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Ausgabe 174 / August 2018

Das ist mein Leben

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Aufgrund einer Knieverletzung und zwei Operationen konnte Heinrich Haussler 2017 nur zwölf Renntage bestreiten. Nach einer der körperlich und mental schwierigsten Phasen seines Lebens und der Angst vor dem Karriere-Aus ist der 34 Jahre alte Deutsch-Australier mit einer neuen Sichtweise auf das Leben und den Sport wieder da.

Freust du dich, wieder Rennen zu fahren?
Es ist wie eine zweite Chance. Es ist nur Radsport, aber viele Leute verstehen nicht, dass er mir alles bedeutet. Es ist eine so kurze Zeit im Leben, und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Wenn du Teamchef bist oder im Büro arbeitest, kannst du in einer Firma aufhören und in einer anderen anfangen oder dein Ding machen. Aber als Profi-Athlet ist es vorbei, wenn es vorbei ist. Ich sehe vieles jetzt anders und arbeite – ich würde nicht sagen härter, aber professioneller und genieße es einfach. Ich fahre fast immer, als wäre es das letzte Rennen.

Gab es im letzten Jahr Zeiten, wo du dachtest, deine Karriere wäre vorbei?
Noch im Winter hatte ich Probleme und auch noch im Januar im Trainingslager. Ich dachte, ich gebe Gas, egal, wie sehr ich meinem Knie schade, ziehe es durch bis Roubaix und höre dann auf. Aber mit der Zeit ging es immer besser und jetzt ist es soweit, dass ich gar keine Behandlung mehr brauche. Ich brauche gar nicht mehr an mein Knie zu denken.

Du hast dir im Januar kurz vor dem Start der Saison 2018 auch noch das Schlüsselbein gebrochen. Hast du gedacht: „Nicht schon wieder?“
Nicht unbedingt. Ich hatte mir vorher noch nie das Schlüsselbein gebrochen, aber es war der Tag, bevor wir nach Dubai flogen. Ich habe Sprinttraining gemacht, und beim letzten Sprint bin ich gestürzt. Ich fuhr schnell und stürzte und lag einfach da. Als Erstes habe ich meine Beine bewegt, weil ich an mein Knie dachte. Ich dachte, gut, ich kann meine Beine noch bewegen, daher ist es keine große Sache. Es ist ein kleiner Rückschlag.

Kuurne–Brüssel–Kuurne war dein erstes Rennen 2018, und du hast mit einer Ausreißergruppe angegriffen. Warum?
Ich hatte genug Erfahrung bei diesen Rennen, ich weiß, wie sie laufen, wie der Fluss im Peloton ist, wenn es auf bestimmte Anstiege zugeht oder du auf bestimmten Straßen in einer bestimmten Position sein musst, da sein musst. Ich habe dem Sportlichen Leiter gesagt, dass ich einfach angreifen werde. Er sagte: „Heino, es ist dein erstes Rennen nach deinem Comeback. Vielleicht solltest du einfach froh sein, wenn du es zu Ende fährst.“ Ich sagte: „Auf keinen Fall, Mann, ich bin voll dabei, ich gebe einfach Vollgas.“ Du fährst anders, es war das erste Rennen, es ging einfach darum, Spaß zu haben.

Als du dich 2016 verletzt hast, hättest du nie damit gerechnet, dass du so lange würdest aussetzen müssen. Wie schwierig war es, mit den wiederholten Rückschlägen umzugehen?
Ich bin mein erstes Rennen in Hamburg [August 2017] gefahren. Es war nicht gut. Ich habe das Knie mit Eis gekühlt, vor dem Rennen, nach dem Rennen, am Flughafen, zu Hause vor dem Schlafengehen, weil es so entzündet war. Ich wusste nicht, was passieren würde – ist das das letzte Rennen? Bei der Weltmeisterschaft in Bergen, wo ich Bling, Michael Matthews, helfen wollte, dachte ich: Ich versuche, dort zu starten, und wenn es gut geht, geht es gut, und wenn es das Ende ist, ist es das Ende. Das ganze Jahr über war es mehr eine mentale Herausforderung als eine physische. Das Ding bei einer Knieverletzung ist, dass es tausend Sachen sein können – anders als bei einem Knochenbruch. Bei einem Schlüsselbeinbruch weiß ich, dass ich in vier Wochen wieder am Lenker ziehen und einen Anstieg hochfahren kann. Aber mit der Knieverletzung zu vielen verschiedenen Osteopathen, Physiotherapeuten, Ärzten und Spezialisten zu gehen, die alle eine andere Diagnose und eine andere Therapie haben, das war hart.

