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Ausgabe 179 / Januar 2019

Die Stars von morgen

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Peter Sagan, Greg Van Avermaet, Vincenzo Nibali – seit Jahren wird der Profiradsport von den gleichen Namen geprägt. Im Windschatten der Stars steht allerdings längst eine neue Fahrergeneration bereit, die das Talent besitzt, selbst das Tempo im Peloton zu bestimmen. Procycling hat vier dieser jungen Talente aus dem deutschsprachigen Raum durch die Saison 2018 begleitet.

Pascal Ackermann
Bora–hansgrohe

(24 Jahre, 2. Profisaison)

Neun an der Zahl. Innerhalb weniger Monate hat Pascal Ackermann mehr Siege geholt als so manch altgedienter Profi in seiner gesamten Laufbahn. Etappen bei der Tour de Romandie, der Dauphiné, der Polen-Rundfahrt und viele weitere Erfolge zeigen klar an: Bereits in seinem zweiten Jahr als Berufsradfahrer hat sich der junge Sprinter aus den Reihen von Bora–hansgrohe im wahrsten Sinne des Wortes in die Weltspitze katapultiert. „Ich würde sagen, ich habe mich selbst überrascht“, lacht Ackermann und fügt hinzu: „Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es ein so gutes Jahr wird.“ Bereits im vergangenen Jahr hatte der mittlerweile 24-Jährige aus Kandel sein Talent mehrfach aufblitzen lassen und war unter anderem Vierter bei den Straßen-Europameisterschaften geworden. Doch was 2018 folgte, brachte selbst ausgewiesene Kenner der Szene zum Staunen: Vom Frühjahr weg sammelte Ackermann gute Topplatzierungen am Fließband. Und mit seinem Sprintsieg der Abschlussetappe der Tour de Romandie gelang ihm bereits Anfang Mai sein erster Sieg in der UCI WorldTour. Von nun an reihte Ackermann Erfolg an Erfolg: Er gewann die deutschen Straßenmeisterschaften, den Prudential Ride London und schraubte sein Siegeskonto bis zum Saisonende auf stolze neun Erfolge hoch.

Aufstieg zum Leader
Es spricht für Ackermanns Charakter, dass er trotz allem Erreichten bescheiden bleibt: „Als großen Siegfahrer würde ich mich trotzdem noch nicht betiteln – da gibt es ganz andere im Feld, die wesentlich mehr erreicht haben“, sagt er, um mit einem Schmunzeln hinzuzufügen: „Ich sehe mich eher als kleinen Fisch, der eben da oben noch hin will.“ Damit spielt der Bora-Profi auf die Dinge an, die er noch lernen muss: Bei der Deutschland Tour im August beispielsweise verpasste er den Sieg bei der Auftaktetappe nur deshalb, weil er den Sprint zu früh eröffnete. Ähnliches passierte ihm zum Auftakt der chinesischen Tour of Guangxi. „Diese Gelassenheit bekommt man erst über die Jahre hinweg. Hier bin ich einfach noch Anfänger“, so Ackermann, der nichtsdestotrotz bei Bora–hansgrohe nun in der Verantwortung steht. Aus der einstigen Nachwuchshoffnung ist nämlich nicht nur ein Siegfahrer geworden, sondern auch einer, der in die Kapitänsrolle bei Eintagesrennen schlüpfen kann. „Mein Standing im Team hat sich sicherlich stark verbessert, ich habe jetzt meinen festen Platz in der Mannschaft“, sagt Ackermann, der dies als großen Vorteil für die kommende Saison sieht: „Ich kann jetzt viel besser meine Saisonhöhepunkte planen, da nun schon vorher klar ist, dass ich Kapitän sein kann. Das war ein wichtiger Schritt für meine Zukunft.“ Diese soll ihn im kommenden Jahr unter anderem zu seinem Grand-Tour-Debüt führen. „Das steht ganz oben auf dem Plan – und natürlich will ich dabei auch eine Etappe gewinnen. Ich will in jedem Fall an dieses Jahr anknüpfen und beweisen, dass ich nicht nur eine Eintagsfliege war.“ Letzteres ist bei jemandem, der mit 24 Jahren neun Saisonsiege auf WorldTour-Level holt, kaum vorstellbar.


