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Ausgabe 157 / März 2017

G wie Giro

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Geraint Thomas hat sein Programm für 2017 umgestellt, um an seiner Verwandlung zum Rundfahrer zu arbeiten. Procycling hat den Waliser getroffen und mit ihm über seine Erfahrungen im letzten Jahr und seine Vorbereitung auf den Giro d’Italia gesprochen.

Geraint Thomas wird Ende Mai, am Tag der Königsetappe des Giro, 31 Jahre alt. Eine gute Gelegenheit, um zurückzublicken und sich zu fragen, was er noch erreichen will. Aber er weiß bereits, dass er eine Chance braucht, eine große Rundfahrt zu gewinnen. Und zwar nicht als Plan B, als Ersatzmann für die Gesamtwertung –  das war 2016. Sondern als alleiniger Kapitän mit allen Ressourcen. Das ist es, was Thomas 2017 will. Der in Cardiff geborene Sky-Fahrer ist sich bewusst, dass seine Karriere endlich ist. Die Möglichkeiten, die für einen so talentierten Allrounder einst zahlreich und vielfältig waren, wurden auf die reduziert, die wirklich zählen. In den vergangenen vier Jahren hat er sich vom Mannschaftsverfolger zum Klassiker-Jäger und zum angehenden Rundfahrer gewandelt. Bevor wir zu weit vorausgreifen – das Ende von Geraint Thomas’ Karriere steht nicht bevor. „Ich kann noch vier oder fünf Jahre versuchen, Rennen zu gewinnen“, sagt er in seiner gelassenen Art, „aber ich will einfach das Beste daraus machen.“ Das erzählt er uns auf der Terrasse des Hauses des Teams Sky mit Blick auf Monaco, wo er nach einer dreistündigen Trainingsfahrt eine Banane isst. Er fühle sich frisch, sagt er. So aussehen tut er auf jeden Fall. Als wir die Fotos sichteten, mussten viele aussortiert werden, weil er beunruhigend jung aussah und nicht wie der sonnengegerbte Veteran, der vor fast einem Jahrzehnt [2007] als 21-Jähriger mit Barloworld sein Tour-Debüt gab. Thomas hat eine Theorie, warum er sich noch so jugendlich fühlt. „Die Jahre auf der Bahn haben meine Karriere verlängert, weil ich nicht diese wirklich langen harten Saisons hatte. Ich war einige Monate draußen und bin auf der Bahn gefahren, oder 2009, wo ich bei Tirreno gestürzt bin und fast das ganze Jahr verpasst habe. Ich hatte nicht all diese harten Jahre wie, sagen wir, Ian Stannard.“

Thomas’ Saison 2017 stand bei unserem Gespräch noch nicht fest. Er war immer noch – offiziell zumindest – dabei, sie zu planen. Aber es war auch klar, dass Thomas von seinem normalen Programm mit Fokus auf die Kopfsteinpflaster-Klassiker und die Tour abweichen würde. Mittlerweile wissen wir, dass Thomas den Giro fährt und den gleichen Status haben wird wie Mikel Landa. Es ist nicht die alleinige Kapitänsrolle, die ihm vielleicht vorschwebte, aber bei Sky muss man sich, außer bei der Tour, irgendwie miteinander arrangieren. Für Thomas ergibt sich daraus die Möglichkeit, auf die Tour zu verzichten und die Vuelta anzupeilen. Grund für seine Entscheidung ist das Bedürfnis, mehr Rennen zu fahren, bei denen er nicht dem Team-Imperativ unterliegt, der für den Toursieg gilt. „Ich hätte gerne mehr dieser Chancen“, erklärt er. „Und wenn es mit der Giro-Gesamtwertung nichts wird, kann ich immer noch auf Etappenjagd gehen.“ Mit zwei wichtigen Zeitfahren – eins in der Mitte und eins am Ende in Mailand – liegt ihm das Rennen mehr als die Tour. Aber er geht gegen eines der bestbesetzten Felder an den Start, das der Giro seit Langem gesehen hat. „Ich möchte gerne sagen, ich habe es versucht, ich habe alles gegeben und ich bedaure nichts“, sagte er dem britischen Evening Standard, als sein Programm feststand. „Ich will nicht der Griesgram sein, der alles bedauert, weil ich vielleicht beim Giro d’Italia 2017 nicht versucht habe, aufs Podium zu kommen.“ Die Aussicht, zwei große Rundfahrten in einer Saison zu bestreiten, reizt ihn. Das hat er bisher erst einmal gemacht – 2015, als er Tour und Vuelta fuhr. Er erinnert sich, dass er mit zu wenig Vorbereitung und zu vielen Rennkilometern in den Beinen in Marbella eintraf, um beim umstrittenen Mannschaftszeitfahren an der Strandpromenade zu starten, und sich fragte, was er da mache. „Ich war nicht bereit“, sagt er. Als Froome auf der Etappe nach Andorra stürzte und am nächsten Tag nicht mehr antrat, hatte Thomas keine sinnvolle Aufgabe mehr, weil er keine eigenen Ambitionen hatte. Aber er ist überzeugt, dass ihn zwei große Rundfahrten nicht überfordern. „Ein paar Leute sind Giro und Vuelta gefahren und waren bei beiden gut, und ich finde es einfach spannend – die Vorstellung, das zu machen, obwohl es ein ganz anderes Programm ist. Die Vorbereitung auf die Tour im letzten Jahr war nicht perfekt, aber ich weiß immer noch, was im Vorfeld bei mir funktioniert, und es sind zwei Chancen, eine große Rundfahrt zu bestreiten.“

