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Ausgabe 172 / Juni 2018

Auf dem Vormarsch

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Beim Flèche Wallonne fuhr Julian Alaphilippe endlich an Alejandro Valverde vorbei und feierte seinen ersten Sieg bei einem Eintagesrennen. Als Sprinter und Kletterer hat der Franzose viele Karten auszuspielen. Procycling erzählt er, wie er gelernt hat, seine Vielseitigkeit zu beherrschen.

Julian Alaphilippe saß im April auf der Pressekonferenz des Flèche Wallonne, auf dem Tisch vor ihm die üblichen Mineralwasserflaschen aufgereiht, als er eine neue Verwendung für die Verschlüsse fand: die Presse konsternieren, indem er sie sich in die Augenhöhlen klemmte. Es gab viel Gelächter von den Journalisten, als sie die Überraschung mit Alaphilippes Kunststoff-„Augen“ verdaut hatten. Es zeugte vom Hang des französischen Fahrers zu Späßen. „Bei den langen Trainings-Sessions des Teams im Winter saust er an dir vorbei und tritt nur mit einem Bein in die Pedale oder zieht eine unnachahmliche Grimasse“, sagte sein Quick-Step Floors-Teamkollege Iljo Keisse dem La-Dernière-Heure-Journalisten Quentin Finné. Doch Alaphilippe hebt die Moral nicht nur mit Späßen, sondern auch mit Siegen. Der Anlass für seine Pressekonferenz beim Flèche Wallonne war, dass er gerade Alejandro Valverde an der Mur de Huy geschlagen hatte – als erster Fahrer seit 2013. Es war wohl der Durchbruch der laufenden Saison. Gleichzeitig war Alaphilippe der erste Franzose seit Laurent Jalabert 1997, der einen Ardennen-Klassiker gewann. Es war auch der erste Flèche-Wallonne-Sieg für Quick-Step Floors seit Gründung des Teams 2003. Noch überraschender war, dass es auch Alaphilippes erster Profisieg bei einem Eintagesrennen war.

Valverde hatte die vorausgegangenen vier Auflagen des Rennens gewonnen, die längste Serie bei einem hügeligen Frühjahrsklassiker, seit Jan Raas das Amstel Gold Race von 1977 bis 1980 ebenso oft gewann. Alaphilippe beendete im Schlussanstieg die Hegemonie des Spaniers und demonstrierte, wie sehr er seit seinen ersten Profijahren gereift ist. Er war nicht nur stärker als Valverde, auch sein Timing war perfekt. Wie sein Teamkamerad, der frühere Flèche-Sieger und Freund Philippe Gilbert, in Huy sagte: „Er ist hyperaktiv, er verschwendete viel Kraft, als er jung war. Mittlerweile hat er gelernt, seine Energie sehr viel besser zu kanalisieren.“ Alaphilippe sieht das genauso. „Es stimmt, ich habe viel Energie, ich muss die ganze Zeit in Bewegung bleiben, und ich habe früher viel Kraft durch Kleinigkeiten verloren“, sagt der Franzose zwei Tage später zu Procycling, als er in der warmen Sonne auf einer Bank vor dem Landhaushotel sitzt, das Quick-Step während der Ardennenklassiker als Stützpunkt dient. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich ruhig bleiben muss, und das hat mir geholfen, besser zu werden. Aber ich habe auch gelernt, dass zu lange ruhig zu bleiben, mich mehr Energie kostet, als wenn ich einfach Dampf ablasse!“