Wie schwer war es mental?
Es war schrecklich. Ich habe mir auch lange von einem Psychiater und einem Mentaltrainer helfen lassen, die mich wieder aufgerichtet haben. Wie schon gesagt, viele Leute verstehen es nicht: Es ist nur Sport, aber mir bedeutet er alles.
Ich habe mit sechs Jahren mit dem Radsport angefangen. Ich bin mit 14 alleine nach Deutschland gegangen, um Profi zu werden, und seitdem besteht mein Leben aus Radsport. Wenn du jung bist, denkst du nicht an die Zukunft, du denkst: Ich mache das ewig. Aber wenn du älter wirst, weißt du, dass deine Zeit eines Tages zu Ende ist. Ich wollte so nicht aufhören.
Jetzt bin ich froh, dass es passiert ist. Ich sehe alles anders und versuche bei jedem Rennen, das Beste aus meinem Körper herauszuholen. Ich brauche nicht einmal zu gewinnen, aber wenn ich aufhöre, kann ich sagen, dass ich alles gegeben habe, mein Bestes getan habe und nach vorn schauen kann. Und nicht aufhören und darüber nachdenken, warum ich mich nicht mehr angestrengt habe oder anders trainiert habe oder besser gelebt habe oder mich besser ernährt habe.

Wie war es, so viel Zeit zu haben, als du verletzt warst?
Ich hatte tatsächlich mehr zu tun, als wenn ich auf dem Rad gesessen wäre. Ich habe mit so vielen verschiedenen Spezialisten gearbeitet, und in Freiburg, wo ich lebe, gibt es sehr viele gute Ärzte, Osteopathen und Physiotherapeuten. Ich habe zwei- oder dreimal am Tag mit dem Osteopathen gearbeitet. Das war vielleicht nicht nötig, aber ich wollte, dass es besser wird. Und Zeit zu Hause zu verbringen, war nicht schlecht. Ich bin seit fast 17 Jahren mit meiner Freundin zusammen, und die längste Zeit, die wir am Stück zusammen verbracht haben, waren sechs Wochen in der Winterpause. Ich habe Zwillinge zu Hause, und deswegen war es schön, etwas Zeit zu Hause zu verbringen. Wenn ich meine Kinder oder meine Freundin nicht hätte, wäre es viel schwerer gewesen.

Glaubst du, dass du den Radsport nicht so genossen hast wie heute?
Ja, 100-prozentig. Ich musste vorher schon andere Verletzungen auskurieren. Bei Cervélo hatte ich 2010 eine Knie-Operation, da musste ich auch eine Weile pausieren. 2013 bin ich die Klassiker gefahren, aber habe mir bei der Tour de Suisse die Hüfte und das Becken gebrochen. Ich hatte die Chance, zu diesem Team zu kommen, und das war wie ein frischer Start, und dann ging alles schief. Ich dachte, warum, warum, warum passiert das immer? Aber die Dinge passieren aus einem Grund, das ist die Vergangenheit; du musst sie vergessen. Schau nach vorn, arbeite hart. Die Leute, die hart arbeiten … Es zahlt sich schließlich auf die eine oder andere Weise aus.

Du hast erwähnt, dass du als Teenager von Australien nach Deutschland gezogen bist, um Radsport zu machen. Kommst du aus einer Radsportfamilie?
Nicht unbedingt. Mein Vater ist ursprünglich aus Deutschland – er ist in jungen Jahren nach Australien gezogen. Er spielte Fußball, als er jünger war, aber er ruinierte sich Bänder und Knorpel im Knie und der Arzt riet ihm, mit dem Radsport anzufangen, das sei gut für die Knie. Für ihn war es mehr ein Hobby. Ich bekam zu Weihnachten ein Fahrrad geschenkt und ein paar Wochen später war ein Vereinsrennen in der Kleinstadt, wo ich lebte, in Inverell. Ich startete dort und es lief gut, und dann ging es einfach weiter. Scott Sunderland ist auch aus Inverell, er war damals einer der ersten australischen Profis, bei dem man sagen konnte: Er ist aus dieser kleinen Stadt und Profi in Europa! Im Sommer war er immer hier, und alle sagten: Scott ist hier! Es gab keinen Radsport in der Familie, aber meine Familie ist sportlich.

