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Ausgabe 170 / April 2018

Metamorphose

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BMC-Profi Rohan Dennis will sich vom Bahnfahrer und Zeitfahrspezialisten zum Grand-Tour-Sieger wandeln. Außerdem arbeitet er daran, die Kanten seines lebhaften Temperaments abzuschleifen. Procycling gegenüber erzählt er, wie es mit den Veränderungen läuft.

Ein Mann, der auf Twitter postet, dass es „nichts Besseres gibt, als den Tag mit ‚Malcolm mittendrin‘ zu beginnen“, entspricht nicht unbedingt dem Profil von jemandem, der als kratzbürstig gilt. „Ich versuche, ein bisschen Spaß mit Social Media zu haben“, grinst Rohan Dennis, als Procycling ihn an frühere Posts erinnert. „Und man sagt mir, dass es nicht sehr professionell ist, aber ich bekomme die meisten Likes, wenn ich was Blödes poste, zum Beispiel mich als absoluten Depp in Bibshorts, wobei ich ein Gesicht ziehe … Und ich frage im Team, ob es ein Problem wäre, wenn ich das poste, und sie sagen: ‚Äh, wenn du wirklich willst‘, und ich sage: Alles klar! Ich mache das, und dann poste ich es.“ Was „Malcolm mittendrin“ angeht, die amerikanische Serie über den genialen Jungen: „Es ist eine lustige Show und leichte Kost. Ich liebe sie. Im Juli 2014 habe ich jede einzelne Episode gesehen – am Stück. Ich glaube, es waren acht Staffeln. Das war, als ich mitten im Jahr von Garmin zu BMC wechselte, und das Lustigste war, dass es im Titelsong heißt: ,You’re not the boss of me now.‘ Jedes Mal, wenn ich den Vorspann hörte, musste ich lachen. Das machte mich glücklich.“
Im August 2016, als er in der Form seines Lebens war, brach Dennis’ Lenker beim olympischen Zeitfahren in Rio, was ihn zu einem Radwechsel zwang und ihn wahrscheinlich die Silbermedaille kostete. Er wurde schließlich Fünfter. Im September 2017, wieder in der Form seines Lebens, stürzte Dennis beim WM-Zeitfahren in Bergen auf nasser Straße, sein Schaltwerk ging kaputt und er musste das Rad wechseln. Er beendete das Rennen auf dem achten Platz. „Es ist schwer, in solchen Situationen zu lächeln“, gibt Dennis zu, „aber ich musste – nicht, weil ich wollte, sondern weil es das Beste war, was ich tun konnte. Du kannst dich nicht damit aufhalten. Aber ich ärgere mich noch über Rio. Es wird nicht aufhören, außer wenn ich in Tokio [bei Olympia 2020] gewinne. Die Leute sagen: ‚Mach dir keine Sorgen, Rohan – du wirst in Tokio noch besser sein.‘ Aber wer garantiert mir, dass ich nicht krank oder verletzt bin und dass ich nominiert werde? Vielleicht nehme ich an keinen Olympischen Spielen mehr teil. Vielleicht fahre ich in zwei Jahren gar kein Rad mehr. Wer weiß, was morgen passiert? Alles kann jederzeit passieren, und es ist frustrierend. Es ist ärgerlich. Bei großen Veranstaltungen passiert es immer, dass etwas, was wir nicht kontrollieren können, oder etwas, was wir kontrollieren können, aber nicht zweimal oder dreimal geprüft haben, was wir nicht doppelt und dreifach kontrolliert haben, zum ungünstigsten Zeitpunkt in die Hosen geht.“

