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Ausgabe 160 / Juni 2017

Michel Scarponi

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Als Michele Scarponi bei einer Trainingsfahrt unweit seines Hauses überfahren und getötet wurde, trauerte der Profiradsport um eines seiner charismatischsten und beliebtesten Individuen. Procycling blickt zurück auf das Leben des Lieblings-Spaßvogels des Pelotons.

Ein alter Trainingspartner, Francesco Lasca, sagte immer, dass die Stunden mit Michele Scarponi verfliegen – aber das war, als Lascas Freund noch lebte. Drei Tage nach dem tragischen Zusammenstoß, der Scarponis Leben in seinem 38. Jahr beendete, saß der Vater des Rennfahrers, Giacomo, acht Stunden, die wie eine Ewigkeit schienen, an seinem Sarg, liebkoste seine Wangen und küsste seine Stirn. Ein paar Meter weiter stand ein alter Olivenbaum, den die Mitglieder eines Scarponi-Fanclubs dort hingesetzt hatten. Für sie symbolisierte er das Land, ihr Land, in dem Scarponi eine Art Prophet war, und auch ein Stoiker in jedem Wetter, vor jeder Strapaze. Er war als Hommage an Michele gedacht, stand nun aber für den Mut einer Familie, die versuchte, einen unermesslichen, unersetzlichen Verlust zu verarbeiten. Vier Tage später besuchten 7.000 Menschen Scarponis Beerdigung. Freunde wie der frühere Manchester-City-Trainer Roberto Mancini. Die halbe italienische gruppo. Andere wie Peter Sagan, die „Scarpo“ als das pulsierende, verrückte Herz des Pelotons kannten. Einige weinten, wie Moreno Moser. Andere waren sprachlos und untröstlich, wie Vincenzo Nibali. Keiner, der da war, wird die Trauerrede von Micheles Bruder Marco vergessen, der so ganz anders aussieht, mit seinem kräftigen Körperbau, dem braunen Bart und lockigen Haar, trotzdem so unauflöslich verbunden, wie er erklärte, durch die „gemeinsame Geschichte“ einer Familie und einer Region, die aus denselben Anstrengungen, Opfern, Werten und Stärken erbaut ist. Dass die Scarponis gente tosta waren – abgehärtete bodenständige Typen – wusste jeder, bevor Michele am 25. September 1979 geboren wurde. Großvater Marino war Bauer gewesen. Vater Giacomo arbeitete auf den Autobahnen. Mutter Flavia hatte Marco zwei Jahre vor Michele zur Welt gebracht und sollte ein drittes Kind haben – Silvia 1985.

Es war „Babbo“, Großvater Marino, der die Leidenschaft für den Radsport in Michele weckte, indem er ihm zur Erstkommunion ein Rennrad schenkte, ein himmelblaues Bianchi. Wenig später gingen sie zusammen los, um ihn bei einem örtlichen Verein anzumelden – bei Pieralisi in Jesi. Micheles erstes Rennen fand an seinem achten Geburtstag statt. Eine Hügelankunft in Tolentino, die der Aquillino di Filottrano, der kleine Adler von Filottrano, locker gewann, als Solist, wenn auch nicht ganz in dem eleganten Stil des Helden seines Großvaters, Fausto Coppi, weil er sich geweigert hatte, seine kleinen Füße in die Riemchen der Pedale zu stecken. „Die Marken haben das Glück nicht zu existieren“, schrieb der Autor Giancarlo Liuti vor ein paar Jahren über seine und Michele Scarponis Heimatregion, ein schiefes Rechteck zwischen der Adriaküste auf der einen und dem Rückgrat des Apennin auf der anderen Seite. Liuti erklärte weiter, die Marken seien eines der unerforschlichsten und heterogensten Territorien Italiens, aber damit hätte er auch die fehlende Radsportgeschichte in der Region meinen können. Michele Scarponi sollte eines Tages der erste Giro-Sieger der Region werden. Davor war er als Teenager ein großer Fisch in einem kleinen Teich und tat sich auf nationaler Ebene kaum hervor, schon gar nicht mit Siegen. Der Wendepunkt kam 1997, als er die italienischen Meisterschaften der Junioren gewann. Eine weitere starke Vorstellung bei der Weltmeisterschaft in dem Jahr hätte ihm Edelmetall einbringen können, hätte er nicht in der Schlussphase einen Plattfuß gehabt. Mittlerweile war Scarponi auf dem Radarschirm der führenden italienischen U23-Teams und unterschrieb schließlich bei Zalf-Desiree-Fior, einer nordostitalienischen Institution.

