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Ausgabe 181 / März 2019

Sizilianische Attacke

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Vincenzo Nibali hat alle drei großen Rundfahrten gewonnen und zwei Monumente: San Remo und die Lombardei-Rundfahrt. 2019 will er das ehrgeizige Giro-Tour-Double in Angriff nehmen – können ihn seine aggressive Fahrweise und seine Erfahrung zu seinem bisher größten Erfolg führen?

Sie müssen zweimal hinschauen. Vincenzo Nibali erlebt es oft, auf seinen Auslandsreisen, aber vor allem mit seinen eigenen Leuten in Italien. Am Morgen nach der Lombardei-Rundfahrt im letzten Oktober war es nicht anders. Im Bahrain-Merida-Hotel sprach ihn eine ältere Frau mit sich weitenden Augen an. „Es ist Nibali“, sagte sie. Am Nachmittag zuvor hatte Nibali bis Como mit Thibaut Pinot mithalten können, aber einen dritten Sieg beim letzten Monument der Saison verpasst. Unter den Umständen waren sowohl das Resultat als auch die Leistung bemerkenswert. Keine zwei Monate zuvor hatte sich Nibali einer perkutanen Vertebroplastie unterzogen, nachdem er sich einen Wirbel gebrochen hatte, als ihn bei der Tour de France in Alpe d’Huez ein Zuschauer zu Fall brachte. Er entschied sich für die Operation nur im Rahmen eines verzweifelten Versuchs, rechtzeitig für die Weltmeisterschaft wieder fit zu sein, und er kämpfte sich mit den Schlusslichtern durch die Vuelta, um sich mit Gewalt wieder in Form zu bringen. Obwohl Nibali mit der Squadra Azzurra in Innsbruck antrat, kam die Weltmeisterschaft zwei Wochen zu früh und er fiel vor dem Finale zurück. Aber statt seine Saison an dem Punkt zu beenden, fuhr Nibali bis in den Oktober hinein weiter, entschlossen, das Jahr positiv zu beenden. Am Comer See, mit der tief stehenden Sonne in den Augen und trockenen Blättern, die unter seinen Reifen knisterten, kämpfte Nibali aufopferungsvoll, animierte das Rennen, wo er konnte, musste sich an den Hängen des Civiglio aber schließlich Pinot geschlagen geben. Fast trotzig hielt er sich die Verfolger vom Leib und wurde Zweiter – ein würdiges Ende einer verkorksten Saison. Aber Nibali spielt für ein anspruchsvolles Publikum. Es wurde zwar unterhalten, aber das heißt nicht, dass es zufrieden war, gebrochener Wirbel hin oder her. Nachdem die Dame im Hotel festgestellt hatte, dass er tatsächliche Vincenzo Nibali war, tadelte sie ihn freundlich, aber bestimmt: „Du bist nur Zweiter geworden.“ Schwer lastet die Krone, und ein bisschen Leichtigkeit ist wichtig für den, der sie trägt. Nibali kichert bei dieser Erinnerung, als er sich beim Bahrain-Merida-Trainingslager im kroatischen Hvar hinsetzt. „Für uns Italiener“, erklärt er, „ist es nie genug.“

