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Ausgabe 165 / November 2017

Zwei Städte, ein Projekt

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2010 fasste die WorldTour mit Eintagesrennen in Québec und Montréal Fuß in Nordamerika. Heute sind sie ein fester Bestandteil der Saison, den die Fahrer sehr mögen, wie Procycling feststellte.

Geschichte schreiben in Québec
Unter den Turmspitzen des Château Frontenac verbirgt sich ein Labyrinth von Zimmern, Suiten, Konferenzräumen, Tanzsälen und Museumsbereichen. Das Hotel auf einem Felsen oberhalb des Saint Lawrence River ist teils Tourismusbetrieb, teils Kulturerbe. Für nordamerikanische Verhältnisse hat Québec City eine reiche Geschichte. Von wichtigen Momenten wie der Einnahme der Stadt durch die Briten 1759 bis hin zur Gipfelkonferenz 1943, auf der die Invasion der Alliierten in Europa – der D-Day – beschlossen wurde, ist dort viel passiert. Besucher drängen täglich in die dunkle, messingfarbene Lobby des Frontenac, um die Atmosphäre des Ortes aufzusaugen, wo Churchill und Roosevelt den Verlauf des Zweiten Weltkriegs besprachen und den Lauf der Geschichte bestimmten. In jüngerer Zeit waren Québec City und das legendäre Hotel Schauplätze in einem großen südkoreanischen Fernsehdrama. Also kommen die Besucher weiter in die perfekt erhaltene und liebevoll gepflegte Stadt. Ringsum glänzen die Dächer in neuem Kupfer – eine authentische, aber unglaublich teure Art der Restaurierung. Andererseits ist der Tourismus die goldene Gans der Stadt. Unterdessen war die goldene Gans des Radsports, Peter Sagan, in dem Hotel schwer zu finden. Die meisten Rennfahrer waren entspannt und schlenderten durch die Lobby, aber der Slowake flitzte heimlich von Terminen mit Sponsoren zurück in sein Zimmer, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Beim GP Cycliste de Québec blieb der 27-Jährige in tadelloser Position, versteckt hinter der Spitze des Pelotons, jedes Mal, wenn das Rennen die größte Schwierigkeit, die Côte de la Montagne, passierte. Das Rennen ist jetzt geprägt vom langen Sprint ins Ziel zwischen der Reihe von Bars und Restaurants an der Grand Allée. Sagan las das Rennen vorbildlich und verteidigte als erster Fahrer in der achtjährigen Existenz des GP erfolgreich seinen Titel. Er verwies Greg Van Avermaet auf den zweiten Platz – der vierte Podiumsplatz für den Belgier in sechs Jahren. Michael Matthews wurde Dritter. Es war ein Podium, mit dem die Organisatoren zufrieden sein konnten, selbst wenn das Geschehen in den ersten vierdreiviertel Stunden nicht besonders prickelnd war. „Alle wussten, dass es bei dem Wind schwer sein würde anzugreifen“, stellte Tim Wellens fest. „Ich habe auf die letzten 200 Meter gewartet. Es war ein schwerer Sprint heute, weil wir Gegenwind hatten“, sagte Sagan anschließend. Ein kleines Stück Radsportgeschichte wurde geschrieben, weil es der 100. Sieg in Sagans Karriere war. Die Organisatoren hatten eine Flasche Cham-pagner mit neuem Etikett versehen und sie ihm bei der Siegerehrung überreicht. In der Öffentlichkeit blieb der Korken in der Flasche. „Es ist sehr nett“, sagte Sagan gnädig auf die Frage, wie es ist, in den Kreis von André Greipel, Mark Cavendish und Alejandro Valverde als einzige aktive Fahrer mit 100 Siegen vorzustoßen. „Aber wenn wir alle gesund bleiben, ist es noch schöner, wenn wir alle 100 werden! Ich muss mir den Appetit auf weitere Siege bewahren.“ Sagan hat sich nie groß für Betrachtungen der Geschichte oder seinen Platz in ihr interessiert, aber er trägt gerne zu ihr bei. 2010 fuhr auf der Rückfahrt zum Hotel nach Sagans zweitem Etappensieg bei Paris–Nizza ein A.S.O.-Wagen auf die Höhe des Liquigas-Wagens, um einen Blick auf den Youngster zu werfen. Sagan schaute unverwandt zurück auf einen Mann mit dunklem Teint und gerunzelter Stirn. „Das ist Bernard Hinault“, informierte ihn der Sportliche Leiter.
 
