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Ausgabe 173 / Juli 2018

Etwas Neues, etwas Altes

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Die Tour 2018 kehrt mit einem klassischen Grand Départ zu Hause zu ihren Wurzeln zurück, bietet aber auch Innovationen in Form von Kopfsteinpflaster und kurzen Bergetappen. Und natürlich einer Dopingaffäre. Procycling überlegt, wie sich das Rennen entwickeln könnte.

Frankreich hat wie jedes große Land ein Ganzes, das etwas weniger ist als die Summe seiner Teile, und wenn Sie dafür einen Beweis benötigen, brauchen Sie sich bloß die Vendée anzuschauen. Das Gastgeber-Département für den Grand Départ der Tour 2018 ist ein ländliches Parallelogramm aus Ackerland und schmalen Straßen, eingerahmt von der Loire und der Gironde. Im Norden und Osten grenzt es an die großen fruchtbaren Ebenen Nord-frankreichs, die südliche Grenze bildet das Marais Poitevin, ein Feuchtgebiet aus Marschland und Kanälen unter einem weiten Himmel. Im Westen bildet die Côte des Lumière einen Teil der riesigen Kurve der Biskaya an der französischen Atlantikküste. Die Strände versinken sanft im Meer, während der Wind vor der Küste längst die Yachtbesitzer und ihr Geld angelockt hat. In gewisser Hinsicht könnte die Vendée nicht französischer sein – ihr ländliches und bäuerliches Inneres ist la France profonde, während ihre Küstenkultur viel vom Sonnenschein der Riviera hat, ohne die halbseidenen Gestalten. Aber wie die Einheimischen Ihnen erzählen werden, sind sie anders. Nicht auf die hitzköpfige Art der Korsen und auch nicht auf die dickköpfige Art der Bretonen. Aber es gibt eine eigenständige Ader in der Vendée, die so breit ist wie der atlantische Ozean, teils gespeist aus dem Gefühl der Einheimischen, etwas entfernt vom Rest des Landes zu sein. Außerdem haben sie ihren eigenen Kopf. Während der Rest des Landes zwischen Sozialisten und Konservativen schwankt, haben die Einwohner der Vendée bei allen modernen Präsidentschaftswahlen hartnäckig rechtsgerichtete Kandidaten unterstützt, obwohl sie bei der Wahl von Marine Le Pen 2017 die Grenze zogen. Als Frankreich sich bei der Revolution von 1789 gegen die Aristokratie erhob, nahmen die Menschen in der Vendée eine abwartende Haltung ein. Während der Rest des Landes im Begriff war, dem ancien régime den Kopf abzuschlagen, wörtlich wie bildlich und mit großem Elan, organisierten die Bewohner der Vendée ihren eigenen Aufstand. Eigentlich keine Anhänger der Adelsherrschaft, misstrauten sie ihren neuen Revolutionsmachthabern trotzdem so sehr, dass sie Gegenwehr leisteten – eine Frechheit, für die ihre Bauernarmee zerschlagen und 200.000 aus ihren Reihen kurzerhand umgebracht wurden. In der Vendée hat man seitdem ein natürliches Misstrauen gegenüber Autoritäten, egal, wer sie sind.

Was man dort also von der langen Saga um Chris Froome hält, lässt sich nur vermuten. Der König der Tour de France darf das Rennen vielleicht nicht fahren, was sein Sky-Team kopflos dastehen lassen würde. Froomes Erklärung für die hohen Salbutamol-Werte, die bei einer Dopingprobe bei der Vuelta a España im vergangenen September festgestellt wurden, ist noch nicht abschließend bearbeitet, und während der eigentlich vertraulich zu behandelnde Fall an die Öffentlichkeit durchgesickert ist, hat der Brite sein Recht wahrgenommen, weiter Rennen zu bestreiten. Froome ist die Ruta del Sol, Tirreno–Adriatico, die Tour of the Alps und den Giro d’Italia gefahren. Er beabsichtigt, die Tour zu fahren. Die A.S.O., die Organisatorin der Tour, hat verlauten lassen, dass sie versuchen will, ihn davon abzuhalten. Für ihren Teil haben die Menschen in der Vendée vielleicht einen Blick auf Froome geworfen, dann einen auf die Radsportautoritäten, die seinen Start unterbinden wollen, und kollektiv beschlossen, dass der ganze Sport verrückt geworden ist. Wieder einmal. Es ist Jahre her, dass die Tour de France die beste große Rundfahrt des Jahres war. Vielleicht war sie es 2011 das letzte Mal, aber selbst das Rennen, das Cadel Evans mit aufopferungsvollem Kampf gegen einen unermüdlich angreifenden, sich jedoch verzettelnden Andy Schleck gewann, wurde erst gegen Ende spannend. In jüngerer Zeit waren Giro und Vuelta aufregender, abwechslungsreicher, unvorhersehbarer und unterhaltsamer. Beweisstück A: der jüngste Giro, der alles hatte, was eine große Rundfahrt haben sollte. Die Tour war vergleichsweise lähmend – jedes Jahr seit 2012 hat der spätere Sieger das Gelbe Trikot früh geholt, und das dominante Team, Sky, hat bei fünf dieser sechs Auflagen (mit Ausnahme von 2014, wo Vincenzo Nibali ein einseitiges Rennen gewann) eine Catenaccio-Strategie angewandt. Ist das ein Problem? Die Tour ist immer noch mit deutlichem Abstand das größte Rennen der Welt, und das erzeugt seine eigene Magie. Fragen Sie den Bankmanager irgendeines Fahrers, was ihm lieber wäre – dass sein Fahrer einen spannenden Giro oder eine langweilige Tour gewinnt –, und er würde sich immer für Letzteres entscheiden. Das Prestige des Gelben Trikots wird nicht gemindert durch die prosaische Art, auf die es manchmal geholt wird. Die Tour ist das profitabelste Event im Radsport und das einzige Rennen, von dem die breitere Öffentlichkeit wirklich etwas weiß. Seine Größe ist einer der Gründe, warum es so … langweilig geworden ist. Der größere Druck und die größere Bedeutung des Rennens führen dazu, dass es sich weniger lohnt, Risiken einzugehen. Ausreißer kommen nicht durch, weil die Teams der Sprinter, Puncheure und Kletterer sie in Schach halten, je nach Terrain. Und damit hängt ein weiterer Fakt zusammen: Die starken Teams sind so stark, dass sie die Angriffslust der anderen Klassementfahrer ersticken. Die Kletter-Domestiken von Sky – Wout Poels, Geraint Thomas und Michał Kwiatkowski, um nur die stärksten zu nennen – gehörten oft zu den vier oder fünf schnellsten Kletterern der Tour, während sie für Froome arbeiteten.

