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Ausgabe 168 / Februar 2018

Shades of grey

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Null Toleranz gegenüber Doping war eine gern und oft wiederholte Losung, als das Team Sky 2010 startete, aber dieses Motto steht nach mehreren Kontroversen auf dem Prüfstand. Procycling zieht Bilanz.

Im Oktober 2012, kurz nach der Veröffentlichung des Dopingberichts, der das Vermächtnis von Lance Armstrong vernichtete, lud Fran Millar vom Team Sky eine Reihe von Journalisten sehr kurzfristig zu einem Meeting mit Dave Brailsford im Covent Garden Hotel in London ein. Die Tentakeln des Berichts der US-Anti-Doping-Agentur reichten bis in die dunkelsten Ecken des Sports, aber sie wickelten sich auch um das Team Sky, was zu einem offenkundigen Konflikt für Brailsford führte. Eines der Gründungsprinzipien des Teams war „null Toleranz“ nicht nur gegenüber Doping, sondern auch gegenüber allen, die damit in Verbindung standen. Drei Jahr früher: Im Herbst 2009, ein paar Monate vor dem offiziellen Start des Teams Sky und inmitten des Wirbels um den Versuch, Bradley Wiggins aus seinem Vertrag mit Garmin herauszulösen, und der Vorfreude, das erste wirklich wettbewerbsfähige britische Profiteam seit Jahrzehnten zu sehen, traf ich Brailsford im Velodrom von Manchester zu einem Interview, das gut losging, aber dann schnell angespannt wurde und abrupt endete, sobald der kleine Zeiger an der Uhr die zugewiesene Zeit erreichte, die wir vereinbart hatten. Brailsford hatte es nicht allzu gut aufgenommen, dass ich ihn gebeten hatte zu definieren, was er unter „Verbindung mit Doping“ versteht. Als die Liste der Fahrer und Mitarbeiter zusammengestellt war und vom Team veröffentlicht wurde, gab es einige Namen, bei denen man sagen konnte, sie hätten mit Doping in Verbindung gestanden – je nach Definition dieses Ausdrucks. Wir gingen sie einen nach dem anderen durch, was zu Spannungen führte und mich einer Erklärung, was Brailsford meinte, nicht näher brachte. War das Fahren für ein Team, das in einen Dopingskandal verwickelt und während einer Tour de France verhaftet worden war, eine Verbindung mit Doping? War die Arbeit mit einem Trainer, der einen zweifelhaften Ruf hat, eine Verbindung mit Doping? Oder in Gesellschaft von David Millar gewesen zu sein, als er in einem französischen Restaurant von der Polizei, die wegen Doping im Radsport ermittelte, festgenommen wurde – zählte das als Verbindung mit Doping? Es war eine berechtigte Frage, weil es im Radsport so viel Doping gegeben hat, dass es fast unmöglich ist, dort in irgendeiner Weise Karriere zu machen, ohne etwas über die dunklen Künste zu wissen und mit ihnen in Kontakt zu kommen. Und trotzdem versuchte das Team Sky sich ein Image zuzulegen, das weit entfernt war von diesen trüben Gewässern und Geheimnissen.