Nachdem er 2013 bei Garmin Profi geworden war, setzte Dennis seine Erfolge von der Bahn auf der Straße fort. Der zweifache Weltmeister in der Mannschaftsverfolgung und Silbermedaillengewinner in dieser Disziplin bei Olympia in London 2012 sicherte sich einen Gesamtsieg bei der Tour of Alberta und das Trikot des besten Jungprofis beim Critérium du Dauphiné. Dennis schnupperte in dem Jahr auch erstmals Grand-Tour-Luft: Er startete als 23-Jähriger bei der Frankreich-Rundfahrt, aus der er nach einer Woche einen Tag früher als geplant ausstieg. Die Saison 2014 war noch besser: Er holte einen Etappensieg und einen zweiten Gesamtplatz bei der Tour of California hinter Bradley Wiggins und eine Silbermedaille im Zeitfahren bei den Commonwealth Games. In diese Zeit fiel sein viel beachteter Wechsel während der Saison von Garmin zu BMC, wohin er seinem Freund und australischen Landsmann, dem früheren Garmin-Sportdirektor Allan Peiper, folgte. Dennis bestritt dann die Vuelta a España für BMC, wo er 84. wurde, bevor er das WM-Mannschaftszeitfahren mit ihnen gewann und Fünfter im Einzelzeitfahren wurde. Seitdem ist Dennis bei BMC, hat vier weitere Starts bei großen Rundfahrten hinter sich und große Siege bei der Tour Down Under 2015 und der USA Pro Challenge gefeiert. Am wichtigsten war sein Sieg auf der Eröffnungsetappe der Tour 2015, der ihm einen Tag im Gelben Trikot bescherte. Er legte mit Tageserfolgen bei der Eneco Tour, der Kalifornien-Rundfahrt und der Großbritannien-Rundfahrt 2016 nach.
Vor der Saison 2017 kündigte er an, dass er für sich einen Vier-Jahres-Plan aufgestellt habe, um bei großen Rundfahrten konkurrenzfähig zu werden. Die meisten Fahrer wären schon zufrieden, wenn sie ihre Karriere mit einem Bruchteil dessen beenden würden, was Dennis erreicht hat. Und trotzdem hat man den Eindruck, dass seine Karriere vielleicht gerade erst begonnen hat: dass sein Fokus auf die großen Rundfahrten bald alles bestimmen wird. „Der Giro im letzten Jahr ist natürlich nicht gut gelaufen – wegen meines Sturzes und der Gehirnerschütterung, daher war es medizinisch ratsam, die Heimreise anzutreten“, erklärt der mittlerweile 27 Jahre alte Dennis seine Aufgabe nach vier Tagen. „Dann sagten wir, ich fahre die Vuelta als Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft, da nur eine Woche dazwischen lag. „Normalerweise ist die Vuelta nicht allzu … sie ist zwar schwer, aber normalerweise sind da Fahrer, die sich auf die Weltmeisterschaft vorbereiten. Aber in diesem Jahr sind alle jeden Tag 100 Prozent gefahren, als wenn es die Tour wäre. Wir trafen die Entscheidung, dass es am besten wäre, nach dem Zeitfahren auf der 16. Etappe auszusteigen. Aber dann wurde ich vor dem Ruhetag krank und dachte mir, dass es am besten wäre, nach Hause zu fahren und mich zu regenerieren. Ich hätte sie zu Ende fahren können, aber das wäre abträglich für meine Weltmeisterschaft gewesen, und einfach nur ein Rennen zu Ende zu fahren, ist auch nicht so eine tolle Leistung. Wow – du bist eine Grand Tour zu Ende gefahren. Das ist nicht das eigentliche Ziel für mich.

Zu Dennis’ Metamorphose zum Rundfahrtspezialisten gehört auch, Gewicht zu verlieren, um besser zu klettern, ohne gegen die Uhr schwächer zu werden. Bei der australischen Meisterschaft 2017, wo er das Zeitfahren zum zweiten Mal in Folge gewann, behauptete er, abgenommen zu haben, aber dieselbe Power zu haben. In diesem Jahr verteidigte er seinen Titel erneut. „Es war ein ziemlich langsamer Prozess, herauszufinden, wo die Grenze ist“, sagt Dennis. „Ich habe sogar weniger Intensitäten gemacht als letztes Jahr vor der australischen Meisterschaft. Die Leute sagen, ich sehe viel dünner als letztes Jahr aus. Aber mein Gewicht ist dasselbe, daher weiß ich nicht, wie das kommt. Vielleicht habe ich einfach mehr Muskeln, und ich wirke schlanker, vielleicht habe ich weniger Fett.“ Durch seine Fähigkeit und Erfahrung gegen die Uhr, gepaart mit seiner Vergangenheit als Bahnfahrer, fühlt er sich im modernen Radsport, bei dem mit Wattzahlen gearbeitet wird, gut aufgehoben. „Du weißt, wie viel Watt du treten kannst, und wenn du das abrufen kannst, von dem du weißt, dass du es kannst, und wenn es besser ist als bei allen anderen, weißt du, dass du gewinnen solltest. Und das kommt Fahrern entgegen, die eine strukturierte Methode haben“, sagt er. „Auf der Bahn wurden wir zwischen der Qualifikation und dem Finale aus dem Mannschaftsverfolgungsteam genommen, wenn wir das Rundentempo änderten. Ohne Wattmessgerät oder irgendeine Anzeige außer dem ‚Gefühl‘ wurden wir aus dem Bahn-Vierer genommen, wenn wir um eine Zehntelsekunde langsamer wurden. Es war sehr exakt. Selbst wenn du schneller warst – nur ein oder zwei Zehntel –, konntest du auch aus dem Vierer genommen werden, weil das, was du machtest, allen anderen schadete.“ Und diese peinlich genaue Disziplin auf die Straße zu übertragen, habe funktioniert – solange man die richtigen Fahrer hat, sagt Dennis. Aber was ist mit Instinkt und Risikobereitschaft? Mit dem, was die Franzosen panache nennen? „Panache war in den 1990ern“, kontert er, „und in den 90ern waren auch noch andere Sachen im Gange, oder nicht? Wenn du an einem Anstieg 20- oder 30-mal attackierst und es dir nicht wehtut, gibt es einen Grund dafür. Wenn du dieses Spektakel aus den 90ern haben willst, gibt es bestimmt YouTube-Videos!“

