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Ausgabe 176 / Oktober 2018

Das Wunderkind

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Egan Bernal erwies sich bei seinem Tour-de-France-Debüt als bester Bergdomestik des Teams Sky. Procycling findet heraus, wie weit es der 21-Jährige bringen kann.

Gegen Ende der Tour de France 2018 erkannten die meisten Fans den schlaksigen Egan Bernal wohl ebenso gut wie die bekannten Sky-Kapitäne Geraint Thomas und Chris Froome. Tag für Tag war Bernal der zweitletzte oder oft der letzte Helfer am Berg, der die Aufgabe hatte, die Co-Kapitäne des Teams auf den Bergetappen im Spiel zu halten. Wie er in Alpe d’Huez acht Kilometer lang für Froome und Thomas losstiefelte, war die wohl sehenswerteste Leistung des Kolumbianers, aber in Wirklichkeit war Bernal in beiden Gebirgszügen wesentlich für die Sky-Maschine. Bernals Trainer beim britischen Team, Xabier Artetxe, der den Kolumbianer in diesem Jahr bei jedem Rennen begleitet hat, ist überzeugt: „Ohne Egan hätten wir nicht mit zwei Fahrern auf dem Tour-Podium gestanden. Entweder Froome oder Thomas hätten ihre eigenen Chancen für den anderen opfern müssen.“ Dass Bernal mit 21 Jahren bei seiner ersten großen Landesrundfahrt das Rückgrat der Kletterer-Fraktion des Teams Sky geworden ist, ist beeindruckend. Noch bemerkenswerter ist, dass er erst vor drei Jahren, im Herbst 2015, nachdem er im zweiten Jahr in Folge bei der Mountainbike-Weltmeisterschaft der Junioren auf dem Podest gestanden hatte, abrupt zum Straßenradsport gewechselt ist. Es war eine Sportart, in der er überhaupt keine Erfahrung hatte. Im Januar 2016 wagte Bernal den ungewöhnlichen Schritt, die gesamte Amateur-Kategorie auf der Straße auszulassen und beim Team Androni Giocattoli–Sidermec von Gianni Savio zu unterschreiben. Zwei Jahre später wechselte Bernal zum größten Team der Welt – Sky.

Als wäre dieser Aufstieg noch nicht schnell und steil genug, wurde Bernal auf Anhieb Sechster der Tour Down Under 2018, gewann die kolumbianische Zeitfahrmeisterschaft und das neue Rennen des Andenstaats, Oro y Paz. Zurück in Europa, war er im Begriff, Zweiter der Volta a Catalunya zu werden, als er auf den letzten Kilometern der letzten Etappe stürzte und aufgeben musste. Unbeirrt wurde er Gesamt-Zweiter der Tour de Romandie und gewann dann die Kalifornien-Rundfahrt. Jedes einzelne dieser Resultate wäre bemerkenswert genug gewesen für einen Fahrer, der sein Debüt in der WorldTour gab. Aber kombiniert bedeuteten sie, dass Bernal für seine erste Tour nominiert wurde. „Viele Leute haben darüber geredet, dass Bernal erst 21 ist und die Tour seine Fortschritte zerstören könnte“, sagt Artetxe zu Procycling. „Aber das hat sie nicht. Er ist sehr stark aus ihr hervorgegangen. Was seine Lernkurve angeht, war alles sehr positiv.“ Und nicht nur Sky war beeindruckt. Als Bernal das Feld in Alpe d’Huez sprengte, sagte kein Geringerer als Alberto Contador auf Eurosport: „Genau das braucht man, um eine große Rundfahrt zu gewinnen.“ Sky würde es wahrscheinlich nicht laut sagen, aber bei einem so schnellen Fortschritt müssen Banalitäten wie „es Tag für Tag angehen“ zunehmend unrealistisch klingen. Zwar war Bernals Aufstieg so schnell, dass er in Artetxes Erfahrung als Trainer „beispiellos“ ist, dennoch wurde er durch ernüchternde Augenblicke eingebremst. Bei seinem schweren Sturz in Katalonien zog er sich Frakturen in der Schulter zu. Als er gegen Ende der Clásica San Sebastián in einen Massensturz verwickelt war, lautete die Diagnose: kleinere Hirnblutung, mehrere abgebrochene Zähne und Gesichtsverletzungen.