Dieser Lernprozess nach dem Motto „zwei Schritte vor, einer zurück“ war kein schneller. Bei Gilbert fiel der Groschen, dass Alaphilippe ein künftiger Star war, als der Franzose Dritter des RideLondon Classic 2014 wurde. Trotz anschließender Erfolge – Etappensiege oder Tage im Spitzenreitertrikot bei der Baskenland-Rundfahrt, bei Paris–Nizza und der Vuelta a España sowie Podiumsplätze bei der Lombardei-Rundfahrt, San Remo und Lüttich–Bastogne–Lüttich – schien es passend, dass der Knoten für Alaphilippe beim Flèche Wallonne platzte. Bei der Auflage von 2015 bemerkte Alaphilippe, nachdem er für Quick-Step-Kapitän Michał Kwiatkowski gearbeitet hatte, am Fuß der Mur, dass der Pole nicht mehr an seinem Hinterrad war. Als er seinen Sportdirektor Wilfried Peeters anfunkte, bellte der Belgier zurück: „Fahr dein eigenes Rennen!“ Alaphilippe tat, wie ihm geheißen, und wurde Zweiter hinter dem unbezwingbaren Alejandro Valverde. In diesem Jahr, als Alaphilippe endlich gewann, scheinen sich die Kreise zu schließen. Er dachte anfangs, dass Vincenzo Nibali, der vorher attackiert hatte, durchgekommen und er Zweiter geworden sei. Sein Cousin Franck, Direktor an einer renommierten Radsportschule in Montluçon, wo Alaphilippe aufwuchs, und Trainer bei seinen ersten Rennen, klärte ihn auf, dass er gewonnen hatte. „Dass er mir sagt, dass ich gewonnen habe, hat wirklich ein Kapitel geschlossen“, sagt Alaphilippe, „auf die bestmögliche Art.“

Als 16-jähriger Teenager brach Alaphilippe aufgrund seiner „Hyperaktivität“, wie Gilbert es nennt, die Schule ab. „Ich habe es nicht ausgehalten, im Klassenzimmer still auf dem Stuhl zu sitzen“, erinnert er sich. Stattdessen steckte er seine Energie in einen Job als Fahrrad- und Motorrad-Mechaniker. Er arbeitete von neun Uhr morgens bis sieben Uhr abends in einem Fahrradgeschäft in Montluçon. „Ich würde nie ein Rad auf den Boden schmeißen, wenn ich mich ärgere“, erklärt er, „weil ich weiß, wie viel Zeit und Mühe es kostet, es aufzubauen.“ Seine frühere Tätigkeit hat noch weitere Vorteile. Alaphilippe erzählt die Geschichte eines U23-Rennens 2013, als er einen Defekt hatte. Statt auf Hilfe zu warten, löste er das Problem in der Abfahrt selbst, ohne vom Rad zu steigen. Die zehnstündigen Arbeitstage im Fahrradgeschäft lasteten den jungen Alaphilippe noch nicht aus. Nach Feierabend trainierte er bis spät in die Nacht auf den Straßen rund um Montluçon, den Weg wiesen ihm die Scheinwerfer eines ihm folgenden Autos, an dessen Steuer sein Vater oder Cousin saß. Doch es war im Gelände, wo er 2010 seinen ersten Durchbruch hatte und die Silbermedaille in der Cyclocross-Weltmeisterschaft der Junioren gewann. „Damals“, erinnert sich Jean-Luc Gatellier, ein Journalist der L’Equipe, der Alaphilippe seit seinen Anfangszeiten verfolgt, „war Julian die große Hoffnung der französischen Cyclocrosser bei den Männern und Pauline Ferrand-Prévot bei den Frauen.“

Neben Rädern und Arbeit war und ist für Alaphilippe Musik eine dritte Art, überschüssige Energie loszuwerden. „Ich habe, schon als ich klein war, gerne Schlagzeug gespielt“, sagt er. „Mein Vater war Profi in einer Band, aber ich spiele nur aus Spaß.“ Obwohl er zu hibbelig war und nie Noten lesen lernte, unterhielten er und sein Bruder Bryan – drei Jahre jünger als er und Rennfahrer beim Amateurteam Pro Immo Nicolas Roux – die Nachbarn in Montluçon mit einem kostenlosen Outdoor-Konzert, stellten ihre Drums und Keyboards bei einem Musikfestival in der Stadt auf den Bürgersteig und trugen ihr Repertoire vor. „Wir haben einen Verkehrsstau verursacht“, erinnert sich Alaphilippe lachend an ihr spontanes Konzert. „Die Autofahrer hielten an, um uns zuzuhören.“ Noch wichtiger für seine Karriere war, dass er feststellte, dass Musik und Radrennen erstaunlich viel gemeinsam haben. „Es geht alles um Tempo und Taktschlag und darum, sich in einem bestimmten Rhythmus zu bewegen. Diesen Rhythmus hast du entweder in dir oder du hast ihn nicht.“ Er sieht weitere Parallelen zwischen dem Leben eines Musikers und eines Rennfahrers. „Beide haben ein Nomadenleben, sind ständig unterwegs und kommen an neue Orte. Das liebe ich.“ Aber wie jeder Musiker bestätigen könnte, erfordert die erfolgreiche Produktion von Musik mehr als Instinkt und die Bereitschaft, aus dem Koffer zu leben. Es ist viel Disziplin nötig. In Alaphilippes Fall wurde die zunächst von der Armee geliefert – just zu einem Zeitpunkt, als er mit 18 Jahren fast ein Jahr mit einer Knieverletzung ausfiel und sich fragte, ob er überhaupt weiter Rennen fahren sollte. Dann bekam Alaphilippe einen Anruf vom Team Armée de Terre, damals eine von den französischen Streitkräften betriebene Amateurmannschaft, und wurde gebeten, für sie Rennen zu fahren. Er zog nach Paris, nach Saint-Germain-en-Laye, und ging zur Armee, was eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Team war.

