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Ausgabe 180 / Februar 2019

Renninstinkt

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Marianne Vos braucht nicht lange zu überlegen. „Es war nur aus Liebe zum Sport“, antwortet sie sofort, als Procycling anruft und nach ihrer Motivation fragt, bei Rennen an den Start zu gehen. „Als Kind fing ich an zu radeln; mein Vater war aktiv im Radsport, und mein großer Bruder und ich führten das fort.“

„Als Juniorenfahrerin stellte sich heraus, dass ich ziemlich talentiert war, wahrscheinlich sogar überdurchschnittlich talentiert – also wollte ich das Beste daraus machen. Ich wollte einfach Spaß bei den Rennen haben und Gas geben. Es gab nie die Motivation oder das Ziel, es zu meinem Beruf zu machen oder Geld damit zu verdienen. Natürlich kam das später und war auch ein großer Bonus. Die Herausforderung hab’ ich immer gemocht“, fährt sie fort. „Ich habe immer versucht, mich selbst mehr zu fordern und verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich probierte auch Mountainbiking aus. Aber meistens ging es mir darum ... ja, Spaß auf dem Fahrrad zu haben. Ich denke, das ist auch der Grund, warum die Leute fragen, warum ich mit 31 Jahren noch fahre. Ich halte mich nicht für alt, und wenn sie fragen, ist meine Antwort, dass es mir einfach gefällt.“ Vos könnte sagen, dass diese Frage einfach zu beantworten ist. Man bedenke nur die endlose Liste ihrer Leistungen: sieben Cyclocross-Weltmeisterschaften, drei Regenbogen-Trikots auf der Straße, Olympische Goldmedaillen auf Straße und Bahn, drei Giro-Rosa-Titel und über 200 UCI-Rankingsiege. Dazu kommt ihr seit Langem gefestigter Status als die größte und vielseitigste Persönlichkeit im Radsport seit Merckx und die damit verbundene Verantwortung, eine Botschafterin für den Frauenradsport zu sein. Bei all dem vergisst man leicht, dass Vos einfach gerne Fahrrad fährt. Trotz der Auszeichnungen und Ergebnisse hat sich dieser Teil von ihr nicht verändert – und wird sich auch nie ändern.

Sie hatte die gleiche Einstellung, als sie mit dem Radsport begann. Bereits bei den Juniorinnen erfolgreich, war sie erstmals 2006 in Zedam auf der großen Bühne des Radsports erfolgreich, wo die weitgehend unbekannte 18-Jährige die Titelverteidigerin Hanka Kupfernagel schlug und Querfeldein-Weltmeisterin wurde. Dieser erste große WM-Titel, der alles für Vos veränderte, kam, als sie noch auf dem Gymnasium war. Vos stand ein paar Wochen vor ihrer Abiturprüfung, nutzte aber immer noch ihren 15 Kilometer langen Schulweg vom Zuhause im Dorf Babyloniënbroek, um zusätzlich zu den abendlichen Sessions zu trainieren. Jeder in der Schule wusste, dass sie Rennrad fährt. Während ihre Freunde und Mitschüler am Samstag arbeiteten, um etwas Geld zu verdienen, fuhr Vos oft zu Rennen. Die Lehrer zeigten sich nach-sichtig, wenn sie freitags früher gehen musste oder aufgrund von Reisen montags zu spät kam – ein Privileg, das sie nie ausnutzte. Aber dieses erste Regenbogentrikot verwandelte Vos vom einfachen Schulmädchen, das Rennrad fuhr, in einen Radstar. Plötzlich war sie im Fernsehen, ihr Gesicht war in den Zeitungen. Der schüchterne Teenager, der nur gerne mit seinem Fahrrad unterwegs war, stand im Rampenlicht und fühlte sich fehl am Platz. „Ich habe nicht wirklich viel über das Radfahren gesprochen, weil ich es wirklich mochte, einfach nur so zu sein wie alle anderen“, erinnert sich Vos. „Es wurde in der Schule irgendwie bekannt, und im Gymnasium ist das nicht cool. Es ist nicht cool, anders zu sein als die anderen, und es gefiel mir nicht wirklich. Aber ja, natürlich war es auch toll, Champion zu sein.“

