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Ausgabe 174 / August 2018

Vuelta-Vorschau

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Die emblematischen Etappen der dritten großen Rundfahrt des Jahres finden in der Hochburg des spanischen Radsports statt, dem Baskenland. Wir schauen voraus auf die Vuelta 2018: ihre Favoriten, die Route – und warum ein bisschen schlechtes Wetter nicht schaden würde.

Es ist eine der großen Widersprüche des Profiradsports, dass die Beziehung, die er in mehr als einem halben Jahrhundert mit dem Heimatland einiger seiner talentiertesten Vertreter und leidenschaftlichsten Fans pflegt, distanziert, skeptisch und unerfüllt geblieben ist. Das ist vielleicht das Problem mit dem Sport: dass er so komplett in einer Gesellschaft aufgehen kann, dass er ununterscheidbar wird von der Politik und den Skandalen des normalen Lebens. Pakistanisches Cricket und argentinischer Fußball sind einschlägige Beispiele. Die baskische Leidenschaft für Radsport ist tief verwurzelt, ein moderner Zeitvertreib, verwurzelt in Jahrtausenden anthropologischer Ränkespiele. Über Generationen weitergetragen, ist die Begeisterung pur und doch belastet: Zwei Jahrzehnte lang wurden Exkursionen der Vuelta a España und der Tour de France in die Region mit Protesten, Gewalt und Sabotage in Empfang genommen. Wenn also trotz allem die Dynamik wieder stärker wird und der Profiradsport erneut durch diese spitzen grünen Hügel braust wie eine Sturmflut in der Biskaya, halten Sie den Atem an. Die Politik bleibt natürlich heikel, aber jetzt ist Frieden. Nach 33 Jahren Abwesenheit von 1979 bis 2011 hat die Vuelta der Region zahlreiche Besuche abgestattet, seit die ETA 2011 die Waffen niedergelegt hat, darunter zwei sehr erfolgreiche Etappenankünfte in Bilbao. Um mögliche Pläne für einen Grand Départ in dieser wiedererfundenen Stadt ist es vorerst still geworden, aber das entscheidende Zeitfahren der Tour findet in den Hügeln des französischen Baskenlandes statt, und die Vuelta wartet sechs Wochen später mit einer neuen Bergankunft auf, die, wie sie hofft, zu einem regelmäßigen Bestandteils des Rennens wird.

Wenig spaltet die Gemüter so sehr wie eine Reihe von Windrädern, und es ist vielleicht gut, dass am 12. September niemand wegen des Ausblicks zum Monte Oiz kommen wird. Aber das ist ungerecht: Diese komplett baskische Etappe von Getxo bei Bilbao durch die historische Stadt Gernika und auf den Gipfel des Oiz ist von Rennorganisator Javier Guillén als schönste des Rennens bezeichnet worden. Die wenigsten wird es kümmern, ob der Blick aufs Meer durch den txirimiri, den berühmten baskischen Sprühregen, verschleiert ist oder ob die Hubschrauber überhaupt fliegen können. Bei dieser Etappe geht es um Radsport-Folklore, die Wiederverbindung zwischen einer lange im Exil lebenden Sportart und ihrem Mutterland. Der Anstieg zum Oiz, einer von neun Bergankünften bei der diesjährigen Vuelta, ist definiert durch seine Unregelmäßigkeit, wechselnde Straßenbeläge und Rampen mit 17 Prozent Steigung an vielen Punkten der Strecke. Der Schlussanstieg von 7,3 km Länge ist im Schnitt 9,7 Prozent steil und führt das Rennen zu der Reihe von Windrädern an einem alten Telegrafenmast für die vier Ecken der Provinz Biskaya. Zuvor führt die 166 Kilometer lange Etappe über klassisches baskisches „Achterbahn“-Gelände mit sechs Anstiegen und wenig Erholungsmöglichkeiten für müde Beine in der dritten Woche. Abgesehen von großen und lautstarken Mengen könnte das einzig Sichtbare an den Hängen des Oiz – außer der Ikurriña-Flagge und möglichem Sprühregen – Mikel Landa sein. Der frühere Euskaltel-Fahrer, mittlerweile 28 Jahre alt, hat hart gearbeitet, um sich für die Rolle des Teamkapitäns zu empfehlen, als er bei Astana und Sky die zweite Geige spielte, und obwohl Movistar voller Stars ist, könnte dies seine Chance sein. Häufig und etwas zu Unrecht von vielen außerhalb Spaniens in Frage gestellt, ist er vielleicht der einzige Fahrer im Peloton, den Chris Froome im direkten Duell fürchten würde, und auch wenn man ihn nie mit Miguel Indurain verwechseln würde, schlug er mit einer soliden Leistung beim Zeitfahren in Marseille bei der letztjährigen Tour zahlreiche Klassementfahrer und verfehlte das Podium in Paris nur um zwei Sekunden. Landa ist seit September Vorsitzender der finanziell angeschlagenen Fundación Euskadi, die den Radsport als Teil der baskischen Kultur seit 25 Jahren fördert, und unterstützt damit den Start des neuen Continental-Teams in orangefarbenen Trikots und die Förderung des Nachwuchses in seiner Heimat. Die Hast, mit der sein Kalender umgekrempelt wurde, als die Vuelta-Etappe zum Oiz im Januar bekannt wurde, legt nahe, dass er sich ein großes Ergebnis verspricht, und an Fans und Anfeuerungsrufen wird es ihm in der schwindelerregenden letzten Woche an der spanischen Nordküste von Asturias nach Andorra nicht mangeln.