Felix Großschartner
Bora–hansgrohe

(24 Jahre, 3. Profisaison)

Die 20. Etappe des Giro d’Italia wird Felix Großschartner in besonderer Erinnerung behalten. 210 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter musste das Peloton auf dem Weg von Susa nach Cervinia bewältigen – für die Favoriten im Gesamtklassement sollte es die letzte Möglichkeit sein, den Kampf um das Rosa Trikot zu entscheiden. Während sich Froome und Co. im Feld belauerten, war es allerdings ein junger Österreicher, der die Gunst der Stunde nutzte: Felix Großschartner prägte als Ausreißer fast den ganzen Tag lang das Renngeschehen … und belegte letztlich einen bärenstarken dritten Etappenplatz. „Ich habe drei Wochen alles für meine Mannschaft gegeben, und als ich die Chance bekam, wollte ich diese natürlich nutzen“, erinnert sich der 24-Jährige an den Tag zurück, an dem er einmal mehr sein enormes Talent aufblitzen ließ. Schon lange halten Experten den Youngster aus den Reihen von Bora–hansgrohe für einen, der auf schweren Bergetappen irgendwann in die Weltspitze vorstoßen könnte – in seinem ersten Jahr in der WorldTour bestätigte er diese Hoffnungen gleich mehrfach. Besonders in Erinnerung bleibt beispielsweise sein Auftritt bei Paris–Nizza im März, wo er zeitweise im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers unterwegs war und sich einen viel beachteten zehnten Platz in der Gesamtwertung sicherte. Auch beim Giro d’Italia unterstrich Großschartner sein Können und hatte neben seiner Solofahrt auf der 20. Etappe als Helfer maßgeblich Anteil daran, dass sein Landsmann und Teamkollege Patrick Konrad Siebter in der Gesamtwertung wurde. „Ich habe gegenüber dem letzten Jahr wieder einen Schritt nach vorne gemacht – entsprechend zufrieden bin ich mit meiner Saison“, sagt Großschartner nicht umsonst.

Ein Talent für Grand Tours
Mut macht dem Welser dabei besonders, dass er mehrere Wochen am Stück seine Form halten und auch „am Ende einer Grand Tour immer noch Topleistungen abrufen“ konnte. „Das stimmt mich sehr positiv für die Zukunft, weil ich glaube, dass auch in den Gesamtwertungen der Grand Tours einiges für mich möglich sein kann“, so das Bora-Talent, das seiner Saison 2018 bei der chinesischen WorldTour-Rundfahrt Tour of Guangxi Mitte Oktober einen krönenden Abschluss verpasste: Als Zweiter musste er sich in der Gesamtwertung nur Sky-Profi Gianni Moscon geschlagen geben. „Es ist schön, die Saison auf dem Podium bei einem WorldTour-Rennen zu beenden. Vor allem für mich, war es doch meine erste WorldTour Saison“, freute sich Großschartner nicht umsonst. 2019 will der Österreicher, der im kommenden Jahr weiterhin bei Bora–hansgrohe unter Vertrag stehen wird, nämlich noch höher hinaus – und vor allem seinen ersten Profierfolg anpeilen. „Es würde mich natürlich richtig freuen, wenn ich den bei einer Grand Tour holen könne“, hofft er. Denn die großen Landesrundfahrten – das ist spätestens seit dem diesjährigen Giro d’Italia klar – sollen auch langfristig das Metier sein, in dem der Österreicher Erfolge feiern will. „Wenn ich mich im Zeitfahren und am Berg verbessere, kann ich an einem guten Tag mit den Besten mitfahren – und wenn ich das über drei Wochen halten könnte, wäre das ein Traum“, so der 27. des diesjährigen Giro. Dass er das Zeug dazu hat, steht spätestens seit seinem Ausreißercoup auf der langen Giro-Etappe von Susa nach Cervinia außer Frage.