Das kanadische Schaufenster des Radsports
Bruno Langlois’ schwarze „Velo-Cartel“-Baseballkappe blieb die ganze Woche fest auf seinem Kopf. Der kanadische Meister von 2016 nutzte die Gelegenheit der vielen anwesenden Kameras, um Werbung für sein neues Coaching-Café in einem Vorort von Québec City zu machen. Mit 38 dürfte es sein letzter Auftritt gewesen sein. Langlois lebt an der Strecke und fährt täglich auf diesen Straßen. „Das beste Rennen des Jahres“, sagte er nachdrücklich. „Es ist vor heimischer Kulisse mit den besten Fahrern der Welt.“ Er ist Teil eines kanadischen „Composite Teams“ neben bekannteren Kanadiern mit Erfahrung in Europa, Antoine Duchesne und Ryan Anderson, und kümmert sich um junge Kanadier, die in die WorldTour hineinschnuppern. Einer dieser Hoffnungsträger ist Pier-André Côté. Mit 20 war er der jüngste Fahrer im Rennen. Côté ist der Name, den sein Teammanager Kevin Field nennt, wenn er gefragt wird, welcher seiner Fahrer es am ehesten in die World-Tour schaffen kann. In Québec sprang Côté in die vierköpfige Ausreißergruppe des Tages mit Tyler Williams (Israel Cycling Academy), Baptiste Planckaert (Katusha) und Tosh Van Der Sande (Lotto Soudal). Probleme mit der Sattelhöhe kosteten Côté Kraft, aber er hielt 130 Kilometer durch, bevor er an der Côte de la Montagne, 65 Kilometer vor dem Ziel, aufgab. „Ich wollte erreichen, dass mein Name erwähnt wird, und das habe ich geschafft“, konstatierte er im Ziel. Er fuhr das Rennen nicht zu Ende, aber er war noch da, als die meisten Fahrer schon längst wieder im Hotel waren. Er ist Lokalmatador wie Langlois. Er zog nach Québec City, um Mathematik und Rechnungswesen zu studieren. Er war noch geblieben, sprach mit Freunden, Verwandten und Journalisten, die über seine Traumfahrt am folgenden Tag vor heimischer Kulisse schreiben wollten. Tatsächlich dachte Côté, wie ein großer Teil des Pelotons, an wichtigere Ziele, die bevorstanden: die Weltmeisterschaft in Bergen. „Es ist ein Rundkurs mit derselben Dynamik“, beschrieb Côté die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Rennen. Und der Anstieg in Norwegen ist dem in Montréal sehr ähnlich. Es ist eine gute Vorbereitung und eine tolle Gelegenheit, gegen die besten Fahrer der Welt anzutreten. Die Jungs hier werden stärker sein. Das gibt mir Selbstvertrauen.“ Es war immer ein kanadisches „Composite Team“ bei den beiden hiesigen Rennen dabei. Und dreimal hat ein Kanadier anschließend beim U23-WM-Straßenrennen gut abgeschnitten: Guillaume Boivin war 2010 Dritter und Hugo Houle 2012 Vierter, während Adam de Vos 2015 Neunter wurde. „Das ist unser Geheimrezept“, sagte Field. Er erklärte, dass die Tour of Utah – und dieses Jahr das Colorado Classic – für ein Höhentraining sorgen, bevor die Fahrer eine Pause auf Meereshöhe einlegen, dann die Tour of Alberta fahren und sich dann bei diesen beiden WorldTour-Rennen den letzten Schliff holen. Field erklärte, dass der Verband, Cycling Canada, auch versuche, den jungen Kanadiern den Weg in den Profiradsport zu ebnen. „Ich sage unseren Kids, dass sie drei Dinge brauchen, um es zu schaffen“, so Field. „Sie brauchen eine große Leistung, sie brauchen die Beständigkeit über die ganze Saison und sie brauchen Beziehungen.“ Die Rennen in Québec können zu allen drei Punkten beitragen, aber sie sind auch ein Schaufenster für den kanadischen Radsport im Allgemeinen.
 