Lokalmatadore
Das letzte Puzzlestück des baskischen Radsports ist freilich, dass sich wieder ein baskisches Team auf höchstem Niveau hervortut. Genau das will das 2015 gegründete Euskadi-Murias, das von einer örtlichen Baufirma gesponsert wird und seine erste Saison als ProConti-Team bestreitet. Dass sie Einladungen zur einer Reihe von angesehenen Etappenrennen bekommen haben, von der Volta a Catalunya im März bis zur Vuelta, zeigt, dass viele im Radsport ihren Aufstieg unterstützen und sich des damit verbundenen kommerziellen Potenzials bewusst sind. Das Team macht für sein derzeitiges Level einen schlagkräftigen Eindruck; es hat die Tour of Norway mit Eduard Prades gewonnen und keine Angst, die größeren Rennen zu animieren. Teammanager Jon Odriozola, Zwölfter der Vuelta 1998 für Banesto, erklärt ihren frühen Erfolg mit harter Arbeit, Zusammenhalt und Bescheidenheit. „Ich bin sehr zufrieden, nicht nur zu gewinnen und Resultate zu erzielen, sondern mit dem Bild, das das Team bei all den Rennen vermittelt hat“, sagte er zu Procycling, „ich persönlich habe geglaubt, dass wir das erreichen können, aber in zwei oder drei Jahren“. In den geheiligten Reifenspuren von Euskaltel fahrend, kann Murias bei seinem Rundfahrt-Debüt auf die Unterstützung der einheimischen Fans zählen und will „Protagonist“ sein. „Die Etappe zum Monte Oiz wird eine der wichtigsten Punkte dieses Projektes seit seiner Geburt“, fährt Odriozola fort. „Alle Fans werden auf uns warten und wir alle werden es genießen, dass der baskische Radsport wieder auf höchstem Niveau vertreten ist.“ Die Basken und die Vuelta brauchen einander. Das Rennen kann es sich nicht leisten, seine brennendsten und bestinformierten Fans auszuschließen – ganz zu schweigen von Landschaften, die zu den schönsten Spaniens zählen, und der stärksten regionalen Wirtschaft –, wenn es eine latente Gefahr für seine dreiwöchigen Form abwehren will. Das fragile baskische Radsport-Ökosystem wiederum braucht Öffentlichkeit und Sponsoren, um all diese positive Energie in messbare Erträge umzuwandeln. „Jetzt ist es nötig, dass sich Politiker und Institutionen und alle im Baskenland mit diesem Projekt identifizieren, wertschätzen, was erreicht wurde und uns unterstützen“, sagt Odriozola.

