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Ausgabe 172 / Juni 2018

Profi mit Leib und Seele

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Seit 13 Jahren ist Marcus Burghardt bereits Berufsradfahrer, kaum jemand im Peloton hat so viel Erfahrung gesammelt wie der 34-Jährige. Dass ihm der Sport nach wie vor so viel Spaß macht, liegt an seiner Einstellung. Wir haben den amtierenden Deutschen Meister in seiner Heimat im bayerischen Samerberg besucht.

Idyllisch, malerisch, ursprünglich. Um die oberbayerische Gemeinde Samerberg zu beschreiben, muss man tief in die romantische Wortkiste greifen. Hier, rund eine Autostunde südlich von München, scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben: Läutende Kuhglocken, saftig grüne Wiesen und herrliche Blicke auf den zum Greifen nahen, 1.838 Meter hohen Wendelstein sind das Standardpanorama, wenn man durch die direkt am Alpenrand gelegenen kleinen Einöden und Weiler fährt. Keine 3.000 Leute leben dort, wo andere Urlaub machen. Einer von ihnen: Marcus Burghardt. Der amtierenden deutsche Straßenmeister hat gemeinsam mit seiner Frau Maria und seinen Töchtern Lena-Sophia und Theresa in Samerberg sein Lebensglück gefunden. Es kommt nicht von ungefähr, dass Burghardt, der ursprünglich im sächsischen Zschopau aufgewachsen ist, die Tür seines Hauses mit dem für die Region so typischen „Servus“ öffnet. Er trägt eine hellbraune, mit Stickereien verzierte Lederhose, lässig kombiniert mit weißen Sneakern und rotem T-Shirt. Das „Bayerische“, so verrät er uns noch im Hausflur, das habe ihm schon immer gut gefallen. Über seine Karriere wollen wir mit dem 34-Jährigen sprechen. Eine Karriere, die schon mehr als 13 Jahre andauert und die mit dem Wechsel zu Bora–hansgrohe und dem deutschen Meistertitel im vergangenen Sommer gerade einen neuen Höhepunkt erlebt. „Das wird aber ein langes Interview“, lacht Burghardt bei der Begrüßung nicht ohne Grund. In einer Zeit, in der der Profiradsport längst von Fahrern aus 1990er-Jahrgängen geprägt wird, ist der groß gewachsene Klassiker-Spezialist ein Urgestein.
In seinem Palmarès stehen neun Teilnahmen bei der Tour de France. Neben der deutschen Meisterschaft hat er Gent–Wevelgem gewonnen, eine Etappe bei der Frankreich-Rundfahrt und zwei Tagesabschnitte bei der Tour de Suisse. Noch größer sind die Erfolge, an denen er als wichtiger Helfer für seine jeweiligen Teamkapitäne direkten Anteil hat: 2011 etwa, als er den Australier Cadel Evans zu dessen Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt führt, oder in diesem Frühjahr, als er Peter Sagans heroischen Soloritt bei Paris–Roubaix mustergültig vorbereitet. Von all dem ist nicht viel zu sehen, als uns Burg-hart durch sein in modern-bayerischem Stil eingerichtetes Haus in den Garten führt. Der Rasen ist gemäht, Blumen sind frisch gepflanzt und das Holz zentimetergenau an die weiße Hauswand geschichtet. Einzig eine Specialized-Carbonrennmaschine, locker an den Gartenzaun gelehnt, deutet an, dass hier ein Radprofi mit einer außergewöhnlichen Laufbahn wohnt. „Ein paar Erinnerungsstücke habe ich schon, aber mir ist das nicht so wichtig“, sagt er, als wir uns auf eine Holzbank auf der Terrasse niedersetzen. Burghardt, das wird schon zu Beginn des Gesprächs klar, ist ein bescheidener Typ. Bodenständig, keiner, der sich ins Rampenlicht drängt.

