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Ausgabe 175 / September 2018

Tour-Nachlese

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Geraint Thomas war der stärkste Fahrer im stärksten Team der Tour de France 2018. Procycling blickt zurück auf einen Sieg, der im Nachhinein unausweichlich schien.

Großbritanniens sechster Tour-de-France-Sieg in sieben Jahren war der bisher wohl unkomplizierteste und überraschendste. Unkompliziert, weil der Sieger, Geraint Thomas, nie gefährdet zu sein schien. Überraschend, weil es der Waliser und nicht der Titelverteidiger Chris Froome war, der am vierten Sonntag des Rennens im Gelben Trikot nach Paris fuhr. Wie bei allen Frankreich-Rundfahrten in letzter Zeit war das Muster des Rennens früh festgelegt, als Thomas in den Alpen Gelb holte. Die Beobachter des Rennens warteten darauf, dass er einbrechen, sein nomineller Kapitän Froome übernehmen und entweder Primož Roglic oder Tom Dumoulin ihn in den Pyrenäen abschütteln würden. Das passierte nie, und es gab einen Moment – rund zwei Kilometer vor dem Col du Soulor auf der 19. Etappe –, als Geraint Thomas’ Rivalen aufhörten, gegen ihn zu fahren, und anfingen, gegeneinander zu fahren. In einer Waschküche aus Pyrenäen-Nebel hatten Attacken von Roglic und Dumoulin Froome distanziert. Thomas hingegen waren sie nicht losgeworden. Wenn sie ihn weiter unter Druck hätten setzen können, hätte einer von ihnen den Waliser vielleicht abschütteln können, doch als bei dem Rennen nur noch ein paar Kletterkilometer übrig waren, erkannten sie, dass ihnen die Straße ausgegangen war. Die resultierende Kampfpause ließ Froome sowie ein paar andere wieder herankommen, während die Spitzenreiter über den Col d’Aubisque fuhren und das einzige nennenswerte Geschehen im Gesamtklassement der Tour darin bestand, dass Roglic in der Abfahrt angriff und versuchte, in Reichweite des zweiten Platzes zu gelangen. Die Tour war gewonnen worden – und verloren.

Geraint Thomas fuhr so etwas wie eine perfekte Tour de France. Als sein Teammanager Nicolas Portal zwei Tage später mit einem Kind auf jedem Arm blinzelnd in der Abendsonne am Place de la Concorde stand, nannte er den Waliser „le boss du Tour“. Der Zweitplatzierte Tom Dumoulin hatte nach dem Zeitfahren der 20. Etappe zerknirscht zugegeben, dass er Thomas nicht hätte schlagen können, selbst wenn er keine 50 Sekunden verloren plus 20 Sekunden Strafe nach einem Laufradwechsel im Finale der 6. Etappe in Mûr-de-Bretagne bekommen hätte. „Wenn ich näher an ihm dran gewesen wäre, hätte er mir in den Bergen mehr Zeit abgenommen, denn er war definitiv stärker“, sagte er. Thomas war der beste Kletterer, gewann zwei aufeinanderfolgende Bergankünfte in den Alpen. Sein Team war die stärkste Version, die wir je von Sky gesehen haben – das einzige Mal, dass er je ohne Teamunterstützung blieb, war in jenen wenigen Momenten am Soulor/Aubisque und auf den letzten zwei Kilometern bei der Bergankunft am Col du Portet zwei Tage zuvor. Er machte nichts falsch, machte keinen taktischen Fehler und vermied alle Stolperfallen in der gefährlichen ersten Woche, ohne Zeit zu verlieren. Bis zum Zeitfahren auf der 20. Etappe, wo Portal ihn drängte, auf Nummer sicher zu gehen, hatte er auf keiner Etappe eine einzige Sekunde auf Dumoulin verloren, während er an sieben verschiedenen Tagen Zeit auf den Holländer herausgefahren hatte. Man könnte argumentieren, dass, bevor Thomas sich überhaupt anschickte, die Tour zu gewinnen, was er rückblickend auf den beiden Alpenetappen 11 und 12 mit Siegen in La Rosière und Alpe d’Huez tat, seine Rivalen bereits systematisch im Begriff waren zu verlieren. Froome (kein direkter Rivale, aber vor dem Rennen der naheliegende Kandidat für die Kapitänsrolle bei Sky) stürzte auf der 1. Etappe und verlor fast eine Minute. Roglic kassierte mit seinem LottoNL-Jumbo-Team 71 Sekunden im Mannschaftszeitfahren. Dumoulin und ein ähnlich glückloser Romain Bardet verloren Zeit in Mûr-de-Bretagne – Bardet sollte die erste Woche müde und erschöpft beenden, nachdem er im letzten Drittel der Pavé-Etappe 9 nach Roubaix nach drei Reifenschäden mit dem einen oder anderen Teamkollegen auf Aufholjagd war. Vincenzo Nibali stürzte absolut unglücklich in Alpe d’Huez. Dan Martin verlor nach einem Sturz auf der 8. Etappe eine Minute. Quintana und Landa litten darunter, dass Movistar im Mannschaftszeitfahren fast eine Minute verloren hatte, und jeder der beiden stürzte – Landa auf dem Kopfsteinpflaster, Quintana auf der Etappe nach Pau in der letzten Woche.