Sechs Monate später, mit dem Abitur und dem Titel der niederländischen Straßenmeisterin in der Tasche, gewann Vos in Salzburg ihren ersten Straßenweltmeister-Titel der Elite. Die Schlag-zeilen über das niederländische Wunderkind häuften sich. „Ich wurde in Holland bekannter und die Leute hatten ihre Meinung über mich und teilten sie. Ich wurde irgendwie ein wenig berühmt, und das hat mir eigentlich nicht wirklich gefallen“, sagt Vos über diese Zeit ihrer frühen Karriere. „Es gab eine Seite, die erfolgreich sein wollte und mit den Resultaten sehr zufrieden war, und es gab einen Teil, der meinte: Okay, ich habe nie darum gebeten, berühmt zu werden, ich will einfach nur Rennen fahren. Diese Zeit war ein wichtiger Lernprozess, und ich denke, ja, es … eigentlich habe ich viel daraus mitgenommen. In nur wenigen Jahren hatte ich persönlich einen großen Schritt gemacht, der sonst vielleicht 20 Jahre gedauert hätte.“ Die meisten Gewinner, die meisten Siegertypen wie Vos hassen es zu verlieren. Der zweite Platz liegt nicht in ihrer Natur und bedeutet ihnen normalerweise nichts – man frage nur Mark Cavendish. Als sechsjähriges Kind, als Vos zum ersten Mal auf einem Fahrrad saß, war sie genauso. Und 2018 war dieser Siegeswillen so stark wie nie zuvor. Als sie auf der 2. Etappe der Women’s Tour einen Sprint an Coryn Rivera verlor, war der Anblick der weinenden Vos, auf dem Bürgersteig vor ihrem WaowDeals-Teambus neben einem Mülleimer sitzend, die Knie am Kinn und das Gesicht in den Händen vergraben, wirklich herzzerreißend.

Ist ein weiterer Sieg inmitten all der anderen Auszeichnungen und Erfolge wirklich so wichtig? „Ich war schon immer sehr ehrgeizig bei allem, was ich tue, besonders im Sport, sobald es um ein Rennen ging“, gibt sie zu. „Ich musste lernen zu verlieren und das als Motivation für das nächste Mal zu sehen. Besonders als Kind konnte ich nach einem enttäuschenden Rennen sehr wütend sein.“ Ihre Liebe zum Rennenfahren ist eine Sache, doch woher kommt dieser Antrieb, siegen zu müssen? „Es ist wahrscheinlich eine Kombination meiner Eltern“, sagt Vos. „Meine Mutter ist eine Perfektionistin. Sie will immer alles gut machen und erträgt es nicht, wenn etwas nicht klappt, und mein Vater ist immer auf der Suche nach Herausforderungen. Er sah noch nie die Probleme, sondern suchte immer nach den Möglichkeiten – wahrscheinlich treibt mich die Kombination aus beidem dazu, immer das Bestmögliche zu geben. Dann gibt es da noch die Region, in der ich aufgewachsen bin. Die Leute reden nicht darüber: Sie tun es einfach und arbeiten sich den Arsch ab. Ich glaube, das hat mich so weit gebracht.“

