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Ausgabe 185 / Juli 2019

Ruhe vor dem Sturm

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Dylan Groenewegen ist einer der formstärksten Sprinter 2019; im vergangenen Jahr hat er zwei Tour-Etappen gewonnen. Aber der holländische Fahrer ist ein zurückhaltender Typ, der nicht viel von sich preisgibt. Procycling trifft den schnellsten Mann des Pelotons, der am liebsten seine Beine sprechen lässt.

Der gelb-schwarze Jumbo–Visma-Bus bildet einen starken Kontrast zum graubraunen Backstein des Boulevard Alexandre III im Zentrum von Dünkirchen. Eine Handvoll Leute wartet draußen. Die meisten sind Einheimische im Rentenalter, die einen neugierigen Blick über die Absperrung vor dem Bus werfen. Dahinter sind sieben himmelblaue Bianchi in Fahrradständer geklemmt und werden vor dem Rennen ein letztes Mal inspiziert. Ein Mann mit einer Kamera um den Hals macht ein paar Fotos, um die Invasion von Aliens in seiner Stadt zu dokumentieren. Eine Frau geht entschlossen vorbei, die Einkaufstüte fest in der Hand und Kopfhörer im Ohr, wirft kaum einen Blick auf die Busse, die die Hauptstraße in Beschlag genommen haben. Es ist Dienstagvormittag, und das Leben steht nicht still, weil ein Rennen in der Stadt ist. Um viertel vor zwölf steigt Dylan Groenewegen aus dem Bus, Helm und Sonnenbrille auf, um zum Einschreiben auf die Bühne zu gehen. Es spricht sich herum, dass hier etwas los ist, aber auf mehr als ein Dutzend schwillt das Publikum nicht an. Es sind nur noch gut sechs Wochen bis zum Beginn der Tour de France, und alle Sprinter, die am 6. Juli in Brüssel auf der Startliste stehen wollen, geben ihrer Form jetzt den letzten Schliff. Viele haben den schweren Giro d’Italia als Vorbereitung gewählt: Fernando Gaviria, Elia Viviani und Caleb Ewan. Andere haben sich für das sonnigere Wetter und die breiteren Straßen der Kalifornien-Rundfahrt entschieden: Peter Sagan und Mark Cavendish. Aber abseits des Rampenlichts und des Interesses der Radsport-Journalisten aus aller Welt steigt Groenewegen nach sechs Wochen Auszeit in einer grauen Nordseestadt bei den Vier Tagen von Dünkirchen wieder ins Renngeschehen ein. Anders als bei den gleichzeitig ausgetragenen Rennen, bei denen seine Rivalen fahren, sind hier keine Horden von internationalen Medien, nicht mal eine einzige Fernsehkamera ist auf ihn gerichtet. Es ist ein kleiner Rahmen für den Sprinter, der 2019 bisher der erfolgreichste ist. Aber untertrieben scheint Groenewegen es zu mögen. Am Ende der Woche wird der Holländer bei dem sechstägigen Rennen dreimal gewonnen und seine Siegesausbeute Mitte Mai auf acht hochgeschraubt haben – 50 Prozent mehr als seine größten Rivalen Gaviria, Viviani and Ewan zum gleichen Zeitpunkt. Die jüngere Geschichte zeigt, dass die Tour de France jedes Jahr tendenziell von einem Sprinter dominiert wird, und wenn man den Statistiken oder den Formkurven folgt, könnte man darauf wetten, dass Groenewegen in diesem Jahr dieser Fahrer sein wird.

Die Tour war der Wendepunkt bei Groenewegens Aufstieg vom jungen Senkrechtstarter zum A-Promi unter den Sprintern. 2017 schaffte der holländische Fahrer nach einer Serie von Podiums- und Top-Ten-Plätzen, was vielen seiner Rivalen nicht gelang: Er schaffte es bis Paris, wo er auf den Champs-Élysées seine erste Grand-Tour-Etappe gewann. In den zwei Jahren seitdem haben die Siege nicht aufgehört. 24, um genau zu sein – mit 14 in der vergangenen Saison, darunter Kuurne, drei Etappen von Paris–Nizza, Driedaagse Brugge–De Panne und zwei weitere Siege bei der Tour 2018, war er der erfolgreichste Sprinter. In Anbetracht seines Palmarès sollte man denken, dass Groenewegen überall, wo er auftaucht, für Aufregung sorgt. Doch der Niederländer, zumindest die öffentliche Version von ihm, scheint nicht der typische Sprinter zu sein. Sprinter tendieren von Natur aus dazu, ein Ego zu haben. Sie sind die Fußballstürmer, die Rugby-Try-Scorer, die Fahrer, von denen erwartet wird, regelmäßig zu punkten. Sie sind diejenigen, deren Name auf der Ergebnisliste steht, die die Vorarbeit des Teams vollenden, die im Rampenlicht stehen. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, ist ganz natürlich für sie. Der Job eines Sprinters ist, eine so große und schnelle Wirkung wie möglich zu erzielen. Schnell, furios und voller Adrenalin, sind sie ein Topf mit kochendem Wasser, das vor sich hin siedet, um im richtigen Moment überzukochen. All diese Energie unter einem Deckel zu halten heißt, dass ihre Persönlichkeit abseits der Straße oft so explosiv ist wie ihre Füße auf den Pedalen. Aber nicht Groenewegen. Der Mann, den Procycling trifft und auf Pressekonferenzen oder Mixed Zones erlebt hat, scheint diese Großspurigkeit nicht zu haben. Er hat kein hitzköpfiges Temperament wie der junge Mark Cavendish, ist kein Selbstdarsteller à la Mario Cipollini. Er macht keine Wheelies vor der Kamera wie Peter Sagan. Er ist im Moment wahrscheinlich der schnellste Sprinter der Welt, aber er mag es nicht, damit anzugeben. Statt abseits der Straße für Schlagzeilen zu sorgen, scheint er damit zufrieden zu sein und es zu bevorzugen, einfach seine Beine sprechen zu lassen.

