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Ausgabe 178 / Dezember 2018

Nie weg

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John Degenkolb gewann in diesem Sommer die Blockbuster-Etappe der Tour de France auf dem Pavé von Roubaix. Er erzählt Procycling, wie ihn der emotionale Sieg veränderte und ihm half, einen Schlussstrich unter zwei schwere Jahre zu ziehen.

John Degenkolb fühlt sich endlich frei. Zweieinhalb Jahre lang trug er die Erinnerung an den Unfall, bei dem er und fünf seiner Giant-Alpecin-Teamkollegen beim Training von einem Auto angefahren wurden, mit sich herum wie ein Gewicht um den Hals. Es war so schwer wie der Pflasterstein, den er bei Paris–Roubaix 2015 gewonnen hatte. Der Unfall im Januar 2016 definierte fast jeden Aspekt seines Lebens als Rennfahrer in den letzten drei Jahren. Erst, als er sich von dem Unfall selbst erholte, bei dem sein linker Ringfinger fast vollständig abgetrennt wurde. Und dann, als er bei seinem Comeback einen Rückschlag nach dem anderen erlebte – weitere Stürze, Krankheiten und die Annahme, dass er nicht mehr derselbe Fahrer war und kein großes Rennen mehr gewinnen würde. All das änderte sich im Juli auf der heißen und staubigen 9. Etappe der Tour de France über das Kopfsteinpflaster von Roubaix. Nach Jahren voller knapper Niederlagen, die seinem Unfall vorausgegangen waren, gewann Degenkolb schließlich seine erste Tour-Etappe auf dem spektakulärsten Teilstück des diesjährigen Rennens. Es war der große Sieg, auf den er seit dem schicksalhaften Tag im Januar gewartet hatte. Ein Kapitel war abgeschlossen, und das Gewicht, das er mit sich herumgeschleppt hatte, fiel von ihm ab. Vor der Kamera brach er unmittelbar nach seinem Sieg in Tränen der Freude und Erleichterung aus. Es war die Art von roher und purer Emotion, die bei den jüngeren Auflagen der Tour selten zu sehen war.

„Es gab einen großen Schlag in meiner ganzen Karriere, und von dem Moment an folgte ein Rückschlag auf den anderen“, reflektiert ein entspannter Degenkolb zwei Monate später. Wir sitzen im Château Frontenac in Québec, in dem er vor dem GP Québec und dem GP Montréal vier Tage wohnt. „Seit diesem Sommer ist alles wieder normal. Nichts hält mich zurück. Nichts bremst mich. Das ist so ein schönes Gefühl, dass du dich wirklich auf die wichtigen Dinge konzentrieren kannst.“ Aber Degenkolbs Geschichte dreht sich nicht nur um seinen langen Weg zurück nach einem Unfall. Er nennt den Tour-Etappensieg „das Ende einer Zeit des Kampfes“, nicht das Comeback, das andere darin sehen – er war nie weg, wie er betont. Er gewann drei Monate nach seiner Rückkehr ins Renngeschehen 2016 eine Etappe des Arctic Race of Norway, einer von sechs Siegen in den vergangenen drei Jahren, während er in der Klassiker-Saison 2017 bei Mailand–San Remo, Flandern und Roubaix in die Top Ten fuhr. Trotzdem muss man feststellen, dass abgesehen von der Tour-Etappe bisher keiner seiner Siege nach dem Unfall denselben Status hatte wie die Erfolge in seiner Vor-Unfall-Ära, die Monumente, zehn Tagesabschnitte der Vuelta, einen des Giro sowie Etappen der Dauphiné und Paris–Nizza umfassten. Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, dass etwas anders war und der Deutsche seinen Biss verloren hatte, sei es körperlich oder mental. Aber Degenkolbs Resultate täuschten auch über eine lange Pechsträhne hinweg. Da war der Sturz auf der 4. Etappe der Tour 2017, wo Peter Sagan und Mark Cavendish kollidierten – er war Kollateralschaden und hatte den Rest des Rennens mit Schulterschmerzen zu kämpfen. Wegen einer Bronchitis verpasste er die letztjährige Weltmeisterschaft in Bergen – ein welliger Kurs, der perfekt für ihn gewesen wäre. Die Krankheit kam zurück und setzte ihn für das diesjährige Mailand–San Remo und die ersten Klassiker außer Gefecht. Dann stürzte er bei Paris–Roubaix und verletzte sich am Knie. Das zwang ihn zu einer zweimonatigen Pause und gefährdete seinen Platz im Tour-Aufgebot von Trek-Segafredo.

