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Ausgabe 157 / März 2017

Bikes, Beats und Bier

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Mit ihrer Mischung aus Spitzensport und Entertainment waren Sechstagerennen lange Zeit Publikumsmagneten. In den letzten Jahren hatten die Veranstalter allerdings mit Rennabsagen und sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen. Eine britische Sportagentur versucht nun, dem traditionsreichen Sport wieder Aufwind zu verleihen. Ein Besuch bei Six Day Berlin.

Warten auf die Ablösung, dann der katapultierende Schleudergriff, dann Vollgas. Das laute Bimmeln der großen goldenen Glocke neben der Zielgeraden übertönt für kurze Zeit die Musik in der Halle – das Zeichen für den ersten Wertungssprint. Die Stimme des Streckensprechers überschlägt sich, das Publikum tobt. 10.000 sind gekommen, keinen im Velodrom hält es jetzt noch auf den Sitzen. Mit weit über 60 Kilometer pro Stunde jagen die Fahrer durch die letzte Steilkurve auf die Ziellinie zu: 44 Grad Neigung, Schulter an Schulter, Rad an Rad – die aus extraschneller sibirischer Fichte gefertigte Holzbahn bebt. Auf der Ziellinie entscheidet das Fotofinish – der letzte Fahrer muss das Rennen verlassen. Das Ausscheidungsfahren ist der Auftakt zur finalen Nacht bei Six Day Berlin. 30 Minuten lang geht es um Zentimeter, Platzierungen und um Punkte. Noch liegen die Teams eng beisammen, doch der Kampf um das Podium ist vollends entbrannt. In den nächsten Stunden wird die Entscheidung darüber fallen, wer das Berliner Sechstagerennen 2017 gewinnt. Six Day Berlin ist neben Bremen eines von zwei Sechstagerennen in Deutschland. Mit bisher 106 Ausgaben ist es zugleich das älteste seiner Art weltweit. Die Sixdays – seit über 100 Jahren sind sie die große Wintertradition des Radsports. Eine Tradition, die ihren Anfang im Jahr 1878 nahm, als der Brite David Stanton behauptete, in sechs Tagen mehr als 1.000 Meilen auf seinem Fahrrad zurücklegen zu können. Ab 25. Februar 1878 drehte Stanton in der Agriculture Hall in London seine Runden, 18 Stunden pro Tag saß er im Sattel. Die Medien wurden bald auf ihn aufmerksam, es dauerte nicht lange, bis die ersten Zuschauer in die Halle strömten – die Idee der Sixdays war geboren. 30 Jahre später fanden die Sechstagerennen ihren Weg in die deutsche Hauptstadt: Am 15. März 1909 fiel zum ersten Mal der Startschuss für das Berliner Sechstagerennen.
 
15 Zweierteams kämpften damals um den auf 5.000 Goldmark dotierten Sieg, den sich letztlich die beiden US-Amerikaner Floyd MacFarland und Jimmy Moran sicherten. Ihre packende Jagd war der Auftakt einer Erfolgsgeschichte: Die Mischung aus umkämpften Duellen auf dem Holz-oval und abendfüllender Unterhaltung ließen das Berliner Sechstagerennen schnell zu einem Höhepunkt im Eventkalender der Hauptstadt werden – und die Sixdays eroberten in kürzester Zeit die Herzen der Sportfans in ganz Europa. „Sechstagerennen heute sind aber ganz anders als früher: Es geht nicht mehr um die weiteste Distanz, stattdessen gibt es viele kurze Wettbewerbe mit einer Gesamtwertung, das Programm ist komprimierter und spannender“, erklärt Dieter Stein. Als Sportlicher Leiter kümmert sich der 61-Jährige um die Rennabläufe des Abends, wechselt im Innenbereich des Velodroms ständig zwischen Bühne, Fahrerlager und Ziellinie hin und her, das Handy immer griffbereit. Stein arbeitet seit 1997, als das Rennen nach mehrjähriger Pause im neu erbauten Velodrom Berlin wiederbelebt wurde, in der Organisation der Sixdays. Als die Athleten nach dem Ausscheidungsfahren verschwitzt von der Bahn kommen und ihre High-End-Maschinen in Richtung Kabinen schieben, ist er der Erste, der sie abklatscht. Er kennt fast alle persönlich, als Trainer des Berliner Radsportverbandes hat er nicht wenige Karrieren selbst mitgeprägt. Stein, früher mehrfacher DDR-Meister auf der Bahn, ist ein alter Hase in der Berliner Radszene – und dennoch ist in diesem Jahr für ihn vieles neu: Die britische Madison Sports Group mit Sitz in London hatte das Rennen Ende 2015 übernommen. Aus dem Berliner Sechstagerennen wurde so Six Day Berlin – der Beginn einer neuen Ära.
 
