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Ausgabe 184 / Juni 2019

Der Aufstieg

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Gebildet und nachdenklich, wirkt Tom Dumoulin nicht wie der typische Radprofi. Der Giro-Sieger von 2017 fand es schwer, sich an den Ruhm zu gewöhnen, und fragt sich manchmal, warum er das alles macht. Procycling erzählt er, wie er sich mit seiner Rolle als Tour-Mitfavorit angefreundet hat.

Es gibt in der roten und kargen Mondlandschaft auf dem Teide-Vulkan kaum etwas, das einen Mann von dieser fundamentalen Frage ablenken kann: Warum mache ich das? Das ist gefährliches Gebiet. Das Leben eines Radprofis beinhaltet, die Absurdität seiner zentralen Prämisse anzunehmen, aber auch darüber hinwegzusehen: nämlich, dass der Lebensunterhalt eines Erwachsenen mit der Meisterhaftigkeit in etwas bestritten wird, das einst ein Spielzeug der Kindheit war. An diesem Februarmorgen geht die Welt ihrem täglichen Geschäft nach, und Tom Dumoulin dem seinen. Er führt die Sisyphusarbeit aus, mit dem Fahrrad einen aus dem Atlantik ragenden Vulkan hoch und runter zu fahren, um sich auf die bevorstehende Saison vorzubereiten. Im Sommer wird Dumoulin diese Übung vor Tausenden von schreienden Fans am Straßenrand in Frankreich und Italien und Millionen, die zu Hause vor dem Fernseher zuschauen, wiederholen. Doch zu dieser Jahreszeit führt er ein weitaus abgeschiedeneres Leben. Worum geht es dabei? Im Grunde geht es darum, Pauschalreisen an nordeuropäische Urlauber zu verkaufen. Heute Morgen mussten Dumoulin und Mitglieder des Männer- und des Frauenteams von Sunweb wiederholt denselben Abschnitt des Bergs hoch und runter fahren, um einen Werbespot für ihren Sponsor zu drehen. Aber man kann davon ausgehen, dass Werbung für Urlaube nicht in Dumoulins Kopf herumgeht, wenn er bei einem Zeitfahren von der Startrampe rollt. Einige Athleten motiviert eine dringende Notwendigkeit, Geld zu verdienen, doch für Dumoulin, der in einer Mittelschichtfamilie in Maastricht aufgewachsen ist und über ein Medizinstudium nachgedacht hat, scheint dies keine unmittelbare Motivation zu sein. Andere scheinen getrieben von einem tief sitzenden, fast soziopathischen Bedürfnis zu gewinnen, aber der weltgewandte Dumoulin, der seine Hochzeitsreise in den Himalaya gemacht und eine Vorliebe für die italienische Kultur hat, scheint kein Opfer einer solchen Monomanie zu sein. Ruhm? Der reiche ihm schon, sagt er.

Aber da ist er, in der Sekte von Radprofis, die nach Teneriffa pilgern und sich wie Asketen von einst 2.000 Meter über dem Meeresspiegel von der materiellen Welt abkapseln. Für Männer wie Dumoulin, Vincenzo Nibali und Ilnur Zakarin, die in dieser Woche im Parador-Hotel unterhalb des Gipfels des Teide-Vulkans wohnen, gibt es wenig zu tun, außer den Regeln zu folgen, die das klösterliche Leben eines Grand-Tour-Favoriten ihnen auferlegt. Ihr „ora et labora“ ist trainieren und schlafen. An diesem Nachmittag endet Dumoulins Trainingsfahrt 40 Kilometer vor dem Hotel, seine eleganten Pedalumdrehungen werden langsamer und er kommt zum Stehen. Sein Teamkollege Michael Matthews, dessen Ziele früher kommen, fährt noch weiter, aber Dumoulin weiß, dass sein Körper genug hat. Die Autofahrt zum Hotel gibt ihm Zeit zum Gedankenaustausch mit dem Sunweb-Sportdirektor Brian Stephens. Die Einzelheiten von Dumoulins Wattzahlen treten zurück hinter eine existenziellere Frage. Die nagende Frage, die sich wiederholt. Warum macht man das? „Im Auto reden wir darüber. Warum quält man sich da komplett durch? Es ist nicht leicht, denn du musst neue Wege finden, dich fertigzumachen und zu leiden. Und warum tust du das?“, sagt Dumoulin später, nachdem er in einem Aufenthaltsraum des Parador in eine Couch gesunken ist. „Ich glaube, ich mag den Weg, und ich glaube, jeder Fahrer mag diesen Weg. Brian sagte auch: ‚Wenn der einzige Ehrgeiz in deiner Radsportkarriere ist, die Tour de France zu gewinnen, was machst du dann, wenn du sie gewinnst?‘ Ist das alles? Hörst du auf mit dem Radsport? Irgendwie gibt es eine Motivation außerhalb des Resultats, und das ist alles, was das Radfahren mit sich bringt – wie frei zu sein.“