Ich verstand es damals nicht, aber Brailsford ärgerte sich, glaube ich, über die Frage, ob seine sorgfältig formulierten Sätze für die Öffentlichkeit einer kritischen Prüfung standhalten würden. Der Radsport war nach Armstrongs Karriereende von einem Skandal zum nächsten getaumelt. Das Vertrauen in den Sport war gering, die Medien waren zynisch, das Publikum müde und versicherungsbedürftig. Das Team Sky lieferte diese Versicherung gerne, und die Sätze über „null Toleranz“ und „keine Verbindung mit Doping“ waren stark, eindeutig und leicht zu wiederholen, genau wie alle politischen Slogans. Drei Jahre danach war die Atmosphäre in jenem Konferenzzimmer im Souterrain in dem schicken Londoner Hotel wieder angespannt. Die versammelten Journalisten hatten eine große Ankündigung erwartet, vielleicht eine Massenentlassung von Mitarbeitern und Fahrern. Aber es lag etwas Zögerliches in der Luft. Verwirrung auch. Wie das Team Sky mit dieser Angelegenheit umging, weil es eine Auswirkung auf vieles haben würde, nicht zuletzt auf die Beziehung des Teams zu seinen Sponsoren, die eine Klausel hatten, im Falle eines Dopingvergehens aussteigen zu können, und auf die öffentliche Wahrnehmung von Wiggins, seinem Toursieg und Olympia-Gold. Ein Schaden wie der, als die Statue von Armstrong umfiel und in tausend Stücke zersprang, musste vermieden werden, und daher war dies eine Übung in Öffentlichkeitsarbeit für Sportjournalisten – ähnlich den Presseterminen, an denen politische Korrespondenten häufig teilnehmen. Es war nicht nur ein Termin, um etwas mitzuteilen, er wurde anberaumt, vermute ich, damit Brailsford und Co. die Stimmung im Raum testen konnten. Vielleicht gefiel ihm nicht, was er hörte. Ich bin überzeugt, dass der Plan ursprünglich gewesen war, uns in einem Rutsch mitzuteilen, wer das Team verlassen würde – wie wenn man ein Pflaster so abreißt, dass es möglichst kurz und schmerzlos ist. Aber irgendwann, als wir schon fast eine Stunde dasaßen und warteten, änderte sich die Stimmung, und den Journalisten wurde ein Papier gereicht, eine Pressemitteilung, welche die Null-Toleranz-Botschaft und das Bekenntnis des Teams Sky zu einem sauberen Radsport bekräftigte. Brailsford und der Teampsychologe Steve Peters hatten begonnen, mit allen Mitarbeitern und Fahrern zu reden und sie erneut nach ihren Erfahrungen zu fragen und zu bitten, eine Erklärung über ihr Verhalten in der Vergangenheit zu unterschreiben. In den folgenden Tagen und Monaten verließen einige Leute das Team, darunter Steven De Jongh, Michael Barry, Bobby Julich und Sean Yates. Wie diese Trennungen dargestellt wurden, hing von den Umständen ab, aber im Nachhinein kann man sagen, dass die Art, wie Sky mit der Situation umging, den Schaden an der Organisation begrenzte. Wer sich mit politischen Skandalen auskennt, weiß: je lauter der Knall, umso länger die Nachwirkungen. Viel besser ist es, ein leises Rumpeln zu haben, weil es die Leute schneller langweilt und das Ganze rasch vorübergeht

Erklären und begrenzen oder zu begrenzen versuchen war oft Brailsfords Methode, wenn heikle Situationen entstanden. In jenem Sommer, als Wiggins das Gelbe Trikot trug, war ich einer von zwei Journalisten, die Brailsford ansprachen, um ihn nach der Rekrutierung von Geert Leinders zu fragen, der Arzt bei Rabobank war, als Michael Rasmussen gedopt ins Gelbe Trikot fuhr. Gab es eine klarere Verbindung mit Doping? Brailsford erklärte sich schließlich bereit, sich am Ruhetag in der Nähe von Mâcon mit mir und Owen Slot, der für die Times von der Tour berichtete, hinzusetzen. Ich hatte den Eindruck, dass Brailsfords Antworten vernünftig waren, obwohl seine Entscheidung, Leinders zu engagieren, bestenfalls sehr naiv war. Aber Brailsford hat vielleicht aus Erfahrung gelernt, dass der Versuch, Vorgänge aufzuklären, nur zu Kritik und weiteren Fragen einlädt, statt Zweifel zu ersticken. Als das Team gegründet wurde, gab er eine weitere bemerkenswerte Erklärung ab, nämlich, dass das Team Sky sich bemühen werde, nur Ärzte einzustellen, die nicht aus dem Profiradsport kämen. Auf die Frage, warum diese Politik sich geändert habe und Leinders kommen konnte, sagte er, das Team benötige erfahrene Ärzte, die radsportspezifische Verletzungen wie Gesäßentzündungen behandeln könnten. 2016 tat sich Brailsford schwer, die Umstände zu erklären und die Fakten darzulegen, als die Hackergruppe „Fancy Bears“ herausfand, dass Wiggins vor den Frankreich-Rundfahrten 2011 und 2012 sowie dem Giro d’Italia 2013 eine medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE) für das Corticosteroid Triamcinolon hatte. Aus einer anderen undichten Stelle erfuhr der Daily-Mail-Journalist Matt Lawton, am letzten Tag des Critérium du Dauphiné 2011 sei ein Päckchen per Kurier zum Team Sky gebracht worden – angeblich war es für Wiggins bestimmt und enthielt Triamcinolon. Wäre dies am Sonntag verabreicht worden, selbst nach dem Rennen, wäre es ein Dopingverstoß gewesen, aber der Verdacht konnte weder bewiesen noch ausgeräumt werden. Brailsford sagte dem Sportausschuss des britischen Parlaments später, das Päckchen habe einen rezeptfreien Schleimlöser namens Fluimucil enthalten, und da es keine überprüfbaren Informationen vom Sky-Arzt bei dem Rennen, Richard Freeman, oder seinem fehlenden Laptop und fehlenden medizinischen Unterlagen gibt, können wir alle nur raten.

