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Ausgabe 166 / Dezember 2017

Küng

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Stefan Küng war beim Auftakt-Zeitfahren der Tour de France nur einen Platz vom Gelben Trikot entfernt. Kann der BMC-Fahrer in die Reifenstapfen von Fabian Cancellara treten und der nächste große Schweizer Zeitfahrer werden?

Mit gerade mal 22 Jahren saß Stefan Küng allein in seinem Hotelzimmer und bereitete sich auf seine letzte Chance vor, gegen einen Mann zu fahren, der im letzten Jahrzehnt ein neues Paradigma der Dominanz aufgestellt hatte. Es war der Vorabend vor der Schweizer Zeitfahrmeisterschaft 2016. Der junge Fahrer sagte sich: Jetzt oder nie. „Ich wusste, dass es die letzte Chance war, mich mit Fabian zu messen“, erzählt er. „Ich sagte mir: Du musst das gewinnen, du musst das gewinnen, nicht: Du kannst, oder wenn alles gut läuft, gewinnst du vielleicht. Ich habe mir viel zu viel Druck gemacht – und deswegen bin ich vielleicht zu viele Risiken eingegangen und gestürzt.“ Küng versteuerte sich bergab in einer Kurve, brach sich das Schlüsselbein, erlitt eine Fraktur in der Hüfte und fiel drei Monate aus, sodass er sein Debüt in der olympischen Mannschaftsverfolgung verpasste. Dabei hatte er Glück gehabt, sich nicht schon sechs Wochen früher zu verletzen, als er auf der Auftakt-Etappe des Giro d’Italia in Apeldoorn in einer Rechtskurve zu Fall kam. Dort sprang er wieder aufs Rad, stellte fest, dass das Pedal gebrochen war, stieg auf sein Ersatzrad um und beendete die Etappe mit 30 Sekunden Rückstand auf den Etappensieger Tom Dumoulin. Nach halber Strecke – vor dem Sturz – hatte er nur eine Sekunde Rückstand auf ihn. Was hätte sein können … Er war zu ehrgeizig gewesen.

Der Schritt von der Weltklasse zum Weltbesten, dieser letzte Schritt in der Karriere eines talentierten Athleten, ist der schwerste. Die meisten schaffen ihn nie, obwohl immer mal wieder jemand auftaucht wie Cancellara, der es leicht aussehen lässt. Man braucht Talent, aber mit dem Talent kommen die Erwartungen und mit den Erwartungen kommt der Druck. Und wenn man unter Druck steht, nur mit einem Fuß auf dem Boden, kann man leicht nach etwas greifen, was zu weit weg ist. Man muss auf das oberste Treppchen des Podiums gehören, und man muss dazu bereit sein. „Stefan wollte das große Resultat holen und hat sich dazu verleiten lassen, Fehler zu machen und zu viele Risiken einzugehen. Er ist in der Vergangenheit gestürzt, weil er zu viel wollte“, erklärt Marco Pinotti, sein Trainer bei BMC und selbst früherer Weltklasse-Zeitfahrer. „Je mehr Resultate er erzielt, umso mehr wird er seine Fähigkeiten maximieren. Er wird die Resultate nicht suchen, sondern sich auf den Prozess konzentrieren.“ Küng gehört auf das oberste Treppchen des Podiums, aber 2016 war er nicht ganz bereit. In diesem Jahr jedoch beendete er das Auftakt-Zeitfahren in Düsseldorf bei seinem Tour-de-France-Debüt mit fünf Sekunden Rückstand auf dem zweiten Platz hinter Geraint Thomas. Rund einen Monat später feierte dieser stille Fahrer – den Thomas auf seinem heißen Stuhl in Düsseldorf nur „diesen Typ von BMC“ nannte – schließlich bei der BinckBank Tour seinen ersten Zeitfahrsieg in der WorldTour. „Ich habe jetzt das Selbstvertrauen, dass ich, wenn alles gut geht, Rennen gewinnen kann wie BinckBank oder in Düsseldorf“, versichert er. „Ich habe wirklich das Zeug dazu. Ich darf vielleicht nicht zu viel riskieren.“

