Kolumne

Ausgabe 173 / Juli 2018

Froome hätte nie starten dürfen

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Episch, historisch, legendär … Die 19. Etappe des Giro über den Colle delle Finestre versprach aufgrund ihres Profils schon vor ihrem Start ein Rennen für die Geschichtsbücher zu werden. Doch was dann passierte, hätte niemand in unserer Redaktion erwartet:

Chris Froome alleine an der Spitze, dahinter vereinzelte Grüppchen der Favoriten und der bisherige Giro-Dominator, Simon Yates, weit abgeschlagen. So unglaublich die 80 Kilometer lange Solofahrt des Briten auch war, richtig freuen konnten wir uns über das Ergebnis nicht. Denn Froome hätte niemals beim Giro starten dürfen. Seit mittlerweile sieben Monaten zieht sich Froomes Salbutamol-Fall nun bereits hin. Nimmt man die positive Probe bei der letztjährigen Vuelta, sind es sogar derer neun. Neun Monate, in denen Froome weiterhin fleißig Rennen bestritten und unter anderem den Vuelta-Sieg, eine WM-Bronzemedaille und nun auch das Rosa Trikot beim Giro eingefahren hat. So überragend die Leistungen des Sky-Profis auch sein mögen – für den Radsport ist ein positiv getesteter Sieger Gift. Verstehen Sie mich nicht falsch: Solange es kein Urteil gibt, ist es laut WADA-Regeln Froomes Recht, zu fahren. Man muss in dieser Situation aber das größere Bild sehen. Vergleicht man andere Salbutamol-Fälle der Vergangenheit wie Diego Ulissi oder Alessandro Petacchi, ist es durchaus möglich, dass ihm in den kommenden Wochen eine nachträgliche Sperre aufgebrummt wird. Aus den Ergebnislisten würde er dann gestrichen werden. Wie die Sportwelt auf so ein Szenario reagieren würde, ist klar: Der Radsport, der so lange um seine Glaubwürdigkeit gekämpft hat, könnte wieder bei null anfangen. Es ist schade, dass das Team Sky und auch Froome das riskieren.

Was bleibt, ist Galgenhumor. Zumindest die Fans sehen das so: Auf den sozialen Netzwerken wurde Froomes Husarenritt ins Rosa Trikot mit dem denkwürdigen Ausreißversuch von Floyd Landis bei der Tour de France 2006 verglichen. Damals hatte der US-Amerikaner einen Tag nach einem katastrophalen Einbruch eine wundersame Auferstehung gefeiert und doch noch die Tour gewonnen – nur um kurze Zeit später des Dopings überführt zu werden. Ein ähnliches Szenario bahnt sich nun wieder an. Der Unterschied: Der positive Test von Froome existiert bereits. Der Radsportweltverband UCI scheint trotz steigenden Widerstands in der Szene – angefangen von vielen Fahrern bis hin zum vierfachen Tour-Gewinner Bernhard Hinault – machtlos zu sein. Jüngst beteuerte UCI-Präsident David Lappartient, dass es ein Urteil in der Dopingaffäre um Froome wohl nicht vor der Tour de France geben werde. Froome hat bereits angekündigt, dass er in jedem Fall fahren wolle – und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der mittlerweile seit drei Grand Tours in Folge ungeschlagene Brite auch in Frankreich gewinnt. Für die Glaubwürdigkeit des Radsports wäre es ein weiterer Tiefschlag, der nur schwer zu verdauen sein würde.
 
Werner Müller-Schell
Redaktion

Procycling - Ausgabe 173 / Juli 2018



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