Während sich diese Geschichte entwirrte, verhedderte sich Brailsford in seinen Erklärungen. Er gab an, dass Simon Cope, der Kurier des Päckchens, auf dem Weg zu Emma Pooley gewesen sei – nur dass Pooley zu der Zeit ein Rennen in Spanien fuhr. Er gab an, dass Wiggins nach der letzten Dauphiné-Etappe keinesfalls im Sky-Bus eine Injektion bekommen haben könne, da der Sky-Bus La Toussuire kurz nach dem Rennen verlassen habe. Allerdings zeigten Filmaufnahmen von Wiggins, der ein Interview vor dem Teambus gab, nachdem die Siegerehrungen an jenem Nachmittag vorbei waren, dass der Bus wenigstens noch eine Stunde dort stand, was mit meiner Erinnerung übereinstimmt, weil ich ebenfalls dort war. Mit seinen Erklärungsversuchen machte er es noch schlimmer. Dass Brailsford Lawton angeblich gefragt habe, ob er etwas tun könne, damit der Daily-Mail-Journalist die ganze Geschichte unter den Tisch fallen lassen würde, spricht für seine Bereitschaft, in die Grauzonen zu gehen, die von Meinungsmachern und Lobbyisten besetzt sind. All das war wahrscheinlich eine schmerzhafte Lektion, und sie führte zu einem Politikwechsel, wie es schien, als dem Team Sky 2017 neuer Ärger ins Haus stand. Als die Zeitungen The Guardian und Le Monde das Team kontaktierten und um eine Stellungnahme dazu baten, dass in einer Urinprobe von Chris Froome von der Vuelta a España eine erhöhte Konzentration eines Asthmamittels festgestellt wurde, versprach das Team Sky, sich mit der Antwort zu melden. Aber statt sich mit dem Guardian oder Le Monde in Verbindung zu setzen, verfasste es selbst eine Erklärung und machte die Geschichte so auf eigene Faust publik. Es ist verständlich, dass Journalisten sich über so etwas ärgern, aber dank unterschiedlichster Medien und der Tatsache, dass Organisationen und Einzelpersonen heute viele verschiedene Plattformen haben, um direkt mit ihrem Publikum zu sprechen, ist dies unvermeidlich. Journalisten, die fair sein und eine Stellungnahme einholen wollen, bevor sie etwas veröffentlichen, sind da im Nachteil.

Die Annahme in den ganzen Jahren war, das Team Sky, finanziert von einem der weltgrößten Medienunternehmen, sei eine gut geölte PR-Maschine mit einer klaren Strategie, deren oberste Priorität sei, wie es von den Medien und dem Publikum wahrgenommen werde. Aber das war lange Zeit nicht der Fall, wenn es denn je stimmte. Was zählt, zumindest für Brailsford, sind Leistung und vor allem Siege. Alles, was nicht zur Siegfähigkeit des Teams beiträgt, ist irrelevant. Alles, was die Leistung eines Fahrers beeinträchtigt, wird so weit wie möglich eliminiert. Der Eindruck, den einige vom Team Sky als geschlossene Gesellschaft haben, ist nicht meine Erfahrung, aber Sky hat im letzten Jahr gelernt, dass für sie bei der Arbeit mit den Medien nicht viel herausspringt. In den letzten Jahren hat das Team seine Pressekonferenzen an den Ruhetagen der Tour de France so gelegt, dass sie den Bedürfnissen der Fahrer entsprachen – mit immer kürzeren Konferenzen zu Uhrzeiten, die oft ungünstig waren für Journalisten, die am Ruhetag weite Strecken im Auto zurücklegen müssen. Auf der einen Seite ist es absolut das Recht des Teams, die Bedürfnisse der Fahrer zu priorisieren, aber hat es auf der anderen Seite nicht auch eine Verantwortung gegenüber dem Rennen und seinen Sponsoren, sich allen Medien unvoreingenommen zu stellen? In diesem Jahr hat das Team bei der Tour ganz mit der Tradition einer Pressekonferenz am Ruhetag gebrochen – Froome sagte, die Ruhetage seien dazu da, sich auszuruhen. Denn warum soll man eine gereizte Stunde lang dieselben unbequemen Fragen beantworten, wenn es viel mehr bringt, ein Video auf Instagram zu veröffentlichen? Es mögen Predigten vor Bekehrten sein, aber die nicht Bekehrten sind ebenso überzeugt von ihren Ansichten – bringt es also irgendwas zu versuchen, die Leute herumzukriegen?

Procycling - Ausgabe 168 / Februar 2018


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