So war es immer. Nach Marco Pantanis Tod und einer Reihe trügerischer Hoffnungen hatte das italienische Publikum seine Augen zehn Jahre oder länger auf Nibali geheftet. Geantwortet hat er mit einem vielseitigen Palmarès und mit beträchtlichem Flair, aber manchmal drohte ihn die Mischung aus Zuneigung und Aufmerksamkeit, die ihn einhüllte, zu überwältigen. Der Giro d’Italia 2016 war ein typischer Fall. Nachdem er zwei Wochen lang gekämpft hatte, schien Nibali auf der 16. Etappe in Andalo am Ende seiner Kräfte zu sein. Er war der Favorit gewesen und hatte jetzt 4:43 Minuten Rückstand auf das Rosa Trikot Steven Kruijswijk, weswegen er sich im Ziel für Funkstille entschied. Als ein Reporter ihn schließlich in der Lobby des Piccolo Hotels zu fassen bekam, klagte Nibali tieftraurig: „Warum wollt ihr meinen Stolz noch mehr verletzen? Ich bin schon zerstört.“ Bei dem Rennen machte ein Mobiltelefonanbieter eine tägliche Umfrage, bei der die Fans ihren Lieblingsfahrer wählen konnten. Selbst als er im Klassement abrutschte, stand Nibali auf jeder Etappe auf dem Podium und nahm freudlos ein Smartphone als Preis entgegen. Das Ritual hatte etwas von einer Erniedrigung, aber die Zuneigung der Tifosi kann ebenso inspirierend wie erstickend sein. „Ich habe erkannt, dass es den Fans egal war, was die Presse sagte. Sie haben mich mit anderen Augen gesehen, und mein Resultat war ihnen egal“, sagt Nibali. Irgendwie machte sich Nibali diesen Giro doch noch gefügig: mit einem ergreifenden Sieg in Risoul, nachdem Kruijswijk bei dem Versuch, ihm in der Abfahrt vom Agnello zu folgen, gestürzt war, und dann, indem er Esteban Chaves die Maglia Rosa am vorletzten Tag entriss. Selbst für die Opernverhältnisse des Giro war das eine äußerst erstaunliche volte-face. „Zu diesem Zeitpunkt kämpfst du nur noch um deinen Stolz. Du kämpfst, um zu zeigen, was du geben kannst, und in gewisser Weise tritt das Ergebnis fast in den Hintergrund“, sagt Nibali. „Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass ich versuchen kann zu gewinnen. Es war nur wichtig, etwas zu machen, um den Giro spektakulär zu machen.“ Dieser Sieg zementierte Nibalis Ruf als instinktiver Grand-Tour-Champion, der sich mit den größten Gesten ausdrückt. Aber zweieinhalb Jahre nach diesem wichtigen Triumph weist er die Idee zurück, eng mit dem Ideal verbunden zu sein, mit einem bestimmten Stil zu gewinnen.

„Wenn ich ein Rennen fahre, halte ich ja nicht an und denke darüber nach, wie ich gewinnen will“, sagt Nibali. „Okay, ich weiß, dass es entscheidende Punkte in einem Rennen gibt, aber normalerweise entwickelt sich mein Rennen auf den letzten zehn, fünf oder drei Kilometern, je nach Route. Bei San Remo weiß ich, dass die letzten zehn Kilometer die wichtigsten sind, oder auf einer Bergetappe weiß ich, dass ein bestimmter Anstieg der wichtigste Teil der Etappe ist. Du konzentrierst dich auf diese Situationen, und im Laufe dieser Kilometer siehst du, ob du angreifen kannst oder nicht.“ Andererseits können nur wenige, wenn überhaupt welche, von Nibalis 51 Profisiegen als Routine eingeordnet werden. Sein Gesamtwerk wird nicht von irgendeinem Muster dominiert, sondern scheint von einem Künstler zusammengestellt zu sein, jeder Sieg einzigartig und handgearbeitet. Im letzten März zum Beispiel gewann er Mailand–San Remo als erster Fahrer seit fast einem Vierteljahrhundert mit einem Soloangriff am Poggio. Selbst seine dominanten Siege beim Giro 2013 und der Tour de France 2014 waren mit Girlanden geschmückt – ein schneeverwehter Sieg auf den Tre Cime di Lavaredo bei Ersterem, eine Demonstration in Hautacam bei Letzterer. Man hat den Eindruck, dass Nibali nicht mal in eine Werkstatt ohne Elan fahren kann. Nibalis aggressive Fahrweise ist von vielen begrüßt worden als Gegengift zu der risikoscheuen Strategie, die das Team Sky im letzten Jahrzehnt angewandt hat. Wenn das britische Team eine Art Radsport-Catenaccio anwendet, ähnelt Nibalis Methode mehr dem Gegenpressing. „Ich habe immer versucht, die Bestimmung von Rennen zu verändern, aber es ist nicht leicht. Oft bin ich auf ein Schlachtschiff wie Sky gestoßen, und das Team hat sich bei der Tour immer als sehr stark erwiesen“, sagt Nibali. „Seine Fahrweise ist eine sehr taktische. Sie ist weniger spektakulär, aber sehr profitabel.“ Um in der Fußball-Analogie zu bleiben: Francesco Totti hat unlängst gesagt, seine Entscheidung, die Avancen von Real Madrid abzulehnen und für seine gesamte Karriere in Rom zu bleiben, sei ein „Schiebetür-Moment“ gewesen, in dem er sich gefragt habe, wie viel mehr er hätte gewinnen können, wenn er die Reichtümer im Bernabéu angenommen hätte. Nibali hatte in seiner Karriere eine ähnliche Chance gehabt, als Dave Brailsford Mitte 2009 die erste Sky-Mannschaft aufbaute. Der Italiener wurde umworben, entschied sich jedoch dafür, bei Liquigas zu bleiben. Ein Jahrzehnt später zögert Nibali, sich dem Gesellschaftsspiel hinzugeben. „Es gab Kontakte mit Sky, aber wir haben uns nicht geeinigt. Viele Fahrer sind zu Sky gegangen und haben sich nicht entfaltet, andere schon“, sagt er, und zumindest bei Asana habe er Sky nie um ihre Ressourcen beneidet. „Wir waren nicht unterlegen. Astana war eines der stärksten Teams von allen, mit mir, Landa, Fuglsang, Westra – alles Fahrer auf Topniveau“, sagt Nibali und grinst: „Wenn wir nicht Real Madrid waren, dann waren wir Barcelona.“ Nibali ist in der Tat der einzige Fahrer, der die Serie von Toursiegen von Sky unterbrochen hat. Sein Triumph 2014, wo er von der ersten Woche an unablässigen Druck ausübte, schien eine Blaupause zu sein, wie man Sky in Verlegenheit bringt, obwohl er die Idee achselzuckend abtut. „Es gibt kein Geheimnis“, sagt er. „Es hängt alles davon ab, wie sich das Rennen entwickelt und wie du dich selbst managst.“

