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Ausgabe 199 / September 2020

Wenn nicht jetzt, wann dann?

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Tom Dumoulin ist seit einigen Jahren einer der besten Rundfahrer der Welt, doch er hat sich nie auf die Tour konzentriert. Procycling gegenüber erzählt er, warum er das französische Rennen 2020 endlich zum Mittelpunkt seiner Saison gemacht hat.
Als Tom Dumoulin aus heiterem Himmel Sechster der Vuelta a España 2015 wurde und ihn gerade mal zwei Berge davon trennten, das Ding nach Hause zu fahren, war die erste Frage, die sich die Radsportwelt stellte: Kann er die Tour de France gewinnen? Dumoulin hat die klassischen Eigenschaften des modernen Toursiegers – der Rouleur/Zeitfahrer, der mit den Besten klettern kann –, obwohl er größer als der Durchschnitt ist. Die meisten Toursieger der letzten 40 Jahre – Bernard Hinault, Laurent Fignon, Greg LeMond, Stephen Roche, Miguel Indurain, Jan Ullrich, Bradley Wiggins, Cadel Evans, Geraint Thomas und sogar Chris Froome – gehörten zu diesem Fahrertyp. Man kann die Kletterer verklären, wie man will, doch im Radsport gibt es heutzutage an den Zahlen nichts zu rütteln. 
Fünf Jahre nach Dumoulins Durchbruch bei der Vuelta stellen wir uns immer noch dieselbe Frage, irgendwie. Wir haben eine partielle Antwort: Der zweite Platz bei der Grande Boucle 2018 war ein ebenso guter Indikator für sein Potenzial wie seine anderen großen Ergebnisse bei großen Rundfahrten – Erster und Zweiter beim Giro d’Italia 2017 und 2018 –, aber man hat das Gefühl, dass wir bei dem französischen Rennen noch nicht das Beste von Tom Dumoulin gesehen haben. 
Und das kann ein Problem sein. Der Holländer feiert Ende 2020 seinen 30. Geburtstag; damit ist er nicht alt für einen Radprofi, sondern nahe an seinem körperlichen Zenit, ungeachtet seiner Verletzungen 2019. Aber der amtierende Champion Egan Bernal ist 23, und die kommenden Männer im Radsport – Tadej Pogacar und Remco Evene­poel – sind sogar noch jünger. Andererseits sind von den vier Fahrern, die als Favoriten für das Gelbe Trikot bei der Tour in diesem Jahr gelten können, Froome und Thomas Mitte 30, während Primož Roglic und Thibaut Pinot ebenfalls 30 sind.
 
Bei Dumoulin war es jedoch eine Frage der Prioritäten. Er sagt selbst, dass einer der Gründe, wa­rum er die Tour noch nicht gewonnen hat, eher simpel ist: „Ich habe es noch nicht probiert“, sagt er halb im Scherz. Er legte 2016 nach seinem Vuelta-Durchbruch nicht gleich nach, sondern konzentrierte sich in jenem Jahr auf das Zeitfahren bei Olympia. 2017 gewann er den Giro und bestätigte sein Potenzial als Rundfahrer. Aber 2018 war kompliziert. Jeweils Zweiter beim Giro und der Tour war eine hervorragende Leistung, doch er gewann keines der beiden Rennen. Die Fans auf der heimischen Couch und selbsternannten Sportdirektoren erklärten es ihm: Hättest du nicht versucht, deinen Titel beim Giro zu verteidigen, hättest du vielleicht die Tour gewonnen. Und dann kam 2019: Ein früher Sturz bedeutete sein Giro-Aus, dann ließ ihn die Katerstimmung – sowohl physisch als auch ­psychologisch – den Rest des Jahres praktisch keine Rennen mehr fahren. Durch die Pandemie ist 
die Zeit, in der wir über Tom Dumoulins Schicksal bei der Tour spekulieren, nun auf über fünf Jahre gestiegen. 
„Ich war Zweiter der Tour 2018, aber selbst da lag mein Fokus vielleicht mehr auf dem Giro als auf der Tour“, sagt Dumoulin. „Es muss nicht unbedingt schlecht sein, dass ich mich noch nie ganz auf die Tour konzentriert habe. Und es heißt nicht, dass es definitiv besser läuft, wenn ich das tue. Ich denke, ich habe noch fünf, sechs, vielleicht sieben Jahre in den Beinen, in denen ich um den Sieg kämpfen kann und körperlich und mental stark genug sein sollte, es auszutragen. Ich hatte in der Vergangenheit einfach andere Prioritäten“, fährt er fort. „In den ersten Jahren meiner Karriere war ich kein Rundfahrer. Das fing erst 2015 an, mit der Vuelta. Aber ich hatte mich bereits lange auf Rio konzentriert und wollte das nicht wegwerfen. Ich bin bisher einfach nicht dazu gekommen, mich voll und ganz auf die Tour de France zu konzentrieren. Es könnte sein, dass dies das erste Jahr von mehreren ist, in denen ich mich definitiv auf die Gesamtwertung der Tour de France konzentriere.“ 

