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Ausgabe 180 / Februar 2019

Nur eine Zahl

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Der 21. Mai 2019 ist Mark Cavendishs 34. Geburtstag. Die Zahl 34 hängt 2019 in großen Lettern über seinem Leben und seiner Karriere. Vor ein oder zwei Jahrzehnten hätte sie das Karriereende bedeutet, aber 34 ist heute für einen Rennfahrer nur das Ende seiner Lebensmitte.

Alejandro Valverde, der amtierende Weltmeister, ist 38, der Giro-Sieger Chris Froome ist einen Tag älter als Cavendish, und der amtierende Toursieger Geraint Thomas wird 33 sein, wenn er sein Gelbes Trikot von 2018 verteidigt. Doch 34 ist auch eine Zahl, die Leben und Laufbahn von Cavendish bestimmt – von heute bis zu ihrem Ende und weit darüber hinaus. Es ist die Zahl der Etappen, die Eddy Merckx bei der Tour de France gewinnen konnte, und zu versuchen, den Rekord einzustellen oder zu brechen, ist die letzte große Herausforderung in Cavendishs Karriere. Für ihn spricht das Wissen, dass einige der größten Sprinter der jüngeren Geschichte ihre besten Ergebnisse jenseits der 30 erzielten. Mario Cipollini gewann als Twen 16 Giro-Etappen, aber 26 mit über 30 (darunter zwölf nach seinem 34. Geburtstag). Alessandro Petacchi war bei 16 seiner 22 Giro-Etappensiege über 30 (wobei ihm fünf weitere nach einem positiven Test aberkannt wurden). Robbie McEwen gewann drei Grand-Tour-Etappen mit über 20 Jahren und 21 mit über 30, darunter vier Tour-Etappen mit über 34. Wie André Greipel unlängst bewiesen hat, ist es überhaupt nicht ungewöhnlich, dass Sprinter jenseits der 30 Etappen bei großen Rundfahrten gewinnen. Außerdem werden Cavendishs Ambitionen nicht von anderen Zielen verwässert. Er hat ein Regenbogentrikot und ein Mailand–San Remo in seinem Palmarès. Mehr wäre schön gewesen, und er schlief wochenlang nicht richtig, nachdem Peter Sagan ihn bei der Weltmeisterschaft 2016 in Katar auf der Linie abgefangen hatte, aber seine Saison wird nicht mehr auf diese Ziele ausgerichtet sein. Gent–Wevelgem und Paris–Tours, wo Cavendish früher beste Karten hatte, sind keine Rennen mehr für Sprinter. Gegen ihn spricht: Der Zählerstand der Tour-Etappensiege hängt seit zwei Jahren, in denen Erkrankungen und Verletzungen seine Chancen ruinierten, bei 30 fest. Der Trend sieht nicht gut aus. Cavendish weiß das natürlich. Er ist nicht blind. Aber ebenso wenig wird sein Ehrgeiz durch die Enttäuschungen der letzten zwei Jahre getrübt. „Ich habe in den letzten zwei Jahren zwei Rennen gewonnen“, sagt er. „Ich kann nicht sagen, dass ich im Moment der Topsprinter bin, was Resultate angeht. Ob es mein Fehler ist oder nicht – ich habe die Resultate nicht.“

So weit, so realistisch. Aber dann das: „Ich glaube, ich bin der Schnellste. Das glaube ich wirklich. Ich weiß, dass jeder Sprinter das sagt, aber ich glaube, ich bin der Schnellste.“ An diesem Punkt verdrehen Cavendish-Kritiker normalerweise die Augen und denken: „Typisch Cav!“ Seine ungefilterte Direktheit und die Weigerung, beim Äußern seiner Meinung jemals Kompromisse einzugehen, scheinen angeboren, und er wird sich nicht ändern. Doch hinter dieser letzten Äußerung steckt mehr. Als wir darüber sprachen, wie Cavendish wahrgenommen wird – im Unterschied zu seiner Selbstwahrnehmung –, war seine Aussage nuancierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. „Auf dem Papier sieht es arrogant aus. Aber wenn du auf den Ton dessen achtest, was ich sage, ist es ganz anders. Die Leute bekommen den Ton nicht mit“, erklärt er. Und das stimmt. Als er sagte: „Ich bin der Schnellste“, lachte er, weil er weiß, wie absurd es ist zu behaupten, der schnellste Sprinter der Welt zu sein, wenn er zwei Jahre lang ein einziges Rennen pro Jahr gewonnen hat. 2019 tröstet sich Cavendish sogar mit dem Mangel an Siegen. Während des Fotoshootings erklärte er, 2017 und 2018 seien Ausnahmen gewesen, kein Trend. „Man gewinnt nicht in einem Jahr 16 Rennen und im nächsten Jahr eines“, sagt er. „Wenn es erst 16 und dann zehn gewesen wären, könnte man sagen: Er wird langsamer. Aber ein Sieg, das heißt, dass etwas nicht stimmt.“ Dieses Etwas war Epstein-Barr, auch Mononukleose oder Drüsenfieber genannt. Die Krankheit brach Anfang 2017 aus und schwächte ihn 2018 immer noch – und ruinierte damit praktisch beide Jahre.

