Kolumne

Ausgabe 134 / April 2015

Sir Bradley oder Degenkolb?

Klicken zum vergrößern

Je näher der 12. April rückt, desto nervöser werden unsere Kollegen von der britischen Ausgabe der Procycling. Kein Wunder, denn Bradley Wiggins, mit ihr bestes Pferd im Stall, ist längst nicht mehr nur selbsterklärter Mitfavorit bei Paris – Roubaix.

Auch von anderer Seite werden dem geschichtsbewussten Toursieger, dem sein Geburtsort Gent ja vielleicht etwas Klassiker-DNA mitgegeben hat, gute Chancen in der Kopfsteinpflasterhölle bescheinigt. Dass Paris – Roubaix gute Zeitfahr-Fähigkeiten erfordert (und belohnt), weiß man nicht erst seit Francesco Mosers drei Siegen in Folge (1978–1980), mal ganz abgesehen von Fabian Cancellara. Ein neunter Platz auf dem Pavé allein macht einen dagegen nicht unbedingt zum Mitfavoriten – fragen Sie mal Rolf Aldag, der gleich dreimal als Neunter in Roubaix ankam …

Schaut man sich den Rennverlauf des letzten Jahres an, hat man fast ein bisschen Mitleid mit Sir Bradley. So, wie die Spitzengruppe Niki Terpstra fahren ließ, hätte sie vielleicht ja auch bei einem Angriff des Briten resigniert – nur fuhr der leider gerade ganz hinten in der elfköpfigen Gruppe, als der Niederländer wegsprang. Vielleicht hat Wiggo seine große Chance vertan, denn dieses Jahr dürfte ein Fahrer heiß darauf sein, dass späte Fluchtversuche unterbunden werden – der Vorjahreszweite John Degenkolb nämlich. Er könnte als erster Deutscher an Josef Fischers Triumph von 1896 anknüpfen, so wie er uns im letzten Jahr den ersten deutschen Podiumsplatz seit Steffen Wesemanns zweitem Rang im Jahre 2002 bescherte. Waaas? „Wese“ wurde doch noch 2007 Dritter, denkt jetzt bestimmt der eine oder andere Leser. Stimmt, aber da war er schon Schweizer Staatsbürger und schenkte den Eidgenossen seinerseits ihren ersten Podiumsplatz seit 1988. Wie dem auch sei – wir würden uns über einen elektrisierenden Sprintsieg Degenkolbs ebenso freuen wie über eine nervenzerfetzende Soloflucht von Bradley Wiggins.

Übrigens sei Radsportlern ein Selbsterfahrungstrip übers Pavé wärmstens ans Herz gelegt. Die RTF am Vortag des Rennens führt auch in der rund 150 Kilometer langen „Roubaix – Roubaix“-Variante über knapp zwei Drittel der Pavé-Abschnitte, aufgrund der geringen Teilnehmerzahlen hat man viel Platz, wenn man um die gröbsten Stolpersteine zirkelt, und vorher anmelden muss man sich auch nicht. Dafür kann man hinterher endlich mitreden …

Procycling - Ausgabe 134 / April 2015



Weitere spannende Artikel,
Reportagen und Tests finden Sie
in der Procycling Ausgabe 134 / April 2015.