Mit drei Monumenten und vier großen Rundfahrten in seinem Palmarès ist es schwer zu sagen, ob Nibali mehr gewonnen hätte, wenn er 2010 bei Sky unterschrieben hätte, aber man kann wohl annehmen, dass er auf andere Weise gewonnen hätte. Als Bronzemedaillengewinner beim WM-Zeitfahren der Junioren und U23 hätte Nibali sich in dem britischen Team vielleicht mehr auf seine Qualitäten als Rouleur konzentriert. „Vielleicht, aber es ist schwer, Teams zu vergleichen“, sagt Nibali. „Ich habe Sky nur von außen gesehen, aber Fassa Bortolo, Liquigas, Astana und Bahrain-Merida sind alle große Teams, die mich geprägt haben. Es mag sein, dass einige Teams sich auf bestimmte Sachen konzentrieren, aber es gab nie einen großen Unterschied. Vielleicht gibt es ein perfektes Team, aber ich glaube nicht daran, dass Perfektion irgendwo existiert.“ Im letzten Jahr gewann Sky seinen ersten Giro d’Italia mit einem Husarenritt, der direkt aus Nibalis Drehbuch hätte entlehnt sein können. Chris Froome lieferte eine passable Imitation des Klassikers des Sizilianers von 2016 ab, als er zwei Tage vor Ende des Rennens eine 80-Kilometer-Solo-flucht über den Colle delle Finestre nach Bardonecchia hinlegte, nachdem er im Rennen bis dahin hinterhergefahren war. „Froome hat eine wirklich große Attacke abgeliefert“, würdigt Nibali diese Leistung. „Vielleicht war er schon öfter fähig, so etwas zu machen, ohne das zu realisieren. Er ist normalerweise konservativer, aber er versteht es auch, solche Attacken zu fahren.“ Nachahmung ist vielleicht die ehrlichste Form des Schmeichelns, aber Nibalis Beziehung zu Froome ist distanziert, seit sie bei der Tour 2015 öffentlich aneinandergerieten. Obwohl es seitdem keine nennenswerten Misstöne mehr zwischen ihnen gegeben hat, gibt es auch keine wahrnehmbare Wärme zwischen ihnen, und Nibali gehörte zu denen, die Froome in der letzten Saison kritisierten, weil er Rennen fuhr, während sein Salbutamol-Fall in der Schwebe hing. Nibali hat gegen andere Rivalen gekämpft, etwa gegen Tom Dumoulin beim Giro 2017, als Letzterer Nibalis Taktik herabwürdigte und der Sizilianer über Dumoulins Arroganz schimpfte, aber diese Feindseligkeit verschwand schnell. „Wenn du Dumoulin kennenlernst, ist er ein wirklich netter Kerl“, sagt Nibali. Sein Verhältnis zu Froome hingegen ist ein streng berufliches, wenn nicht gegnerisches. „Bei Froome ist es anders. Vielleicht ist es die Tatsache, dass wir uns immer als Rivalen gesehen haben“, sagt Nibali. „Aber es gibt Respekt.“