Eine Serie für Sechstagerennen
Denn nicht nur der Name ist ein anderer: Erstmals gibt es in dieser Saison zusammen mit den ebenfalls durch die Madison Sports Group organisierten Six-Day-Events in London, Amsterdam, Kopenhagen und Mallorca eine über den gesamten Winter veranstaltete Six-Day-Serie mit einheitlichen Regeln, gleichbleibenden Nationalteams und einer Gesamtwertung am Ende. Die Macher glauben fest an das Potenzial der Sechstagerennen. „Dazu kommen ein gestrafftes Sportprogramm und mehr Unterhaltung – ein ganz frisches Konzept, das die Weiterentwicklung des Bahnradsports garantiert“, freut sich Stein. „Vieles ist für mich Neuland, aber das Publikum nimmt es an. Das ist extrem wichtig für unseren Sport.“
Wichtig deshalb, weil es um die Sixdays in den vergangenen Jahren im Allgemeinen nicht gut bestellt war. Stein erlebte hautnah mit, wie traditionsreiche Events, die noch Anfang der 2000er-Jahre nicht aus dem Kalender wegzudenken waren, plötzlich reihenweise starben: Dortmund, Grenoble, Köln, München, Stuttgart, Zürich – die Liste ist lang. „Das ist dem hohen finanziellen Aufwand geschuldet. Es geht schließlich um Millionenbeträge, die erst einmal wieder reingeholt werden müssen“, sagt er, während er in das gleißende Scheinwerferlicht des Velodroms blickt. Die Musik wird lauter, eine Gruppe Cheerleaderinnen sorgt auf der Bühne für eine Showeinlage. Hämmernde Beats läuten das Rundenrekordfahren der Sprinter ein: Maximilian Levy, Robert Förstemann, Joe Eilers, Phil Hindes, Tomáš Bábek – das Who is Who der internationalen Szene hat man verpflichtet. „Wir müssen eine leere Halle füllen und den Zuschauern ein attraktives Programm bieten – das ist alles andere als einfach“, meint der Sportchef. Dass es funktionieren kann, zeigt London: Das vor wenigen Jahren wiederbelebte Sechstagerennen wurde Ende Oktober veranstaltet und war jeden Abend ausverkauft. „Großartig für den Bahnradsport“, freut sich Stein.

Einer, der wie er die goldenen Zeiten des Sechstagesports genauso gut kennt wie die schwierigen, ist Andreas Müller. Mit 37 Jahren ist er der Älteste im Feld. 96 Sixdays hat er bereits bestritten, in Berlin ist er schon zum 17. Mal dabei – Rekord. Bei seinem ersten Start 2001 wurde er Vorletzter, 2014 stand er ganz oben auf dem Podium. Müller ist in der Hauptstadt aufgewachsen, das Velodrom ist sein Wohnzimmer. „Ich denke, dass im Wesentlichen drei Punkte dafür gesorgt haben, dass es Sechstagerennen zuletzt nicht einfach hatten“, überlegt er, während er sich in seiner Fahrerkabine vom Ausscheidungsfahren zuvor erholt. „Erstens die Dopingproblematik im Straßenradsport vor zehn Jahren, die das Publikumsinteresse am Radsport allgemein sinken ließ, dann die Finanzkrise kurze Zeit später, die dafür sorgte, dass bei den Sponsoren das Geld nicht mehr so locker saß – und drittens, dass man sich auf dem alten Geschäftsmodell zu lange ausgeruht hat. Es gab schlichtweg zu wenige Innovationen.“ Doch Müller ist optimistisch: Dieses Jahr sei das erste Mal, dass es spürbare Veränderungen in allen Bereichen gebe. „Man versucht jetzt, neue Zielgruppen anzusprechen.“
Die Sprinter animieren das Publikum, nacheinander brennen sie ihre Bestzeiten auf das Oval. Levy fährt 12,69 Sekunden, Förstemann wenige Minuten später noch einmal 0,05 Sekunden schneller. Mit über 70 Sachen rasen sie um die 250 Meter lange Runde – angefeuert vom jubelnden Applaus des Publikums und vom Sound des bekannten Hip-Hop-Stars DJ Tomekk. Mit seinen auf der Bühne in der Bahnmitte aufgebauten Turntables steht er sinnbildlich für den Wandel der Sixdays. „Bikes, Beats und Bier – weg vom Volksfest hin zu den modernen Zeiten“, grinst er, ein Ohr am Kopfhörer, die Hände am Mischpult. Ein Wechsel, der nicht ohne Schwierigkeiten verläuft: Als Tomekk in der ersten Nacht den berüchtigten Sportpalast-Walzer nicht spielt, hagelt es Kritik. Die Veranstalter reagieren schnell und nehmen das berühmte Stück mit dem markanten Pfeifen wieder ins Programm. Auch bei der Siegerehrung der Sprinter wird es gespielt. „Anfangs hatten viele Zuschauer Angst, dass es ein Hip-Hop-Event wird, aber es ist von allem etwas dabei. Ein bisschen Tradition, ein bisschen Moderne. Aber klar: So eine Neuausrichtung ist für uns alle ein Lernprozess“, meint der DJ.
 