Kurzum, Thomas’ Rivalen erlitten die Art von Rennen, die Thomas selbst normalerweise durchmachen muss. Einige Beobachter gaben ihm einst den Spitznamen „Welsh Crash Magnet“ aufgrund seiner verblüffenden Fähigkeit, bei großen Rennen im entscheidenden Moment auf dem Asphalt zu landen. Da war das Mal, wo er in der Abfahrt von der Cipressa bei Mailand–San Remo ausrutschte. Oder die Beckenfraktur, die er sich an Tag eins der Tour de France 2013 zuzog. Oder die Schulter, die er sich auskugelte, als Wilco Kelderman auf der 9. Etappe des Giro d’Italia 2017 mit einem Polizeimotorrad zusammenstieß (ein Rennen, bei dem Thomas seinen Durchbruch als Rundfahrer hätte feiern sollen). Oder der Moment, wo er unter eine Absperrung rutschte, als er auf der vorletzten Etappe von Paris–Nizza 2014 Gesamt-Zweiter war. Oder Paris–Roubaix in diesem Jahr … Die Liste geht weiter. Doch Thomas glitt durch die Tour 2018 wie auf einem Luftkissen. Er vermied die Stürze, die seine Karriere beeinträchtigten, und war drei Wochen lang in jedem wichtigen Moment an der Spitze des Rennens. Die Frage, was Geraint Thomas erreichen kann, wenn er kein Pech hat, ist schließlich beantwortet worden.

Die Buhrufe begannen in der Vendée, noch bevor das Rennen überhaupt losgegangen war, und sie folgten dem Team Sky durch Frankreich. Anfangs, bei der Team-Präsentation vor dem Grand Départ, schienen sie Froome vorbehalten zu sein, aber als Thomas in den Alpen das Gelbe Trikot holte, bekam auch der Waliser seine Portion ab. Es waren nicht viele Leute, aber das Gejohle war immer zu hören, ein bösartiges Hintergrundrauschen neben den Anfeuerungsrufen, der kitschigen Musik und der unablässigen Beschallungsanlage der Tour. In Alpe d’Huez rannte ein Fan auf die Straße und schubste Froome, glücklicherweise mit so wenig Kraft, dass er keinen Schaden anrichtete. In Valence lief ein Fan mit einem handgeschriebenen Plakat herum, auf dem „Sky-butamol“ stand. Auf dem Weg nach Mende warf ein Fan die gefürchtete „nicht identifizierte Flüssigkeit“ nach Chris Froome (drei Jahre, nachdem er auf einer Etappe mit demselben Ziel mit Urin beworfen wurde). Diese fiebrige Atmosphäre nahm David Brailsford auf einer Pressekonferenz am zweiten Ruhetag in Carcassonne in Angriff. „Ich glaube nicht, dass Spucken oder Sachen Werfen etwas im Profisport verloren hat. Aber hier scheint es so zu sein“, sagte er. „Wir sind in Italien gefahren. Chris Froomes Fall war noch offen und die Fans waren fantastisch. Spanien: Fantastisch. Es scheint ein französisches Ding zu sein, ein französisches kulturelles Ding. Das ist alles.“ Größtenteils wurden Brailsfords Worte nicht allzu ernst genommen. Le Monde brachte ein nicht ganz ernst gemeintes Stück mit dem Titel: „Ist das Anspucken von Rennfahrern Teil der französischen Kultur?“ Wenn seine Absicht war, die lautstarken Anti-Sky-Fans am Straßenrand zu beschämen und zum Schweigen zu bringen, so funktionierte es nicht. Am nächsten Morgen beim Etappenstart in Carcassonne warteten die Fans geduldig darauf, dass die Fahrer aus dem Sky-Bus ausstiegen. Als sich die Türen öffneten, gingen die Buhrufe wieder los und verfolgten die Fahrer bis ins Baskenland (obwohl sie auf der letzten Etappe nach Paris anscheinend leiser oder übertönt wurden).