„Grüß Gott, Herr Wesemann"
Vielleicht ist genau das der Grund, dass seine Karriere durch einen Zufall beginnt. Fußballer, erzählt Burghardt, sei er keiner gewesen. Zwei linke Füße, so wie sie viele Radsportler haben. Seine Mutter, eine Zahnärztin, sucht für den damals Zehnjährigen deshalb eine alternative Freizeitbeschäftigung. Durch einen ihrer Patienten erfährt sie vom nahen Radverein RSV 54 Venusberg. Der junge Marcus, so der Radfahrer, könne da auch mal zum Probetraining vorbeischauen. „Da bin ich dann im Oktober 1993 hin. Anfangs war es ein bisschen langweilig, da wir nur Athletik und Cross-Läufe gemacht haben – aber irgendwie bin ich beim Radsport geblieben“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Dreimal die Woche trainiert er, die zwölf Kilometer zum Training werden selbstverständlich mit dem Rad bewältigt. Im Sommer kommen die Wettkämpfe am Wochenende dazu. „Das war intensiv, wohl intensiver, als meine Mutter ursprünglich gedacht hat, aber mir hat es Spaß gemacht“, fährt Burghardt fort. Als ihn die Schule nicht mehr für den Sport freistellen will, geben ihm seine Eltern mit 13 die Möglichkeit, auf ein Sportinternat zu gehen. „Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich meine: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass daraus später was wird? Aber meine Eltern haben an mich geglaubt.“ Aus Burghardt „wird etwas“, wenn auch langsam. Er gewinnt die ersten Sichtungsrennen, der absolute Überflieger sei er aber nie gewesen, wie er grinst. Der Knoten platzt schließlich bei den Junioren: Im ersten Jahr wird er deutscher Meister im Zeitfahren, mit der Nationalmannschaft darf er 2000 zur Weltmeisterschaft ins französische Plouay reisen. Doch schon früh muss Burghardt in seiner Laufbahn lernen, dass Erfolg und Rückschläge manchmal eng beisammen liegen: Achillessehnenbeschwerden kosten ihn weite Teile des zweiten Junioren- und des ersten U23-Jahres. Er bleibt zwar Teil der Nationalmannschaft, doch seine Leistung stagniert. Auf Anraten des damaligen Bundestrainers Peter Weibel lässt er sich von einem Spezialisten in Nürnberg operieren. Zur Reha reist er damals an den Chiemsee – nur wenige Kilometer von seinem heutigen Wohnort in Samerberg entfernt. „Und schon damals hat es mir hier gefallen. Während dieser Zeit war ich auch zum ersten Mal auf einem bayerischen Volksfest“, grinst er und deutet mit einer großen Armbewegung auf die direkt hinter Samerberg beginnenden Berggipfel.

2004 ist Burghardt beschwerdefrei und kann sein volles Potenzial abrufen. Er wird Vierter bei der U23-Variante von Paris–Roubaix und trägt das Gelbe Trikot beim Giro delle Regioni, einer Nachwuchsrundfahrt, die er auf Augenhöhe mit den damaligen U23-Assen Vincenzo Nibali und Giovanni Visconti bestreitet. Das T-Mobile-Team wird auf den jungen Sachsen aufmerksam und bietet ihm eine Rolle als Stagiaire an. „Da habe ich das erste Mal daran gedacht, dass es klappen könnte“, erzählt Burghardt, der bis dato „nicht an den Traum vom Radprofi geglaubt“ hat. Der erste Einsatz in Magenta: die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2004. Er muss lachen, als er sich an seine erste Begegnung mit dem damaligen Mannschaftskapitän Steffen Wesemann im Hotelflur erinnert. „Ich habe ihn mit ‚Grüß Gott, Herr Wesemann‘ begrüßt. Die Reaktion war ein schiefer Blick und ein flottes ‚Sag einfach Wese zu mir‘.“ Eine Zurückhaltung, die Burghardt im Rennen ablegt: Auf der letzten Etappe fährt er mit dem etablierten T-Mobile-Profi André Korff in der Spitzengruppe und verhilft diesem zum Tagessieg. „Von da an hat Kummi [der Sportliche Leiter Mario Kummer; Anm. d. Red.] an mich geglaubt.“ Wenige Wochen später unterschreibt Burghardt einen Zweijahresvertrag. Der einstige Nachwuchsfahrer des RSV 54 Venusberg ist Radprofi. An das neue Leben als Berufsradfahrer muss sich der bodenständige junge Deutsche allerdings erst noch gewöhnen. Massage, Wäsche, Material – im Trainingslager wird ihm alles zurechtgemacht. „T-Mobile – das war der FC Bayern des Radsports“, muss er heute schmunzeln. Eine Professionalität, die Burghardt erst noch zu lernen hat: Sein erstes Rennen, die Tour of Qatar, kann er beinahe nicht bestreiten, weil er seinen Reisepass vergisst. Der entsprechenden Skepsis des T-Mobile-Managers Walter Godefroot tritt er mit Leistung entgegen: Bereits im März wird er als Neoprofi Vierter beim belgischen Halbklassiker Dwars Door Vlaanderen, auch ansonsten überzeugt er als starker Helfer. „Da war dann auch Godefroot auf meiner Seite und ich durfte direkt Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix fahren.“