Als Procycling ihn trifft, ist Groenewegen sogar noch stiller und reservierter, als wir erwartet haben. Er ist höflich, freundlich, nimmt sich die Zeit für ein Selfie mit einem Jungen, der vorbeikommt und ihn bemerkt, und lächelt die ganze Zeit. Aber seine Antworten während unseres ganzen Interviews sind kurz und prägnant. Kaum mehr als ein paar Sekunden lang, genau wie seine Sprints. Viel über den Charakter hinter dem schnellen Sprinter zu erfahren, erweist sich als schwierig. Statt beim Thema Radsport oder Sprinten geht Groenewegen während unseres Gesprächs am meisten aus sich heraus, als er darüber spricht, dass sein geliebtes Ajax-Fußballteam im Halbfinale der Champions League nach einem Tor von Tottenham in letzter Minute ausgeschieden ist. Aber zurück zum Radsport. Fühlt er sich physisch in diesem Jahr anders als 2018? „Ja, ich weiß nicht, ich fühle mich gut, aber ja … Ich glaube, ich bin dieses Jahr vielleicht ein bisschen stärker als letztes Jahr, aber das ist ein kleines Prozent, daher denke ich, körperlich ein bisschen stärker, ich weiß nicht.“ Wo ordnet er sich zwischen seinen Rivalen ein? „Sie sind auch wirklich starke Fahrer, es ist gut, mit ihnen zu fahren, und es ist auch gut, sie zu schlagen. Sie sind wirklich starke Fahrer, aber jedes Rennen ist anders. Sie sind beim Giro, vielleicht sind sie bei der Tour de France, wir werden sie wieder sehen.“ Glaubt er, dass er im Moment der schnellste Sprinter der Welt ist? „Ich glaube, einer der schnellsten, es gibt viele gute Sprinter. Ich glaube, Viviani und Gaviria sind wirklich stark, aber da ist auch noch Caleb Ewan, der wirklich stark ist. Ich denke, das sind die Sprinter, die mit mir an der Spitze stehen. Jedes Rennen ist anders.“ Was ist der größte Vorteil, den er gegenüber seinen Rivalen hat? „Ich weiß nicht. Ich sprinte, so hart ich kann. Ich weiß nicht, was unsere Taktik ist oder so … Du siehst die Ziellinie und du sprintest mit Vollgas und du hoffst.“

Groenewegens zurückhaltende Persönlichkeit fasst in vielerlei Hinsicht das Ethos des Jumbo–Visma-Teams zusammen. Er kam 2016 mit 22 Jahren von Roompot-Charles in das holländische Team, als außerhalb des lokalen Netzwerks wenig über ihn bekannt war. Als er unter Vertrag genommen wurde, hatte das Team – damals LottoNL–Jumbo – gerade eines der schlechtesten Jahre in seiner Geschichte hinter sich, nur sechs Rennen gewonnen und hing am unteren Ende der WorldTour-Rangliste fest. Kaum eine verlockende Umgebung für einen jungen Fahrer. Aber Groenewegen wollte zu einer holländischen Mannschaft und traf sich also mit Manager Richard Plugge und Trainer Merijn Zeeman. Letzter hatte 2011 bei Skil-Shimano geholfen, das Sprint-Potenzial von Marcel Kittel freizusetzen. Das Duo war im Begriff, das Team neu aufzustellen, und das Kernstück war, eine starke Sprinter- und Anfahrer-Fraktion aufzubauen. Das Team verdankt seinen Erfolg der letzten Jahre und seine Stärke in der Tiefe klugen Einkäufen und einem Fokus auf die Entwicklung von Talenten wie Groenewegen und Primož Roglič und gab kein großes Geld für etablierte Stars aus. Dass Groenewegen so bescheiden daherkomme, so Zeeman, passe in die Kultur und das Ethos des Teams. „Jeder kann in unserem Team er selbst sein, aber am Ende stehen viele Leute hinter Dylan, die es auch möglich machen, dass er gewinnt. Er braucht das schnellste Rad, er braucht die beste Ernährung, er braucht das beste Training, er braucht die besten Teamkollegen. Viele Leute stecken viel Arbeit in seine Leistung, wenn am Ende nur einer dafür die Lorbeeren bekäme … Es ist auch wichtig für unser Team, dass alle jetzt erkennen, dass niemand das alleine schaffen kann. Du brauchst wirklich die ganzen Leute um dich herum und die ganze Energie, die hineingesteckt wird“, sagt er. „Ich glaube, wir sollten alle erkennen, dass keiner größer ist als das Team.“

Procycling - Ausgabe 185 / Juli 2019


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