Innovation
Die Vuelta mag historisch und auch heute noch die kleinste unter den großen Rundfahrten sein, aber sie wirkt immer innovativer. Wie der Giro internationalisiert sie sich rasch, und es sind Journalisten aus 40 Ländern dort, um persönlich von dem Rennen zu berichten. Eine besonders aktive Social-Media-Präsenz, ein offizieller Popsong und Werbung für Themen wie Nachhaltigkeit sprechen für einen entschlossenen Versuch, ein jüngeres Publikum anzusprechen; Daten zeigen, dass die Fans, die das Rennen online konsumieren, bald zahlreicher sein werden, als die, die es im Fernsehen schauen. „Das ist etwas, was wir machen müssen, und es ist etwas, was der Radsport generell tun muss“, sagt die Mediendirektorin Laura Cueto. Auch bei der Streckengestaltung scheint das Rennen vorauszudenken. Eine schwere letzte Bergetappe in Andorra am 15. September weist sechs klassische Anstiege auf – darunter vier der 1. Kategorie –, die auf nur 106 Kilometer gepackt sind und im Coll de la Gallina kulminieren, der als der allerschwerste der Mikro-Nation gilt. Mit rund 4.000 Klettermetern, alle über 1.000 Meter über dem Meeresspiegel, die an einem Samstagnachmittag weniger als 24 Stunden vor dem Ziel in Madrid stattfinden, ist dies Sport, der für das moderne Medienzeitalter verpackt ist: Radsport-Klickfang, wenn man so will. „Die Vuelta ist das innovativste Rennen des letzten Jahrzehnts, und deswegen ist die Medienwirkung und das Interesse Jahr für Jahr gewachsen“, versichert Cueto. „Wir haben in den letzten Jahren an der Identität des Rennens gearbeitet, um unser erfolgreiches Modell mit kurzen Etappen und explosiven Hügelankünften voranzubringen.“

Die 73. Vuelta beginnt am 25. August mit einem flachen, 8 km langen Einzelzeitfahren durch die Straßen von Málaga. Danach geht es wellig weiter: Klare Sprint-Etappen kann man an einer Hand abzählen. Größere Bewegung in der Gesamtwertung dürfte es erstmals auf der Etappe zur Skistation La Covatilla auf der 9. Etappe am zweiten Sonntag des Rennens geben, auf die ein Ruhetag folgt. Dieser erste von zwei Anstiegen der categoría especial in diesem Jahr wird sicher ein paar Teamkapitäne, die nicht in Form sind, aussortieren. Auch das dritte Wochenende ist für die Kletterspezialisten gemacht mit seinen steilen, schmalen und kurvenreichen Straßen nach Les Praeres, gefolgt von einer klassischen Etappe nach Lagos de Covadonga, einem der legendärsten Radsport-Theater Spaniens. Ein zweites Einzelzeitfahren, dieses Mal ein potenziell entscheidender Test über 33 km auf einem technisch anspruchsvollen Kurs nach Torrelavega, läutet am 11. September die letzte Woche ein, bevor das Rennen am folgenden Tag ins Baskenland führt. Es geht weiter durch Katalonien zu einer Etappenankunft im Naturlandia-Park in Andorra am Ende des 12 km langen Coll de la Rabassa, bevor eine spektakuläre Etappe in Andorra mit sechs Anstiegen ansteht, wo sich nur die Mutigsten ihres Podiumsplatzes sicher sein können und das Potenzial für Abstände groß ist. Wie immer wird das Kontingent an Klassementfahrern, das in Málaga von der Rampe rollt, erst klar sein, wenn die Schäden von der Tour bewertet und die Wunden geleckt sind. Vincenzo Nibali, ein früherer Sieger und zweifacher Zweiter, hat früh zugesagt, obwohl er ein Auge auf einen gebirgigen Weltmeisterschaftskurs geworfen haben könnte, auf dem er einer von rund fünf echten Favoriten ist. Er geht vielleicht als Favorit ins Rennen, nachdem er letztes Jahr Zweiter hinter Froome war, obwohl Froomes eigene Teilnahme oder die von Nairo Quintana das ändern könnte. Nibalis Landsmann Fabio Aru, ebenfalls ein früherer Sieger, nimmt die Vuelta nach einem verkorksten Giro und einer verpassten Tour in Angriff. Der UAE-Fahrer könnte sich in Spanien mit seinem spritzigen und aggressiven Kletterstil rehabilitieren.

