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Ausgabe 185 / Juli 2019

Jetzt oder nie

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Ist es nach seinem großen Durchbruch 2013 jetzt zu spät für Nairo Quintana, als erster Kolumbianer die Tour de France zu gewinnen? Procycling fragt, ob er dieses Jahr die letzte Chance auf das Gelbe Trikot hat.

Vor sechs Jahren, als die Tour de France 2013 schon eine Weile im Gange war, fragte der ehemalige Radsportstar und heutige Kommentator Sean Kelly – wie alle anderen im Presseraum – nach Hintergrundinformationen über den Newcomer Nairo Quintana. Der Kolumbianer war Kelly schon aufgefallen, da er als einziger Fahrer versuchte, die Dominanz von Sky zu brechen, indem er auf der ersten Pyrenäen-Etappe am Pailhères-Pass einen frühen Angriff startete. Seine Attacke wurde neutralisiert, doch sie war stark genug, um Kelly zu beeindrucken. Als aber ein Journalist vorhersagte, dass Quintana es auf das Podium in Paris schaffen könnte, grinste der Ire nur und sagte: „Das wird nicht passieren.“ Es passierte dennoch. Quintanas zweiter Platz hinter Chris Froome in dem Jahr machte ihn zum ersten Kolumbianer auf dem Tour-Podium, seit Fabio Parra 1988 Dritter wurde, und zum ersten Tour-Debütanten seit Jan Ullrich 1996, der auf Anhieb den zweiten Platz erreichte. Außerdem war Quintana mit 23 Jahren der jüngste Fahrer, der die Bergwertung gewann – seit Charly Gaul 1955 mit 22 Jahren. Und indem er das Gepunktete Trikot und das Trikot des besten Jungprofis errang, tat er, was kein Fahrer seit Eddy Merckx 1969 getan hatte, und holte bei seinem Tour-Debüt zwei Trikots in untergeordneten Wertungen.All das zusammen ergab ein formidables Zeugnis. Und als Quintana seinen Sieg beim Giro d’Italia 2014 folgen ließ, schien ein Tour-de-France-Sieg für den Movistar-Fahrer nur eine Frage der Zeit zu sein. „Er wird als erster Kolumbianer die Tour de France gewinnen“, sagte der frühere Tour- und Vuelta-Sieger Pedro Delgado vor vier Jahren zu Procycling. Doch in der Folge tat sich Quintana im Juli zunehmend schwerer. Er war 2015 Zweiter, nachdem er Froome auf dem Weg nach Alpe d’Huez, der letzten großen Kletterpartie des Rennens, fast entthront hätte.

Quintanas letzter Podiumsplatz bei der Tour war 2016, als er Dritter wurde. Sein letzter Grand-Tour-Sieg war die Vuelta jenes Jahres. Er weckte Hoffnungen darauf, im folgenden Jahr das erreichen zu können, was die Kolumbianer el sueño amarillo nennen – den gelben Traum. Aber auf eine knappe Niederlage beim Giro 2017 folgte ein zwölfter Platz bei der Tour in jenem Jahr, dann ein zehnter bei der Tour und achter bei der Vuelta a España 2018. Tatsächlich war 2018 die erste Saison seit 2012, in der Quintana bei keiner großen Rundfahrt auf dem Podium stand. Sein Tour-Etappensieg in den Pyrenäen im letzten Jahr verdeutlichte nur, wie weit Movistars vielgepriesenes Kapitäns-Triumvirat – Quintana, Mikel Landa und Alejandro Valverde – im Juli hinter den Erwartungen blieb. Doch in Bezug auf Quintana war das Gefühl der Enttäuschung besonders intensiv. Zumindest öffentlich ist das Vertrauen von Movistar zu Quintana als Toursieger trotz der nachlassenden Resultate unerschüttert. Teammanager Eusebio Unzué sagt zu Procycling: „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass es nicht passieren kann. Ich glaube immer noch an ihn. Wie könnte ich die Hoffnung in ihn verlieren?“ Und er fährt fort: „Die Ergebnisse im letzten Jahr waren einer Reihe besonderer Umstände geschuldet – einer ist, dass man nie sagen kann, Topform sei etwas Ewiges. Und wir haben in diesem Jahr gesehen, dass er es bei Paris–Nizza und der Volta a Catalunya wirklich wissen wollte. Er scheint wieder in alter Form zu sein und ich bin sicher, wir werden mehr von diesem Fahrstil bei der Dauphiné sehen – und dann bei der Tour hoffentlich noch mehr.“