Der Durchbruch
Valerio Piva, einer von Küngs Teamchefs bei BMC, hat eine beneidenswerte Bilanz mit den besten Zeitfahrern der Welt. Bei Mapei, T-Mobile, Highroad und BMC hat er mit allen Fahrern (außer dreien) gearbeitet, die seit 1999 das Regenbogentrikot getragen haben, darunter Cancellara, Tony Martin, Michael Rogers und Jan Ullrich. „Ich kann nicht sagen, dass er derjenige sein wird, der fünf oder sechs Jahre dominieren wird wie Tony oder Fabian, aber für mich hat er das Talent und die Fähigkeit dazu, die Zahlen sind da“, erklärt Piva. „Wenn er ein großes Zeitfahren gewinnt, wird er das zweite gewinnen, und ich glaube, dann geht es los. Es ist eine Frage der Zeit.“ Das Talent war immer da bei Küng, einem Produkt des Schweizer Juniorenprojekts von Auswahltrainer Daniel Gisiger, zweifacher Sieger des Zeitfahrens GP des Nations. Gisigers renommierte Schule kombinierte das Training auf Straße und Bahn mit der Ausbildung von abgerundeten Persönlichkeiten statt folgsamer Radsport-Roboter. Fünf Absolventen, die alle in den 1990ern geboren wurden, haben es über das BMC Development Team in die WorldTour-Equipe geschafft: Küng, Tom Bohli, Kilian Frankiny und Silvan Dillier plus Stagiaire Patrick Müller. Vier weitere sind im Nachwuchsteam, das zum Ende dieser Saison aufgelöst wird.

Küng ist der Begabteste von ihnen. Das natürliche Talent birst aus seinen breiten Schultern hervor, die immer noch etwas von der Masse haben, die er sich auf dem Weg zu seinem WM-Titel in der Einerverfolgung 2015 zugelegt hatte, bevor er im Herbst als vierter Mann in der Geschichte unter 4:15 Minuten blieb. Er tritt mit dieser Art von Klasse in die Pedale, die seine tatsächliche Geschwindigkeit verzerrt – er ist eine auf 1,93 Meter verlängerte, viskose Version des früheren Schweizer Zeitfahr-Maestros, bei der Cancellaras manische, muskuläre Trittfrequenz durch kraftvolle Pedalumdrehungen ersetzt wurde, die vom Kiefernharz von den Brettern in Grenchen triefen. Küngs riesiger Motor gewährleistet BMCs Mannschaftszeitfahr-Erfolge seit 2015 (darunter der Weltmeistertitel in dem Jahr) und liefert die schiere Kraft für jeden seiner Siege, vor allem aber hat Küng die besessene, analytische Einstellung eines vollendeten Zeitfahrers. „Ob ich verliere oder gewinne“, erklärt er, „ich analysiere, was gut war, was nicht so gut war und was ich besser machen kann. Weil ich mein Maximum noch nicht erreicht habe, davon bin ich überzeugt.“ Küngs Familie und seine Freundin müssen mit den Kehrseiten dieses Perfektionismus leben, wenn sie sich beispielsweise in der Küche bemerkbar macht. „Ich will es nicht nur gut machen, ich will es perfekt machen“, sagt er über seine Art zu kochen. „Ich verlange viel von mir“, fügt der Zeitfahrer hinzu. „Wenn ich es wirklich gut machen will, dann will ich es so perfekt wie möglich machen.“

Cancellaras Schatten
Als er in seinen zwei Neuprofijahren trotz starker Leistungen ohne Zeitfahrsiege blieb, war Küng zunehmend frustriert davon, in der WorldTour nicht so gewinnen zu können wie in den niederen Rängen. Es war ein Frust, den Piva eloquent den „Versuch, schneller zu fahren als die Zeit“ nennt. „Mental ist er sehr stark – er ist ein Sieger, er will gewinnen –, aber er muss mit diesen Momenten zurechtkommen, wenn er nicht gewinnt“, sagt Piva. Dann ist da natürlich Cancellara, die Schweizer Eminenz in der nationalen sportlichen Psyche. Die Schweizer sind in diesen Dingen etwas abgeklärter als die leicht entflammbaren Flamen, die Experten darin sind, die Fortschritte eines jungen Fahrers zu torpedieren, indem sie ihn als Reinkarnation ihres früheren Dalai Lama auf zwei Rädern preisen. Trotzdem war mehr als ein Jahrzehnt lang der Schweizer Radsport Cancellara und Cancellara war der Schweizer Radsport. Sein Vermächtnis spielt psychologische Spielchen mit jungen Schweizer Fahrern. Er ist ein unvermeidlicher Teil dessen, was sie sind und was sie zu werden versuchen.

„Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Leute glauben, dass es ganz einfach ist“, sagt Küng. „Wenn du gut bist, dann wirst du der Beste sein, weil Fabian der Beste war. Er konnte ankündigen: ,Ich gewinne heute.‘ Und bums, gewann er mit einer Minute Vorsprung. Aber so einfach ist es nicht. Vielleicht habe ich nicht so viel Talent wie Fabian hatte. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich meinen Weg gehen muss und meinen Weg gehen werde und dass ich mich nicht mit Fabian vergleichen werde.“ Küng lebt und trainiert im deutschsprachigen Teil der Schweiz unweit von Wilen, wo er geboren und aufgewachsen ist. Aber die Inspiration kommt auch vom eigensinnigen schottischen Zeitfahrer und Verfolgungsspezialisten Graeme Obree, der in den frühen 1990ern mit seinen Stundenweltrekordversuchen von sich reden machte. Küng wird so bald keine Waschmaschinen auseinandernehmen und sich von Marmeladenbroten ernähren – „ich bin technisch nicht so begabt wie er“ –, aber er hat eine Obree-Philosophie. „Er hat es anders gemacht“, erklärt Küng. „Da kam dieser verrückte Typ aus Schottland mit seinem eigenen Bike. Er räumte jedes Hindernis aus dem Weg und zog es durch. Es ist eine gute Botschaft für das Leben: Wenn du an dich glaubst, kannst du so viele Dinge erreichen, von denen du vielleicht nicht einmal zu träumen wagtest.“