„Wenn du ein oder zwei Jahre kein großes Rennen gewinnen kannst, dann fängst du natürlich an zu kämpfen und zu zweifeln, ob …“, sagt Degenkolb und hält inne. „Viele Leute glaubten nicht, dass ich mein altes Niveau wieder erreichen würde. Irgendwann fängst du selbst an zu glauben, was die Leute dir oder über dich sagen.“ Es gab ein seltsames Gefühl des Déjà-vu während der Tour-Etappe, als Degenkolb bei einem späten Vorstoß von Yves Lampaert und Greg Van Avermaet auf dem vorletzten Kopfsteinpflastersektor von Camphin-en-Pévèle 17 Kilometer vor dem Ziel mitging. Zufälligerweise waren die Belgier dieselben Fahrer, zu denen Degenkolb aufgeschlossen hatte – an fast demselben Punkt –, als er Paris–Roubaix 2015 gewann. Dieses Mal ging Degenkolb mit, als Lampaert attackierte, und das Trio fuhr schnell einen Vorsprung heraus. Das von Anfang an durch Stürze dezimierte Peloton schien nicht bereit zu sein, die Verfolgung aufzunehmen, und Degenkolb wusste, dass er, wenn es zum Sprint kam, bessere Karten als seine beiden Rivalen hatte. Immerhin hatte er sie hier schon mal geschlagen. Und als Degenkolb seinen Sprint eröffnete, war klar, welcher Fahrer die Linie zuerst überqueren würde. „Das war das größte Déjà-vu, das man sich vorstellen kann, dass wir dieselben Fahrer auf demselben Kurs waren“, sagt Degenkolb. „Aber diese positiven Erinnerungen haben mir geholfen, ruhig zu bleiben und meiner Fähigkeit zu vertrauen, sie im Sprint zu schlagen. Das hat mir wirklich mentale Stärke gegeben. Wenn du mit drei Fahrern vorneweg fährst, musst du mental stark sein und darfst keinen Fehler machen. Wenn du einen Moment lang nicht aufmerksam genug bist, kann die Chance vorbei sein.“

Degenkolbs Erleichterung im Ziel hing nicht nur mit dem Unfall zusammen, sondern auch damit, dass er endlich die Tour-Etappe gewonnen hatte, auf die er es seit Jahren abgesehen hatte. Seit 2013 war er auf 14 Tagesabschnitten der Tour in den Top Five gewesen, darunter sechsmal auf dem zweiten Platz. Aber den größten moralischen Auftrieb gab ihm an dem Tag nicht, als Erster über die Linie gefahren zu sein, sondern vor allem, dass er dem entscheidenden Angriff instinktiv gefolgt war. Als die Zeit kam, stellte Degenkolb fest, dass er reagieren und den entscheidenden Schlag ausführen konnte. Er wusste 24 Stunden zuvor – auf der 8. Etappe nach Amiens –, dass er auf der richtigen Spur war, als er Fünfter im Sprint und dann auf den dritten Platz befördert wurde, als Greipel und Gaviria zurückgesetzt wurden. „Ich hatte wirklich das Gefühl, in wichtigen Momenten wieder die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt er. „Ich hatte das gleiche Gefühl, als ich bei Roubaix in der Ausreißergruppe war. Ich war schon sehr erleichtert, dass ich derselbe Fahrer bin wie vorher. Die größere Erleichterung war, da vorne zu sein und mich so weit im Finale noch so stark zu fühlen.“ Nach Calpe scheute sich Degenkolb nicht, sich mit dem Trauma zu konfrontieren, und fuhr nur 97 Tage nach dem Unfall wieder Rennen. Er hat immer offen über den Zwischenfall und seine Schwierigkeiten bei seiner Rückkehr in den Radsport gesprochen – er musste lernen, mit drei Fingern zu bremsen – und sich keine professionelle Hilfe gesucht, sondern auf den engen Freundes- und Verwandtenkreis verlassen. In seinem Bestreben, so schnell wie möglich zu genesen, hat er erst vor Kurzem wirklich verarbeitet, was passiert ist.