Bernals schwindelerregender Aufstieg wäre um Haaresbreite gar nicht passiert. Wie Bernal sich in diesem Jahr erinnerte, liefen sowohl sein erstes Training als Profi bei Androni 2016 als auch sein erstes Rennen so schlecht, dass er ernsthafte Zweifel daran hatte, ob es überhaupt klug war, sich im Profiradsport zu betätigen. „Es war wie in eine andere Welt versetzt zu werden“, denkt Bernal im Gespräch mit Procycling zurück. „Ich erinnere mich, dass ich mir bei meiner ersten Reise nach Europa, nach Norditalien im Januar, an meinem allerersten Tag sagte, dass ich trainieren müsse, weil ich einen guten Start hinlegen wollte. Aber es war bitterkalt, weit unter dem Gefrierpunkt, es regnete und ich habe mich komplett verirrt. Statt zwei Stunden bin ich schließlich fünf gefahren. Es war schrecklich.“ Er sagt weiter: „Beim ersten Rennen, das ich fuhr [La Méditerranéenne im Februar 2016] war es wirklich kalt und regnerisch. Ich bin ein explosiver Fahrer und kannte mich nicht aus mit Straßenrennen, denn als früherer Mountainbiker dachte ich, ich müsste sofort durchstarten, wie beim MTB. Nach fünf Kilometern war ich schon abgehängt. Es war furchtbar.“ Es gab, reflektiert er, zu viele Veränderungen, alle auf einmal. „Im Handumdrehen war ich von den Junioren zur Elite und den Profis gekommen; von Kolumbien und Südamerika nach Europa.“ Er hätte hinzufügen können, dass er vom MTB auf die Straße gewechselt hatte, von zwei Stunden Training am Tag auf sechs. „Ich war im Begriff gewesen, eine gute Karriere im MTB zu machen, und nun war ich kein großer Fisch im kleinen Teich mehr, sondern genau das Gegenteil. Und als das passierte, fragte ich mich: Was mache ich hier?“ Aber es spricht für Bernals Zähigkeit, dass er durchhielt, und zeugt von seinem angeborenen Talent, dass die Resultate fast sofort kamen. „Beim selben Rennen [La Méditerranéenne] kam ich in die Top 20, und am letzten Tag wurde ich Zehnter oder so und fühlte mich viel besser. Aber zwischenzeitlich dachte ich, ich würde es nicht einmal ins Ziel schaffen.“

Außer seinem enormen Talent hat Bernals schnelle Auffassungsgabe ihm geholfen, seinen Fortschritt zu beschleunigen, ebenso wie – paradoxerweise – sein Mangel an Erfahrung. „Egan hat natürlich nicht die Vorurteile und Einstellungen eines älteren Fahrers“, sagt Artetxe. „Er nimmt das, was du ihm beibringst, sehr gut auf.“ Artetxe vergleicht Bernals Entwicklung mit der des Überfliegers von LottoNL–Jumbo, dem ehemaligen Skispringer Primož Roglic. „Wie ein slowenischer Mechaniker, den wir bei Sky haben, mir sagte, können sowohl Egan als auch Roglic viel aufnehmen, weil da nichts ist, was das, was wir ihnen raten, blockieren würde. Ältere Fahrer sagen dir vielleicht, dass sie dies oder jenes nicht machen. Egan brauchst du etwas nur einmal zu sagen“, so der Trainer. „Aber Egan ist kein Roboter“, fügt er hinzu. „Er akzeptiert Befehle nicht einfach. Er stellt immer Fragen, will es besser machen und analysiert alles, was du ihm sagst. Es ist nicht so, dass es ihm egal wäre, er ist wirklich intelligent. Aber er hört auch zu und befolgt die Anweisungen zu 100 Prozent; um ehrlich zu sein, es ist eine Freude, mit ihm zu arbeiten.“ Bernal hat 2016 bei Androni viel von Franco Pellizotti gelernt, wie er sagt. „Pellizotti war ein sehr ruhiger und konzentrierter Typ, immer im Feld richtig positioniert“, sagt Bernal. „Ich habe versucht, genau das zu machen, was er tat: zu essen, wie er aß, mich zu verhalten, wie er sich verhielt. So habe ich von allen gelernt. Ich habe nichts getan, bevor sie etwas taten. Wenn sie aßen, habe ich gegessen; wenn sie nicht aßen, aß ich auch nicht, und wenn sie den Beutel auf die rechte Straßenseite warfen, warf ich ihn auch auf die rechte Seite“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich bin in meinem dritten Jahr, aber es ist eine Frage des Lernens, Lernens und Lernens. Ich bin 21, aber ich glaube, dass selbst die altgedientesten Fahrer immer noch dazulernen. Es ist ein nie endender Prozess.“ Bernal fühlt sich bei Sky nicht unter Druck gesetzt – trotz der großen Rennen, die auf seinem Programm standen. „Ich war in Situationen [vor Sky], wo sie mich dazu bringen wollten, Ergebnisse zu liefern, und je mehr sie das taten, umso gestresster wurde ich und umso weniger gut lief es. Hier ist es toll, wenn ich gut fahre. Aber wenn ich schlecht fahre, überlegen wir, was schlecht gelaufen ist und was ich korrigieren muss.“

