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Ausgabe 184 / Juni 2019

Der Knoten ist geplatzt

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Gelbes Trikot bei der Baskenlandrundfahrt, Dritter bei Lüttich–Bastogne–Lüttich sowie regelmäßiger Etappensieger. 2019 ist Maximilian Schachmann endgültig in der Weltspitze angekommen. Ein Blick auf die bisherige Karriere des 25-jährigen Berliners – und auf das, was noch kommen kann.

Kälte. Nässe. Wind. Das alles scheint Maximilian Schachmann nichts auszumachen, als 40 Kilometer vor dem Ziel das schwere Finale von Lüttich–Bastogne–Lüttich eingeläutet wird. Côte de La Redoute, Côte des Forges und Côte de la Roche-aux-Faucons heißen die drei finalen Anstiege des extrem schweren Klassikers, dessen Peloton sich aufgrund der widrigen Witterungsbedingungen schon lange vorher in kleinste Gruppen aufgesplittet hat. Auf den schmalen, vom Regen nassen Straßen der belgischen Ardennen gehen immer wieder Attacken und dünnen das Feld weiter aus – trotzdem hält sich der 25-Jährige, dick eingehüllt in seine schwarze Regenjacke mit dem Logo von Bora–hansgrohe auf dem Rücken, konstant in der Gruppe der Sieganwärter. Auch als der Däne Jakob Fuglsang 15 Kilometer vor dem Ziel für die entscheidende Selektion sorgt, ist Schachmann mit von der Partie. Zwar kann er Fuglsang und auch Davide Formolo, seinem italienischen Bora-Teamkollegen, im Finale nicht folgen, doch als es wenig später auf die Zielgerade im Zentrum von Lüttich geht, ist der Berliner noch immer Teil der nur noch siebenköpfigen Verfolgergruppe. Sprinten, das kann er, weiß Schachmann. Am Ende einer strapaziösen Klassikersaison und nach 260 Kilometern in der nassen Aprilkälte ist das jedoch leichter gesagt als getan. Noch einmal holt er alles aus sich heraus, reißt am Unterlenker, hämmert in die Pedale – und gewinnt den Sprint der Verfolger um Platz drei.

Eine Podiumsplatzierung bei Lüttich–Bastogne–Lüttich – es ist das bisherige Meisterstück in der noch kurzen Profikarriere des Maximilian Schachmann. Und ein Meisterstück, das mit Jens Voigt (2005), Dietrich Thurau (1977, 1978 und 1979), Rolf Wolfshohl (1962) und Hermann Buse (1930) erst vier anderen Deutschen gelungen ist. „Es war ein unglaublich hartes Rennen. Der Körper sagt irgendwann, man solle zu treten aufhören. Aber man muss dann einfach weitertreten. Jetzt bin ich einfach überglücklich“, lässt der 25-Jährige im Ziel seinen Emotionen freien Lauf. Wie schwer das Rennen wirklich gewesen ist, erfahren die meisten Fans erst jetzt: Während weiterer Teile der sechseinhalb Stunden habe er Probleme mit den Händen gehabt. „Wegen der Kälte habe ich teilweise das Gefühl verloren. Einmal bin ich deshalb fast gestürzt. Daher habe ich kurz angehalten und neue Handschuhe angezogen. Als ich dann wieder weitergefahren bin, herrschte plötzlich eine Windkante und ich saß hinten im Feld fest – da dachte ich schon, alles wäre gelaufen. Aber es kam anders“, grinst er über sein bisher bedeutungsvollstes Resultat als Radprofi. Dass Schachmann zu Großem fähig ist, hat sich dabei schon in den Wochen vor Lüttich–Bastogne–Lüttich angedeutet. Nachdem er im Winter von der belgischen Mannschaft Quick-Step Floors zur deutschen Equipe Bora–hansgrohe gewechselt ist, fährt er seit Saisonbeginn wie entfesselt: Im März gewinnt er den italienischen Halbklassiker GP Industria e Artigianato-Larciano und eine Etappe bei der Katalonien-Rundfahrt. Bei der Baskenland-Rundfahrt Anfang April holt er insgesamt drei Etappensiege, gewinnt die Punktewertung und fährt lange im Gelben Trikot des Gesamtführenden. Und bei den anspruchsvollen Frühjahrsklassikern Amstel Gold Race und Flèche Wallonne, in ihrem Profil Lüttich–Bastogne–Lüttich nicht unähnlich, wird er jeweils Fünfter. Schachmann, das steht nach dieser beeindruckenden Serie an Topresultaten fest, ist in der Weltspitze angekommen.

