Kolumne

Ausgabe 119 / Januar 2014

Schnelle Stunden

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Kennen Sie Sebastiaan Bowier? Nein? Eigentlich überraschend, denn der 26-jährige Niederländer, von Beruf Produktdesigner beim Zubehörhersteller BBB Cycling, ist seit dem September 2013 offiziell der schnellste Radfahrer der Welt. Mit 133,78 km/h über eine Strecke von 200 Metern hält er den Geschwindigkeitsrekord für mit Muskelkraft angetriebene Landfahrzeuge; er überbot die Bestmarke von 2009 um 0,6 km/h.

Wer nun einwendet, so ein „Human powered vehicle“ sei ja eigentlich kein Fahrrad, Pedalantrieb hin oder her, hat natürlich irgendwie recht – von dem, was wir uns unter einem Fahrrad vorstellen, ist die Aero-Flunder des Niederländers weit entfernt; auch scheinen die technischen Aspekte von Bowiers Rekordfahrt die athletischen deutlich in den Schatten zu stellen. Genau dieses Problem hatte die UCI seinerzeit mit dem Stundenweltrekord. Die schottische Waschmaschine und Superman – als die Jagd auf die schnellste Stunde in den 1990ern in vollem Gange war, täuschten Material und Sitzpositionen öfter mal darüber hinweg, dass handfeste Weltklasse-Sportler  ums Oval fegten. Mit der im Jahr 2000 gefällten Entscheidung, die Rekorde der 80er und 90er zu annullieren und nur noch Fahrten auf klassischem Material zuzulassen, schoss der Weltverband jedoch übers Ziel hinaus. Eine Unternehmung wie der Angriff auf den Stundenweltrekord muss nun mal auch von den Sponsoren und Materialausstattern der vielbeschäftigten Radprofis getragen werden, und gerade die Fahrradfirmen haben nichts davon, wenn sie ihren Topstar auf einem Bahnrad aus dem Werksmuseum starten lassen.

Da freut es natürlich, dass jüngst zwei herausragende Zeitfahrer, Tony Martin und Fabian Cancellara, Interesse am Stundenweltrekord gezeigt haben – vielleicht belebt das diesen interessanten Wettbewerb ja wieder. Und da wir ja gerne kluge Vorschläge zum Besten geben, hier direkt einer an die Adresse der UCI: Wie wär’s, wenn der Angriff auf den Stundenweltrekord ab sofort auf Fahrrädern erlaubt wäre, die im Vorjahr beim Mannschaftszeitfahren einer großen Rundfahrt zum Einsatz gekommen sind (natürlich ohne Schaltung und Bremsen)? Spezialkonstruktionen, die nur für Solisten auf der Bahn taugen, wären dann außen vor, stattdessen würde aktuelles, bewährtes Material verwendet – und die Radhersteller hätten wieder etwas davon, für den Rekord zu tüfteln.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe von Procycling

Caspar Gebel
Redaktion
 

Procycling - Ausgabe 119 / Januar 2014



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