Einen Tag vor seiner Audienz mit Procycling gab Nibali bei der Teampräsentation von Bahrain-Merida seine Absicht bekannt, 2019 sowohl den Giro als auch die Tour zu fahren. Es ist wohl kein Zufall, dass sein erster konzertierter Versuch, das Giro-Tour-Double zu schaffen, kommt, nachdem Froome und Dumoulin im gleichen Jahr näher dran waren, beide Rennen zu gewinnen, als jeder andere seit Pantani 1998 – obwohl Coach Paolo Slongo versichert, dass das Projekt sowieso irgendwann zu erwarten war. „Wir schauen uns natürlich die anderen an, aber wir haben uns nicht von ihnen inspirieren lassen“, sagt Slongo. Nibali ist den Giro und die Tour bisher zweimal in einem Jahr gefahren, aber beide Male liegen in der Zeit und im Kontext zu weit auseinander, um echte Anhaltspunkte für 2019 zu liefern. Das erste Mal war vor über einem Jahrzehnt, 2008, als er als Fahrer noch zu sich selbst fand und Elfter beim Giro und 20. der Tour wurde. 2016 fuhr er in Frankreich nur, um sich auf Olympia in Rio vorzubereiten. Slongo betont, dass dieser Versuch jetzt kommt, weil Nibali mit 34 „ein hohes Niveau an körperlicher Reife erreicht hat“. Aber der Fahrer selbst sagt, dass hinter seinem Programm für 2019 auch ein Kompromiss zwischen seinen eigenen Vorlieben und den Ansprüchen seiner Arbeitgeber steckt. „Es kam zustande durch meinen Wunsch, wieder beim Giro zu starten“, erklärt er. „Dann haben wir die Tour hinzugenommen, teils, weil das Team es sich wünschte.“ Man hat das Gefühl, dass Nibali, wäre er sich selbst überlassen, dem Giro den Vorzug geben würde, ein Rennen, das ihn oft zu bestrafen scheint. Als wir ihm sagen, dass für ihn der Giro Spaß und die Tour Arbeit ist, stößt er Luft aus. „Der Giro ist das fast am schwersten zu gewinnende Rennen, weil das Wetter in den Bergen immer noch ziemlich kalt ist – dein Körper muss sich an den Temperaturwechsel gewöhnen“, sagt Nibali. „Die Tour ist schwer, weil du immer konzentriert bleiben musst. Immer. Du musst sehr aufpassen, weil es so viele Stürze gibt.“

Anfang November erinnerte ihn der Besuch einer Polizeiwache an der italienisch-französischen Grenze in Modane an eine andere offene Rechnung auf den Straßen von Frankreich. Nibali ging dorthin, um eine Aussage zu machen im Rahmen einer Anzeige, die er und sein Team gegen die A.S.O. erstattet hatten, nachdem er in Alpe d’Huez gestürzt war und sich den T10-Wirbel gebrochen hatte. „Es wird ein langes Verfahren, aber es ist wichtig, und nicht, weil ich wütend auf die Tour oder den Fan wäre, der mich zu Fall gebracht hat“, sagt Nibali. „Wir Fahrer brauchen einfach mehr Sicherheit. In einem solchen Anstieg kann es nicht sein, dass die Leute die Möglichkeit haben, den Fahrern einen Schubs oder Schlag zu verpassen, wenn sie vorbeifahren. Es geht auch darum, die Investition zu schützen, die ein großes Team tätigt.“ Im Gespräch mit den Gendarmen schauen sich Nibalis Anwälte jedes einzelne Bild so kritisch an, als wäre es der Zapruder-Film. Nibali war selbst überrascht, wie stark er auf den Aufnahmen von der Alpe wirkte. Am Tag zuvor in La Rosière war er in der Sky-Strömung untergegangen, aber eine Woge der Unterstützung an der Alpe gab ihm wieder Oberwasser – und dann ging er durch einen baumelnden Kameragurt über Bord. „Kruijswijk führte, aber wir waren im Begriff, zu ihm aufzufahren. Froome attackierte und ich war an seinem Hinterrad, das Motorrad neben mir. Geraint Thomas war hinter mir, als ich stürzte, und der einzige Grund, warum er nicht auch stürzte, war, dass er leicht zurückgefallen war“, erklärt er. „Er hat mich mit dem Fuß getroffen, als er an mir vorbeifuhr, aber er blieb im Sattel. Roglic und Dumoulin waren dahinter, und Froome und ich griffen an … Das Video zeigte das.“ Als Nibali an jenem Abend die Tour verließ, war er Vierter, 2:37 Minuten hinter dem Gelben Trikot Thomas. Trotz der Dominanz des Walisers und von Sky fragt sich Nibali, was er hätte erreichen können. „Ich hatte mir die Tour zum Ziel gesetzt, und ich glaube nicht, dass das Rennen beendet war“, sagt er. Unabhängig vom Endergebnis war das Spektakel in der letzten Woche durch sein Fehlen sicher beeinträchtigt, auch wenn Nibali selbst nur Bruchstücke einer Etappe verdauen konnte, der neuartigen 65 Kilometer kurzen Etappe zum Col de Portet. „Ich konnte es mir nicht anschauen“, drückt er eine unsichtbare Fernbedienung. „Pffft. Ich habe umgeschaltet.“