Thomas ist entspannt, liebenswürdig und entgegenkommend. Nach einer glücklichen Saisonpause hat er unlängst wieder mit dem Training angefangen. Seine entspannte Art macht ihn zu einem Publikumsliebling, zu jemandem, mit dem sich die Leute identifizieren können – der Profi von nebenan. Er trinkt gerne mal ein Bier, ist Anhänger von Arsenal London, steht auf Rugby und kann knochentrockene und perfekt getimte Pointen setzen. Die Zusammenfassung seiner Saisonpause: drei Hochzeiten, Urlaub, Junkfood und, so wie es sich anhört, viele Ausgeh-Abende. Er hatte sich schon länger darauf gefreut, es nach der anstrengenden Saison 2016 „krachen zu lassen“, etwas, was er brauche, wie er sagt, um „den Kopf freizubekommen“. Als er seine von einem Ghostwriter verfasste Autobiografie The World of Cycling According to G vorstellte, trat er bei BBC Radio 1 auf und spielte bei Innuendo Bingo mit, der nach Angaben des britischen Senders „nassesten und geschmacklosesten Show in Radio und Internet“. Er hat einen jugendlichen Appeal, um den er zu beneiden ist. All das und die soliden Resultate bei großen Rennen machen den zweifachen Olympiasieger, der in seiner Karriere einige Rückschläge hinnehmen musste, so sympathisch. Es gibt einen Grund, warum Fremde und Freunde ihn „G“ nennen. Und doch ist für jemanden, der bei Thomas eine Schicht freilegen und sehen will, wie er wirklich ist, sein lässiger Charme schwer zu durchdringen. Also reden wir über 2016. Das letzte Jahr folgte dem Muster aus Höhen und Tiefen, das typisch für Thomas zu sein scheint. Gute Resultate kamen früh. Da war die Verteidigung seines „Volta ao Algarve“-Titels im Februar und drei Wochen später der Sieg bei Paris–Nizza, sein bis dato größter Erfolg im Straßenradsport. Nach zwei knappen Niederlagen 2014 und 2015 gewann er eines dieser Rennen, die er als Kind gebannt im Fernsehen verfolgt hatte. Nur zwei Briten haben es vor ihm gewonnen. Er schlug Alberto Contador und seinen ehemaligen Teamkollegen Richie Porte. „Es war eine große Sache“, sagt er einfach und stößt geräuschvoll Luft aus.