Das Leben im Militär war eine charakterprägende Erfahrung, aber auf eine gute Art, versichert Alaphilippe. Er ist so angetan von seiner Zeit in der Armee, dass er – wie der französische Präsident Emmanuel Macron – glaubt, dass eine Wiedereinführung der Wehrpflicht jungen Leuten sehr gut tun würde. Als 2012 die National-hymne gespielt wurde, nachdem er zum zweiten Mal französischer Cyclocross-Meister geworden war, stand Alaphilippe nicht nur stramm, sondern salutierte. „Ich habe in den zwei Jahren viel entdeckt und bin sehr gewachsen“, sagt er. „Die Armee ist ein sehr spezielles Team, verglichen mit anderen, weil wir Soldaten waren, nicht in erster Linie Rennfahrer. In der Kaserne zu leben, war das erste Mal, dass ich von zu Hause weg war. Wir bekamen eine militärische Ausbildung und fuhren von unserem Stützpunkt aus als Einheit zusammen zu den Rennen, statt uns dort zu treffen wie andere Amateure. Ich bin mein erstes Etappenrennen, die Tour de Bretagne, mit ihnen gefahren. Ich habe viel über Training, Ernährung, Regeneration und Ruhe gelernt, aber auch die Werte der Armee – Respekt vor Teamkollegen, Hierarchie, Befehle und Höflichkeit im Alltag.“ Er fügt hinzu: „Für mich war alles neu, der Beginn meines Lebens als junger Mann statt als Teenager, der bei seinen Eltern lebt.“

Er vermisst diese Zeit, auch heute noch, weil es weniger Druck gab. „Ich war ehrgeiziger und wollte Fortschritte machen, ich wollte zeigen, was ich konnte, aber gleichzeitig war ich entspannter als heute. Ich konnte mein Leben als Rennfahrer Tag für Tag leben, hatte aber nicht den Druck. Ich liebe meine Karriere, aber es ist auch mein Job.“ Er sagt weiter: „Dann war ich ein Jahr im Quick-Step-Amateurteam, bevor ich Profi wurde, aber es ging alles sehr schnell. Was in der Armee mit mir geschah, war der Schlüssel zu allem. Dort fing alles an.“ Was die militärische Disziplin Alaphilippe nicht abgewöhnt hat, ist die emotionale Intensität, mit der er Rennen fährt und lebt. Auf den Lenker einzudreschen, wenn er verliert, ist zu einer seiner charakteristischen Gesten geworden, und er geht zu sehr in den Rennen auf, wie er sagt, um psychologische Spielchen mit maskenhaftem Gesichtsausdruck zu spielen. „Wenn ich glücklich bin oder jemanden mag, siehst du es mir sofort an. Es ist nie aufgesetzt. Ich hasse es, wenn Leute so was machen“, sagt er. Und obwohl er ein Anhänger von Armee-Regeln ist, deutet nichts darauf hin, dass Alaphilippe bereit ist, den ungeschriebenen Gesetzen des Profiradsports um ihrer selbst willen zu folgen. „Vor ein paar Jahren fand eine französische Meisterschaft in Vesoul statt, und sein Vater, der schon ziemlich alt ist, wollte dabei sein, war aber zu schwach, um mit dem Auto zu fahren“, sagt Gatellier. „Also chauffierte Julian seine Eltern im Wohnmobil sechs Stunden durch Frankreich, damit sie beim Rennen dabei waren. Als Profi machst du so etwas nicht vor einem Rennen. Julian hat es trotzdem getan.“