Vos’ größter Vorteil war schon immer ihre Fähigkeit, schnell zu beschleunigen und anzugreifen. So hat sie im Laufe der Jahre einige ihrer größten Titel eingefahren wie etwa den besagten Cyclocross-Weltmeistertitel 2006. Es half ihr, Lizzie Armitstead auf der Mall in London zu schlagen, als sie 2012 Olympiasiegerin wurde, und sie hängte ihre Konkurrenten ab, um die Straßenweltmeistertitel 2012 und 2013 zu gewinnen. Sprinten, sagt sie, war für sie immer selbstverständlich. Als sie jung war und zu Hause auf den flachen, windigen Straßen trainierte, lag ihr Talent in ihrer Fähigkeit zu sprinten. „Wo ich herkomme, sind wir Christen und Protestanten, und jeder, der ein Talent hat, sieht das als Geschenk an. Man versucht einfach, es so gut wie möglich zu nutzen“, sagt sie. „Wenn man sich das Training ansieht und was mir von der Natur mitgegeben wurde, war ich eher ruhig … meine Explosivität ist ganz okay, mein Sprint … Das braucht man immer, auf der Straße, aber auch im Cyclocross. Es ist einfacher, Rennen zu gewinnen, wenn man sprinten kann. Was ich nicht hatte, war die Kraft, und was mir fehlte, war der große Motor. Das war schon immer mein größtes Problem, also musste ich im Laufe der Jahre an Leistung zulegen. Natürlich hat es sich verbessert, aber mir liegen eher die kurzen und intensiven Intervalle.“

Nach 2015 kehrte Vos zu dem zurück, was sie am besten kann. Diese schwierige Saison beendete fast die Karriere der Niederländerin. Sie fuhr in jenem Jahr nur zwei Straßenrennen durch; einziger Sieg war die niederländische Cross-Meisterschaft. Burnout und Übertraining von den vielen Wettkämpfen, verbunden mit Knie- und Kniesehnenverletzungen, holten sie komplett vom Rad. Viele Leute dachten, Vos sei erledigt, und es gab Zeiten, da dachte sie das Gleiche. Die größte Herausforderung ihrer Karriere sei gewesen, sagt sie, in den letzten drei Jahren zu dem zurückzukehren, was Vos „ihr Bestes“ nennt. Aber 2018 bestätigte, dass sie sich noch nicht verabschieden wird. Sie gewann acht Rennen und war damit nicht mehr so dominierend wie in ihren unbesiegbaren Jahren von 2011 bis 2014, als sie durchschnittlich 23 Siege pro Saison erzielte. Doch ihre sechs WorldTour-Siege in diesem Jahr enthielten eine Etappe beim Giro Rosa und einen lupenreinen Sieg bei der Ladies Tour of Norway Mitte August. Wenn es eine Vorstellung gab, die zeigte, dass Vos immer noch die beste Sprinterin im Feld ist, war es ihr Sieg beim Crescent Vårgårda im August dieses Jahres. Als das Feld auf einen Massensprint zusteuerte, flog Vos in der letzten Rechtskurve außen an der Gruppe vorbei, 300 Meter vor dem Ziel, und beschleunigte. Sie riss eine Lücke auf und sprintete durch bis zur Ziellinie. Niemand sonst konnte ihr folgen. „Das war eines der Rennen, bei denen ich dachte: Okay, so will ich fahren. Rennen fahren nach Intuition. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, hätte ich gesagt: Nein, du bist verrückt, du startest keinen Sprint 300 Meter vor der Linie, mit den besten Sprintern der Welt am Hinterrad. Es kam aus dem Bauch heraus“, sagt Vos. „Das war der größte Sieg; nicht der Sieg selbst, sondern mehr das Gefühl, im Rennen wieder ich selbst zu sein.“

Die Stärke im Peloton der Frauen hat während der Ära Vos im Radsport zugenommen. Es ist nicht so einfach für eine Fahrerin, alles zu dominieren, von Sprints über Kopfstein-Klassiker bis hin zu bergigen Etappenrennen, wie sie es früher tat. Aber Vos hat aufgehört zu versuchen, jedes Rennen zu fahren und alles zu gewinnen. Etappenrennen sind nicht unbedingt ihr Ziel, da sie nicht genug Regenerationszeit bieten, die sie braucht, auch wenn der Siegertyp in Vos immer noch alles fahren und gewinnen will, was geht. „Ich konzentrierte mich auf die Eintagesrennen und versuchte, darin gut zu sein. Wie ich bereits sagte, bin ich natürlich eher ein Sprintertyp, sodass ich bei den Klassikern gut abschneiden kann, aber nicht bei den spezifischen Kletterrennen. Also haben mein Team und mein Trainer beschlossen, uns zuerst auf das zu konzentrieren, was mir liegt, darauf zu trainieren und von dort aus weiter aufzubauen“, sagt sie. „Es gibt auch einen Teil von mir, der in allen Bereichen besser werden will, also musste ich von dem Punkt an, an dem ich war, sagen: Okay, ich muss mich zuerst auf die Sprints oder auf die hügeligen Klassiker konzentrieren, anstatt auf die Berge. Aber es gibt immer einen Teil von mir, der mehr will. Doch ich habe in den letzten Jahren gelernt, wie man sich besser ausbalanciert.“