Was auch immer das Schicksal oder der Radsport für Bernal bereithält, er scheint damit umgehen zu können. Im Herbst 2016 unter den Fittichen des italienischen Trainers und Managers Paolo Alberati nach Europa gekommen, konnte Bernal vor dem Saisonende nur an einem Rennen teilnehmen, dem Sognando Il Giro delle Fiandre für Junioren in der Toskana. Er gewann es. Trotz seiner Unerfahrenheit wurde Bernal in seinem ersten Jahr Vierter der Slowenien-Rundfahrt und Vierter der Tour de l’Avenir. Er trat im vergangenen Jahr wieder bei der Tour de l’Avenir an und gewann sie. Bei Sky bekam er zum ersten Mal überhaupt eine Zeitfahrmaschine – einen solchen Luxus gab es bei Androni nicht – und gewann prompt die kolumbianische Zeitfahrmeisterschaft auf einem für ihn ungünstigen, fast flachen Kurs. „Bei Androni musste ich mich zuerst daran gewöhnen, auf einem Rennrad zu sitzen, was nicht so einfach war wegen der anderen Haltung auf dem Mountainbike. Ich hatte Rückenprobleme“, blickt Bernal zurück. „Als ich mich dann auf Fotos auf dem Rennrad, das ich bei Tirreno im letzten Jahr bei Androni hatte, und der neuesten Zeitfahrmaschine, die ich bei Sky hatte, verglich, konnte ich sehen, dass meine Haltung ganz anders ist. Ich bin aerodynamischer, ich kauere mich nach unten.“ Wie Bernal sagt, hatte Androni wenig Interesse an Zeitfahren, nur an Ausreißergruppen. Aber er kritisiert das italienische Team überhaupt nicht und weist darauf hin, dass es auf einem ganz anderen Level agiert – wirtschaftlich und sportlich – als ein Team wie Sky. Und bei Androni konnte Bernal nicht nur von erfahrenen Teamkollegen wie Pellizotti lernen, sondern wurde auch von Michele Bartoli betreut, dem Ex-Profi, den er als hervor-ragenden Trainer und Freund bezeichnet. Jetzt ist er unter den Fittichen von Artetxe, der in der Nähe von Bernal im Baskenland lebt. Die Entscheidung für die Tour war laut Artetxe ein natürlicher Prozess. „Für ihn war klar: Er wollte in seinem ersten Jahr eine große Rundfahrt fahren, und wir beschlossen anfangs, dass die Vuelta die beste Wahl sei. Aber bei Egan kamen die Punkte, die wir für seinen Fortschritt markiert hatten, viel schneller als erwartet. Vor der Tour haben wir gesehen, dass er die Chance haben könnte, und wir dachten: Warum nicht? Es ist das beste Rennen, es ist eine tolle Chance, mit Vorbildern wie Chris und Geraint zu fahren“, sagt Artetxe.

„Psychologisch muss Bernal schneller lernen als andere Fahrer. Als wir wussten, dass er die Tour fährt, war es keine große Entscheidung. Physisch war es kein Problem, und was das Lernen angeht, war es sehr positiv. Ich habe mich nach der Tour mit ihm hingesetzt und ihn gefragt, ob er zufrieden sei, wie es gelaufen ist, und er sagte: 100 Prozent.“ Sky war außerdem bereit, mit Bernal einen weiteren Schritt zu gehen. Procycling erfuhr aus anderen Quellen, dass der Kolumbianer vor seinem Sturz bei der Clásica San Sebastián für die Vuelta vorgesehen war und zwei große Rundfahrten in einer Saison in Angriff nehmen sollte. Aber selbst ein Rennfahrer wie Bernal hat Grenzen. „Als Kletterer, der 58 bis 59 Kilogramm wiegt, wird er nie mit Zeitfahrern mit großem Motor mithalten können“, merkt Artetxe an. „Bei den großen Rundfahrten sind in jüngerer Zeit die erfolgreichsten Fahrer Zeitfahrspezialisten, die gut klettern können, nicht umgekehrt. Entsprechend werden wir die Landesrundfahrten für ihn aussuchen. Aber da er ein reiner Kletterer ist, können wir damit arbeiten. Wir werden die Verluste im Zeitfahren begrenzen und seine Rivalen dann in den Bergen knacken.“ Tatsächlich: Sky hat mit seiner „Zeitfahrer gewinnt Tour“-Formel ins Schwarze getroffen. Bernal scheint dem Thema einen Dreh zu geben, und diese Saison hat gezeigt, was Sky in Zukunft mit Bernal vorhat. „Nach dem, was er in diesem Jahr gezeigt hat – dass er ein einwöchiges Rennen gewinnen kann und es in die Top Ten der Tour geschafft hätte, wenn er diese Stürze auf der Etappe nach Roubaix nicht gehabt hätte –, kannst du sehen, dass er das Potenzial hat, eine Grand Tour zu gewinnen“, ist Artetxe überzeugt. Aber um noch einmal auf Bernals Anfänge zurückzukommen, sei daran erinnert, dass mindestens eine Person eine große Karriere auf der Straße für Bernal vorhergesehen hatte. Androni-Teammanager Gianni Savio, für Übertreibungen bekannt, nannte Bernal einst „die Zukunft des Weltradsports“. Es mag seinerzeit lächerlich geklungen haben, und Bernal selbst spielt solche Ideen entschieden herunter. Aber wer kann sich – nach der diesjährigen Tour – des Gefühls erwehren, dass Savio durchaus recht behalten könnte?

Procycling - Ausgabe 176 / Oktober 2018



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