Die holländischen Fans haben keine so existenziellen Zweifel. Freiheit schien Ende 2017 Mangelware zu sein für Dumoulin, als seine Siege beim Giro und der Zeitfahr-Weltmeisterschaft seinen Ruhm über die Grenzen der einheimischen Anhängerschaft hinaus in die breite Masse vordringen ließen. Er fremdelte bereits mit seinem Bekanntheitsgrad, als an einem duftenden Mai-Abend Tausende auf den Markt in Maastricht strömten, um den rückkehrenden Giro-Champion zu feiern. Dumoulin, der ohne Sportidole aufgewachsen ist, sagte der Zeitung De Limburger später, er habe es absurd gefunden, dass Leute in Scharen gekommen seien, um „für einen Jungen zu klatschen, der schnell fahren kann“, und merkte an, dass niemand einem Arzt applaudiere, wenn er ein Leben rettet. Als die Saison vorbei war und Dumoulin kurz von seinem streng strukturierten Programm befreit war, stellte er fest, dass sein Privatleben jetzt durch seinen neuen Ruhm beeinträchtigt wurde. Preisverleihungen, Interviews, Autogramme in Supermarktschlangen; in Isolation wurden die Pflichten eines Radstars bereitwillig getragen, aber die Flut von Anfragen drohte ihn zu überwältigen, zumal er erkannt hatte, dass das jetzt die neue Normalität war. „Es war schwer, damit umzugehen, mit diesem Gefühl, dass das mein neues Leben ist“, sagt Dumoulin jetzt. „Für einige Leute bin ich eine Art Held, und das ist komisch. Ich wollte das nicht sein, daher hatte ich ein bisschen damit zu kämpfen … und damit, dass mein Privatleben in mein Arbeits- und Radsportlerleben involviert wurde. Das Drumherum hat mich ein bisschen davon abgelenkt, was ich am Radsport mag.“

Es muss sich angefühlt haben, als wäre Dumoulins Leben nicht mehr sein eigenes. Als wollte er sich für diesen Kontrollverlust entschädigen, war seine Reaktion, pedantischer an den Sport heranzugehen. Ein Angriff auf das Giro-Tour-de-France-Double war geplant und ein überraschend schlanker Dumoulin startete bei der Abu Dhabi Tour in die Saison 2018 in der Hoffnung auf einen frühen Zeitfahr-Sieg im Regenbogentrikot. Sein Wutausbruch, als ein Defekt ihn dort ausbremste, ließ den Druck erahnen, der unter der Oberfläche brodelte. Weiteren Frust gab es, als er einen Monat später nach einem Sturz Tirreno–Adriatico aufgeben musste. So konnte es nicht weitergehen. Dumoulins Freundin (jetzt Frau) Thanee, eine Psychologin, empfahl ihm eine Lektüre, die seine Mühen in einen Kontext außerhalb der engen Welt des Pelotons stellte. „Es fällt Menschen schwer, mit großen Veränderungen im Leben umzugehen“, sagt Dumoulin. „Aber ich habe es überwunden und akzeptiert, dass sich einige Dinge nicht ändern werden. Das ist die neue Realität.“ Unterdessen sorgte eine entspannte Radtour durch die Ardennen mit Laurens ten Dam und Bram Tankink dafür, dass sich das Radfahren wieder mehr wie ein Privileg als wie eine Last anfühlte. „Der Druck ist da. Den bekomme ich nicht weg, daher ist es besser, ihn einfach zu akzeptieren“, sagt Dumoulin. „Das hat mir Ruhe gegeben und mich zu dem zurückgebracht, was ich am Radsport liebe. Warum mache ich das und warum fahre ich Rad? Das ist eine gute Frage, die man sich manchmal stellen muss, glaube ich.“