Scarponi zeigte in seinen drei Jahren bei Zalf und einem Jahr bei dem in der Nähe ansässigen Amateurteam Site-Frezza di Tezze genug Potenzial, um sich 2002 einen Profivertrag bei Acqua e Sapone zu verdienen. Sein berühmtester Teamkollege war Mario Cipollini; sein Zimmergenosse war Roberto Conti, der bei der Tour de France 1994 in Alpe d’Huez gewann. Bei der Settimana Lombarda gewann Scarponi in seinem vierten Monat als Profi eine Etappe und warf einen flüchtigen Blick in eine goldene Zukunft. Zwei Monate später kämpfte er sich durch den Giro d’Italia und sagte sich selbst, wie sehr er sich geirrt hatte. 1998 hatte sich Marco Pantani im steilsten Abschnitt des Passo di Fedaia, auch Marmolata genannt, an Conti, seinen damaligen Sherpa für die Berge, gewandt und gefragt: „Wann fängt die Marmolata an?“ Als er Contis ungläubige Antwort hörte, war er auf und davon gefahren und hatte sich die maglia rosa geholt. 2002 blickte Scarponi auf der gleichen Rampe zu Conti rüber und fragte ihn nicht, wann die Marmolata anfängt, sondern wann sie endet. Seine spätere Analyse dieses Anstiegs war typisch Scarponi: „Der schrecklichste Anstieg, den man sich vorstellen kann, und wahrscheinlich schrecklicher als einer, den man sich vorstellen kann.“ Jenes Jahr war auch das Jahr, in dem Scarponi seine Frau Anna kennenlernte, die Freundin eines Teamkollegen aus Amateurzeiten. Die Chemikerin aus Conegliano in den Prosecco-Weinbergen zog später mit Michele nach Filottrano, wo sie eine Stelle in einer Apotheke in der Altstadt annahm. Michele kam jeden Tag nach seinen Trainingsfahrten bei ihr vorbei, normalerweise nach einem Espresso und einem Smalltalk mit den Stammgästen in der Bar Wally auf der Piazza von Filottrano. Sie heirateten im November 2006. Sie sagte ihm lächelnd, dass er sechs Monate Zeit habe, um erwachsen zu werden. Nicht nur auf dem Rad wurde Scarponi eine Art Peter Pan. „Ich bin ein alter Mann, aber ich bin auch großzügig: Ich erspare dem Staat die Rente“, sagte er.

Wie alle liebte Anna vom ersten Tag an die jungenhafte Art von Michele, seine Fähigkeit zum sdrammatizzare: eine Welt zum Lachen zu bringen, die sich selbst zu ernst nahm. In einem Jahr sprangen sie und ihr Hund Lamù am Ende der Saison ins Auto und fuhren nach Paris – „auf einen Road Trip wie frisch Verliebte“. Anna bewunderte Kunstgalerien und Michele spielte den unbedarften Besserwisser an ihrer Seite. Sie nahm ihn einmal mit zu einer Mondrian-Ausstellung in Rom. Da war es Michele, der sich wie der Experte vorkam: die Stars der ersten Frankreich-Rundfahrten, die er gesehen hatte, Bernard Hinault und Greg LeMond, hatten La Vie Claire-Trikots getragen, die von dem holländischen Maler inspiriert waren.
Als er aufwuchs, schwärmte er für Gianni Bugnos Erzrivalen Claudio Chiappucci, dann für Chiappuccis Erzrivalen Bugno. Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass er sie beide mochte – ebenso wie den gemeinsamen Lieblingsgegner der beiden, Miguel Indurain. Sich auf eine Seite zu schlagen, war nie einfach. Immerhin ist Filottrano ein Puzzle aus kleineren frazioni, daher war Michele für die örtliche Zeitung Il Corriere Adriatico manchmal Il Aquilla di Cantalupo, nicht Filottrano. Aber auf diese Frage pflegte Scarponi nur zu seufzen, denn jede Art vom Stammesdenken ging ihm gegen den Strich. „Es fällt mir schwer, nicht nett zu Leuten zu sein. Denn ich will die Leute, die mit mir sprechen, glücklich machen. Egal, ob es gut läuft oder nicht.“ Nach den Flitterwochen dieses ersten Sieges bei der Settimana Lombarda stellte der harte Alltag im Profi-Peloton selbst Scarponis Kunst, alles positiv zu sehen, auf die Probe. Er wurde 16. des Giro 2003, 13. der Vuelta in dem Jahr, gewann die Friedensfahrt im folgenden Sommer, aber musste auch mit nicht bezahlten Gehältern und diversen sportlichen Enttäuschungen zurechtkommen. 2005 wanderte er nach Spanien aus und unterschrieb bei Manolo Saiz’ Liberty-Seguros-Team. Saiz verordnete Scarponi ein Programm, das sich um den Giro d’Italia im Mai drehte; der Teamarzt Eufemiano Fuentes gab Scarponi den Spitznamen „Zapatero“, eine ungefähre Übersetzung seines Nachnamens ins Spanische, und einen Kalender, der mit Kreisen, Sternchen und Pfeilen vollgekritzelt war. Mitten in Scarponis zweiter Saison bei dem Team sollte die spanische Guardia Civil den Jahresplaner unter Fuentes’ Akten finden. Sie stießen in den Unterlagen des Arztes auch auf Scarponis Funktelefonnummer.