„Das größte Problem war immer, dass ich mir nie selbst eingestanden habe, dass ich wirklich Glück hatte. Dass ich wirklich Glück hatte, mit ein paar Verletzungen und einem Bruch davongekommen zu sein, wobei mein Finger natürlich das große Problem war“, sagt Degenkolb, während er mit den Schnürsenkeln seiner Turnschuhe spielt – eine kleine Narbe an seinem Finger ist noch sichtbar. „Ich hätte im Rollstuhl sitzen können, ich hätte tot sein können, ich hätte nie wieder laufen oder Rad fahren können. Das habe ich einfach als selbstverständlich angesehen. Ich habe es einfach so hingenommen und gedacht, ich mache weiter und fahre in ein paar Wochen oder Monaten wieder Rennen. Aber ich habe fast anderthalb Jahre gebraucht, um es zu realisieren.“ Er sagt weiter: „Als mein Freund starb [Degenkolb widmete seinen Tour-Etappensieg einem Freund der Familie, der 2017 verstorben war], und dann dieser Unfall von Kristina Vogel [die Thüringer Bahnsprinterin, die nach einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt ist], habe ich erkannt, wie gefährlich dieser dumme Unfall war: Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte alles verloren. Ich rede nicht nur davon, Rad zu fahren und Profi zu sein – selbst wenn du das nicht kannst, geht dein Leben weiter. Ich habe lange gebraucht, um das zu erkennen und dankbar zu sein. Ich habe erst dieses Jahr nach den Klassikern offen darüber gesprochen.“ Der 29-Jährige betont auch, dass Radsport zwar eine Mannschaftssportart ist, ein Fahrer, der verletzt ausfällt, aber isoliert und gezwungen sein kann, während seiner Genesung alleine zurechtzukommen. Fußballer, sagt er, können zum Trainingsplatz gehen und dieselben Einrichtungen nutzen wie ihre Teamkollegen, auch wenn sie nicht spielen; sie fühlen sich als Teil des Teams und können moralische Unterstützung daraus ziehen. Degenkolb wohnt zum Beispiel im hessischen Oberursel, während Koen de Kort, einer seiner besten Freunde und Teamkollege von ihm, in Andorra lebt.

„Du hast deine Familie und eine Handvoll Leute, die dir wirklich nahestehen, und ohne sie hätte ich vielleicht meine Zuversicht und das Ziel des Comebacks aus den Augen verloren. Es ist wirklich wichtig, Leute zu haben, auf die man sich verlassen kann“, sagt er. „Wenn du als Radsportler verletzt bist, bleibst du zu Hause, und es kann sein, dass du deine Teamkollegen monatelang nicht siehst, und das kann schwer sein.“  In Québec strahlt Degenkolb Ruhe aus. Vor einer Ausfahrt macht er Scherze mit seinen Teamkollegen und bringt eine Einkaufstüte zu unserem Interview mit – die Ergebnisse eines Bummels durch die Altstadt. Bei dem Rennen steht er weniger unter Druck als im Sommer, und da er nicht für die Weltmeisterschaft trainieren muss – der Kurs in Innsbruck ist zu gebirgig für ihn –, will er die Saison stark beenden, um sich auf 2019 vorzubereiten. Andere entspannen sich, aber er hat noch 14 Tage auf der Straße vor sich. Degenkolbs Stärke war immer seine Vielseitigkeit. Er bestreitet Klassiker, hügelige Eintagesrennen und reine Sprints. Nie wurde das deutlicher als in seiner Debüt-Saison 2011, als er bei der Dauphiné zweimal triumphierte: erst bei einer technisch anspruchsvollen Hügelankunft, dann im Massensprint. Sean Kelly nannte Degenkolb einst einen der wenigen Fahrer, die die Qualitäten haben, um Peter Sagan bei der Tour das Grüne Trikot streitig zu machen. Degenkolb betont, dass er ebenso stolz auf seinen zweiten Platz auf den Champs-Élysées wie auf seinen Sieg auf Kopfsteinpflaster ist. „Dieser Sieg gibt mir noch mehr Zuversicht für die nächste Klassiker-Saison“, sagt er. „Ich glaube, in der Vergangenheit habe ich mehr darauf gesetzt, dass es zum Sprint kommt. Ich glaube, wenn ich in guter Form bin, werde ich nicht zögern, zu attackieren und aggressiv zu fahren. Mit den Jahren wirst du auch stärker – ich werde nächstes Jahr 30. Du erreichst das beste Alter für diese Rennen, du hast viele Jahre in den Beinen. Ich gehöre langsam zu den Älteren. Nicht der Älteste, aber sicher einer der Älteren.“

Procycling - Ausgabe 178 / Dezember 2018


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