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Ausgabe 171 / Mai 2018

Alles Rosa

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Auf den ersten Blick scheint es, als hätte Esteban Chaves, der gerade sein zweites Comeback nach schwerer Verletzung gibt, nicht viel zu lachen. Aber der Kolumbianer geht trotzdem als einer der Favoriten in den Giro. Er erklärt sein positives Denken.

Der frühere Premier League-Fußballtrainer Iain Dowie dachte nicht an Esteban Chaves, als er den Begriff Bouncebackability – Stehaufmännchen-Qualität – prägte. Wie hätte er auch? Als Dowie versuchte, Crystal Palace 2004 vor der Relegation zu bewahren – und von seiner Mannschaft jedes Mal, wenn sie eine Niederlage kassiert hatte, die Entdeckung dieser Eigenschaft forderte -, fuhr der damals 14-jährige Chaves gerade mit seinem Vater auf den Straßen rund um Bogotá herum. Aber das Wort hätte für Chaves erfunden werden können: Nach schweren Rückschlägen wieder aufzustehen ist etwas, worin der Kolumbianer sehr gut ist. Der jüngste Rückschlag kam Ende September letzten Jahres beim Giro dell’Emilia in Italien. Er rutschte in einer rasanten Abfahrt auf einem feuchten Abschnitt aus, als er dem ersten TV-Motorrad folgte, stürzte hart auf den Asphalt, prallte ab und wurde auf den Seitenstreifen geschleudert. Die daraus resultierende Gehirnerschütterung zwang ihn zu sechs Wochen Ruhe in einem dunklen Raum, wo er zu laufen versuchte, ohne dass ihm schwindelig wurde, während seine gebrochene Schulter langsam heilte. „Ich brauchte keine große OP“, erklärt Chaves. „Nur Schmerzen und Arbeit.“ Chaves‘ Nacherzählung der Reha könnte überraschend gleichgültig klingen, wäre da nicht die Tatsache, dass e r all das schon mal erlebt hat, nur viel schlimmer. Bei der Trofeo Laigueglia im Februar 2013 erlitt er Frakturen an Schädel, Genick und Schulter sowie einen Riss des zum rechten Arm führenden Achselnervs, der seine Karriere zu beenden drohte. Die Ärzte stellten den Nerv in einer neunstündigen Operation wieder her, wobei sie gesundes Nervengewebe verwendeten, das aus seinem Fuß gewonnen worden war. Ihm wurde gesagt, dass er wahrscheinlich nie wieder Rad fahren würde.

Es dauerte zwei Jahre, aber Chaves kam zurück. Und zwar auf das Niveau, das man von einem früheren Sieger der Tour de l’Avenir erwarten konnte: Er gewann zwei Etappen der ersten Woche der Vuelta a España 2015 und trug zwischenzeitlich das Rote Trikot, bevor er Gesamt-Fünfter wurde. In der folgenden Saison wurde er Zweiter des Giro d’Italia, Dritter der Vuelta und gewann die Lombardei-Rundfahrt – womit er das Vertrauen zurückzahlte, das Mitchelton-Scott (seinerzeit Orica) ihm entgegengebracht hatte, als ihm das Team noch während der Reha einen Vertrag gab und die Prognosen bestätigte, dass er einer der vielversprechendsten Rundfahrer und Kletterer überhaupt war. Auch in diesem Jahr ist er wieder zurückgekommen, aber dieses Mal etwas schneller. Nach dem Sieg bei der Herald Sun Tour im Februar – ein etwas überraschendes Resultat – geht der Kolumbianer als Mitfavorit für das Rosa Trikot in den diesjährigen Giro; vielleicht ist er der Mann, der Chris Froome und den Titelverteidiger Tom Dumoulin herausfordern und bis zum Schluss gefährlich werden kann. Selbst sein Ausstieg aus der Volta a Catalunya hat seinen Favoriten-Status nicht gemindert. Mit zwei Grand-Tour-Podiumsplätzen in seinem Palmarès scheint Chaves die Erfahrung und das Talent zu haben, eine dreiwöchige Rundfahrt zu gewinnen.

