemacht – vielleicht ist 2020 die erste postmoderne Tour.

Procycling - Ausgabe 199 / September 2020



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in der Procycling Ausgabe 199 / September 2020.