Sky war bei den französischen Fans nie besonders beliebt, obwohl dies eine Verallgemeinerung und keine universelle Wahrheit ist. Zu Beginn, in den Jahren 2010 und 2011, war Sky mehr eine Zielscheibe des Gespötts als der Giftigkeit – ihre Pläne und Methoden widersprachen den Klischees des ästhetischen französischen Fans, der Ruhm und Kunst dem Pragmatismus und der Wissenschaft von Sky vorzieht. Erst 2015, nach zwei Sky-Siegen plus einem mageren Jahr, schlug ihnen offene Ablehnung entgegen, Richie Porte wurde damals Berichten zufolge von einem Fan sogar geschlagen. Der jüngste Skandal um Sky hat sicher dazu beigetragen. Die Atteste von Bradley Wiggins und die ominöse Versandtasche sowie die langatmige Affäre um Chris Froome, der die Behörden überzeugen konnte, dass er sich wegen der hohen Salbutamolwerte in einer Probe von der Vuelta nichts vorzuwerfen habe, haben zahlreiche Fans skeptisch werden lassen. So oder so haben Brailsford und das Team keinen Versuch unternommen, die aufgebrachten französischen Gemüter zu besänftigen, ganz im Gegenteil. Als Bernard Hinault vor der Tour laut darüber nachdachte, dass Froome nicht an dem Rennen teilnehmen sollte, veröffentlichte Sky postwendend eine Pressemitteilung, anstatt einen Mann zu ignorieren, der dafür bekannt ist und dessen ganze Persönlichkeit darauf beruht, meinungsstark zu sein. Brailsford fing dann freiwillig ein Wortgefecht mit UCI-Präsident David Lappartient an und warf ihm vor, „eine Mentalität wie ein französischer Ortsbürgermeister“ zu haben. Brailsford relativierte seine Worte über französische Fans später in Carcassonne, bezeichnete sich als frankophil und versicherte, er habe nur betonen wollen, dass es die Tour und kein anderes Rennen sei, wo die Fans Fahrer anspuckten. Er sagte Procycling zudem am letzten Wochenende der Tour, dass er nichts gegen die Leidenschaft der Fans habe, nur gegen das Spucken und den Körperkontakt. „Anfeuern, ausbuhen: Das ist Sport. Man muss diese Leidenschaft hervorrufen, daher habe ich keine Probleme damit. Ich wollte keine ganze Nation beleidigen. Mir war klar, dass es mich nicht gut aussehen lassen würde, aber ich wusste auch, dass darüber geredet werden würde“, sagte er. Er gab zudem zerknirscht zu: „Vielleicht war es nicht das Klügste, und ich bin nicht ins PR-Team versetzt worden – und rechne auch in nächster Zeit nicht damit.“ Doch der Eindruck bleibt, dass Brailsford weiß, was er tut, und er ließ tatsächlich durchblicken, warum er gerne eine „Sie gegen uns“-Atmosphäre zu fördern schien. „Jedes Sky-Auto, das den einen Berg hochfährt, wird beschimpft, und das macht dir Angst. Wenn du so etwas drei Wochen aushalten musst, sammelt sich das an. Im Bus brachten wir uns in Kampfmodus“, sagte er. Jeremy Whittle verglich die Sky-Belagerungsmentalität im Guardian mit der, die Alex Ferguson bei Manchester United begünstigte. Es funktioniert, aber es ist nicht schön.