Nibalis Anlauf auf das Double könnte den Wert des vermutlich letzten großen Zahltages seiner Karriere bestimmen. Sein Bahrain-Merida-Vertrag läuft zum Jahresende aus, und er hat sich noch nicht weiter an das Team gebunden. Laut Generalmanager Brent Copeland lagen die Verhandlungen nach dem Einstieg McLarens als Teampartner auf Eis, wurden mittlerweile aber fortgesetzt. Nibali, der einen Zwei-Jahres-Vertrag anstrebt, wurde in der Zwischenzeit von Trek-Segafredo umworben. „Die Absicht ist, hier zu bleiben, aber wir müssen noch darüber reden“, sagt Nibali. „Und natürlich kann ein Fahrer, wenn er im letzten Jahr seines Vertrags ist, andere Angebote erhalten.“ Das Double nicht zu landen, würde Nibalis Vermächtnis in keiner Weise schmälern. Sein Platz in der Geschichte als einer von sieben Fahrern, die alle drei großen Rundfahrten gewonnen haben, ist sicher, obwohl er in diesem Winter die Idee verwarf, die Rundfahrten zugunsten der Klassiker zurückzuschrauben. „Ich habe immer noch das Gefühl, ein Rundfahrer zu sein“, sagte Nibali. Nibalis Antennen scheinen Kritik viel klarer zu empfangen als Lob. Wahrnehmung ist eine eigentümliche Sache. Ein Blick in die italienische Presse legt nahe, dass er mit fast universeller Ehrfurcht behandelt wird, aber seine Aufmerksamkeit neigt dazu, sich an dem gelegentlichen scharfen Wort des Vorwurfs zu verhaken. Ein besonderes Schreckgespenst ist, dass seine Entscheidung, die Tour 2016 zu nutzen, um sich auf Olympia vorzubereiten, übermäßig kritisiert wurde. „Alle haben mich angegriffen“, sagt Nibali. „Selbst bei Olympia wurde ich gefragt, warum meine Tour so schlecht gelaufen sei.“ Der olympische Traum endete, als Nibali stürzte, die Goldmedaille schon vor Augen. Ein globaler Titel ist die offensichtliche Lücke in seiner Bilanz, dazu war er 2012 einen Kilometer davon entfernt, Lüttich zu gewinnen. Nibali wird seine Ambitionen nicht auf ein einzelnes Rennen beschränken. „Die Weltmeisterschaft, Olympia, Lüttich und Flandern sind Rennen, die ich immer noch gerne gewinnen würde. Vielleicht gerne von jedem eins“, sagt er lachend. „Es gibt so viele schöne Rennen. Auch einen dritten Giro zu gewinnen, wäre ein schönes Resultat – ebenso wie eine zweite Tour.“ Siegen ist das Wort, auf dem die Betonung liegt. Nibali wird als Publikumsmagnet gepriesen, aber 14 Jahre in den Realitäten des Profiradsports haben ihn eine unumstößliche Wahrheit gelehrt: Es ist schön, das Publikum zu unterhalten, aber in seiner Branche hat er die besten Chancen, alle glücklich zu machen, wenn er gewinnt.

Procycling - Ausgabe 181 / März 2019



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