Es stimmt, dass Quintana bei Paris–Nizza in diesem März am letzten Tag noch einmal eine Offensive gegen den Gesamtsieger Egan Bernal startete. Aber Quintanas Scheitern sowie sein vierter Platz in Katalonien hinter Miguel Ángel López und Bernal zeigte, wie dicht bevölkert die kolumbianische Hierarchie heutzutage ist. Einst gab es nur Rigoberto Urán, der Quintana Konkurrenz machte, aber heute sind es López, Esteban Chaves, Bernal und in Zukunft wahrscheinlich auch Ivan Sosa. Aber ist der Tour-Zug für Quintana komplett abgefahren? Und wenn ja, warum? „Jeder Körper ist anders, und er könnte wie Damiano Cunego sein, der sehr jung gut fuhr, den Giro d’Italia gewann und dann in seinen späteren Jahren nicht so gut war“, sagt Mitchelton-Scott-Fahrer Esteban Chaves zu Procycling. „Es geht um die Genetik. Einige Fahrer starten gut und lassen dann nach. Andere Fahrer wie Chris Froome fangen eher verhalten an und werden dann die besten Rundfahrt-Spezialisten. Aber es ist eine sehr komplexe Frage, ob Nairo wieder dahin kommt, wo er einmal war. Viele Leute zeigen mit dem Finger und stellen Fragen. Aber das ist typisch, wenn du Zweiter der Tour wirst. Plötzlich ist alles für dich vorbereitet, keine Bitte ist zu groß. Wenn du dann ein Rennen verpasst, heißt es: der Nächste bitte. Sport ist in dieser Hinsicht sehr grausam. Und alle haben ein viel zu kurzes Gedächtnis – Ärzte, Rennfahrer, Sportdirektoren, Manager, alle“, sagt Chaves weiter. Aber es geht nicht nur darum, ob Quintana noch die körperliche Fähigkeit hat, die Tour zu gewinnen, wie Chaves glaubt. Alberto Contador, der erstmals 2012 regelmäßig gegen Quintana fuhr, stellt fest, dass Quintana in seiner Taktik zunehmend konservativ wird. „Seine Strategie gegen mich war sehr vorhersehbar“, sagte Contador zu Eurosport Spanien. „Ich glaube, die einzige Order, die sie ihm gegeben haben, war: ‚Bleib’ an Albertos Hinterrad.‘“ Der offensichtlichste Beleg dafür, so Contador, kam bei der Vuelta 2016, als Quintana auf der entscheidenden Etappe nach Formigal wie eine Klette an Contador klebte und so in die richtige Ausreißergruppe kam, um das Rennen zu gewinnen und Froome zu schlagen.

Trotzdem glaubt Contador, dass Quintana schon im Jahr seines Tour-Durchbruchs Risiken scheute. „Vielleicht hat diese Art, Rennen zu fahren, Quintana auch um die Tour gebracht, die er 2013 hätte gewinnen können. Im Nachhinein hat man immer leicht reden, aber wenn er in dem Jahr ambitionierter gewesen wäre, wäre das die erste Tour für Kolumbien gewesen.“ Der kolumbianische Journalist Luis Barbosa, der seit über 20 Jahren über Radsport schreibt, glaubt, dass Quintana ab 2015 eine defensivere Strategie anwandte, als er auf der 10. Etappe bei der Bergankunft in La Pierre-Saint-Martin Froome und dem damaligen Sky-Domestiken Richie Porte unterlag. Selbst gegen Froomes Helfer konnte Quintana nichts ausrichten. Dieser gewaltige Dämpfer für seine Moral könnte erklären, warum Quintana eine Weile brauchte, um Vincenzo Nibali zu folgen, als der Italiener Froome in dem Jahr in der dritten Woche in den Alpen zu attackieren begann. (Eine andere, nicht so nette Theorie ist, dass Quintana die Anweisung hatte, Alejandro Valverdes dritten Gesamtplatz zu beschützen.) Was auch immer der Grund war: Da Froome damals erklärte, unter einer Atemwegsinfektion zu leiden, kostete diese Entscheidung Quintana vielleicht den Toursieg.