Vom Tiefpunkt zum Leistungsträger
Doch gerade als die Karriere des jungen Burghardt in Fahrt kommt, erlebt sie auch eines ihrer tiefsten Täler. Die Saison 2006 muss er fast komplett pausieren. Das Knie. Zwar startet er wieder stark, doch nach einem weiteren siebten Platz bei Dwars Door Vlaanderen bestreitet er ab April für das restliche Jahr keine Rennen mehr. Zu allem Überfluss stürzt der deutsche Radsport zur gleichen Zeit in seine bisher tiefste Krise: Vom Fuentes-Skandal 2006 wird das T-Mobile-Team hart getroffen. Die Medien berichten nicht mehr über Radsport, sondern über Doping. Kein Tag vergeht ohne neue Anschuldigung. Seine Verletzung ist in dieser Zeit Burghardts Glück: In der Reha bekommt er von dem Trubel wenig mit und kann abgeschottet an seinem Comeback arbeiten. „Ulle und Zabel habe ich damals eh kaum gesehen. Und mit meinen 23 war ich auch noch zu jung, um wirklich abschätzen zu können, was das für den Radsport bedeutet“, blickt er zurück.
Die entspannte bayerische Atmosphäre auf seiner Terrasse in Samerberg weicht für einen kurzen Moment einem tiefen Groll. Burghardt schenkt sich ein Glas Wasser nach. „2006 – da ging es los mit dem Doping-Sch…“, kann er sich einen Fluch nicht verkneifen. „Die ersten zwei, drei Jahre nach dem Skandal 2006 habe ich auf die Nachfrage, was ich denn beruflich mache, immer nur geantwortet, dass ich in der Sportbranche selbstständig sei. Dass man Radprofi ist – das konnte man kaum erzählen“, erinnert er sich. Mittlerweile sei die Situation besser, aber „blöde Momente“ gebe es noch immer. „Heute morgen erst war ich wegen einer Quartalsuntersuchung beim Arzt. Und natürlich kam der Epo-Witz. Aber was soll das: Ich mache die ganzen Untersuchungen ja genau, um dem entgegenzuwirken, um transparent zu sein. Dazu saß meine kleine Tochter auf meinem Schoß – mit Respekt hatte das nichts zu tun.“

Wieder genesen, ist die Saison 2007 für ihn daher wie ein Neuanfang. Das T-Mobile-Team wird umstrukturiert, dazu kommen Krankheiten und Verletzungen in der Mannschaft – bei den Klassikern wird auf einmal der junge Marcus Burg-hardt zum Leistungsträger in Magenta. Nach einem dritten Platz beim E3-Preis in Harelbeke gewinnt er als Solist Gent–Wevelgem. Unbekümmert fährt der T-Mobile-Profi auf Augenhöhe mit Stars wie Tom Boonen, Fabian Cancellara oder Oscar Freire. Bei seiner ersten Tour de France im Sommer ist er trotzdem Helfer von Mark Cavendish – eine Rolle, in der er sich schon damals wohler fühlt als mit der Kapitänsbürde. Dennoch steht auch 2008, als es T-Mobile nicht mehr gibt und der US-Amerikaner Bob Stapleton mit seinem Unternehmen High Road Sports Inc. die einstige deutsche Vorzeigemannschaft übernimmt, Burghardt in der Verantwortung. Nach einem wegen erneuten Knieproblemen verpass-ten Frühjahr kommt sein großer Tag auf der 18. Etappe der Tour de France: 196 Kilometer von Le Bourg-d’Oisans nach Saint-Étienne. Klassiker-terrain, Burghardt-Terrain. „Diesen Tag hatte ich mir schon vor der Tour ausgesucht. Zu schwer für die Sprinter, zu leicht für das Klassement – ideal für Ausreißer“, blickt er zurück. Burghardt attackiert von Beginn an. Letztlich biegt er gemeinsam mit dem Spanier Carlos Barredo mit Minutenvorsprung auf die Zielgerade ein. „Die letzten zehn Kilometer war schon klar, dass wir ankommen werden. Wenn du weißt, dass du zu 50 Prozent eine Tour-Etappe gewinnen wirst – da wirst du schon nervös“, lacht er. Auf der Zielgeraden erinnert sich Burghardt an das Einmaleins, das ihm sein erster Trainer Klaus Fischer beigebracht hat: „Am Rand fahren, eine Seite zumachen.“ Er gewinnt. Mit gerade einmal 25 Jahren ist er Klassiker- und Tour-Sieger.