Warst du ein willensstarker Teenager, dass du so früh ans andere Ende der Welt gezogen bist, um Radprofi zu werden?
Es kam definitiv nicht von mir, es war mehr mein Vater. Er hat mich schon früh dazu gedrängt, was gut war. Er konnte sehen, dass etwas in mir steckte. Ich hatte Talent. Ich hatte damals den Vorteil, dass ich die doppelte Staatsbürgerschaft besaß, sodass ich ohne Weiteres nach Deutschland ziehen konnte. Wir waren hier im Urlaub, als ich 13 war, und ich bin ein paar Rennen gefahren, und dann sagte ein Team: Okay, du kannst für uns fahren. Ich bin hierher gezogen, als ich 14 war.

Bist du alleine nach Deutschland gezogen?
Ja, es war schrecklich in diesem ersten Jahr. Ich kam hierher und beherrschte die Sprache nicht. Das Team sagte: „Wir wussten nicht, dass du kein Deutsch sprichst, dann kannst du nicht kommen.“ Ich habe rund acht Monate bei einem Freund meines Vaters gewohnt, um die Sprache zu lernen, und in der Zwischenzeit bin ich andere Rennen gefahren, nationale Rennen. In Cottbus, einer anderen Schule dort, sagten sie: „Es ist uns egal, ob du Deutsch sprichst. Komm, fahr für uns.“ Ich zog nach Cottbus ins Sportzentrum und blieb dort bis 2008 und zog dann runter nach Freiburg.

Du bist 2005 mit 21 Jahren Profi bei Gerolsteiner geworden. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
2004 war ich Stagiaire bei T-Mobile. Damals war es ein großer Kampf zwischen den beiden Teams, aber sie waren die zwei großen deutschen Teams. Bei T-Mobile bekamst du einen Audi, du bekamst Adidas-Klamotten, du bekamst ein Telefon, und deswegen habe ich gesagt: Ich gehe zu T-Mobile! Aber ich hatte die Chance, 2005 bei Gerolsteiner zu unterschreiben, und so hat sich alles gefügt. Es war ein großer Schritt, aber ich hätte nichts ändern wollen. Damals war es auch nicht ungewöhnlich. Normalerweise hast du die U23 beendet und bist dann Profi geworden. Ich habe mich mit meinem Trainer hingesetzt, und der hat mir gesagt: „Na los, eine solche Chance bekommst du nicht so oft, das ist es.“

Dein erster Profisieg war eine Etappe bei der Vuelta in deiner Debütsaison. Welche Erinnerungen hast du an den Tag?
Ich habe die Etappe von Anfang bis Ende in Erinnerung. Ich erinnere mich an alles. Bei Kilometer null haben sich 23 Fahrer abgesetzt, und bereits am ersten Anstieg nach zehn Kilometern wäre ich fast zurückgefallen. Ich wollte unbedingt in der Ausreißergruppe bleiben. Wenn ich aus einer 23-köpfigen Gruppe zurückfalle, bringt mich das Team um. Dann hätten sie die Verfolgung aufnehmen müssen. Es lief im Laufe der Etappe besser. Es gab Attacken, die Gruppe fiel auseinander und es waren zwei Fahrer vorn und dahinter vier Verfolger. Martin Elmiger machte Tempo, er war so stark, er brachte uns zurück zu den Führenden. Ich habe ein bisschen gepokert und ein Pokerface aufgesetzt. Wir holten die beiden Führenden zehn Kilometer vor dem Ziel ein, und es ging wieder von vorne los; Bang, Bang, Boom. Dann sind wir zu viert auf den letzten Kilometern gefahren, der Fahrer von Lampre griff 800 Meter vor dem Ziel an, ich bin gleich an sein Hinterrad und tat nur so. Mein Sprint war schon ziemlich stark, und ich wollte nicht von vorne sprinten. Ich tat so, als könnte ich die Lücke nicht schließen und dann kam Martin vorbei, schloss die Lücke und ich bin an sein Hinterrad. Er eröffnete den Sprint früh und ich bin so lange wie möglich an seinem Hinterrad geblieben und im letzten Moment an ihm vorbeigezogen. Wir sind einige Jahre zusammen bei IAM gefahren und haben noch ein paarmal darüber gelacht.