Der Ausbruch 2017 kam nach einem glänzenden Jahr 2016, bei dem nicht viel fehlte, um als beste Saison zu gelten, die ein Rennfahrer je hatte. Cav hatte sich Ziele von beispielloser Bandbreite gesteckt: Weltmeisterschaften auf der Bahn und der Straße, ein Tag im Gelben Trikot der Tour und olympisches Gold auf der Bahn. Und er war nahe dran – mit Bradley Wiggins gewann er das Madison bei der Bahn-Weltmeisterschaft, holte dann bei der Tour vier Etappen und schlüpfte ins Gelbe Trikot. Diese letzte Leistung war historisch – Cavendish ist einer von nur 22 Fahrern, die die Spitzenreitertrikots aller drei großen Rundfahrten getragen haben, und er gehört zu einem Trio von Fahrern, die das geschafft haben und außerdem die Punktewertung in Frankreich, Italien und Spanien gewinnen konnten (Eddy Merckx und Laurent Jalabert sind die anderen beiden). Er wurde Zweiter bei seinen zwei anderen Zielen – er musste sich im Omnium bei den Olympischen Spielen nur Elia Viviani und bei der Straßen-Weltmeisterschaft in Katar nur Peter Sagan geschlagen geben. Dann fuhr er den Winter über Sechstagerennen, und als die Abu Dhabi Tour Anfang 2017 losging, war er krank, obwohl er dort eine Etappe gewann.
Cavendish war körperlich nicht in Form bei Tirreno–Adriatico und fiel bei Mailand–San Remo an der Cipressa zurück. Da wusste er, dass etwas nicht stimmte, und eine Blutuntersuchung bestätigte, dass er Epstein-Barr hatte. Er war rechtzeitig zur Tour wieder fit, stieß aber zu Beginn des Rennens  mit Sagan zusammen, brach sich die Schulter und kam dann bis Ende der Saison nicht mehr richtig in Tritt.

„Die letzten zwei Jahre waren für die Katz“, erinnert er sich. „Das Schlimmste, was man bei Epstein-Barr machen kann, ist, sich körperlich anzustrengen. Das Einzige, was hilft, ist Ruhe. Ich habe mich selbst fertiggemacht und angetrieben. Es sieht jetzt aus, als hätte ich kein akutes Epstein-Barr mehr, aber bei anderen Symptomen dauert es länger, bis sie abklingen; es muss gemanagt werden, und das ist das Schwerste. Ich hatte es als Kind, und es ist nicht ungewöhnlich, dass es bei Ausdauerathleten wieder ausbricht, wenn du an deine Grenzen gehst. Er ist ein Feigling, Epstein-Barr – er fällt dich nur an, wenn du schwach bist, nie, wenn du stark bist“, fährt er fort. „Vor 2016 sagte Rolf Aldag [Performance-Direktor bei Dimension Data] zu mir: Das alles zu machen, wird dich ruinieren. Ich sagte: Scheiß drauf. Weltmeisterschaften auf der Straße und auf der Bahn. Niemand hat das im selben Jahr geschafft. Nicht mal Eddy Merckx hat das geschafft. Nicht viele Leute verstehen, wie unterschiedlich Straßen- und Bahnradsport sind. Zweieinhalb Wochen vor Olympia fuhr ich den Mont Ventoux hoch. Ich habe Glück – ich kann mich umstellen, aber es verlangt dem Körper viel ab. Ich habe doppelte Sessions auf der Bahn gemacht – die anderen Jungs haben sich zwischen den Sessions erholt, aber ich bin zwischendurch drei Stunden draußen locker Rad gefahren, dann war ich wieder drin und wir sind sofort in die hohen Intensitäten gegangen. Als ich es bekam, sagte meine Frau zu mir: ‚Wenn jemand dir gesagt hätte, dass du schaffen würdest, was du 2016 geschafft hast, aber krank werden und eine ganze Saison verlieren würdest, hättest du es dann gemacht?‘ Und ich sagte: Weißt du was? Wahrscheinlich schon.“ Cavendish hält inne und fügt dann hinzu: „Aber zwei Jahre verlieren und vielleicht mein Vermächtnis? Wahrscheinlich nicht.“

Mein Eindruck, als ich mir die Tour 2018 anschaute, war, dass sich bei Cavendish etwas geändert hatte. Nicht nur das Sprinten, obwohl klar war, dass er nicht annähernd das Niveau von Fernando Gaviria, Dylan Groenewegen und den anderen Sprintern hatte. In seinen täglichen Interviews mit ITV war er meistens komplett gleichgültig angesichts der Niederlage. Er war mehr als gedämpft – es sah aus, als sei das Feuer erloschen. Cavendish war von 2008 bis 2012 der beste Sprinter der Welt und erneut 2016. Es ist sehr plausibel zu argumentieren, dass er der beste Sprinter aller Zeiten ist. Er war aus einer Reihe von Gründen besser als die anderen – sein Tempo und die Fähigkeit, es zu halten, die einmalige Aerodynamik und die Teamleistung waren Weltspitze oder nicht weit davon entfernt. Doch seine wichtigsten Waffen waren seine Hingabe und sein Wettbewerbstrieb. Das zeichnete ihn in der Vergangenheit wirklich aus. Ohne sie, dachte ich, bekommt man den Cavendish der Tour 2018 – vorne mit dabei, aber unfähig, der allerletzten Schlussbeschleunigung der jüngeren, frischeren Beine etwas entgegenzusetzen. „Nein“, meint Cavendish, als ich ihm das sage. „Ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Es war nicht so, dass ich einen Fehler gemacht hätte. Ich war bei dem Interview nach einer der Etappen ein bisschen stinkig, nach Groenewegens erstem Sieg, wo mir das Pedal von Kristoff in die Quere gekommen ist und ich es verbockt habe. Aber da konnte ich nichts machen.“ Ich erwähne auch, dass der Cavendish von 2008 oder 2009 nach solchen Niederlagen Feuer gespien und Helme geworfen hätte, doch auch das sieht er anders. „Das ist, weil ich damals – außer wenn ich einen Fehler gemacht habe – nie verloren habe. Damals habe ich nur verloren, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Nie, weil ich nicht gut genug war.“

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