Entwicklung zum Tophelfer
2009 knüpft er nahtlos an diese Leistungen an, wird unter anderem Siebter bei der Flandern-Rundfahrt. Burghardt ist auf dem Höhepunkt – aber so richtig wohl fühlt er sich in seiner Rolle noch immer nicht. „Ich bin nie so gut gefahren, dass ich wirklich hätte Leader sein können. Wenn dich eine Mannschaft als Kapitän verpflichtet, wird verlangt, dass du Flandern und Roubaix gewinnst. Da haben mir aber immer ein paar Prozent gefehlt“, meint er. Er besinnt sich deshalb auf andere Qualitäten: seine Intelligenz, ein Rennen zu lesen, seine Tempohärte, seine Akribie. Bei der Streckenbesichtigung der Flandern-Rundfahrt ist er damals der Einzige, der die verschiedenen Berge abfotografiert und später studiert. Eine Fähigkeit, die gefragt ist: Für 2010 unterschreibt er beim neu gegründeten BMC-Team – als Helfer für die Klassiker und die Tour de France. „Ich kenne mich in Belgien super aus, weiß genau, wann mich mein Leader braucht – und das habe ich versucht zu optimieren.“ Und Burghardt liefert – auch wenn er immer seltener selbst für Ergebnisse sorgt. Seine zwei Etappensiege bei der Tour de Suisse 2010 sind die letzten eigenen Erfolge bis zu seinem deutschen Meistertitel im Sommer 2017. Stattdessen verhilft er anderen zu ihren großen Coups: Cadel Evans gewinnt die Tour de France 2011 unter anderem deshalb, weil Burghardt ihm mit seiner Erfahrung dabei hilft, die gefährliche erste Tour-Woche zu überstehen. Und bei den Klassikern hält der groß gewachsene Deutsche Namen wie Thor Hushovd oder Greg Van Avermaet aus dem Wind. Die Gelegenheiten für eigene Resultate lässt Burghardt aus, um dem Team zu helfen. Ein Beispiel: die Flandern-Rundfahrt 2013: „Thor [Hushovd; Anm. d. Red.] hatte schon in der Rennmitte Probleme, als es mir noch gut ging. Aber was willst du machen? Der ist Weltmeister, hat fünf Streifen am Ärmel und ist dein Kapitän – da attackierst du nicht.“ Ob er lieber gerne mehr gewonnen hätte, wollen wir wissen, während Burghardt auf seiner Samerberger Terrasse seine BMC-Jahre resümiert. „Ehrlich gesagt war es für mich nie ein Problem“, überlegt er. „Mit meinen Talenten kann ich am besten anderen helfen – und das bedeutet mir genauso viel, wie selber ganz oben auf dem Podium zu stehen. Aus diesem Grund war es für mich auch nie schwierig, Helfer statt Teamleader zu sein.“