Nicht so allein auf dem Berg
Die Côte de la Montagne ist ein 375 Meter langes Stück mit zehn Prozent Steigung, das die Fahrer von Saint Lawrence weg in die Altstadt führt, bevor es runter zu den Kaianlagen von Québec geht. Dann beginnt der Anstieg zur Côte de La Potasse und der lange ansteigende Sprint auf der Grand Allée. Die Flamme Rouge befindet sich vor dem Château Frontenac. Es sind gewundene und technisch anspruchsvolle 3,6 Kilometer, auf denen die Position entscheidend ist. Nicht umsonst sagte Sagan, dass auf den letzten Kilometern „alles durcheinander“ sei. Wir wissen, was er meinte. Das Peloton kam 16-mal vorbei, rund alle 20 Minuten. Da die Ausreißer den größten Teil des frühen Nachmittags rund zehn Minuten Vorsprung hatten, war ständig etwas los. Der golden eingewickelte Lexus war ein Kameramagnet, ebenso die vorausfahrenden Polizeipatrouillen auf ihren dicken 70er-Jahre-Motorrädern. Die Zuschauermengen waren jedoch nicht so groß wie sonst. Ein Helfer bemerkte die wenigen Fans in der Abraham-Ebene, dem gepflegten Park im Herzen der Stadt: „Sie kommen später“, sagte er optimistisch, als wir am gigantischen Hotel de la Concorde mit sich drehendem Dachrestaurant vorbeikamen. Das Wetter war schon am Vortag schlecht gewesen und das Rennen hatte unter bleigrauem Himmel begonnen. An der Rechtskurve der Côte de la Montagne mischten sich Fans mit Touristen, sodass die Mengen größer wirkten. Im steilsten Stück des Anstiegs reihen sich gewagte Indie-Shops an traditionellere Geschäfte mit Ahornsirup und Strickwaren. Hier saßen zwei Zuschauer, Alex und Daniel, auf einer Mauer und hatten einen Logenblick auf die Fahrer, die sich langsam den Anstieg hocharbeiteten. Das Wetter war diesen beiden Soldaten egal, die vom in der Stadt ansässigen 22. Königlichen Regiment einen Tag freibekommen hatten. „In diesem Jahr sind hier nicht so viele Leute“, bestätigte Alex. „Sie lassen sich vom Regen abschrecken. In den letzten Jahren war es sonnig und warm, 20 oder 30 Grad.“ Zuschauerfreundliche Sportereignisse seien rar gesät in Québec City, erklärte Daniel. „Wir haben den Marathon des Deux Rives, aber dieser Wettbewerb ist der größte. Ich höre heute viele fremde Sprachen, was gut für die Stadt ist.“ Daniel hoffte, dass eines Tages mehr Stars der Tour de France kommen und in Kanada antreten würden, aber er wusste, dass die Vuelta a España für Rundfahrer attraktiver war. Die zwei Kumpels, Mitte bis Ende 30, begeistern sich für Downhill-Mountainbiking und fahren die 40-minütige Strecke zur Offroad-Spielwiese am Mont Sainte Anne so oft wie möglich. Nach den vielen Rennrädern am Straßenrand zu urteilen, waren sie typische Vertreter der örtlichen Fans. Französisch mag zwar Amtssprache sein, doch sie nehmen den Radsport wie angelsächsische Fans: als Hobbyfahrer wie als Zuschauer. Im Laufe des Tages stellte sich heraus, dass der von uns befragte Helfer recht behalten sollte: Als die Sonne die Straßen auf den letzten 60 Kilometern aufwärmte, füllten sich die Straßenränder und Bürgersteige mit Zuschauern, die das Finale des Rennens erwarteten.
 
