Vorschau

Ausgabe 182 / April 2019

Immer zur Stelle

Klicken zum vergrößernKlicken zum vergrößernKlicken zum vergrößern

Diese Saison hat viele Veränderungen und mehr Verantwortung gebracht für Greg Van Avermaet, der das Team CCC mit neuem Look anführt. Als einer der erfolgreichsten Klassiker-Fahrer seiner Generation erzählt er Procycling, dass er sich auf die Rolle freut und die Flandern-Rundfahrt im Visier hat.

Greg Van Avermaet wirkt eher wie ein entspannter Hollywoodstar als wie ein Rennfahrer, der sich im kalten belgischen Winter auf seinen Angriff auf die Frühjahrsklassiker vorbereitet hat. Er bewegt sich ruhig durch eine glänzende Hotellobby in Oman, wo parfümierte Scheichs, Athleten, Journalisten und US-Militärs zusammenkommen, um übers Geschäft zu reden. Van Avermaet nimmt regelmäßig an der Oman-Rundfahrt teil und nutzt ihre welligen Straßen, die in schiere Felsberge hineingehauen sind, um sich auf die Klassiker vorzubereiten – vielleicht der am meisten diskutierte Aspekt seiner Karriere. Bis jetzt. Der Olympiasieger von 2016 ist so zuvorkommend und freundlich, dass er schwer einzuschätzen ist. Vor zwölf Monaten verglich ich Van Avermaet mit Matt Damon – ein Jason-Bourne-Killer auf dem Rad und ansonsten ein echt netter Kerl. Aber heute wirkt er mehr wie Adrian Grenier von Entourage – wuscheliges Haar, lässiger Gang und eine tiefe Sonnenbräune, die mehr nach Kalifornien aussieht als nach Grundlagentraining, obwohl er dabei zahllose Kilometer abgespult hat. Der 33-Jährige ist in die Wüste gekommen nach einem erfolgreichen Saisondebüt bei der Volta a la Comunitat Valenciana, wo er mit seinem neuen Team CCC – dem Phönix, der aus der Asche seines früheren BMC-Teams gestiegen ist – die 3. Etappe gewinnen konnte, ein Bergaufsprint vor Matteo Trentin. „Ich bin wirklich zufrieden mit meiner Form“, sagt er. „Ich gewinne nicht so viel, wenn du also dein erstes Rennen gewinnst, ist das gut, besonders bei einem neuen Team. Das gibt den Teamkollegen besondere Motivation. Hoffentlich wird es ein großes Jahr, in dem ich alles daran setzen kann, gute Resultate zu holen.“

Sogar auf der arabischen Halbinsel ist Van Avermaet – das bekannteste Gesicht von CCC, nachdem die Rundfahrt-Spezialisten BMC 2018 verlassen hatten – sehr begehrt. Er hat an den zwei Tagen vor Beginn des Rennens mit rund zehn Journalisten gesprochen und kam zu unserem Termin direkt von einem anderen Interview in der Hotellobby. Die Gruppe von flämischen Reportern, die ihm vor dem Eröffnungswochenende auf Schritt und Tritt folgen, übertrifft die Vertreter internationaler Medien bei Weitem. Es erfordert Zeit und Recherche, sich radsportbezogene Fragen einfallen zu lassen, die Van Avermaets nationale Presse möglicherweise noch nicht gestellt hat. Das Thema dieser Vorfrühjahrsinterviews im Februar konzentriert sich fast ausschließlich auf die bevorstehenden Klassiker; die Tour de France im Sommer und die Weltmeisterschaft in Yorkshire im September, die ihm theoretisch liegen, sind nicht der Rede wert. Es war dasselbe in der letzten Saison, als Van Avermaet nicht nach einer Tour-Route gefragt wurde, bei der er – wie schon 2015 – für ein Intermezzo im Gelben Trikot gut zu sein schien, da es viele Etappen im Klassikerstil und ein Mannschaftszeitfahren gab. Wie sich herausstellte, führte er die Tour im vergangenen Sommer schließlich acht Tage lang an. Daher überrascht es, dass der Belgier sagt, die Frage, die ihm 2019 am häufigsten gestellt werde, sei keine nach seinen „Heimrennen“ wie der Flandern-Rundfahrt – wo ihm ein Sieg noch fehlt –, sondern, wie es ihm in seinem neuen Team gefalle. Es fühlt sich an, als wäre es immer noch BMC, aber wir haben einen neuen Sponsor, neue Räder und neue Fahrer, die alle auf einem wirklich hohen Niveau sind. Das habe ich nicht direkt erwartet, weil ich von BMC komme, was eines der besten Teams der Welt war“, sagt Van Avermaet. „Jetzt haben wir ein geringeres Budget, aber wir sind trotzdem noch verwöhnt, und es fühlt sich immer noch an wie eines der besten Teams, für die ich fahren könnte. Ich bin tatsächlich froh und wirklich überrascht, wie es im Winter gelaufen ist. Ich glaube, ich habe die richtige Entscheidung getroffen, in diesem Team zu sein. Es fühlt sich immer noch ein bisschen wie zu Hause an.“