Stattdessen hat Dennis seine bahnerprobte Methode bei einwöchigen Rennen auf die Straße übertragen, und man darf gespannt sein, was er in Zukunft bei längeren Rennen zeigt. „Da kann viel mehr schiefgehen“, gibt er zu. „Die dritte Woche einer Rundfahrt ist ganz anders als die erste oder zweite Woche. Mit einwöchigen Rennen kommen viele Fahrer zurecht: Sie können eine Woche lang leiden und es ist komprimierter – eine hoch intensive Sache. Bei einer Grand Tour geht es mehr darum, zu begreifen, dass der Job nicht nach einer Woche erledigt ist. Das habe ich noch nicht begriffen. Daran muss ich noch arbeiten“, fährt er fort. „Ja – ich habe bei vielen einwöchigen Rennen vorne mitgemischt. Jetzt geht es darum, das auf drei Wochen zu übertragen, was eine enorme Herausforderung ist. Deswegen schauen wir uns das an und sagen: ‚Wir versuchen, zehn bis 14 Tage durchzustehen, und was in den letzten anderthalb Wochen passiert, nehmen wir als Lernerfahrung.‘ Wenn es Tag für Tag gut läuft, nimm es: Tag. Für. Tag“, betont er die letzten drei Worte wie ein Mantra. „Wenn ich einbreche, schauen wir uns an, was wir falsch gemacht haben. Wie machen wir dann weiter? Was müssen wir ändern?“ Dass er „wir“ statt „ich“ sagt, spricht für das Ausmaß an Unterstützung, das er bei BMC hat. Und dazu zählt ein Sportpsychologe. „Ich habe einen seit … Na ja, ich hatte viele“, sagt er lächelnd. „Aber meistens aus anderen Gründen. „Mir wurde immer gesagt: Du musst an deiner Kommunikation arbeiten, Rohan!“, sagt er lachend. „Aber mein Sportpsychologe ist jetzt mehr für die mentale Seite zuständig, während ich auf dem Rad sitze. Wenn ich auf dem Rad zufriedener bin, bin ich zu 99 Prozent der Zeit auch privat zufrieden“, sagt er.