Die seelische Verfassung
Nach drei physischen Rückschlägen – er brach sich auch den T9-Rückenwirbel beim Giro 2015 und musste drei Monate aussetzen, bevor er Anfang 2016 sechs Monate mit Drüsenfieber ausfiel – ist Küng zumindest frei von Verletzungen und Krankheiten. Anfang 2017, nach seinem ersten Winter ohne Bahnradsport, hätte er in seiner Karriere einen Gang zulegen sollen. Stattdessen suchte er regelmäßig einen Sportphysiologen auf. Der Druck, die Erwartung, die Selbstanalyse und die zwei Fahrten im Notarztwagen während eines Rennens ließen Küngs Gedanken rotieren. Er zerbrach sich den Kopf über sein Zeitfahren. Er wurde nervös, weil er sich ausmalte, was passieren würde, wenn seine Schlauchreifen in schnellen Abfahrten den Geist aufgeben. Er zweifelte sogar an seinem Talent, das ihn so weit gebracht hatte. Sein Schwung war weg, Leistung und Wohlbefinden litten. „Wenn dein Computer nicht richtig funktioniert, machst du einen Neustart. So etwas habe ich bei mir gemacht – einen mentalen Neustart“, erklärt er. „Ich hatte vorher meine Routine, aber mein Kopf attackierte mich dauernd mit störenden Gedanken. Jetzt ist meine mentale Basis viel stärker und diese Attacken erreichen mich gar nicht mehr oder jedenfalls nicht alle.“ Beim Zeitfahren geht es darum, den schmalen Grat beim Risiko zu finden; gibt man zu viel Gas, stürzt man, gibt man zu wenig Gas, verliert man. Mental gerüstet, um sich auf seine Fähigkeiten zu verlassen, machte Küng sich wieder an die Arbeit und absolvierte zwei durchschnittliche Zeitfahren bei der Tour de Romandie, wo er 34. und 21. wurde. Dass er die 2. Etappe gewann, zeigte, dass seine Form da war, aber Küng musste näher an diesen Grat herangehen und das letzte Puzzlestück einsetzen. Bis Düsseldorf hatte er das getan. Seit Juni hat er kein Zeitfahren außerhalb der Top Ten beendet, abgesehen von einem 25. Platz bei einem welligen Weltmeisterschaftskurs in Bergen, der seinen Stärken nicht lag. „Wenn ich mich wirklich gut fühle, schaue ich mir nicht mal die Startliste an“, sagt er. „Es ist mir egal, wer da ist. Ich mache einfach mein Ding. Und dann machen die anderen ihres. Und am Ende sehen wir, wer der Beste ist.“

Man braucht sich nur Küngs frühere Siege anzuschauen, um zu sehen, wohin sein Weg führt. Bei der Tour de Romandie 2015 griff er 30 Kilometer vor dem Ziel an und gewann bei strömendem Regen als Solist in Fribourg. Das machte er 2017 wieder; dieses Mal versuchten drei andere Fahrer bei Schneeregen mitzuhalten, aber Küng servierte sie alle ab. „Er hat viel Ausdauer“, erklärt Pinotti. „Er scheute sich nicht vor hartem Training, langem Training, Training in der Kälte. Er ist ein sehr widerstandsfähiger Fahrer.“ Da er im Winter wieder in den Windkanal gehen und an seiner Kraftausdauer arbeiten will – „dieser Punkt nach zwölf Minuten, wo es anfängt, richtig wehzutun“ –, wird das nächste Kapitel im Stefan-Küng-Bildungsroman davon handeln, die Position des Zeitfahr-Supremos auszufüllen, die Cancellara, Wiggins und Tony Martin hinterlassen haben, der in seiner Form von 2017 nicht mehr unschlagbar zu sein scheint. Jenseits davon wartet Paris–Roubaix, ein Rennen, von dem Küng und das BMC-Team glauben, dass er es gewinnen kann. Nachdem er gelernt hat, mit dem Druck und der Erwartung umzugehen, wird der Tag kommen, an dem Küng den Grat finden wird, nach dem er sucht. Er wird bereit sein für das oberste Treppchen auf dem Podium; diesen letzten Schritt muss er nur noch gehen.

Procycling - Ausgabe 166 / Dezember 2017



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