Vom Fahrertyp her ist er am ehesten mit Peter Sagan und Alejandro Valverde vergleichbar. Beide Rivalen glänzen bei Eintagesrennen ebenso wie bei einwöchigen Rundfahrten. Auch seine giftigen Beschleunigungen und seinen Hang, sich nicht ans Drehbuch zu halten, hat Alaphilippe mit Sagan und Valverde gemeinsam. Was seine Laufbahn angeht, scheint der 25-Jährige eher in Valverdes Reifenstapfen zu treten, auch wenn er sich im Hochgebirge noch steigern muss, bevor er bei großen Rundfahrten auf Sieg fahren kann wie der Spanier. Doch was Alaphilippes Stil auf dem Rad, seinen Sinn für Humor und seine Radbeherrschung angeht, ist er Sagan ähnlicher. „Ich habe gesehen, wie er am Abend vor dem Amstel Gold Race auf dem Parkplatz alle möglichen Stunts gemacht hat, nur um sich die Zeit zu vertreiben“, sagt Gatellier. Viele dieser Fähigkeiten hat sich Alaphilippe in seinen Lehrjahren als Cyclocrosser erworben, auch wenn er nicht zu dieser Disziplin zurückkehren will. „Als Kind habe ich es geliebt, besonders die technische Seite und die intensiven Anstrengungen, die das Crossen erfordert. Um es zu machen, musst du ein bisschen verrückt sein. Aber ich habe festgestellt, dass ich den Straßenradsport lieber mag, und es gibt viele Rennen, die ich kennenlernen will. Ich gehe nicht zurück.“

Alaphilippe sucht auf der Straße noch seine Grenzen. Im nächsten Jahr würde er gerne die Kopfsteinpflaster-Klassiker in Angriff nehmen und im Juli ist er für die Tour vorgesehen, wo er auf Etappenjagd gehen soll. Und vielleicht steigert er sich ja in den Bergen. Aber vor allem ist er emotional motiviert und loyal zu seinen Wurzeln und zu seinem Team. „Wichtig ist, dass ich der echten Erziehung treu bleibe, die meine Familie mich gelehrt hat, wie Respekt vor den Rivalen, Loyalität und Höflichkeit“, sagt er. „Wenn du erzogen worden bist, alles mit deinen Brüdern zu teilen und darauf zu achten, dass keiner mehr als der andere bekommt – solche Lektionen vergisst man nicht so schnell. Sie sind zu wichtig.“
Statt nach Monaco oder Andorra zu ziehen, lebt Alaphilippe noch in Désertines, wo er aufgewachsen ist. Er ist bei Quick-Step geblieben, denn es war Patrick Lefevere, der ihm seinen ersten Vertrag gab, während die französischen Teams ihn übersahen. „Es ist wichtig für ihn, nach Hause zu fahren und seine Freunde aus der Kindheit oder seine Familie zu sehen“, sagt Gatellier. „Er ist wie die Fußballer seiner Generation, die ihren Freunden treu bleiben, auch wenn sie aus einem Arme-Leute-Viertel kommen, während sie selbst Karriere gemacht haben. So ist Julian, er hat sich nicht geändert.“

Das heißt auch, wie Kwiatkowski zu Procycling sagt, dass andere Fahrer Alaphilippe schätzen, weil er seinen Sport so genießt. „Er beschwert sich nie, scheint nie verärgert zu sein und bringt immer eine gute Moral ins Team. Er versucht stets fröhlich zu sein. Als Rennfahrer kannst du dich ständig über etwas beschweren – das Wetter, die Straßen … Aber ich glaube, Julian ist einer dieser Jungs, die immer zufrieden sind. Es ist schön zu sehen, dass ein Fahrer mit einer so positiven Einstellung Rennen gewinnen kann.“ Heutzutage wird der reine Spaß an Radrennen zu oft unter Techno-Geschwätz und nichtssagenden Pressemitteilungen begraben, aber Alaphilippes Lebensfreude und Sinn für Humor sind ansprechend. Es ist selten, dass ein Radprofi weiß, wann er sich entspannen kann, aber gleichzeitig so große Rennen wie Flèche Wallonne gewinnen kann. Alaphilippes Rivalen sollten ihn langsam ernst nehmen.

Procycling - Ausgabe 172 / Juni 2018



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