Anfang Mai nach Israel zu reisen, um seinen Giro-Titel zu verteidigen, war fast eine Wohltat für Dumoulins verwirrtes Selbstgefühl. In den folgenden elf Wochen, von der Grande Partenza in West-Jerusalem, wo er das Rosa Trikot holte, bis zu den Champs-Élysées, wo er neben Geraint Thomas auf dem Podium stand, war sein Programm straffer organisiert und leicht verdaulich. Nächster Tag, nächster Anstieg, nächste Anstrengung. Keine Ablenkungen. „Du kommst in einen Rhythmus“, sagt Dumoulin. „In dem Moment kannst du nichts an deiner Form machen und ich kenne das Leben, das ich bei einer großen Rundfahrt durchlebe. Es ist mental und körperlich hart, aber ich weiß, was kommt. Man könnte sagen: Ich war froh, als der Giro losging.“ Dumoulin war auch froh, das Ziel in Rom zu erreichen. Er verpasste zwar einen weiteren Gesamtsieg und musste sich Chris Froome geschlagen geben, bewertete seine athletische Leistung aber höher als die von 2017, wo er von einem etwas moderateren Kurs profitierte. „Dieser Giro war anders, er war vom ersten Tag an schwer und hatte schwere Etappen. Ich konnte in diesen Bergen nicht einmal angreifen oder Zeit auf Rivalen herausfahren. Es war ein großer Unterschied zu 2017.“ 18 Etappen lang schien sein Giro ein Duell mit Simon Yates zu sein, und als der Brite in der Maglia Rosa in Prato Nevoso erste Schwächen zeigte, schien sich das Blatt zugunsten von Dumoulin zu wenden. Yates brach am folgenden Tag am Colle delle Finestre endgültig ein, aber niemand – selbst Dumoulin nicht – hätte damit gerechnet, dass ein bis dahin harmlos wirkender Froome 70 Kilometer vor dem Ziel ein Solo startet und mit drei Minuten Vorsprung gewinnt. Froome sagte später, dass Dumoulin den Giro gewonnen hätte, wenn er nicht auf die Hilfe anderer gewartet hätte, bevor er nach dem Finestre die Verfolgung aufnahm, doch der Holländer hält nichts vom Konjunktiv in der Vergangenheit. „Bei den Informationen, die ich in dem Moment hatte, habe ich die einzig richtige Entscheidung getroffen. Rückblickend habe ich natürlich die falsche Entscheidung gefällt“, sagt Dumoulin. „Ich hätte sofort hinterhergehen sollen, aber das hätte ich am Gipfel des Finestre nicht wissen können. Es ist nachher einfach zu sagen und zu twittern: ‚Er hat’s vermasselt.‘ Ja, gut, natürlich habe ich das. Aber in jenem Moment habe ich das nicht.“