Neuanfang bei Bora–hansgrohe
Es kommt nicht von ungefähr, dass Burghardt Ende der Saison 2016, als sein Vertrag bei BMC ausläuft, wieder Angebote aus der WorldTour bekommt. Seine Helferqualitäten sind gefragt, seine Tempohärte im Peloton begehrt. Seine Wahl fällt auf Bora–hansgrohe – ein Entschluss, der naheliegt. Burghardt, mittlerweile mit seiner Frau Maria, einer Samerbergerin, und den zwei kleinen Kindern Lena-Sophie und Theresa an den Alpenrand gezogen, lebt und trainiert nur wenige Kilometer vom Bora-Mannschaftssitz in Raubling entfernt. Teamchef Ralph Denk wohne sogar in der gleichen Straße im beschaulichen Samerberg, deutet Burghardt in Richtung eines seiner Nachbarhäuser. Der Denk- und der Burghardt-Nachwuchs spielen schon einmal gemeinsam auf einer der umliegenden Bergwiesen, schon seit Burghardts BMC-Zeit sei man eng befreundet. Als Denk Burghardt von seinen Zielen, mit dem Küchenhersteller Bora in der WorldTour erfolgreich sein zu wollen, berichtet, fackelt der leidenschaftliche Hobbykoch – „Ich stehe schon einmal mehrere Stunden in der Küche“ – nicht lange. Und als kurze Zeit später auch Peter Sagan unterschreibt, ist klar: Der Zschopauer wird der wichtigste Klassikerhelfer für den Weltmeister sein. Der Wechsel zu Bora–hansgrohe ist eine Entscheidung, die sich lohnt: Trotz seiner Helfer-aufgaben bekommt Burghardt wieder mehr Freiheiten, darf auch mal auf eigene Rechnung fahren. Paris–Roubaix beendet er nach dem Ausfall von Kapitän Sagan auf Rang 16. Und im Juni wird er in Chemnitz vor seinem Mannschaftskollegen Emanuel Buchmann Deutscher Straßenmeister – nur wenige Kilometer von Zschopau und Venusberg entfernt. Dort, wo er rund
20 Jahre zuvor mit dem Radfahren begonnen hat. Der Meistertitel ist Burghardts erster Erfolg seit sieben Jahren – und für ihn gleichzeitig sein wichtigster. „Für mich ist das mein größter Sieg. Größer als Gent–Wevelgem oder die Tour-Etappe. Das Meistertrikot darf man eben ein ganzes Jahr lang tragen – ein Etappensieg ist am nächsten Tag schon wieder vergessen.“
Am Samerberg schätzen sie ihren Deutschen Meister – oder „Moasta“, wie man hier sagt. Im lokalen Gasthaus zur Post in Burghardts Nachbarschaft wird der Titel gefeiert, man ist stolz auf den Profi, der die Gemeinde in der Welt bekannt macht. Im nahen Trachtengeschäft, ebenfalls nur ein paar Straßen von seinem Haus entfernt, schaut Burghardt auch gerne einmal nach seinen Trainingsausfahrten vorbei. Es scheint, als komme hier für Burghardt alles zusammen: heimische Atmosphäre, Familie, perfekte Trainingsbedingungen. Während andere sich mit fast 35 Jahren Gedanken über das Karriereende machen, denkt der bayerische Sachse noch lange nicht ans Aufhören. „Der Wechsel zu Bora–hansgrohe hat mir definitiv gut getan. Wenn du wieder Teil einer deutschen Mannschaft bist und auch das Personal aus der Region kommt, geht alles familiärer zu – genau das mag ich. Ich bin gerne in der Gruppe“, sagt er, um im gleichem Atemzug zu betonen, dass er auch die Zeit bei BMC sehr genossen habe. Etwas Schlechtes würde Burghardt nicht so leicht über die Lippen kommen. Er ist Teamplayer durch und durch – und er liebt den Radsport.

Der Traum vom Pflasterstein
Genau das ist für ihn auch der Grund, warum er immer noch – auch nach 13 Jahren – genauso viel Freude am Radfahren hat wie zu Beginn seiner Laufbahn. 13 Jahre, aus denen, sagt Burghardt am Ende unseres Gespräches auf seiner Terrasse mit voller Überzeugung, auch gerne 20 werden können. „Mir macht das Radfahren unglaublichen Spaß. Egal, ob es die Trainingslager sind oder die Rennen – ich versuche den jungen Rennfahrern immer klarzumachen, dass wir Radprofis einen Traumjob haben, ein Privileg“, schwärmt er. Zu dieser Leidenschaft zählt auch, dass er trotz seiner Helferaufgaben noch das ein oder andere Ziel in seiner Karriere hat. Einer Karriere, in der er bis auf die Baskenland-Rundfahrt – „das kriege ich auf jeden Fall noch hin“ – und Olympia – „eine Teilnahme in Tokio 2020 wäre toll“ – alle großen Rennen gefahren ist. Sein größter Traum: einmal Paris–Roubaix gewinnen. „Für mich war das immer unmöglich. In den letzten Jahren habe ich aber gemerkt, dass es vielleicht doch möglich sein könnte. 2017 war das erste Mal, dass ich nach Carrefour de l’Arbre [der letzte Kopfsteinpflastersektor vor Roubaix] noch gute Beine hatte – wa-rum also nicht?“, sagt er, nur um mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen: „Solange Peter [Sagan] im Rennen ist, ist das natürlich kein Thema. Aber vielleicht kann ich Ralph [Denk] ja bei den nächsten Vertragsverhandlungen überzeugen, mir eine Zusatzklausel für Roubaix einzubauen.“ Denn seine Helferpflichten würde Burghardt niemals verletzen. Er ist Mannschaftsplayer mit Leib und Seele, einer, auf den man sich verlassen kann. Ein bodenständiger Typ, der den Profiradsport in all seinen Facetten liebt. Als wir uns am frühen Nachmittag von ihm verabschieden, macht er sich auf den Weg zu einer Gruppenausfahrt eines lokalen Sponsors. Abends steht eine Runde Schafkopf mit Freunden im oberbayerischen Samerberg an. Marcus Burghardt ist angekommen. An seiner Haustüre verabschiedet er uns mit dem für die Region so typischen „Servus!“.

Procycling - Ausgabe 172 / Juni 2018



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