Das ist eine ungewöhnliche Offenbarung, und sie widerspricht dem, was traditionell als Erfolgsmethode für Radprofis gilt. Seit Jahrzehnten heißt es, dass ein glückliches, stressfreies Privatleben einem Fahrer hilft, sich bei Rennen besser zu konzentrieren und besser zu fahren. „Für mich geht es darum, auf dem Rad das Beste aus mir herauszuholen und diese Lektionen dann auch außerhalb des Sports zu nutzen. Du stehst mehr unter Stress, wenn du auf dem Rad sitzt, und warum sollten wir daraus nicht lernen?“ Was uns dazu bringt, warum Rohan Dennis kratzbürstig ist. Er lacht und sagt: „Ich habe festgestellt, dass mich nicht die großen Dinge ärgern, weil ich keinen Einfluss auf sie habe. Es sind die kleinen Dinge, auf die ich Einfluss habe und die vermeidbar gewesen wären, weil ich das Thema entweder angesprochen habe und sich niemand darum gekümmert hat oder es ignoriert wurde, und dann passiert es immer wieder, und dann frage ich mich: ‚Warum hört mir keiner zu? Was muss ich machen?‘ Und dann ist es wahrscheinlich die Art und Weise, wie ich jemandem etwas sage. Manchmal denken sie vielleicht: ‚Er greift mich an, er versucht es mal bei mir‘ und dann hören sie nicht zu. Sie denken: ‚Er ist wütend – ich höre gar nicht zu‘“, sagt er. „Aber ich komme langsam zu dem Punkt, wo ich die Botschaft etwas besser artikulieren kann. Und meistens ist es hinter verschlossenen Türen. Da soll es auch bleiben. Nicht vorne im Bus.“
Solche Veränderungen kommen automatisch mit der Reife und der Erfahrung – und, wie Dennis gerne zugibt, auch als Resultat der Sportpsychologie. „Aber ich habe immer noch meine kleinen Episoden“, sagt er grinsend.
Auch wenn Rohan Dennis daran arbeitet, sein Temperament in den Griff zu bekommen, braucht ein Athlet Hunger, Aggression und Ambitionen. „Es gibt Siedepunkte – 100 Prozent“, sagt er. „Und vielleicht sind die Zeitfahrer oder Verfolger eher Kontrollfreaks. In diesen Disziplinen können sie verschiedene Elemente kontrollieren, während es im Peloton nur darum geht zu reagieren. Manuel Quinziato [Dennis’ Ex-BMC-Teamkollege] sagte einmal: ‚Sei wie Wasser.‘ Ich sagte: ‚Lass mich in Ruhe mit deinem buddhistischen Quatsch‘, und er sagte: ‚Nein, im Ernst, im Peloton musst du wie Wasser sein, und wenn sich jemand vor dich setzt, fließe einfach um ihn herum.‘ Das ergibt Sinn, und ich verstehe, wo er herkommt, aber es ist einfach schwer für mich, es immer zu machen. Ich bin einfach nicht der Typ, der denkt: Oh, ich fahre einfach drum herum. Ich will mittendurch fahren. Ich will diesen Stein aus dem Weg räumen, um den schnellstmöglichen Weg zu nehmen. Und so denken einige von uns. Aber es gibt Leute, mit denen schwerer zu arbeiten ist als mit mir“, sagt er. Ich muss mit dem umgehen, was ich mir selbst aufgebaut habe, und bisher war ich ziemlich gut darin, es hinter verschlossenen Türen zu halten. Aber verschiedene Leute verstehen mich verschieden. Einige Leute verstehen mich und andere weniger.“

Das erste Jahr von Dennis’ Vier-Jahres-Plan ist rum, und in dieser Saison sollten wir die größten Fortschritte sehen, wenn alles gut läuft. Es gibt einige gute Zeichen – er hat das Spitzenreitertrikot der Tour, Vuelta, Dauphiné, Tour de Suisse, Tirreno, Eneco Tour und mehr getragen. „Aber die meisten habe ich nicht gewonnen“, sagt er, und genau das will er ändern. Nach einem frühen Zeitfahrsieg bei Tirreno-Adriatico will er den Giro fahren, der mit einem Zehn-Kilometer-Einzelzeitfahren in Jerusalem beginnt. „Ich muss Utrecht 2015 nicht unbedingt wiederholen“, gibt sich Dennis vorsichtig. „Die Auftaktetappe des Giro ist eine gute Gelegenheit für mich, einen positiven Start hinzulegen, Selbstbewusstsein zu tanken und etwas Zeit auf die Kletterer herauszuholen. Aber ich werde am ersten Tag noch nicht fliegen: Ich muss bei den Zeitfahren fliegen, die später im Rennen kommen.“ Aber die Möglichkeit, das Rosa Trikot des Giro zu tragen und die Grand-Tour-Kollektion zu vervollständigen, ist doch sicher attraktiv? „Es wäre schön, und es ist wirklich schwer, nein dazu zu sagen. Aber ich muss an das große Ganze denken. Ich will es in Rom. Ich will es am letzten Tag tragen. Ohne der Tour de France oder der Vuelta zu nahe zu treten – und es irgendwann zu wiederholen, wäre toll –, aber ich habe diese Trikots nach dem ersten Tag getragen. Ich muss lernen, sie in Paris, Madrid oder Rom zu tragen.“ Und ob es das Rosa Trikot des Giro, das maillot jaune der Tour oder das Rote Trikot der Vuelta ist, da ist Dennis nicht wählerisch. „Es ist sowieso keines von ihnen meine Lieblingsfarbe, deswegen ist es eigentlich egal“, sagt er lächelnd. „Ich will einfach eines davon am letzten Tag tragen.“

Procycling - Ausgabe 170 / April 2018



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