Nach Dumoulins zweitem Platz bei der Tour hinter Thomas, aber vor Froome, ging eine weitere Runde Hypothesenbildung los. Am Ende war die kumulative Erschöpfung so groß, dass an einen Angriff auf Thomas’ Gelbes Trikot nicht zu denken war. „Ich habe einfach nur meine Position verteidigt, was schon schwer genug war“, sagt Dumoulin, aber er tut die Frage lachend ab, was er hätte erreichen können ohne die Nachwirkung des Giro. „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Dumoulins Saison brachte nicht die großen Siege von 2017 – er verlor seinen Zeitfahr-Weltmeistertitel in Innsbruck an Rohan Dennis, während er im Straßenrennen mit einer sehenswerten Aufholjagd auf den vierten Platz fuhr –, aber er stellt die Leistungen klar über die von 2017. „Mental hatte ich zu Beginn des Jahres einige Probleme und die zu überwinden, war ein großer Sieg. Dann war ich körperlich – trotz des ganzen Mists – bei zwei Landesrundfahrten hintereinander auf sehr hohem Niveau, die Kombination, von der alle sagen, sie sei unmöglich, daher bin ich stolz“, sagt Dumoulin. „2017 hatte ich größere Höhen bei den Resultaten, aber körperlich und mental war 2018 besser.“ Als Dumoulin letzten Sommer sagte, dass er nicht vorhabe, 2019 zwei große Rundfahrten zu bestreiten, war der Rückschluss, dass er seine Saison endlich auf die Tour ausrichtet. Die ursprünglichen Pläne von Sunweb drehten sich um den Juli, aber eine Tour-Route, die weitgehend frei von Zeitfahren ist, dämpfte Dumoulins Begeisterung für das Projekt bald. Der Giro mit seinen drei Einzelzeitfahren schien hingegen maßgeschneidert für ihn zu sein. Dumoulins Präferenz war klar, obwohl seine Sponsoren vielleicht erst überzeugt werden mussten. „Ich kann nicht immer weiter warten“, räumt er ein. Doch dieser Giro war zu verlockend, um ihn sausen zu lassen. Die Diskussionen dauerten fast den ganzen Herbst, ein weiterer Anlauf auf das Double nahm als Kompromiss zwischen persönlicher Vorliebe und beruflicher Pflicht Gestalt an.

„Es war eine schwere Entscheidung, weil wir vorgehabt hatten, uns auf die Tour zu konzentrieren, und die Pläne aller Fahrer waren darauf ausgerichtet“, sagt Dumoulin. Seine Überlegung ist simpel. Die Route der Tour 2019 begünstigt die Kletterer und setzt dem, was er erreichen kann, eine gläserne Decke auf. „Ich war in den Bergen immer noch nicht der Beste. Ich war nahe dran, der Beste zu sein, aber ich war nie wirklich der Beste. Die Tour zu gewinnen, wäre eine geringe Chance“, sagt er weiter. „Dritter zu werden, wäre ein gutes Resultat, aber Dritter bei der Tour ist nicht, was ich anstrebe. Ein zweiter Giro-Sieg würde meine Karriere bereichern.“ Vor einem Jahr waren Dumoulin und Froome die ersten Fahrer, die im selben Jahr auf dem Podium von Giro und Tour standen, seit Marco Pantani 1998 beide Rennen gewann, aber er spielt seine Chancen herunter, die Leistungen des verstorbenen Italieners zu wiederholen, und verweist auf den geringeren Abstand – fünf Wochen statt sechs wie im letzten Jahr – zwischen den Rennen. „Die Chance, bei beiden Rennen gut zu sein, war schon gering und ist jetzt noch geringer“, sagt er. „Bei der Tour ums Podium zu kämpfen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich nehme es, wie es kommt.“ Die Qualität der Konkurrenz beim diesjährigen Giro, wo das Feld Simon Yates, Vincenzo Nibali und Primož Roglic umfasst, kann sich mit der der Tour messen – mit einer Einschränkung: Ineos schont Froome und Thomas für den Juli. Doch Dumoulin weist den Gedanken zurück, dass die Überlegenheit des britischen Teams bei der Tour ihn zum Giro-Start bewogen habe, genau wie er ihre Stärke in der Tiefe nicht als Entschuldigung für seine Niederlage gegen Thomas im letzten Jahr gelten lassen will.

Procycling - Ausgabe 184 / Juni 2019


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