Maximilian Schachmann
Quick-Step Floors

(24 Jahre, 2 Profisaison)

„Das war schon ziemlich geil.“ Als wir kurz nach dem Giro d’Italia mit Maximilian Schachmann sprachen, sprudelte es aus dem 24-Jährigen nur so heraus. Gerade hatte der Nachwuchsfahrer aus den Reihen von Quick-Step Floors seinen ersten Profisieg eingefahren: Auf der 18. Etappe von Abbiategrasso nach Prato Nevoso hatte Schachmann auf den letzten ansteigenden Kilometern die stärksten Beine einer zwölfköpfigen Ausreißergruppe und krönte damit seinen gelungenen Auftritt bei der Italien-Rundfahrt, bei der er bereits in der ersten Woche als mehrfacher Träger des Nachwuchstrikots auf sich aufmerksam machen konnte. „Es ist auf jeden Fall sehr motivierend. Ich habe gesehen, dass ich mit super disziplinierter Arbeit ganz vorne mitfahren kann. Ich bin sehr happy, dass ich als Fahrer diese Möglichkeiten habe“, zeigte sich Schachmann entsprechend gelöst. In der Tat waren die Aussagen des Berliners nach dem Giro keine leeren Worthülsen: Denn Schachmann sammelte über die gesamte Saison hinweg Topplatzierungen, von denen die meisten Profis in seinem Alter nur träumen können. Besonders im Kampf gegen die Uhr verbesserte er sich so weit, dass man ihn mittlerweile auf jedem Zeitfahrterrain zur erweiterten Weltspitze zählen darf. Mit seinem dritten Platz bei der Zeitfahr-Europameisterschaft Anfang August in Glasgow deutete er erneut sein großes Potenzial an.

Fast-Triumph in der Heimat
Besonders für Furore sorgte der Quick-Step-Profi, der Ende September unter anderem auch Weltmeister im Teamzeitfahren bei der WM in Innsbruck wurde, bei seinem Heimrennen: Bei der Neuauflage der Deutschland Tour im August hielt er sich von Anfang an im Spitzenfeld, gewann die zweite Etappe und musste in der Gesamtwertung erst am letzten Tag dem Slowenen Matej Mohoric (Bahrain-Merida) und seinem Landsmann Nils Politt (Katusha-Alpecin) den Vortritt lassen. „Ich wollte ein offensives Rennen zeigen. Die Möglichkeiten in der Heimat, auf sich aufmerksam zu machen, sind ja doch sehr begrenzt – entsprechend wichtig war das Rennen für mich“, freute sich Schachmann, der damit unter Beweis stellte, dass er in Zukunft auch bei mittelschweren Etappenrennen zum Siegfahrer avancieren dürfte. Seine erste Rundfahrt gewinnen – womöglich wird Schachmann dies im Trikot von Bora–hansgrohe gelingen. Nach zwei Jahren verlässt er nämlich das Quick-Step-Team von Manager Patrick Lefevere und schließt sich der Mannschaft von Ralph Denk an. „Es ist wirklich toll, dass das geklappt hat. Als deutscher Profi in einem deutschen Team zu fahren, ist natürlich perfekt. Meine Kollegen haben mir nur Gutes über das Team, die Strukturen und den Spirit dort erzählt, darum freue ich mich schon sehr auf die kommenden beiden Jahre“, freut er sich und spielt dabei besonders auf die Arbeit der bayerischen Equipe für die Förderung des deutschen Radsports an: „Da bin ich natürlich sehr gerne ein Teil dieser Reise. Ich denke, bei Bora–hansgrohe habe ich perfekte Entwicklungsmöglichkeiten in einem höchst professionellen Umfeld. Nun liegt es an mir, diese Möglichkeiten in den kommenden Jahren in Resultate umzusetzen.“