Chaves hat nur ein Rosa Trikot vom Giro 2016. Das gewann er in Risoul auf der 19. Etappe, als Spitzenreiter Steven Kruijswijk in der Abfahrt vom Colle dell’Agnello in die Schneewand krachte und Chaves nahe genug am Etappensieger Vincenzo Nibali blieb, um die Gesamtführung zu übernehmen. Vor einer Flach-etappe nach Turin brauchte er nur noch Nibali auf der letzten Bergetappe in Schach zu halten. Das hatte er schon eine Woche zuvor get an: Auf dem als Königsetappe geltenden 14. Tagesabschnitt nach Corvara hatten Chaves und Kruijswijk den „Hai“ abgehängt, bevor der Kolumbianer den Holländer im Sprint bezwang und seinen ersten Giro-Etappensieg feierte. Aber im letzten Anstieg des Giro entriss der wieder erstarkte Italiener Chaves das Trikot und entschied das Rennen auf dem Weg nach Sant’Anna di Vinadio für sich.Diese eine maglia rosa ist gerahmt – mit Schmutz, Schweiß, Startnummer, Stecknadeln und allem – und hängt an der Wand in seinem Haus in Bogotá, wo der 28 Jahre alte Chaves jedes Jahr mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Brayan überwintert, der im Mitchelton-Nachwuchsteam fährt. Als Chaves nach Hause kam, um sich nach der Volta a Catalunya auf den Giro vorzubereiten, war es da, starrte ihn an und erinnerte ihn an diesen Tag im Mai. „Es ist wie wenn sie im Fernsehen eine Koch-Show bringen und du versuchst, dir den Geschmack vorzustellen, es aber nicht kannst“, sagt er rückblickend. „Ich kann nicht erklären, wie du dich in der dritten Woche des Giro fühlst, wenn du richtig erschöpft, aber wirklich glücklich bist, dass sie deinen Namen rufen und du das Rosa Trikot hast. Dafür gibt es keine Worte.“

Chaves hat eine komplexe Beziehung zu Italien. Er wohnte in Bergamo, als er 2012 nach Europa zog. „Alles war kalt“, erinnert er sich, „aber ich habe Italienisch gelernt, Freunde gefunden, und dort habe ich gelernt, Rennfahrer zu sein.“ In Italien hat er viele seiner großen Resultate geholt. Hier attackierte er in einer Menge italienischer Fans auf dem Weg zur Altstadt von Bergamo bei der Lombardei-Rundfahrt, flog förmlich mit Urán und Rosa über die Straße an der alten Stadtmauer und bezwang sie im Sprint. Der Lebensstil passt zu seinem lateinamerikanischen Hintergrund, und die Rennen passen zu seinem angriffslustigen Stil. Chaves hat kein natürliches Talent gegen die Uhr, daher muss er clever fahren und bergauf angreifen. Italien war eine kapriziöse Meisterin – dort hatte er seine beiden schweren Stürze –, aber vor allem ist es die Verbindung zu den italienischen Tifosi, die ihm gefällt, vielleicht nicht überraschend für einen Mann, dessen erstes Team ‚Colombia es Pasión‘ hieß: Kolumbien ist Leidenschaft. „Wenn du dort Rennen fährst, spürst du die Leidenschaft der Leute. Sie lieben den Radsport, und ich verstehe sie“, sagt Chaves. „Bei der Tour de France haben alle Ferien, deswegen ist das Publikum so groß, aber die meisten Leute haben keine Ahnung vom Radsport. Anders beim Giro: Da gehen sie alle hin, weil sie den Radsport lieben. In Italien gibt es ein anderes Publikum.“