Als Tom Dumoulin aus heiterem Himmel Sechster der Vuelta a España 2015 wurde und ihn gerade mal zwei Berge davon trennten, das Ding nach Hause zu fahren, war die erste Frage, die sich die Radsportwelt stellte: Kann er die Tour de France gewinnen? Dumoulin hat die klassischen Eigenschaften des modernen Toursiegers – der Rouleur/Zeitfahrer, der mit den Besten klettern kann –, obwohl er größer als der Durchschnitt ist. Die meisten Toursieger der letzten 40 Jahre – Bernard Hinault, Laurent Fignon, Greg LeMond, Stephen Roche, Miguel Indurain, Jan Ullrich, Bradley Wiggins, Cadel Evans, Geraint Thomas und sogar Chris Froome – gehörten zu diesem Fahrertyp. Man kann die Kletterer verklären, wie man will, doch im Radsport gibt es heutzutage an den Zahlen nichts zu rütteln. 
Fünf Jahre nach Dumoulins Durchbruch bei der Vuelta stellen wir uns immer noch dieselbe Frage, irgendwie. Wir haben eine partielle Antwort: Der zweite Platz bei der Grande Boucle 2018 war ein ebenso guter Indikator für sein Potenzial wie seine anderen großen Ergebnisse bei großen Rundfahrten – Erster und Zweiter beim Giro d’Italia 2017 und 2018 –, aber man hat das Gefühl, dass wir bei dem französischen Rennen noch nicht das Beste von Tom Dumoulin gesehen haben. 
Und das kann ein Problem sein. Der Holländer feiert Ende 2020 seinen 30. Geburtstag; damit ist er nicht alt für einen Radprofi, sondern nahe an seinem körperlichen Zenit, ungeachtet seiner Verletzungen 2019. Aber der amtierende Champion Egan Bernal ist 23, und die kommenden Männer im Radsport – Tadej Pogacar und Remco Evene­poel – sind sogar noch jünger. Andererseits sind von den vier Fahrern, die als Favoriten für das Gelbe Trikot bei der Tour in diesem Jahr gelten können, Froome und Thomas Mitte 30, während Primož Roglic und Thibaut Pinot ebenfalls 30 sind.
 
Bei Dumoulin war es jedoch eine Frage der Prioritäten. Er sagt selbst, dass einer der Gründe, wa­rum er die Tour noch nicht gewonnen hat, eher simpel ist: „Ich habe es noch nicht probiert“, sagt er halb im Scherz. Er legte 2016 nach seinem Vuelta-Durchbruch nicht gleich nach, sondern konzentrierte sich in jenem Jahr auf das Zeitfahren bei Olympia. 2017 gewann er den Giro und bestätigte sein Potenzial als Rundfahrer. Aber 2018 war kompliziert. Jeweils Zweiter beim Giro und der Tour war eine hervorragende Leistung, doch er gewann keines der beiden Rennen. Die Fans auf der heimischen Couch und selbsternannten Sportdirektoren erklärten es ihm: Hättest du nicht versucht, deinen Titel beim Giro zu verteidigen, hättest du vielleicht die Tour gewonnen. Und dann kam 2019: Ein früher Sturz bedeutete sein Giro-Aus, dann ließ ihn die Katerstimmung – sowohl physisch als auch ­psychologisch – den Rest des Jahres praktisch keine Rennen mehr fahren. Durch die Pandemie ist 
die Zeit, in der wir über Tom Dumoulins Schicksal bei der Tour spekulieren, nun auf über fünf Jahre gestiegen. 
„Ich war Zweiter der Tour 2018, aber selbst da lag mein Fokus vielleicht mehr auf dem Giro als auf der Tour“, sagt Dumoulin. „Es muss nicht unbedingt schlecht sein, dass ich mich noch nie ganz auf die Tour konzentriert habe. Und es heißt nicht, dass es definitiv besser läuft, wenn ich das tue. Ich denke, ich habe noch fünf, sechs, vielleicht sieben Jahre in den Beinen, in denen ich um den Sieg kämpfen kann und körperlich und mental stark genug sein sollte, es auszutragen. Ich hatte in der Vergangenheit einfach andere Prioritäten“, fährt er fort. „In den ersten Jahren meiner Karriere war ich kein Rundfahrer. Das fing erst 2015 an, mit der Vuelta. Aber ich hatte mich bereits lange auf Rio konzentriert und wollte das nicht wegwerfen. Ich bin bisher einfach nicht dazu gekommen, mich voll und ganz auf die Tour de France zu konzentrieren. Es könnte sein, dass dies das erste Jahr von mehreren ist, in denen ich mich definitiv auf die Gesamtwertung der Tour de France konzentriere.“ 

Procycling - Ausgabe 199 / September 2020



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in der Procycling Ausgabe 199 / September 2020.