Die Tour 2018 war vielleicht mehr als jede andere in der Historie eine Geschichte von Reich und Arm. Sky war Erster und Dritter in der Gesamtwertung. Quick-Step gewann vier Etappen, Fernando Gaviria und Julian Alaphilippe holten je zwei; Bora–hansgrohe und LottoNL-Jumbo gewannen drei. Insgesamt elf Teams gewannen Etappen, die Krümel konnten sich die anderen teilen. AG2R blieb ohne Etappensieg, und Romain Bardet war weniger brillant in den Bergen als in früheren Jahren (und bekam in Woche eins eine Packung), doch dank Pierre Latours Weißem Trikot waren sie zumindest auf dem Podium vertreten. Und es wurde noch schlimmer. Am Ende gingen sechs Teams praktisch leer aus, abgesehen von ein bisschen Fernsehzeit. Katusha, auf vier Mann reduziert, ging mit zwei Kapitänen in die Tour – Marcel Kittel konnte seine dominante Form von 2017 nicht finden und wurde in den Alpen eliminiert, während Ilnur Zakarin seine Leistung nicht abrufen konnte und Neunter wurde. Cofidis und Lotto Soudal holten zumindest je einen zweiten Etappenplatz. Dimension Data erreichte keinen Top-Drei-Platz. EF-Drapac war das am wenigsten erfolgreiche Team von allen: keine einzige Top-Five-Platzierung auf einer Etappe. Fortuneo-Samsic erreichte nicht einmal einen Top-Ten-Platz, wenngleich das Team mit dem Bergtrikot und der roten Rückennummer der 1. Etappe auf dem Podium vertreten war. Sorgenvolle Beobachter stießen sich auch an der Dominanz, die Sky ausübte. Die Reduzierung auf acht Fahrer (und sieben, als Gianni Moscon aus dem Rennen geworfen wurde, weil er Fortuneo-Fahrer Elie Gesbert boxte, nachdem der die Frechheit besessen hatte, den Angriff seines Teamkollegen Warren Barguil auf der Etappe nach Carcassonne abzudecken) machte keinen großen Unterschied. Der Sky-Zug war in den Bergen unbesiegbar. Wout Poels ließ seine Form zwar nur gelegentlich aufblitzen, doch Jonathan Castroviejo und Michał Kwiatkowski trugen das Team weit in die Bergetappen hinein, und der erst 21 Jahre Egan Bernal begleitete Froome und Thomas bis zu dem Punkt, wo nur noch wenige Fahrer übrig waren. Beim Mannschaftszeitfahren gewannen die üblichen Verdächtigen: Sky, BMC, Sunweb, Quick-Step und Mitchelton-Scott lagen nahe beieinander. Mit Movistar und LottoNL–Jumbo ließen zwei Teams mit Ambitionen in der Gesamtwertung auf dieser Etappe Federn. Sky ist viel vorgeworfen worden, und alle können sich glücklich schätzen, dass sie ohne gravierendere Folgen aus einer Serie von Skandalen herausgekommen sind. Sie sind in der Salbutamol-Saga um Froome mit einem blauen Auge davongekommen, und der Bericht des Sportausschusses des britischen Parlaments ließ kein gutes Haar an den mutmaßlichen Praktiken des Teams. Die Buhrufe, die es durch Frankreich verfolgten, waren eine hörbare Manifestation des Verdachts, dass diese Dominanz einfach nicht legitim sein kann. Doch der Hauptgrund dafür, dass Sky die Tour de France sechsmal in sieben Jahren gewonnen hat, ist, dass das Team wesentlich mehr Geld ausgegeben hat als die anderen. Wenn deine fünf stärksten Fahrer auf Bergetappen alle im letzten Dutzend sind, ist das ein enormer Vorteil (obwohl LottoNL–Jumbo hier auch bewundernswert fuhr und mit Roglic und Steven Kruijswijk in den Top Ten war, während Robert Gesink und Antwan Tolhoek den Bergzug von Sky zumindest herausfordern konnten).

Procycling - Ausgabe 175 / September 2018


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