Van Avermaet beschloss zu bleiben, während Leute wie Tour-Mitfavorit Richie Porte und der aufstrebende Rundfahrer (und Zeitfahr-Weltmeister) Rohan Dennis zu den zahlreichen Fahrern und Mitarbeitern gehörten, die absprangen, als BMC im letzten Jahr vor dem finanziellen Abgrund stand. „Mein Manager und ich sprachen natürlich mit anderen Teams, aber ich habe immer daran geglaubt, dass Och [Teamchef Jim Ochowicz] einen anderen Sponsor finden kann, um das Team am Laufen zu halten“, sagt er. „Schließlich kam er. Ich bin sehr zufrieden, dass ich gewartet habe und in der Umgebung bleiben kann, in der ich seit acht Jahren bin. Das war das Wichtigste – zu bewahren, was [der verstorbene Eigentümer] Andy Rihs mit BMC aufgebaut hat.“ Die Fahrer und Mitarbeiter, die gingen, taten das entweder wegen der Arbeitsplatzsicherheit oder wegen eines vermeintlichen Kulturwechsels, den der polnische Sponsor einleitete. Für Van Avermaet war neben der Beförderung zum Kapitän vor allem seine Loyalität der Grund, bei einem Team zu bleiben, das seine Entwicklung vom soliden Fahrer zum ausgewiesenen Champion bezahlt und gefördert hat. „Es ist nett, aber auch ein bisschen schwer, weil ich mir auch gerne die Führungsrolle teile. Bei den Klassikern bin ich wirklich froh, der Kapitän zu sein, weil das immer mein Ehrgeiz war, ein Ziel seit meiner Jugend. Bei den Klassikern gibt es mir Selbstvertrauen. Ich habe mich bei großen Rennen oft bewährt und kann mit dem Druck umgehen“, sagt Van Avermaet. „Aber bei den anderen Rennen ist es manchmal gut [sich die Kapitänsrolle zu teilen]. Wir hatten bei BMC mehrere Optionen, mit denen wir spielen konnten. Ich fühle mich gut jetzt, aber nächstes Jahr können wir vielleicht noch jemanden für die Gesamtwertung anheuern, und dann können wir die Kapitänsrolle ein bisschen teilen.“

Trotzdem ist Van Avermaet kein zögerlicher Held. Er hat wohl härter gearbeitet als die meisten, um bei den Olympischen Spielen 2016 an einen Punkt zu gelangen, wo an die Stelle des gelegentlichen Selbstzweifels die Erkenntnis trat, dass er es geschafft hatte. „Der wichtigste Moment in meiner Karriere war Rio, weil es ein Olympiatitel war. Ich war immer der Typ, der viele gute Resultate holte, bei jedem Rennen in den Top Ten war, aber vor Rio habe ich nie wirklich ein großes Rennen gewonnen“, erklärt er. „Es war ein großes Geschenk, das zu gewinnen, denn es unterscheidet sich von allen anderen Rennen. Du kannst Flandern gewinnen, du kannst Roubaix gewinnen, aber nicht viele Jungs schaffen es in ihrer Karriere, Olympiasieger zu werden.“ Im folgenden Jahr hatte Van Avermaet sein erfolgreichstes Frühjahr und gewann vier große Eintagesrennen: Omloop Het Nieuwsblad, E3 Harelbeke, Gent–Wevelgem and Paris–Roubaix. „Ich glaube nicht, dass ich körperlich stärker geworden bin, aber mental ist es eines der wichtigsten Dinge im Radsport, dass du dich einfach entspannt fühlst, dann setzt du dich selbst nicht mehr zu sehr unter Druck, gewinnen zu müssen“, sagt er weiter. „Ich habe mich vielleicht zu sehr unter Druck gesetzt, und da habe ich einen großen Fehler gemacht. Aber es liegt auch in meinem Charakter, weißt du – ich bin nicht der Typ, der alles leicht nimmt. Ich bin immer der Typ, der jeden Tag versucht, sein Bestes zu geben. So bin ich. Manchmal arbeitet das gegen dich.“