Ein Fahrer, der mitdenkt
In Anbetracht solcher Ergebnisse ist es kaum zu glauben, dass Schachmann erst seit zweieinhalb Jahren Radprofi ist. Und doch sind seine derzeitigen Resultate die konsequent logische Weiterentwicklung dessen, was er schon in den Nachwuchsklassen immer wieder angedeutet hat: 2012 wird er Dritter bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Straßenrennen, 2015 holt er Bronze bei der Zeitfahr-Europameisterschaft und Silber bei der Zeitfahr-Weltmeisterschaft der U23. Letzteres schafft er bei der U23-WM ein Jahr später erneut. „Ich habe mich seit meiner Juniorenzeit jedes Jahr ein Stück verbessert. Zu Beginn fehlte mir in der U23 noch das taktische Gespür im Rennen – aber auch hier habe ich viel gelernt“, blickt er zurück. Genau jenes Lernen ist eine entscheidende Qualität, die Maximilian Schachmann – neben einer gehörigen Portion Talent – auszeichnet. Es gibt Fahrer, die legen ihr Schicksal in fremde Hände, und es gibt die, die ihre Karriere mit Köpfchen, Plan und harter Arbeit selbst vorantreiben. Maximilian Schachmann gehört klar zu letzterer Fraktion. Als seine Laufbahn etwa zu Beginn seiner U23-Zeit trotz kontinuierlichen Trainings und achtbarer Erfolge einen Knick erhält, analysiert er die Ursachen genau. „Es gab vorgegebene Trainingspläne, die für meinen Körper allerdings nicht das Optimum darstellten – das habe ich recht schnell gemerkt. Das Training war damals klar auf Zeitfahren ausgelegt. Nach meiner eigenen Umstellung konnte ich aber auch bei Straßenrennen gut fahren“, erklärt er und fügt hinzu: „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht verstehe, dass ich als Fahrer meine Karriere von irgendeiner Person abhängig machen soll, die irgendetwas aufschreibt. Wenn ich merke, dass mir etwas anderes besser bekommt, ist es noch sinnvoller, anders zu trainieren, oder?“ Ein Prinzip, nach dem er auch heute noch verfährt: „Ich denke schon, dass der Kopf für mich ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist. Ich bin immer offen für alles und kommuniziere oft mit den Sportlichen Leitern und Trainern – nur so komme ich weiter.“

Schachmann ist ein Fahrer mit einem eigenen Kopf – und er hat genaue Vorstellungen von seinem Weg. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass er seinen ersten Profivertrag für die Saison 2017 bei Quick-Step Floors unterschreibt. Die ersten Ausrufezeichen lassen auch hier nicht lange auf sich warten: Bereits Anfang März überzeugt er mit einem zehnten Platz beim belgischen Halbklassiker Le Samyn. Im April wird er Vierter beim Auftaktzeitfahren der Tour de Romandie und fährt einige Tage im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Und im Juni wird er Vierter der niederländischen Ster ZLM Tour. Im Sommer 2017 muss er allerdings erstmals in seiner Karriere einen größeren Rückschlag hinnehmen: Auf der fünften Etappe der Polen-Rundfahrt im August stürzt er schwer und bricht sich die rechte Ferse. Die Verletzung kostet den Berliner den kompletten Herbst. Doch er kämpft sich über den Winter zurück: Bereits bei der Algarve-Rundfahrt im Februar 2018 überzeugt er wieder mit Topresultaten. Und als er in den darauffolgenden Wochen eine Etappe bei der Katalonien-Rundfahrt gewinnt und Achter beim schweren Flèche Wallonne wird, lässt er einmal mehr sein Talent aufblitzen. Seinen bis dato größten Erfolg fährt er allerdings auf der 18. Etappe des Giro d’Italia ein: Nachdem er lange zur Fluchtgruppe des Tages gehört, erhöht er am Schlussanstieg nach Prato Nevoso das Tempo – und fährt schließlich zu einem ungefährdeten Solosieg.

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