Das ist die erste Vuelta der Post-Alberto-Contador-Ära, und die heimischen Fans brauchen einen neuen Helden, den sie anfeuern können. Den finden sie bei Movistar: Wenn der 38 Jahre alte Alejandro Valverde seine Form nicht über drei Wochen halten kann, können Landa (und/oder Quintana) sowie vielleicht der katalanische Shootingstar Marc Soler die Hauptakteure sein – abgesehen von dem 23 Jahre alten Mallorquiner Enric Mas, der oft mit Contador verglichen wird.
Mitchelton-Scott-Fahrer Esteban Chaves und Simon Yates haben bei den moderateren Ankünften der diesjährigen Route bereits Vuelta-Etappen gewonnen – Chaves in dem kurzen knackigen Anstieg nach Caminito del Rey, der auf der 2. Etappe auf dem Programm steht, und Yates auf dem welligen Schlussstück nach Luintra auf der 11. Etappe –, sodass das Mitchelton-Scott-Duo abwechselnd punkten könnte wie auf den frühen Etappen des Giro. Egal, was insbesondere Yates in seiner Karriere erreicht, er wird nie wieder in einer große Rundfahrt gehen, ohne dass seine Rivalen vorgewarnt sind; aber angstvolle Erinnerungen an seinen Einbruch am Finestre werden für eine schwere Prüfung seines Durchhaltevermögens sorgen, sollte er dort wieder antreten. Das australische Team hat Caleb Ewan, der kurzfristig aus dem Tour-Team zurückgezogen wurde, derzeit auf der Startliste – wenn er fährt, wird er auf Unterstützung hoffen, obwohl sein angeblicher Wechsel zu Lotto Soudal 2019 seinen Anspruch auf die Kapitänsrolle unterminieren könnte. Derweil kann Astana-Profi Miguel Ángel López nach seinen zwei Vuelta-Etappensiegen im letzten Jahr und einem Podiumsplatz beim diesjährigen Giro zeigen, dass er sein „Superman“-Etikett verdient hat.

Womit noch über Froome zu reden wäre und seinen Solo-Angriff auf die Rekordbücher. Man könnte es so interpretieren, dass der moderate Start, das lange Zeitfahren und die explosiven Bergankünfte der Vuelta für ihn eine Steilvorlage sind, Geschichte zu schreiben. Aber das dürfte eine unmögliche Aufgabe sein – niemand hat überhaupt eine dritte große Rundfahrt in einem Kalenderjahr gewonnen, nachdem er die ersten beiden bestritten hat, geschweige denn gewonnen, und Froome wird Ende Juli zum zweiten Mal Vater. Wenn man die Vuelta-Organisatoren gefragt hat, wie sich vor der am Vorabend der Tour gelösten Froome-Saga dabei gefühlt haben, dass sie die längste Zeit des Jahres nicht wussten, wer die 2017er Auflage ihres Rennens gewonnen hat, kam die Antwort mit einem Wort: „Frustriert.“ Die Kommentare nach dem Urteil der UCI waren maßvoll und drückten Zufriedenheit aus, während sie auch „zu einem Nachdenken über das Timing“ der Ereignisse des Jahres aufriefen. Nachdem sie im letzten eine Agentur beauftragen mussten, um der Belagerung durch die britischen Medien standzuhalten, könnte man verstehen, wenn sie die ganze Episode satt haben. In diesem Jahr gibt es zumindest eine Wohlfühlgeschichte: das Schlagen von Wurzeln in einer Region, die, bei all ihren Problemen, die historische Heimat der Vuelta darstellt; eine Region, die Guillén zu Recht das „Herz des Radsports“ genannt hat. Und das ist ungeachtet des gelegentlichen Herzklopfens etwas, das der Sport wirklich feiern kann.

Procycling - Ausgabe 174 / August 2018



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