Aber große Siege können merkwürdige Dinge mit den Menschen anstellen. Thomas fühlte sich „fast unbesiegbar“. In der folgenden Woche schlief er schlecht und wachte in einer Nacht schweißgebadet auf, und trotzdem fuhr er mit dem Team das Finale von Mailand–San Remo ab – das Hoch-gefühl des Erfolgs verleitete ihn dazu. „Das war ein Fehler, aber ich habe einfach weiter Gas gegeben“, erzählt er. Er stürzte bei der „Classicissima“ kurz vor der Cipressa böse, fuhr das Rennen aber zu Ende und flog dann nach Spanien zur Volta a Catalunya. Vier Tage später stieg er vorzeitig aus, um sich auf die Flandern-Rundfahrt vorzubereiten. Es war ein strapaziöses Programm und er war nicht bei 100 Prozent. „Ich glaube, ich war einfach zu ehrgeizig“, blickt er zurück. Zu draufgängerisch zu sein, wurde ein Leitmotiv seiner Saison. „Ich habe es einfach übertrieben mit dem Versuch, noch ein bisschen mehr aus mir herauszuholen und noch ein bisschen mehr Gewicht zu verlieren. Das musste ja schiefgehen, und ich habe viel gelernt.“ Er war schon bei der Tour de Romandie erschöpft, aber bei der Tour de Suisse schlug die Ermüdung vollends durch. Er war im Vorjahr Zweiter, aber 2016 forderten die nasskalten Bedingungen ihren Tribut von einem ausgemergelt wirkenden Thomas. Er quälte sich eine Woche lang, bis ihm selbst der Trostpreis eines Platzes in den Top Ten auf dem Weg nach Davos auf der Schlussetappe durch die Lappen ging. Thomas brach am Schlussanstieg nach halber Strecke ein, hakte das Rennen ab und versuchte einfach nur, warm zu bleiben. „Es war ein Schlag für mein Selbstbewusstsein“, sagt er. „Für die Tour habe ich mich aber wieder aufgefrischt. Ich bin nach Monaco zurück und habe ein paar gleichmäßige Fahrten gemacht. Nicht zu viel. Aber es war mental immer noch schwer, die Enttäuschung, wie dieses Rennen gelaufen ist. Du weißt eigentlich, dass du, wenn du dich regenerierst, alles richtig machst und gut isst, in solider Form in die Tour gehst. Trotzdem denkst du immer: Wie werde ich bei der Tour sein? Werde ich leiden oder werde ich da sein, wo ich sein will? Der Kopf kann einem komische Streiche spielen.“

Thomas beantwortete alle Fragen, die sich ihm stellten, doch es kam ein Punkt, an dem sich einfach alles, nun ja, negativ anfühlte. „Wäre es andersherum gewesen und wäre Paris–Nizza im September gewesen, würden wir jetzt darüber reden“, sagt er. „Du willst immer besser sein und Fortschritte machen, aber manchmal bleibt dir das Negative mehr in Erinnerung als das Positive“, erklärt er. „Ich muss versuchen, mich aktiv daran zu erinnern, weil ich manchmal sehr ungnädig mit mir selbst sein kann und anfange, über die schlechten Momente nachzudenken. Das ist schwer. Aber manchmal, wenn ich nach Hause gehe und den Kleiderschrank öffne und mein Trikot von Paris–Nizza sehe, ist es natürlich ein gutes Gefühl.“ Im Kleiderschrank? „Ja, da liegt es“, sagt er lächelnd, „auf dem Boden im Kleiderschrank.“ Hat er mit einem Psychologen gearbeitet? „Mit Steve Peters [dem Sportpsychiater des Teams Sky] habe ich im Laufe der Jahre ein paar Mal gesprochen, aber eher sporadisch. Es war nichts Strukturiertes, aber er hat immer ein offenes Ohr. Für mich ist das Wichtigste im neuen Jahr, mein Gewicht zu halten und zu versuchen, das stabiler zu halten.“ Dass er die Unterhaltung so rasch auf ein anderes Thema lenkt, zeigt, dass Thomas viel lieber über den physischen Aspekt seines Jobs als über den psychologischen spricht. „Wenn du diese [Top-] Form erreichst, geht es nur darum, sie zu halten und alles richtig zu machen, wenn du nicht auf dem Rad sitzt. Wenn du es nicht übertreibst, kannst du die Form lange aufrechterhalten. Ich muss mich nur zurückhalten und nicht noch länger und noch härter trainieren.“ Bei der Ernährung und dem Training lernt Thomas noch dazu, wie er sagt. Anders als Chris Froome, der immer Rundfahrer war und sein Training und seine Ernährung innerhalb engerer Parameter justiert, beruhte der Input von Thomas auf einem breiteren und weniger wählerischen Arbeitspensum. „Es war ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und je spezifischer du wirst, umso besser getunt gehst du in diese Rennen“, sagt Thomas. „Du lernst permanent dazu. Das ist das erste Mal, dass ich mich auf Etappenrennen konzentriert habe, und ich habe im letzten Jahr so viel gelernt, dass ich das hoffentlich in die Saison 2017 mitnehmen kann“, sagt er. „Tim Kerrison ist mein Trainer. Er ist ähnlich wie ich insofern, als er immer Gas gibt, aber er versucht jetzt tatsächlich mich zu bremsen, jetzt, wo er mich besser kennt.“

Procycling - Ausgabe 157 / März 2017


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