Wenn man sich umhört, so ist Van Avermaet nach allgemeiner Auffassung kein großartiger Athlet oder furchtbarer Mensch, wie es im Elitesport vorkommen kann. Es ist bei Van Avermaets lässiger und freundlicher Art auch schwer zu sagen, wo die Hartnäckigkeit, um Olympiatitel und Monumente zu gewinnen, herkommt. Auch sein Leben außerhalb des Radsports gibt kaum Aufschluss. Wenn ich ihn nach Hobbys frage, ist die Antwort immer dieselbe – mit der Familie essen gehen und die Tochter zur Schule zu bringen, wenn er zu Hause ist. „Das langweilige Leben eines Radrennfahrers“, sagt er lachend. Wenn man die Berichte anderer Leute liest, erahnt man, wie viel Biss er hat. Van Avermaet hatte sich nach der 3. Etappe der Tour im letzten Jahr kaum das Gelbe Trikot übergestreift, als er nach der finanziell unsicheren Zukunft von BMC gefragt wurde. Auf der Pressekonferenz sagte er den Radsportjournalisten der Welt, er würde nicht daran denken. Es war verständlicherweise diplomatisch, aber auch unwahr. In einem späteren Interview mit Guillaume Van Keirsbulck kam heraus, dass Van Avermaet einen Tag nach dieser Pressekonferenz seinem Landsmann eine Instagram-Nachricht geschickt und ihn gefragt hatte, ob er Interesse habe, wieder in die WorldTour zu gehen. „Es stimmt, weil wir nach Verstärkung für die Klassiker suchten. Viele Jungs gingen weg zu anderen Teams, und wir mussten versuchen, das Team so gut wie möglich wieder aufzubauen. Dann siehst du, wer noch zu haben ist und wer deiner Meinung nach eine gute Hilfe bei den Klassikern ist. Guillaume war einer meiner ersten Gedanken, weil er talentiert ist“, sagt Van Avermaet. „Jim Ochowicz hat mir in der ersten Tour-Woche gesagt, dass er einen Sponsor habe. Es war sehr spät. Dann fängst du an, Namen auf den Tisch zu legen. Es ist nett, das Vertrauen des Teams zu haben, wenn du das tun kannst.“ Er kann bei der Personalpolitik mitreden. „Du hast einigen Einfluss, aber Jim entscheidet, wer kommt und wer nicht. Wenn Jim dagegen ist, ist es nicht möglich. Und dann ist da der Preis der Fahrer. Es hängt von vielen Faktoren ab, aber du sagst deine Meinung dazu, und dann ist es der Manager, der entscheidet, ob er die Meinung für richtig hält oder nicht.“

Van Avermaets Etappensieg bei der Volta Valenciana spricht dafür, dass er und sein Management eine gute Wahl getroffen haben. Auch im Oman hat CCC eine gesunde Portion Moral gezeigt, obwohl Van Avermaets bestes Resultat ein zweiter Platz hinter Sonny Colbrelli auf der 4. Etappe war. Resultate waren bei den Rennen zu Beginn der Saison zwar wichtig, aber vor allem gaben sie Van Avermaet eine Möglichkeit, die neuen Rekruten des Teams kennenzulernen. „Oft ist er sehr eigen und will nicht zu viel Unterstützung. Wenn er ein Problem hat, sagt er es. Es ist selten, aber dann musst du wirklich zuhören“, sagt Michael Schär, Van Avermaets Teamkollege seit 2011. „Er kennt die Rennen, er trainiert jeden Tag auf der Strecke. Er kann sie fast blind fahren, was cool für ihn ist, aber es ist schwer für Fremde, wenn sie zum Team kommen, den Parcours kennenzulernen. Er bewegt sich sehr geschmeidig durch das Peloton.“ Das Frühjahrsrennen, das Van Avermaet gewinnen möchte, ist die Flandern-Rundfahrt. Es gibt einen guten Grund, warum sich das Rennen zu einem zentralen Fokus entwickelt hat, zumindest für die Medien, wenn es um ihn geht. „Es ist mein Heimrennen und ich glaube, es liegt mir am besten. Es sind kurze Anstiege, und ich bin meistens ein besserer Kletterer als alle Klassiker-Fahrer. Wenn du meine Ergebnisse siehst und sogar eine Bergetappe der Tour, wenn ich es wirklich drauf anlege, bin ich besser als jeder andere Klassiker-Fahrer“, sagt er. „Flandern ist nicht so leicht, du hast diese explosiven Anstiege, und auf dem Kopfsteinpflaster musst du schnell sein, was ich bin. Es ist ein langes Rennen, und ich glaube, es liegt mir mehr als jedes andere Rennen, aber ich habe es bisher nicht gewonnen.“

Procycling - Ausgabe 182 / April 2019


Weiterlesen?

Den vollständigen Artikel finden Sie
in Procycling Ausgabe 182 / April 2019.