Du hattest in jungen Jahren als Radsportler den Ruf, gerne Partys zu feiern. Wie siehst du diese Zeit heute?
Ich bin so jung von zu Hause ausgezogen, dass ich keine Eltern oder eine Vaterfigur hatte, die mir sagte: „Das ist gut, das ist nicht gut.“ Bei mir war es Learning by Doing. Es war auch eine Phase in meiner Karriere mit den Partys und so weiter. Es schien normal zu sein. Wenn du jünger bist, kannst du fast alles machen, du regenerierst viel schneller. Es schien damals normal zu sein, und wenn du jung und talentiert bist, scheint es mehr akzeptiert zu werden. Das Team und die Manager sagten: „Okay, er ist talentiert, wir sagen einfach nichts, er ist in Ordnung. Es kam so weit, dass Gerolsteiner 2008 den Betrieb einstellte und ich Schwierigkeiten hatte, ein neues Team zu finden. Da hat mir Scott Sunderland geholfen, zum Cervélo Test Team zu kommen. Da wurde mir klar: Ich fahre in einem Team mit Thor Hushovd und Carlos Sastre, ich muss meinen Lebensstil ändern und mehr Radprofi sein und kein Party-Typ.

Das Leben eines jungen Radsportlers ist heute überhaupt nicht mehr so wie vor zehn Jahren …
Definitiv nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt keine schlechten Radsportler mehr. Es gibt keine schlechten Teams. Jedes Jahr wird das Niveau höher, weil der Radsport professioneller wird. Es gibt neues Training, neue Regeneration, neues Rumpftraining, Dehnübungen, Massage, all das, jeder hat einen speziellen Trainer. Es ist nicht mehr, wie es war. Als ich anfing, wusste ich nicht, was ein SRM oder Wattmessgerät oder ein Herzfrequenzmesser ist. Du bist trainieren gefahren, der Trainer hat gesagt, „mach sechs Stunden“ oder „mach fünf Stunden“, und das hast du gemacht. Und jetzt, würde ich für meinen Teil sagen, ist es fast ein bisschen traurig. Du fährst trainieren, du schaust auf deine Wattzahlen, deine Intervalle, und dann gehst du nach Hause.

Was sind deine Hoffnungen für diese Saison?
Ich würde gerne zwei große Rundfahrten bestreiten, wenn es möglich ist. Ich bin noch nicht fertig, insbesondere nach diesem Jahr. Alter ist nur eine Zahl, ich habe noch viel in mir, das ich dem Sport geben will. Ich weiß, dass ich wieder auf allerhöchstes Niveau kommen muss, wenn ich eine Chance bei den Klassikern haben will. Ich brauche eine große Rundfahrt in den Beinen.

Im Jahr vor deiner Verletzung warst du in den Top Ten bei Roubaix und San Remo. Motiviert es dich zu wissen, dass du die Leistung, wenn du verletzungsfrei bist, noch bringen kannst?
Ich weiß, dass ich da sein kein. Alles muss stimmen. Selbst jetzt weiß ich, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich bei Roubaix da sein kann. Ich will so viele Rennkilometer in die Beine bekommen wie möglich und mich dann aufs nächste Jahr vorbereiten.

Als du dachtest, dass du deine Karriere vielleicht beenden musst, hast du darüber nachgedacht, was du tun könntest?
Das war einer der großen Faktoren, die mir letztes Jahr Sorgen gemacht haben. Was mache ich, wenn ich mit dem Radsport aufhöre? Es ist nicht wie bei vielen anderen Radprofis; sie haben Hobbys und andere Interessen. Ich bin mit 14 hierher gekommen. Das ist mein Leben. Es war immer Radsport. Ich habe sonst nichts gelernt, ich habe nicht studiert. Ich habe keine anderen Interessen. Ich interessiere mich für nichts anderes. Ich will Rad fahren. Ich will Rennfahrer sein. Ich glaube, wenn ich die Chance bekommen, fahre ich, bis ich 40 bin. Wenn ich noch konkurrenzfähig bin und meinen Job für das Team noch gut mache, würde ich gerne so lange wie möglich fahren.

Procycling - Ausgabe 174 / August 2018



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