Silvio Herklotz
Burgos-BH

(24 Jahre, 3. Profisaison)

Einen Neuanfang wagen, wieder an alte Erfolge anknüpfen – als Silvio Herklotz Anfang des Jahres nach zwei schwierigen WorldTour-Jahren bei Bora–hansgrohe seinen Wechsel zum spanischen Zweitligateam Burgos-BH verkündete, waren seine Hoffnungen groß, endlich das große Versprechen, das er mit einer außerordentlich guten U23-Saison im Jahr 2013 mit dem deutschen Meistertitel und dem Gesamtwertungserfolg bei der Tour Alsace im gleichen Jahr gegeben hatte, einzulösen. „Natürlich habe ich gehofft, den Durchbruch bei den Profis zu schaffen – aber leider hat sich alles ganz anders entwickelt“, erzählt der Berliner, der im Februar noch eine Teilnahme bei der Spanien-Rundfahrt als großes Saisonziel ausgegeben hatte, letztlich aber nur zu einem Einsatz bei der Katalonien-Rundfahrt im Mai kam. Schon im Winter hatte ihn ein ungewöhnlich langwieriger grippaler Infekt erwischt. Als später auch noch ein Magen-Darm-Virus hinzukam und die Form trotz Trainings nicht das alte Level erreichte ließ er sich schließlich in Deutschland untersuchen. Das Ergebnis: Borreliose. „Von da an drehte sich der Rest des Jahres nur um meine Genesung. In den ersten zwei Wochen wurde ich sogar stationär behandelt und bekam Antibiotika per Infusion verabreicht“, erklärt der 24-Jährige aus Blankenfelde-Mahlow, warum das Rennenfahren fortan keine oberste Priorität mehr für ihn hatte. Bis Mitte Oktober hinein dauerte Herklotz’ Therapie – heute ist er weitestgehend genesen: „Irgendwann habe ich mit der Saison abgeschlossen. Ich kann zwar wieder Rad fahren – aber an harte Einheiten ist trotzdem noch nicht zu denken.“

Neue Wege 2019
Einst ein hoffnungsvolles Talent in der U23-Kategorie, dann drei schwierige Jahre als Profi – man möchte nicht in der Haut von Silvio Herklotz stecken. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich der Youngster in den langen Monaten seiner Genesungszeit einen Plan B zurechtrückte. „Ich will weiterfahren – die Frage ist nur, auf welchem Level“, deutet er an, dass er seine Karriere zwar nicht vollends beenden will, man ihn 2019 aber mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr in den obersten beiden Radsportligen erleben wird. Stattdessen will er eine Ausbildung im sportlichen Bereich absolvieren und sein Leben auf eine andere Basis stellen. „Es gibt schließlich auch andere Dinge als Rad fahren“, so Herklotz. Trotz drei schwieriger Profijahre und einer kleinen Portion Trauer über das vorläufige, unrühmliche Ende – seine Erfahrungen, sagt Herklotz, könne ihm niemand mehr nehmen. „Ich bin extrem viel gereist und habe sehr viel gelernt“, meint er und erinnert sich gleichzeitig an seine größten Erfolge. „Am besten war es natürlich immer, wenn man Rennen gewonnen hat. Deutscher U23-Meister, der Gewinn der Tour Alsace – das waren sicherlich absolute Highlights. Aber auch die Tiefpunkte, wie ich sie beispielsweise in diesem Jahr erleben musste, haben mich geprägt. Der Mensch, der ich heute bin, bin ich durch den Radsport.“

Procycling - Ausgabe 179 / Januar 2019



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in der Procycling Ausgabe 179 / Januar 2019.