Kolumne

Ausgabe 196 / Juni 2020

RICK ZABEL - DAS DIGITALE PELETON

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Rennen fahren im heimischen Wohnzimmer statt auf der Straße. Wenn mir das jemand vor drei Monaten erzählt hätte, hätte ich das mit Sicherheit als Scherz abgetan. In den letzten Wochen wurde dieses Szenario allerdings Wirklichkeit: Egal ob Rouvy oder Zwift – digitale Trainingsplattformen sind mittlerweile zur großen Bühne des Profiradsports geworden. Auch wenn man die Bedeutung virtueller Wettkämpfe nicht mit der echter Rennen vergleichen kann, so ist die Entwicklung an sich doch sehr spannend.

Mein erster Renneinsatz war das Digital Swiss 5 Mitte April. Bei dem fünftägigen Event wurde eine virtuelle Tour de Suisse nachgefahren. Virtuell tatsächlich, denn die Rennen fanden auf realen, abgefilmten Strecken statt. Die Power wurde dann per Augmented Reality auf einen digitalen Fahrer auf den Bildschirm übertragen, sodass die Fans ein echtes Rennen sahen. An sich eine spannende Angelegenheit, leider wird auf Rouvy aber der Effekt des Windschattens nicht mitberechnet. Konkret handelte es sich also um lange Zeitfahren, sodass ich meine Stärken wie etwa Renntaktik oder das Fahren im Peloton nur wenig einbringen konnte. Mit dem Rennausgang hatte ich entsprechend nichts zu tun. Anders sah es bei meinem Renndebüt auf Zwift aus, wo der Windschatten mitein­berechnet wird. Hier fuhren wir mit meinem Team Israel Start-Up Nation ein internes Rennen, das ich von 40 Startern zumindest auf Rang 13 abschließen konnte – immerhin als bester Deutscher. 

Der sportliche Wert dieser Rennen hält sich hier natürlich in Grenzen. Dennoch lässt man sich auch auf der Rolle vom Wettkampffieber mitreißen und gibt alles. Bei meinem Zwift-Rennen trat ich so über 45 Minuten im Schnitt 350 Watt und erreichte Pulswerte, an die ich auf der Straße so nicht herankomme. Wenn man den Radsport mit anderen Sportarten wie dem Fußball oder der Formel 1 vergleicht, ist unser E-Racing damit wohl noch das authentischste, was in der Sportwelt derzeit geboten wird – und zugleich eine spannende Abwechslung in dieser ansonsten rennfreien Phase.

Nichtsdestotrotz wird es Zeit, dass bald wieder richtig Radrennen gefahren werden. Mit der Veröffentlichung des neuen UCI-WorldTour-Kalenders Anfang Mai wurde hier in jedem Fall ein wichtiger Schritt gemacht. Auch wenn es natürlich noch einige Fragezeichen gibt – etwa inwieweit man ab 1. August wirklich zwischen den Ländern reisen kann –, so war die Bekanntgabe der neuen Renntermine ein wichtiges Signal an Fahrer, Teams, Sponsoren und Fans. Mit dem 1. August haben wir nun ein Datum, auf das wir uns alle vorbereiten können – und es ist ein Termin, der allen genügend Vorlaufzeit gibt. 

In den kommenden Wochen werden sich die Teams überlegen, wie sie den vollgepackten Kalender und die gleichzeitigen Hygienevorgaben aufgrund der Corona-Situation meistern können. Alle Fahrer werden neue Rennpläne bekommen. Und auch die Trainingspläne werden genau so abgestimmt werden, dass wir zum richtigen Zeitpunkt im Spätsommer in Topform sind. Bei einer Trainingsausfahrt meinte André Greipel nicht umsonst aus Spaß zu mir, dass die jetzige Situa­tion mit der klassischen Winter­pause vergleichbar ist: Von Anfang November bis Anfang Februar sind es schließlich auch genau drei Monate, die zur Vorbereitung genutzt werden. Der große Unterschied: Alles passiert jetzt verschoben im Sommer – unter ganz besonderen Bedingungen.

 

Geboren am 7. Dezember 1993, zog es den Sohn von Erik Zabel schon früh zum Radsport. Nach guten Platzierungen bei den Junioren und in der U23 wurde Rick Zabel 2014 Profi bei BMC und fuhr drei Jahre bei der US-amerikanischen Equipe. 2017 wechselte er zu Katusha-Alpecin und bestritt erstmals die Tour de France und die Straßen-WM. Seit 2020 fährt er für das WorldTour-Team Israel Start-Up Nation.

 
Procycling - Ausgabe 196 / Juni 2020



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