Neue Helden braucht die Bahn
Tomekks Musik ist nicht die einzige Neuerung im Rahmenprogramm: Während der zweiten, dritten und vierten Nacht gab es mit der „Brand Curve“ eine Fahrradmesse für die Berliner Szene und nach den Profis durften im Rahmen von „Rad Race Last Man Standing“ die Jedermänner auf die Bahn. Aus sportlicher Sicht sind alle Rennen kürzer und dafür schneller geworden, neue Wettbewerbsformate sorgen zudem für Abwechslung. Ein Beispiel: „The Longest Lap“, das nächste Rennen an diesem Abend. Ein kurzer Film auf dem großen Videowürfel an der Decke des Velodroms erklärt die Regeln: Die Fahrer legen zunächst eine langsame Runde bis zur Startlinie zurück, mittels Stehversuchen wird versucht, sie nicht zu überfahren – ansonsten scheidet man aus. Ein minutenlanger Nervenkitzel, bis der Starter das Rennen mit einem Schuss freigibt. 250 Meter sind es dann bis zur Ziellinie – ein Sprint von 0 auf 60 Kilometer pro Stunde aus dem Stand. Der Sieger: Maximilian Beyer – ein junger Deutscher, der seine Sixdays-Laufbahn noch vor sich hat. „Max ist verdammt schnell, der könnte mal einer werden“, hofft Stein. Der Aufbau neuer Stars – neben den Finanzen und dem Spagat, dem Traditionsevent einen neuen Anstrich zu verpassen, ist es die dritte große Aufgabe, der sich die neuen Veranstalter von Six Day Berlin verschrieben haben. „Uns war von Anfang an klar, dass der Nachwuchs im neuen Konzept eine entscheidende Rolle spielen muss“, erklärt der Sportliche Leiter und verweist auf die rund 150 Nachwuchsfahrer, die im Vorfeld des Hauptprogramms von der U13 bis zur U23 im Velodrom ihren großen Vorbildern nacheifern. „Die große Anzahl an Nachwuchsrennen ist sicherlich einmalig im internationalen Kalender.“ Probleme gebe es trotzdem – insbesondere, wenn ein junger Fahrer irgendwann in die Weltspitze vorstößt. „Momentan ist der internationale Kalender in Sachen Bahn und Straße so eng gefasst, dass es viele Überschneidungen gibt. Wir haben eine Menge talentierte Sportler in Deutschland, aber sobald einer ein gewisses Leistungspotenzial erreicht, verliert er die Freiräume, an einem Sechstagerennen teilzunehmen.“ Stein verweist auf John Degenkolb und Roger Kluge: „Zwei unglaublich gute Bahnfahrer, die aber ihren Verpflichtungen bei ihren Profiteams nachkommen müssen.“

Im Velodrom brandet heftiger Jubel auf. Die Sprinter fechten ihren Keirin-Wettbewerb aus. Sieben Fahrer, drei Runden hinter dem Derny, dann drei Runden Mann gegen Mann bis zur Ziellinie. Nate Koch, der US-amerikanische Underdog, ist drauf und dran, den Favoriten um Förstemann, Levy und Co. ein Schnippchen zu schlagen. Wohl wissend, im direkten Duell nicht mit der Weltspitze mithalten zu können, reißt der US-Amerikaner, der vom Berliner Publikum normalerweise wegen seines lustigen Auftretens geliebt wird, gemeinsam mit dem Briten Phil Hindes früh aus. Mit zwei Radlängen Vorsprung geht „The Showman“ in die letzte Runde. Die Stimme von Streckensprecher Karsten Migels überschlägt sich, das Velodrom jubelt. Selbst DJ Tomekk – „Nate, my man“ – vergisst kurz seine Decks. Schnell holen die anderen auf, am Ende entscheidet eine halbe Laufradlänge. Koch gewinnt. Auf der Ehrenrunde zerreißt er jubelnd sein Renn-trikot, darunter trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love Berlin“. Standing Ovations. Stein grinst zufrieden. Im Fahrerlager des Hauptrennens bereitet man sich derweil auf die große Jagd vor – das entscheidende Finale. Die Niederländer Yoeri Havik und Wim Stroetinga führen mit einer Runde Vorsprung vor den Belgiern Kenny De Ketele und Moreno De Pauw. Andreas Müller und sein Teamkollege Andreas Graf liegen als Vierte ebenfalls nur eine Runde zurück. Beide haben auf der Rolle Platz genommen: Einrollen für die abschließende große Jagd. Leichter Gang, hohe Frequenz, kurze Sprints dazwischen. „Die Beine sind mittlerweile ganz schön schwer“, lacht Müller.

Procycling - Ausgabe 157 / März 2017


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