Kolumne

Ausgabe 115 / September 2013

Die Geister, die wir riefen …

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Das Schlimme an Erik Zabels Doping-Geständnis ist doch nicht das, was da enthüllt wird, das wahrhaft Schlimme daran ist, dass in bester Salamitaktik Woche für Woche kleine Skandälchen an die Oberfläche gespült werden, die den Radsport permanent in den Fokus der Medien und der allgemeinen Öffentlichkeit rücken.

In schöner Regelmäßigkeit wird dem durchschnittlichen Tagesschau-Gucker und Bild-Zeitungs-Leser die Erkenntnis serviert „Radsportler sind alles Betrüger!“.

Klar, die, die bei der Tour 1998 am Start standen, waren wohl zu 90 % Betrüger und haben die 10 %, die einigermaßen sauber in Paris ankamen, betrogen – um Geld, um Ehre und um Glücksgefühle. Sollte in 15 Jahren aufgedeckt werden, dass auch die Tour 2012 oder 2013 nicht ganz koscher war, so wird es die Jungs, die heute auf dem Podium stehen, aber wenig jucken. Mögliche Strafen sind verjährt und die finanziellen Schäfchen sind im Trockenen.

 
Bereits 1985 befragte ein US-Sport-Mediziner 100 Nachwuchssprinter, ob sie bereit wären, zu Dopingmitteln zu greifen, wenn diese einen Olympiasieg über 100 Meter garantierten, sie dafür aber binnen Jahresfrist die Nebenwirkungen umbrächten. Die Hälfte der Befragten zögerte nicht mit der Bejahung dieses Teufelspakts. Ob die Antworten in den aufgeklärten 2010er-Jahren auch so eindeutig ausfielen, mag man bezweifeln, doch bei Tour-Teilnehmern der Achtziger wäre die Quote bei in Aussichtstellung eines Tour-Sieges sicher ähnlich gewesen.
 
Im Übrigen ist der Spiegel-Artikel, in dem diese Umfrage zitiert wird, im Internet zu lesen („Unheilbarer Drang“). Er stammt vom 8. April 1985 und zeigt, dass Doping auch vor knapp 30 Jahren schon ein großes Problem war – einziger Unterschied: Die Rede ist hier von vielen Sportarten und nur am Rande vom Radsport. In einem ähnlichen Artikel heute, wäre der Radsport in jeder zweiten Zeile der Buhmann und Wurzel allen Übels. Und dass dem so ist, daran trägt der Radsport selbst die Schuld, das ist es, was allen Pseudo-Geständigen vorzuwerfen ist: Ete, nimm dein Herz jetzt in die Hand und erzähle, wie die medizinische Versorgung bei T-Mobile organisiert war, erzähle, was bei Milram an der Tagesordnung war und erzähl auch am Beispiel Katjuscha, wie es heute im Radsport läuft. Bei deinem ersten Doping-Geständnis hast du erklärt, dass du deinem Sohn weiterhin in die Augen blicken können möchtest. Inzwischen ist dein Sohn selbst Radprofi – nur so kannst du verhindern, dass es ihm in 20 Jahren so geht wie dir.
 
Marcus Degen
Chefredakteur

Procycling - Ausgabe 115 / September 2013



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