Im Mai 2007 legte Scarponi am selben Tag wie Ivan Basso und nachdem er seine Verwicklung wenige Tage zuvor ausdrücklich geleugnet hatte, vor dem italienischen Olympischen Komitee ein Geständnis ab. Er wurde bis August 2008 gesperrt. Bei seinem Comeback mit dem Androni-Team von Gianni Savio sagte Scarponi, er habe diese Strafe verdient und sie sei eine wertvolle Lektion für sein Leben gewesen. „Zuerst wusste ich nicht, ob ich zurückkommen wollte, aber ich habe erkannt, dass ich den Radsport brauche, um glücklich zu sein“, sagte er. Als er später mit dem Journalisten sprach, der ihn am besten kannte, Marco Pastonesi von der Gazzetta dello Sport, drückte er es noch besser aus: „An manchen Vormittagen habe ich keine Lust aufzustehen und weiß nicht, warum ich mich anziehen soll. Aber wenn ich auf dem Rad sitze, fühlt sich das Leben wieder leicht an.“ In der ersten Hälfte von Scarponis Profikarriere stand er im Schatten des schwächer werdenden Lichts der letzten Generation von Galácticos des italienischen Radsports. Seine Rückkehr koinzidierte mit einer Dunkelzeit, in der unter anderem Danilo Di Luca, Davide Rebellin, Franco Pellizotti und Riccardo Riccò verschwanden, alle des Dopings überführt, Paolo Bettini zurücktrat und andere ihren Abwärtstrend fortsetzten oder begannen. Plötzlich war Scarponi zum ersten Mal einer der hellsten Sterne des italienischen Radsports. Das Publikum des Radsports änderte sich ebenfalls. Vor allem dank der Sozialen Medien lernte die Welt außerhalb von Filottrano endlich den Harlekin kennen, den liebenswerten Spaßvogel, der – wie Corriere-della-Sera-Redakteur Marco Bonarrigo in seinem Nachruf schrieb – „ein Kabarettkünstler gewesen wäre, und sogar ein guter, wenn er es als Rennfahrer nicht geschafft hätte“. Seine Filme mit Frankie dem Ara wurden eine Internet-Sensation. Scarponi sagte dem amerikanischen Journalisten Andy Hood, dass der Vogel manchmal 15 Kilometer mit ihm fliege und hin und wieder auf seinen Helm picke. „Er hat sich an mich gewöhnt und ich weiß nicht, ob er denkt, dass wir zum selben Team gehören, weil die Farbe meines Astana-Trikots seinen Federn ähnelt.“

Sein regelmäßiger Zimmergenosse bei Astana, Davide Malacarne, war einem Spaß ebenfalls nicht abgeneigt und daher das perfekte Gegenstück zu ihm. Vor jedem Rennen, das sie zusammen fahren sollten, schickte Scarponi eine fast gleichlautende Botschaft an „Mala“: „Kann ich mir mit dir ein Zimmer teilen oder schmeißt du mich raus?“ Bei Rennen und in Hotelzimmern erinnerte der Schalk an längst vergangene Zeiten, als Dino Zandegù während eines Rennens in den 1970ern lauthals italienische Volkslieder sang oder Gianni Motta einen Teller Spaghetti aß, als er beim 1966er-Giro zum Sieg fuhr. Bei einem Rennen vor ein paar Jahren versuchte ein Kind am Straßenrand sein Glück, indem es Michele nicht um seine Trinkflasche oder sein Trikot bat, sondern um sein Rad. „Ich kann es dir nicht geben – aber du kannst es klauen“, sagte Scarponi dem Jungen mit einem Augenzwinkern. Er sammelte mehr Freundschaften als Siege, und für Scarponi waren das Alter, die Sprache, die Nationalität und die Erfahrung eines Profikollegen nebensächlich. „Er respektierte alle, vom Ersten bis zum Letzten“, bestätigte Cesare Benedetti von Bora–hansgrohe. An einem Tag im Jahr 2012 erhielt Benedetti eine SMS von einer Nummer, die er nicht kannte. „Ciao, hier ist Michele Scarponi“, stand da. „Ich mache ein paar Tage Urlaub am Gardasee und weiß, dass du dort lebst. Vielleicht möchtest du mit mir trainieren?“ Benedetti war so aufgeregt wie verwirrt; Scarponi hatte den Giro im Vorjahr gewonnen und fragte einen Fahrer, der acht Jahre jünger war als er und als Profi nur für ein kleines Team in Deutschland gefahren war.

Procycling - Ausgabe 160 / Juni 2017


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