Aber bei der Tour 2018 gibt es ein paar Neuerungen, die sich A.S.O. und UCI haben einfallen lassen, um zu versuchen, mehr Leben in das Rennen zu bringen. Erstens: der Parcours. Die gute Nachricht ist, dass Thierry Gouvenou, der Streckenchef der Tour, den Kurs in den letzten fünf oder sechs Jahren tatsächlich viel abwechslungsreicher gemacht hat. Die Frankreich-Rundfahrten der späten 1990er und frühen 2000er folgten einer vorhersehbaren Formel: flache Eröffnungswoche, langes Zeitfahren, Berge, Übergangsetappen, mehr Berge, langes Zeitfahren, Paris. Solche Strecken funktionierten in der Vergangenheit besser, weil die Teams weniger stark waren, die Taktik weniger vorhersehbar und die Sportwissenschaft weniger fortgeschritten. Aber als sich der Sport in den 1990ern modernisierte und internationalisierte (und daher mehr Druck auf der Tour – seiner Vorzeigeveranstaltung – lastete), wurde die Taktik defensiver. (Die illegalen Substanzen trugen auch dazu bei – EPO machte Bergzüge nicht unbedingt möglich, aber es koinzidierte mit ihrer Einführung als bevorzugter Taktik starker Kapitäne reicher Teams.) Gouvenou hat das Kopfsteinpflaster wieder in die Tour de France eingebaut (spektakulär und erfolgreich im Jahr 2014, als Vincenzo Nibali ein großer Protagonist der besten Etappe des Rennens war, weniger im Jahr 2015, als ungünstiger Wind und Vorsicht die Favoriten eng zusammenhielt). Es stehen üblicherweise ein oder zwei Hügelankünfte in der Eröffnungswoche auf dem Menü. Es gibt weniger lange Zeitfahren. Vor allem hat Gouvenou angefangen, mit sehr kurzen Bergetappen zu experimentieren, wo es von Anfang an zur Sache geht. Die vielversprechendsten Teilstücke für 2018 sind die Kopfsteinpflasteretappe nach Roubaix und die beiden kurzen Bergetappen – eine nach La Rosière in den Alpen, dann die spektakulärste, die 65 Kilometer kurze Etappe von Luchon nach Saint-Lary-Soulan in den Pyrenäen. Manche meinen, dass alle Bergetappen so kurz sein sollten, um potenziellen Fans ein unwiderstehliches Fernsehprodukt anbieten zu können. Aber Gouvenou bleibt bei seiner Auffassung, dass diese kurzen Etappen ihre Wirkung entfalten, wenn sie mit klassischen Bergetappen über mehrere Pässe kombiniert werden. Wenn man die Fahrer mit langen, schweren Bergetappen ermüdet wie ein Boxer, der den Körper bearbeitet, wird der Knock-out auf den kurzen Etappen effektiver. Manchmal funktioniert es – die Etappe nach Alpe d’Huez 2011 bleibt der Klassiker des Genres. Manchmal nicht – die 101-Kilometer-Etappe im letzten Jahr nach Foix in den Pyrenäen hielt nicht ganz, was sie versprach. Aber insgesamt versucht Gouvenou, den Rhythmus eines Rennens zu synkopieren, das zu oft im Viervierteltakt voranschritt.

Procycling - Ausgabe 173 / Juli 2018


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