Chaves fuhr die Tour 2017, aber nachdem er sich im Frühjahr eine Knieverletzung zugezogen hatte und kurz vor dem Rennen den Tod seiner Physiotherapeutin und Freundin Diana Casas bei einem Radunfall in Kolumbien verkraften musste, war es eine unauffällige Grand Tour und er wurde 62. Wie wir erfahren haben, war das keine Überraschung für Chaves bei seiner ersten Grande Boucle, aber jetzt ruft Italien wieder. Mitcheltons Giro-Sportdirektor Matt White war, wie er sagt, „überrascht“, Froome und Dumoulin auf der Starterliste zu sehen, und sieht Chaves jetzt im erweiterten Favoritenkreis neben Rohan Dennis, Thibaut Pinot, George Bennett, Miguel Ángel López und Fabio Aru. Die Australier gehen mit einer Mannschaft ins Rennen, die Chaves und Simon Yates unterstützt, der mit seinem zweiten Gesamtplatz und einem Etappensieg bei Paris–Nizza im März bereits Flagge gezeigt hat. „Das ist der Giro“, sagt White. „Der Giro kann überall gewonnen oder verloren werden, und das ist das Schöne daran – hinter jeder Ecke lauert eine Überraschung. Für uns ist das Zeitfahren der Schlüssel. Das in Jerusalem spielt keine große Rolle, aber das 35 Kilometer lange Zeitfahren am Ende der zweiten Woche ist entscheidend für uns, da dürfen wir nicht so viel Zeit verlieren.“ Man kann wohl sagen, dass der Giro besser zu Chaves’ inhärenten Eigenschaften passt als die Tour, angesichts der Unvorhersehbarkeit und der enormen physischen Herausforderung des Rennens in Italien. Die Etappen des Giro sind meistens länger, höher und extremer als bei der Tour und spielen den aggressiven und opportunistischeren Fahrern in die Hände. Obwohl Chaves bei dem 18,4 Kilometer langen Zeitfahren bei Paris–Nizza auf einen soliden zehnten Platz kam und exakt dieselbe Zeit wie sein Teamkollege Yates benötigte, wird der Schlachtplan von Mitchelton sein, so aggressiv zu fahren, dass sie die absehbaren Verluste im langen Zeitfahren auf der 16. Etappe wettmachen. „Das ist viel leichter gesagt als getan“, fügt White hinzu. „Überall, wo sich in diesen drei Wochen Möglichkeiten bieten, müssen wir Zeit herausfahren. Ich erwarte einen aggressiveren Stil von uns, denn andernfalls haben wir keine Chance zu gewinnen.“

Das sind erfrischende Aussichten, positive Vorzeichen für den Verlauf des Rennens aus Sicht  der Fans und sicher ein ehrgeiziges Ziel angesichts der Methode von Sky und in gewissem Maße auch von Sunweb, alles zu  kontrollieren, was irgendwie kontrollierbar ist. Chaves wird versuchen, das Rennen aufzumischen. Er mag es, nicht kontrollierbar zu sein; auf diese Art will er Froome schlagen.„Die Tour de France ist wie ein einziges langes Zeitfahren“, sagt er mit Anspielung auf Sky. „Sie picken sich alle Etappen raus und wissen genau, wie viel Watt pro Kilo jeder treten muss, und dann treten sie sechs Watt pro Kilo, sodass niemand sie angreifen kann“, sagt Chaves. „Der Giro ist der Giro; der Giro ist Radsport; der Giro ist Leidenschaft; der Giro ist anders. Alles kann passieren … In Sizilien, in Israel, es gibt von Anfang an wirklich schwere Etappen und lange. Der Giro ist schön, weil wir die ganze Zeit ein Rennen fahren. Du kannst das Rennen nicht so kontrollieren wie andere.“ Wenn man Chaves am Tisch gegenübersitzt, ist es schwer, seine Persönlichkeit mit dem aggressiven und schonungslosen Rennfahrer in Einklang zu bringen. Natürlich ist da sein Lächeln, das sein Markenzeichen ist, und er ist gewinnend, klug und scheint viel lieber über seine Radsport-Akademie in Kolumbien zu reden als über das, was bei diesem oder jenem Rennen geschah. Seine Teamkollegen sprechen von einem beruhigenden, positiven Einfluss im Team und von jemandem, der mit gutem Beispiel vorangeht statt mit erhobenem Zeigefinger. Nicht von ungefähr hat er den Spitznamen „der lächelnde Attentäter“. Chaves ist kein Fahrer, der experimentiert, um zu sehen, wie schnell er fahren oder wie weit er gehen kann. Chaves ist da, um Rennen zu fahren. „Wenn er sich eine Startnummer anheftet, ist er mindestens so hungrig wie der Typ neben ihm, der kalt ist und keine Emotionen zeigt“, sagt White. „Sie haben beide denselben Fokus. Das zeigt, dass man kein Snob oder hochnäsiger Typ sein muss, um erfolgreich zu sein. Er hat eine solide Erziehung und ist seiner Familie verbunden, daher ist er ausgeglichen und weiß, wo er auf diesem Planeten steht. Er ist auf keinen Fall überheblich. Er ist ein großer Star, ohne sich so zu benehmen.“

Procycling - Ausgabe 171 / Mai 2018


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