Kolumne

Ausgabe 171 / Mai 2018

Der nächste Akt

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Die Klassiker-Saison hat ihren Höhepunkt erreicht, der Giro d’Italia steht kurz bevor. Auf der Theaterbühne Profiradsport wird allerdings weiterhin stur ein anderes Stück aufgeführt:

Auch Mitte April, fünf Monate nach seinem Bekanntwerden, gibt es keine Neuigkeiten im Dopingfall Chris Froome. Der viermalige Toursieger bestreitet weiterhin Rennen und bereitet sich auf die Italien-Rundfahrt vor – so, alles wäre nichts gewesen. Eine Tatsache, dir mir als Fan bitter aufstößt. Da ist zum einen Froomes Verhalten und das seines Teams Sky: Man pfeift auf sämtliche Mahnungen von außen – von Sportkollegen, Teamchefs und Politikern –, den Briten bis zur Klärung des Falls bei keinem Rennen mehr antreten zu lassen. Genau das wäre aber eine Geste im Sinne des Radsports. Eine Geste des guten Willens, unseren von so vielen Skandalen gebeutelten Sport in Zukunft anders, offen und transparent, zu gestalten. Doch genau jene Zukunft riskiert man. Weil man eben nicht handelt, sondern das Problem aussitzen will – so, wie es in den letzten Jahren viel zu oft gemacht worden ist.

Doch auch viele andere in der Blase Profiradsport scheinen das öffentliche Ansprechen von Dopingthemen lieber zu vermeiden: Bei der UCI will man seit Monaten nur abwarten. Und bei der gerade stattgefundenen Tour of the Alps im April schob man die Problematik wiederum an den Weltverband weiter. Man könne nichts machen, hieß es von Veranstalterseite. Auf der Website freute man sich bei der Rundfahrt trotzdem auf Froome als Topstar. Ein Wort zur Dopingcausa fiel dagegen nicht. Ob es nun die Angst vor rechtlichen Problemen ist, die Angst, sich im dopinggebeutelten Radsport klar zu positionieren, oder welche Gründe auch immer – eine Hilfe ist dieses Schweigen auf lange Sicht gesehen sicher nicht. Lichtblicke gibt es im Theaterstück Froome aber dennoch: Auch wenn es offiziell von A.S.O.-Seite dementiert wurde, kamen Ende März in verschiedenen Medien Meldungen auf, die Tour de France würde prüfen, ob man Froome einen Start in Frankreich verweigern würde, sollte der Fall bis dahin noch nicht abgeschlossen sein. Darüber hinaus haben sich im Laufe der letzten Monate so gut wie alle Topstars klar geäußert – im Sinne einer schnelleren Aufklärung des Falls. Degenkolb, Martin, Dumoulin, Nibali – zumindest die anderen Profis scheinen die Zukunft des Radsports anders gestalten zu wollen. Und Froome? Der will in wenigen Wochen beim Giro d’Italia um den Sieg mitfahren. Als Fan wünsche ich mir, dass dieses Theaterstück bald ein Ende findet.

Werner Müller-Schell
Redaktion
 

Procycling - Ausgabe 171 / Mai 2018



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