Während bei Quintana langsam der Dampf aus dem Kessel entwichen ist und er seine Attacken heruntergeschraubt hat, wird spekuliert, dass Movistars Entschluss, frische Fahrer wie Mikel Landa einzukaufen, sowie ihr fortgesetztes Vertrauen in Alejandro Valverdes Rundfahrer-Qualitäten das Selbstbewusstsein des Kolumbianers untergraben haben. Dass sein Bruder Dayer aus der Mannschaft für 2019 genommen wurde, war eine weitere Veränderung, die dem Kolumbianer Berichten zufolge nicht gefiel. Derweil war das Unvermögen von Movistar, den Allrounder Jonathan Castroviejo zu behalten – einer der wenigen Teamkollegen, dem Quintana nahestand, der aber letztes Jahr zu Sky wechselte –, ein weiterer Schlag. Ein extrovertierterer Fahrer hätte versuchen können, sich in seinem Team durch ein paar gut getimte Botschaften in den Medien in eine bessere Position zu manövrieren. Aber stattdessen hielt Quintana sich bedeckt, wie so oft. Zu Hause in Kolumbien fallen die interne Politik von Movistar und Quintanas mangelnde Angriffslust bei den Rennen kaum auf, so groß sind Quintanas Popularität und sein Ansehen. Ob er bei der Tour von Movistars Co-Kapitänen umgeben ist oder alleine um den sueño amarillo kämpft, ob er defensiv oder aggressiv fährt, Quintana ist dort weiterhin der größte Favorit für den Toursieg. Er ist ein Idol für die kolumbianische Öffentlichkeit im Allgemeinen. „Rigoberto Urán hat Kolumbien das Gesamtklassement der Tour wieder schmackhaft gemacht und er hat eher eine Rockstar-Aura, die ihn umgibt“, sagt Movistar-Fahrer Winner Anacona zu Procycling. „Aber ich glaube, wenn die spanischen Jungs in unserem Team hierher kommen, um die Colombia Tour zu fahren, werden sie wirklich überrascht sein, was Nairo den normalen Leuten bedeutet, was für ein Star er in Wirklichkeit ist.“ „Nairo ist eine öffentliche Person“, schrieb der Journalist Manuel Martínez in diesem Jahr in L’Equipe. „Er ist wie die Fußballspieler Falcao oder James Rodríguez oder der Popsänger Carlos Vives – er hat sogar seine eigene Statue auf dem zentralen Platz in Cómbita, dem Ort seiner Eltern. Und er macht sich für gesellschaftliche Belange stark.“ Martínez erwähnt, dass im Februar, als eine Autobombe vor einer Polizeistation in Bogotá explodierte und 20 Menschen tötete, Quintana an dem Trauer- und Protestzug gegen Gewalt teilnahm.

Aber diejenigen, die ihn gut kennen, sind überzeugt, dass ihn dieses soziale Engagement weder ablenkt noch seine Leistung beeinträchtigt. „Er arbeitet unglaublich hart“, bescheinigt ihm Chaves. „Er ist nicht nur ein Naturtalent“, so Anacona, „sondern hat sich seinen Platz im Sport verdient. Ich bin als Amateur nie gegen ihn gefahren, aber ich erinnere mich an ihn von einem Eintagesrennen, der Clásica de Tunja, die verschiedene Rennen für alle Kategorien – U23, Junioren und so weiter – am selben Tag hat. Er war nicht der Beste, aber selbst wir Senioren konnten sehen, dass Nairo es draufhatte und entschlossen war, Erfolg zu haben.“ Er fügt hinzu: „Als er Zweiter der Tour 2013 wurde, war es eine Überraschung, aber keine so große Überraschung. Für mich war es eher eine Bestätigung dessen, was er im Vorjahr geleistet hatte und was er schon immer war.“ Auf der anderen Seite sorgen diese Popularität und diese hohe Erwartung in Kombination mit diesem frühen Erfolg für einen enormen zusätzlichen Druck. Es war fast so, als wäre Quintana verpflichtet, das Gelbe Trikot in Paris zu tragen. „Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass die Tour eine Obsession für ihn ist, aber es ist eine Art Notwendigkeit. Er hat dem Peloton und dem Rest des Feldes sowie Kolumbien im Allgemeinen schon gezeigt, dass er es kann. Er kann die Tour gewinnen“, sagt Barbosa. Wie in letzter Sekunde und vielleicht aufgrund des Gefühls, von einer jüngeren Generation verdrängt zu werden, hat sich Quintanas Rennstrategie in diesem Jahr verändert. Paris–Nizza, wo er Zweiter wurde, war ein Hinweis darauf; sein Trainerwechsel zu dem Italiener Michele Bartoli gilt als weiterer. Ebenso wie die zunehmende Zeit, die Quintana in Kolumbien verbringt, wie Barbosa erklärt. Er ist vor der diesjährigen Tour für einige Zeit in seine Heimat zurückgekehrt und hat sich ausgedehntem Höhentraining gewidmet.

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