Der Unverzagte
Serge Arsenault ist auf dem Gesundheitstrip. Was wie Wein in einem Weinglas aussah, war etwas anderes. „Ich habe aufgehört zu trinken, um in Form zu bleiben“, sagte er. Er gestikulierte permanent mit seinem Vaporizer. Aber weder das Glas noch das Dampfgerät schafften es oft zum Mund, denn in Gesellschaft ist er ein Redner. Gesundheit war ein Thema für den 69 Jahre alten, grauhaarigen Präsidenten der Rennen von Québec und Montréal. Seine eigene ein bisschen, aber vor allem die des Radsports. In der Roosevelt-Suite des Château Frontenac hielt der gut gekleidete frühere Journalist, Medienmagnat und heutige einflussreiche Organisator Hof vor einem Kreis von europäischen Journalisten und konstatierte, es gebe einen „Krebs“ im Herzen des Radsports. „Was den Radsport jetzt tötet, ist ziemlich klar: Niemand arbeitet für den Radsport. Sie saugen ihn aus wie Vampire.“ Er versicherte, kein Richter zu sein, der Schuld zuweisen wolle. Aber er sei Geschäftsmann, und das Geschäft werde kaputtgemacht. Er klagte über die heutige Situation, in der sich die Organisatoren und Vereine gegenseitig bekämpften und um die wenigen „Tischabfälle“ stritten, wie er es nannte. Aber zu den Dingen, die er wirklich will, zählt ein weiteres Eintagesrennen an der Ostküste – etwas für die Sprinter. „Ich hasse halbe Sachen“, knurrte er in den kultivierten Tönen eines Mannes, der viel Zeit vor der Kamera verbracht hat. „Das kann jeder! Wir helfen mit den Flugzeugen und der Logistik. Drei Rennen, drei WorldTour-Events, und der amerikanische Durchgang ist komplett“, sagte er nachdrücklich. „Aber ich habe eine Bedingung: Wir müssen die Qualität des Produkts bewahren! Wenn man mit Mist anfängt, kommt Mist dabei heraus“, schimpfte er. „Es muss Topqualität sein.“ Seine Suche nach dem richtigen Partner, der bereit ist, ihn als Anführer zu akzeptieren und Millionen Euro lockerzumachen – er hat seit 2010 fast 50 Millionen Euro reingesteckt –, geht weiter. Im Herzen ist er ein Sportfan. In den späten 1970ern gründete er den Québec City Marathon, als Boston, New York und London als kommerzielle Massenevents starteten oder sich – wie Boston – dazu entwickelten. Er nennt die Namen der anderen drei Direktoren: Will Cloney in Boston, Chris Brasher in London und Fred Lebow in New York. „Wir waren das verdammte Rat Pack!“, sagte er fröhlich. Doch sein Herz schlägt für den Radsport, und er hat immer wieder Rennen organisiert seit den späten 80ern, als er den GP de Amériques gründete. Das Rennen überlebte vier Jahre, bis es auf einen unhaltbaren Platz im Oktober verdrängt wurde. Er kehrte 1999 mit der zehntägigen Tour Trans-Canada zurück, die ein Jahr überlebte. Das „Laurentian Double“, wie die Grands Prix auch genannt werden, ist jetzt im achten Jahr. Die Rennen werden von den Fahrern wegen ihrer Organisation gelobt. Der Charterflug von Paris, die Unterbringung an der Strecke und die vielen Fans entschädigen für die Reise und den Jetlag. „Diese Rennen sind die Zukunft“, war Oliver Naesen überzeugt. Zurück zu Arsenault: „Ich liebe Ausdauersport, weil es schließlich mit einer Begegnung mit dem Leiden endet.“ An den Rädern innerhalb der Räder der Radsportpolitik zu drehen und potenzielle Partner zu suchen, ist wahrscheinlich eine lange Begegnung mit dem Leiden, doch Serge Arsenault macht nicht den Anschein, aufgeben zu wollen.

Procycling - Ausgabe 165 / November 2017


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