Es wäre bei ihrem Palmarès für Vos ein Leichtes, eingebildet, arrogant oder unnahbar zu sein. Aber das ist einfach nicht ihr Stil. Selbst auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs wirkte Vos immer geerdet. Das ist sie immer noch. Sie mag eine Weltklasse-Athletin sein, aber sie wirkt ein wenig wie alle anderen. Bekannterweise reist sie im Wohnmobil samt Familie und Katze zu Rennen. Wenn sie nicht gerade an einem der 200 Tage des Jahres arbeitet, teilt sie ihre Zeit zwischen ihrem Elternhaus und ihrem Freund auf. Selbst als wir sprechen, fragt sie, ob wir das Interview auf den Mittag verschieben könnten, damit sie früher zu Bett komme, da es ihr nicht gut ginge. Fast so, als würden wir nicht erwarten, dass Vos jemals krank wird. Ihre wenige Freizeit verbringt sie damit, die einfachen Dinge des Lebens zu genießen: lesen, Musik hören, mit ihrer kleinen, aber engen Gruppe von Freunden zu Abend essen. Draußen zu sein ist ihr wichtig, sei es auf dem Fahrrad oder bei einer Wanderung im Wald oder den Bergen. „Es ist mir sehr wichtig, auf dem Boden zu bleiben. Jeder hat ein Talent und alle wollen es im Leben gut machen, aber ich glaube nicht, dass es Medaillen und Goldmedaillen oder Ergebnisse sind, die im Leben so sehr zählen. Es geht darum, wer man ist und was man tut. Für mich ist das also wichtiger als die Resultate im Radrennsport, obwohl ich gut sein will; und ja, meine Familie war wirklich wichtig“, sagt sie. Was ihre alternative Art des Reisens betrifft: „Die Leute sagen immer: ‚Du bleibst so normal, du reist mit deiner Katze.‘ Aber für mich ist es eben einfach nichts Besonderes. Es ist nicht seltsam, normal zu sein, so ist mein Leben. So mag ich es. Ich denke, es wirkt manchmal ein bisschen komisch für die Leute. Ja natürlich, ich hätte in Monaco leben können und wahrscheinlich zu den Galas und so weiter gehen können, aber das gefällt mir nicht. Ich liebe es, wo ich herkomme, und ich mag die Menschen um mich herum. Für mich zählt das mehr als Glitzer und Glamour.“

Die Saison 2015 zwang Vos auch, über die Zukunft nachzudenken, das „Jenseits“. Sie hat sich in der Kommentatoren- und Medienarbeit versucht, aber vor allem will sie einen Weg finden, ihre Erfahrungen aus dem Radsport in irgendeiner Weise weiterzugeben, sei es im Sport oder in einem anderen Bereich. Letztlich liebt Marianne Vos es aber einfach, Fahrrad zu fahren, und das wird sich wahrscheinlich nie ändern. „Es ist keine Wahl, es ist eine Lebensweise, du bist kein Athlet von neun bis fünf, du bist ein Athlet rund um die Uhr. Aber ich habe es noch nie als großes Opfer gesehen, denn es gibt mir auch viel“, sagt sie. „Wenn ich zu meiner inneren Motivation zurückkehre, auf meinem Fahrrad an einigen schönen Orten durch die ganze Welt fahre und dann das tue, was ich am meisten liebe – dann ist das eigentlich kein großes Opfer.“

Procycling - Ausgabe 180 / Februar 2019



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